Rudolf Borchardt (eBook)
344 Seiten
Wallstein Verlag
978-3-8353-8487-3 (ISBN)
Wolfgang Matz, geb. 1955, lebte von 1987 bis 1995 in Poitiers (Frankreich), wo er am Institut für deutsche Sprache und Literatur lehrte und als Literaturübersetzer tätig war; von 1995 bis 2020 arbeitete er als Verlagslektor in München. Als Übersetzer französischer Prosa und Lyrik wurde er mit dem Paul Celan- und dem Petrarca-Preis ausgezeichnet. Veröffentlichungen u. a.: 1857. Flaubert, Baudelaire, Stifter: Die Entdeckung der modernen Literatur (2021); Frankreich gegen Frankreich. Die Schriftsteller zwischen Literatur und Ideologie (2017); Adalbert Stifter oder Diese fu?rchterliche Wendung der Dinge (2016); Die Kunst des Ehebruchs. Emma, Anna, Effi und ihre Männer (2014); Eine Kugel im Leibe. Walter Benjamin und Rudolf Borchardt: Judentum und deutsche Poesie (2011).
Wolfgang Matz, geb. 1955, lebte von 1987 bis 1995 in Poitiers (Frankreich), wo er am Institut für deutsche Sprache und Literatur lehrte und als Literaturübersetzer tätig war; von 1995 bis 2020 arbeitete er als Verlagslektor in München. Als Übersetzer französischer Prosa und Lyrik wurde er mit dem Paul Celan- und dem Petrarca-Preis ausgezeichnet.
ERSTES KAPITEL
»Das Jahrzehnt der Väter«
Jugend
Wannsee, das ist ein Dorf an der Chaussee von Berlin hinaus nach Potsdam. Die Wilhelms-Brücke überquert das namengebende Gewässer; links der Kleine Wannsee, an dessen Westufer Heinrich von Kleist erst Henriette Vogel, dann sich selbst erschoss, rechts der Große Wannsee, und hier stand damals Stimmings Krug, hier verbrachten die beiden ihre letzte Nacht. Zwischen Berlin und Wannsee verstreute Siedlungen: Wilmersdorf, Schmargendorf, Zehlendorf, sonst Wiesen, Wege, Felder, Wälder. In den sechziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts wird drei Schritt entfernt von Stimmings Krug ein großes Bauprojekt der Gründerzeit begonnen, eine Sommervillenkolonie für wohlhabende Berliner, begründet von dem Bankier Wilhelm Conrad, und nach ihm heißt auch eine der beschaulichen Straßen. Nachdem eine Bahnlinie errichtet ist, wird die Alsen-Colonie immer attraktiver; Max Liebermann sollte 1910 nahezu der letzte sein, der ein noch freies Seegrundstück erwerben kann. Trotzdem, die Bautätigkeit bleibt beschränkt, und Erinnerungen schildern ein auch gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts noch fast unberührtes märkisches Land. »Der grosse Wannsee war in meiner Kindheit ein stiller vornehmer See, vor Allem an Wochentagen; und noch gänzlich unberührt von Massenfreibädern. Der kleine Wannsee, nur auf einer Seite von Villen und Gärten begrenzt, war das Hauptziel unserer Spaziergänge an Nachmittagen, unserer Ruderfahrten an stillen, warmen Sommerabenden. Wir glitten durch die kleine Holzbrücke, die die beiden Seen verband, in unsere Märchenwelt hinein; in den Gärten schwieg es; die uns am Tage so vertrauten Wälder lagen still und geheimnisvoll.« Vera Rosenberg, geborene Borchardt, schreibt ihre Erinnerungen 1941 im Exil in Istanbul, und sie hat auch die literarische Tragödie nicht vergessen. »Dort hinten in den Wäldern lag das Grab von Heinrich von Kleist, an der Stelle, an der er sich selbst den Tod gegeben hatte. Ich glaube, es hat mich nie eine Begräbnisstätte so tief berührt, wie jener stille Stein an der weltabgeschiedenen Waldlichtung.«
Vera Borchardts Eltern haben ihre Villa in der Alsen-Colonie, Conradstraße 8, 1904 verkauft. Jahre später steht der ältere Bruder Rudolf vor dem verlorenen Haus, fremdgewordener Schauplatz auch seiner Jugend. Seine Erinnerungen sind nicht märchenhaft, nein, er scheint sich ihnen zunächst fast gewaltsam zu verweigern.
