Aus dem Leben eines Weltenbürgers (eBook)
410 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-7578-7707-1 (ISBN)
Siegbert W. Raabe der sturmfeste Niedersachse versteht sich als Weltenbürger, arbeitet als Autor und Blogger, wurde nach fast 30 Jahren im Ausland wieder sesshaft und ist heute in Ostfriesland zu Hause. Als Krisenmanager und Firmengründer lebte und arbeitete er in England, Südafrika, Lesotho, Nigeria, USA, Taiwan, Indonesien, Malaysia und Hong Kong. Das Leben in ungewöhnlichen, in exotischen, auch bizarren Welten, so muss man annehmen, erscheint beim Autor der Normalfall oder sogar Lebensmotto zu sein.
BRITANNIEN
England, nicht Malaysia
Richtungsweisend sollte die Rede des Britischen Premierministers Edward Heath sein. Als einer der wenigen überzeugten Europäer aus der Riege britischer Politiker warb er leidenschaftlich für Britanniens Rolle in Europa, live und in Farbe übertragen im Deutschen Fernsehen. Sein Werben passte als Ouvertüre zu meiner bevorstehenden beruflichen Aufgabe und dem damit verbundenen Umzug nach England. Als 1957 die Römischen Verträge geschlossen wurden, stand ein Mitwirken der Briten nicht zur Debatte. Es war das Europa der Sechs. Für Britannien war die enge Verbindung zum ehemaligen Weltreich, zum „Commonwealth“, deutlich wichtiger. Später wollte man dazugehören, doch Präsident de Gaulle hielt die Briten nicht für europatauglich. Zehn Jahre später durfte das Vereinigte Königreich endlich mitmachen. Und prompt fand Premierministerin Margaret Thatcher ein paar Haare in der Suppe. Und heute frage ich mich, was nach dem Brexit kommt. Wie lange es dauern mag, bis eine neue Bewegung, bis eine jüngere Generation für ein Zurück nach Europa, durch die Straßen von London ziehen wird?
Im Gegensatz zu Deutschland, Frankreich oder Italien bedarf es beim
„Vereinigten Königreich von Großbritannien und Nordirland“
tatsächlich immer wieder dieser erklärungsbedürftigen Formulierung. Zu Zeiten des britischen Weltreiches war mit „Britannien“ alles eindeutig beschrieben. Trotz seines komplizierten, weltumspannenden Herrschaftsbereiches. Geografisch spricht man auch weiterhin gern von „Den Britischen Inseln“. Dieser Begriff muss sich ebenfalls herübergerettet haben, aus einer Zeit, als Irland noch zum „Vereinigten Königreich“ gehörte. Und das ist seit nunmehr einhundert Jahren nicht mehr der Fall. Und die Kanalinseln zählen zwar politisch, jedoch nicht geografisch zum „United Kingdom“. Um dieses Britannien von heute verstehen zu können, sollte man sich, wenn auch nicht gerade wissenschaftlich, gleichwohl etwas intensiver mit der Vergangenheit des ehemaligen Imperiums auseinandersetzen. Einschließlich all der Absonderlichkeiten dieses Dinosauriers der Weltgeschichte. Mit wenigen Worten ist weder die Bedeutung noch die Eigentümlichkeit des „Britischen“ zu beschreiben. Der seinerzeitige EU-Beitritt bedeutete für mich zunächst nicht allzu viel. Interesse an politischen Entwicklungen galt schon in unserem Elternhaus als selbstverständlich. Doch meine persönlichen Belange ließen zu diesem Zeitpunkt nicht allzu viel Raum für politische Grundsatzüberlegungen.
Mein Entschluss, dort auf der anderen Seite des Kanals meine neue „Wahlheimat“ zu finden, hätte gewiss nicht gleich einen Engländer aus mir gemacht. Dennoch muss ich zugeben, viel britisch Absonderliches genossen zu haben. Trotz Stirnrunzeln auch Schmunzeln über Skurriles, Nettes und Verrücktes. Und anerkennend muss ich, aus der nicht unerheblichen Distanz von einigen Jahrzehnten bestätigen, dass man Britannien um vieles beneiden kann.
Bei einer Erkundungsreise durch die Geschichte Britanniens reihen sich weltbewegende Ereignisse aneinander, wie die bunten Perlen einer Kette.
Noch existierte die Wortschöpfung “Brexit“ nicht und Premierministerinnen wie die gestrenge Margaret Thatcher oder die unsichere Theresa May waren in der bürgerlichenbritischen Gesellschaft nur schwer vorstellbar. Über die tatsächlich etwas hochnäsig klingenden Formulierungen des Mr. Heath amüsierte ich mich köstlich. Wie die von Kontinentaleuropäern als überheblich bis arrogant empfundene Bezeichnung „Der Rest der Welt“ für alles Nichtbritische. Oder „Overseas“ für alles, was geografisch jenseits der Britischen Inseln liegt. Es war jener, wie ich in späteren Jahren immer wieder lernen musste, merkwürdig verbreitete britische Dünkel. Wie ein permanentes Verschnupftsein, das sich offenbar bis heute erhalten hat. Selbst die kaum noch zu überbietende Impertinenz eines Nigel Farage zusammen mit seiner UKIP-Partei lag jenseits des Vorstellbaren. Offensichtlich scheint derart britische Hochnäsigkeit bereits in die übernächste Generation eingesickert zu sein. Ein uns nahestehender, junger, gebildeter Hong-Kong-Chinese war kürzlich zu Gast bei einer typisch englischen Familie nahe London. Deren achtjähriger Sohn wunderte sich ein wenig über den Besuch aus der ehemaligen Kronkolonie und unterstrich sein Allgemeinwissen mit dem Begrüßungskommentar: “Ah from Hong Kong? O yes I know, we used to rule you “. (Aha, aus Hong Kong? O ja, ich weiß, wir haben euch mal regiert). Der Mann aus Hong Kong war darüber keineswegs amüsiert. Bedeutsam ist dabei, dass bei dieser Bemerkung der Begriff „to rule you“ mit „beherrschen“ verstanden werden muss.