Der Wagen prallt zurück; die Pferde stehn.
Aussteigen soll ich? nach dem Hause gehn?
Dem da? wo nicht ein Stein,
Nicht eines Steines Schatten zu mir spricht?
Dies ist es nicht.
Ihr hörtet falsch, dies kann das Haus nicht sein.
Und doch, dies ist es. Im August 1911 schreibt Rudolf Borchardt »Wannsee«, seine große, 498 Verse umfassende Elegie auf Kindheit und Jugend, die verlorene und wiedergefundene Zeit, auf die Selbstkonstituierung eines Dichters in der Begegnung mit sich selbst und seiner Vergangenheit.
Antworte meinem Anhauch, tote Runde!
Begeistre dich aus dieser Geisterstunde!
Beschreibe dich, o Haus, mit jener Schrift,
Die keinem deutlich ist, als den sie trifft,
Und selber ihm bleibt sie unsäglich!
Doch gerade das nimmt sich der Dichter vor in seinem großen Gedicht: die Entzifferung der Schrift, der Vergangenheit, der Geschichte, denn wenn es ihm nicht gelänge, wird er weiter vor dem, was er geworden ist und was er bisher geschaffen hat, stehen wie vor einem verwirrten Rätsel.
Der Vorhang ist hinauf und es beginnt
Das Trauerspiel im alten Labyrinth
Der Jugend seine Masken herzugeben:
Kreis ein, Kreis aus, Kreis ein: Das Irre Leben.
Rudolf Borchardt, so viele Masken er auch trägt, ist zeit seines Lebens von zwei Dingen gebannt: Poesie und Geschichte. Beides ist für ihn unauflöslich verknüpft. Und so wie ihm Geschichte nicht nur die große Geschichte der Welt ist, ihrer Menschen und Mächte, sondern immer auch seine eigene, so versteht er sein Werk unauflöslich als Teil seines Lebens. Borchardt ist es selbstverständlich, dass alle Literatur autobiographisch ist, natürlich »in keinem brutalen Dokumentensinne«, wie es schon 1901 in einem Brief heißt, »sondern in dem der höchsten tragischen Gerechtigkeit, auch nicht mit der Tendenz auf Confessionen sondern mit dem Streben nach derjenigen ›Wahrheit‹ die nur der Dichter geben kann«. Wenn man den Dichter nicht versteht, wie verstünde man dann sein Werk? Borchardt begreift das Werk als Wechselspiel von Individualität und Geschichte, als individuelle Gestaltung geschichtlicher Vorgänge; Biographie und Autobiographie sind ihm keine müßige Privatsache, sondern ebenfalls Geschichte: Geschichte eines Individuums. Und die gilt es zu erzählen, will man immer näher heran an diese »Wahrheit«.
Borchardt hat sehr früh begonnen, sich, im Sinne Goethes, historisch zu sehen, wahrscheinlich sogar allzu früh. Immer wieder unternimmt er Anläufe zu Selberlebensbeschreibungen, zu wiederholten Spiegelungen, zu biographischen und bibliographischen Übersichten, die während der Jugendjahre sogar weiter hinaus in die Zukunft reichen als in die Vergangenheit, und jeder dieser Versuche ist für ihn ein selbsthistorisierender »Rechenschaftsbericht«. Das ist er der Welt schuldig, und vor allem sich selbst: Rechenschaft, was er geworden ist. »Wannsee« wird dazu der größte Versuch in poetischer Sprache; in den zwanziger Jahren erscheinen jene Bruchstücke, die, hätte er sie vollendet, etwas Umfassenderes wären: Rudolf Borchardts Leben von ihm selbst erzählt; noch der »Eranos-Brief« ist 1924 weniger das, was er vorgibt, nämlich Huldigung zu Hugo von Hofmannsthals fünfzigstem Geburtstag, als vielmehr ein weiteres Fragment zur Auto-Geschichtsschreibung im Namen jener poetischen Generation, in der er sich mit Hofmannsthal vereint sieht. Alles kann ihm unter der Hand zu Selbstbekenntnis und Rechenschaft werden, und als er 1919 um Marie Luise Voigt wirbt, bald seine zweite Frau, tut er das mit einem Brief von fast hundert Seiten, der seine ganze Lebensgeschichte erzählt – der sie so erzählt, wie sie dem Anlass entsprechend aussehen muss.