Im Laufe der Jahre sind dann viele ähnliche Erlebnisse in vormals oder ebenfalls heute noch britisch geprägten Regionen der Welt hinzugekommen. Da gab es die Ladys’ Bars in Südafrika, wo Alkohol auch an Damen ausgeschenkt werden durfte, während dem weiblichen Geschlecht der Zutritt zu normalen Bars oder Kneipen verwehrt war. Denn in der generell gepflegteren Atmosphäre einer Ladys’ Bar oder auch Hotelhalle waren Damen eben nicht dem vulgären Ton einer „Männergesellschaft“ ausgesetzt. Oder wo ein ausgezogener Herrenstrumpf als Krawattenersatz um den Hemdkragen geschlungen, notfalls ausreichte, um der Vorschrift „Collar & Tye“ zu entsprechen. Von schrullig über „zum Totlachen“ bis abstoßend reicht die Palette bleibender Eindrücke. Jahre später musste ich überrascht feststellen, einiges dieser britischen Borniertheit angenommen zu haben. „The British Empire“ war für mich allgegenwärtig. Wo immer ich zusammen mit meiner Frau, der Familie oder auch allein lernte, lebte und arbeitete, Britannien war überall. Ob in Südafrika, in west- oder ostafrikanischen Einflussbereichen britischen Lebens, ebenso wie in Malaysia, Indien, Hong Kong oder gar „Down Under“. Doch tonangebend wirkt das Vereinigte Königreich auf mich heute nicht mehr. Die USA und China sind die Triebkräfte unserer Zeit. Doch die weltweite Hinterlassenschaft ehemals britischen Einflusses in Summe eher positiv, erscheint schon bei oberflächlicher Betrachtung noch immer allgegenwärtig und weltumspannend. Während meiner früheren geschäftlichen Englandreisen hatte ich mich auf der Insel stets wohlgefühlt. Obwohl die unangenehmen Vorgaben dieser Reisen durchweg darin bestanden, die Reklamationen einiger britischer Großkunden an unseren Produkten der Unterhaltungselektronik zu klären sowie damit verbundene Bedenken oder gar Forderungen auszuräumen. Summa summarum ergaben sich jedoch nur positive Ergebnisse dieser Missionen.
Doch für die persönliche Zufriedenheit fehlte etwas. Für mein Englisch wünschte ich mir eine ähnliche Ausdrucksfähigkeit, mich gleichwertig eloquent „verkaufen zu können“ wie im Deutschen. Die Lässigkeit, bei Konversationen, bei Streitgesprächen originelle eigene Standpunkte, pfiffige, auch zugespitzte Bemerkungen beitragen zu können, daran fehlte es. Eine Benachteiligung habe ich aufgrund meiner damals noch bescheidenen Fähigkeiten jedoch nie erfahren. Nicht einmal unterschwellige Reserviertheit habe ich wahrgenommen. Als britisch vornehme Zurückhaltung oder einfach als englische Höflichkeit würde ich diese Haltung auch nach langjähriger Erfahrung werten. Die Britischen Inseln sind im Laufe der letzten Jahrzehnte sehr viel näher an das kontinentale Europa und zugleich näher an den „Rest der Welt“ herangerückt. Allein die Metropolregion London bietet heute mit sechs Flughäfen eine nicht zu übertreffende, weitblickende Infrastruktur. Ein Paradebeispiel bester britischer Internationalität. Daher wurde auch besonders in England die Schließung des bewährten, legendären Berliner Stadtflughafens Tempelhof mit Kopfschütteln und herablassenden Bemerkungen über deutsche Provinzialität und Kurzsichtigkeit bedacht. Vom kolonialen Erbe, der Allgegenwart des Commonwealth und der damit verbundenen Internationalität wird der Englandbesucher ohnehin bereits am Flughafen bestürmt. Schon in den Siebzigern kam es mir so vor, als ob jeder zweite, möglicherweise sogar neunzig Prozent aller am Heathrow Airport Beschäftigten indischer, pakistanischer oder afrikanischer Herkunft waren. Daher empfand ich diese Flughafen-Atmosphäre auch als so international und exotisch. Denn schließlich handelte sich bei den Herkunftsländern der in Heathrow Arbeitenden um Regionen, die ich für meine Firma noch nicht bereist hatte. Und ganz bewusst nenne ich das Bremer Unternehmen „meine Firma“. Denn in jenen Zeiten waren besonders bei mir die emotionale Bindung an das Unternehmen sowie die persönliche Identifikation mit der Marke, mit dem Firmennamen, außerordentlich stark. Fast alle Auslandsver tretungen unserer Weltmarke hatte ich während der letzten zehn Jahre besucht. Immer ging es dabei um die Klärung...
| Erscheint lt. Verlag | 17.10.2023 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Biografien / Erfahrungsberichte |
| ISBN-10 | 3-7578-7707-1 / 3757877071 |
| ISBN-13 | 978-3-7578-7707-1 / 9783757877071 |
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