Wer die Gestalt Rudolf Borchardt verstehen will, also Werk, Leben, Epoche verflochten, der kann das gewiss mit der Berufung auf den Dichter selbst. Nur schwer aber auf seine eigenen autobiographischen Versuche. Borchardt hat zeit seines Lebens ein wechselndes, aber gerade deshalb problematisches Verhältnis zu dem, was man gewöhnlich Tatsachen nennt. Und wenn er sich früh historisch sieht, hat das auch eine Kehrseite: Das Bewusstsein, eines Tages Teil einer historischen Epoche zu sein, verführt Borchardt früh dazu – kein seltenes Phänomen bei Schriftstellern –, das Bild, das er in dieser Historie einnehmen wird, selbst bestimmen zu wollen. Mit anderen Worten: Nicht alles ist wahr, was man in Borchardts autobiographischen Werken liest. So mancher Beobachter bemerkte an dem Erwachsenen eine starke Kraft der Selbstdarstellung, bis hin zu dem Gefühl, hier schaffe sich einer durch strengste Selbstbeherrschung die Gesichtszüge, die er zu haben wünscht. Seine Lebensbeschreibungen gehorchen einem ähnlichen Gesetz. So stark ist sein Impuls zur geschichtlichen Synthese, zur großen geschichtlichen Einordnung der eigenen Existenz, dass die Prinzipien seines Geschichtsbildes Vorrang haben vor den Details der Realität. Stimmen die Tatsachen nicht ganz überein mit dem großen historischen Vorgang – umso schlimmer für die Tatsachen.
Rudolf Borchardt wird am 9. Juni 1877 geboren, laut Geburtsurkunde in Königsberg. Aber schon das ist nicht sicher, wie Marie Luise Borchardt später angab: »Geboren 9. Juni in Königsberg, vielmehr auf der Bahnfahrt von Moskau nach Königsberg, da die Bahn Verspätung durch Achsenbruch hatte.« Ob sie stimmt, diese Familienlegende, ist unklar, und trotzdem verstünde man es gern symbolisch, dass der große Kritiker der modernen Welt ausgerechnet auf der Eisenbahn geboren wird. Robert Martin Borchardt jedenfalls beharrte 1907 darauf, sein ältester Sohn habe sich als Stammhalter nach der Tradition gerichtet: »In meiner Geburtsstadt erblicktest auch Du das Licht der Welt.« Als wolle er bereits im voraus zumindest der Metaphorik seines Vaters widersprechen, schreibt Borchardt am 4. Juni 1901 an seine angebetete »Vivian«: »Am Sonntag werden es vierundzwanzig Jahre her sein, daß mich das Licht der Welt erblickt hat«. Wie immer man den reizvollen Unterschied der Perspektive versteht, die Tatsachen sind die folgenden.
Sein Vater war ein Kaufmann. Robert Martin Borchardt, 1848 geboren, hatte die väterliche Tee-Handelsgesellschaft übernommen und leitete von 1874 bis 1882 die Niederlassung in Moskau. In Königsberg heiratete er die 1854 geborene Rosalie, genannt Rose, Bernstein. Noch vor der Eheschließung war Robert Martin Borchardt aus der jüdischen Gemeinde ausgetreten. Der Sohn Rudolf, der sich laut Geburtsurkunde Rudolph schrieb, wird französisch-reformiert getauft; dieselbe Urkunde nennt als Religionszughörigkeit...
| Erscheint lt. Verlag | 9.10.2023 |
|---|---|
| Verlagsort | Göttingen |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Biografien / Erfahrungsberichte |
| Schlagworte | antimodernist • Benjamin • Biographie • Brecht • Essay • Exil • Exilant • Extreme • Exzentrik • Exzentriker • George • Historiker • Hochstapelei • Hofmannsthal • Italien • Literat • Lyrik • moderne Literatur und Tradition • Poesie der eigenen Zeit • Politischer Radikalismus • Übersetzer • Weimarer Republik • Widersprüche • Zeitkritisch • Zwangsexil |
| ISBN-10 | 3-8353-8487-2 / 3835384872 |
| ISBN-13 | 978-3-8353-8487-3 / 9783835384873 |
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