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Alla gut - irgendwie geht's! -  Doris Dewald

Alla gut - irgendwie geht's! (eBook)

Lebenserinnerungen

(Autor)

eBook Download: EPUB
2023 | 1. Auflage
208 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-7568-8247-2 (ISBN)
Systemvoraussetzungen
7,49 inkl. MwSt
(CHF 7,30)
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Franziska, behindert, früh Witwe geworden, erzählt von einer Amerika-Reise und wie sie trotz vieler Schwierigkeiten ihr Leben meistert.

Doris Dewald, geboren 1943, lebt im hessischen Odenwald. Ihr Lebensweg führt sie von der südhessischen Bergstraße über die baden-württembergische Landeshauptstadt zurück in die Kurpfalz.

II


Samstag, 2. September 1967.


Die Sonne, die durch mein Mansardenfenster fiel, hatte mich aufgeweckt. Mein Wecker zeigte, dass es erst kurz nach sieben war. Dann fiel mein Blick auf das Kleid, das am Schrank hing. Und plötzlich war ich hellwach: „Mein Brautkleid! Heute ist mein Hochzeitstag! Wir heiraten! Wilfried und ich! Wilfried Johann und ich, Franziska Winter, und in zwei Tagen habe ich Geburtstag, dann bin ich 24.“

Während ich aufstand, wanderten meine Gedanken. Wilfried und ich waren Kollegen, wir hatten uns in der Textilfabrik Kutscher AG, hier in Viernheim, kennengelernt. Josef, Wilfrieds bester Freund und Trauzeuge, seines Zeichens Schneidermeister und unser Kollege, hatte nach meinen Angaben dieses wunderbare Brautkleid genäht, sein Hochzeitsgeschenk. Es war so schön geworden, schmal und knöchellang, ärmellos, mit Wiener Nähten und einem kleinen runden Ausschnitt, darüber ein taillenkurzes, langärmeliges Jäckchen mit vielen überzogenen Knöpfen. Den Stoff hatten Josef und ich zusammen ausgesucht, einen weißen Schweizer Stickereibatist. Ich musste kurz darüberstreichen und lächeln, so eine feine Struktur! Und es passte wie angegossen, klar. Ein Modellkleid für mich!

Ja, viel Geld hatten wir beide nicht. Wir mussten sparen. Denn heute noch wollten wir in unser eigenes Haus einziehen! Ein Reihenhaus, das zweite in einer Reihe von vieren, vorne und hinten ein paar Quadratmeter Garten.

Als mir mein Großvater Adam Behrbaum vor einem Jahr das Grundstück schenken wollte, war ich erschrocken. Ich wollte mich nicht in so ein teures Unternehmen wie einen Hausbau stürzen, oh nein! Als nämlich meine Eltern vor ein paar Jahren ihr Haus bauten (das, in dem ich das Mansardenzimmer bewohnte), hieß es andauernd: „Wir müssen sparen.“ Jede Eintrittskarte, wofür auch immer, jedes neue Buch, jeder Lippenstift, jedes Paar Strümpfe wurde mir vorgehalten. Das hatte ich so satt.

Meine Mutter Elisabeth, eine zierliche, schwarzhaarige Person von 48 Jahren, antwortete ihrem Vater: „Doch, die will!“ und nahm energisch die Zügel in die Hand, organisierte einige Handwerker, Bekannte und Verwandte, die nebenbei arbeiteten. Die Planung der Reihenhäuser war bereits von einer Wohnungsbaugesellschaft erstellt, im nächsten Monat konnte es losgehen. Aber – meine Eltern wohnten in Stuttgart, die Baustelle und ich befanden sich in Viernheim, da waren ca. 150 km dazwischen! Vom Bauen hatte ich keinen blassen Dunst. Und, ehrlich gesagt, auch wenig Interesse daran. Ich wusste nicht, ob die Leute gut gearbeitet hatten, wenn sie kamen und ihren Wochenlohn bar auf die Hand haben wollten. Das Geld schickten meine Eltern, die auch alle paar Wochen kontrollieren kamen.

Nein, reich waren wir nicht, ganz bestimmt nicht. Mein Papa Arthur, Jahrgang 1910, ein ruhiger, meist gut aufgelegter Mann, arbeitete bei der Bundesbahn, meine Mama in einem Zeitungsverlag. Sie waren nur sehr ehrgeizig und hatten gelernt, ihr Geld zusammen zu halten, so wie viele, die den Zweiten Weltkrieg überlebt hatten.

Als der Rohbau fertig und das Richtfest überstanden war, sagten meine Eltern zu mir: „Den Rest machst du.“ „Wie bitte?“ „Ja,“ meinten sie, „du kannst nun den Innenausbau planen und bezahlen. Du bist schließlich schon 23. Wir werden dich weiterhin beraten, aber du musst nun in Eigenregie weiter machen.“

Jetzt auf einmal hielten sie mich für erwachsen! Als ich im Jahr zuvor mit meiner Kollegin Ingrid nach Berlin wollte, um dort zu wohnen und zu arbeiten – wir hatten schon Arbeitsstellen und möblierte Zimmer in Aussicht – da war ich meinen Eltern zu jung! „Oh, das geht nicht, ein junges Mädchen allein in einer Großstadt!“ So argumentierten sie allen Ernstes. Ich wollte keinen Krach mit meinen Eltern und ließ mich dann, nach etlichen Diskussionen, auf den Kompromiss ein, nur dahin zu ziehen, wo ich im Notfall auch von Verwandten Hilfe bekommen würde. So war ich eben erzogen worden: Mund halten, wenn Eltern, Lehrer und Vorgesetzte reden. Deshalb war ich hier in Viernheim gelandet, einer Stadt in der Nähe von Mannheim mit 30.000 Einwohnern, davon zahlreiche Verwandte! Ingrid zog alleine nach Berlin.

Dass meine Mama auch noch gesagt hatte: „Dazu kommt, dass du nicht ganz gesund bist“, hatte ich geflissentlich überhört. Dabei hatte Mama ja recht. Ich wurde mit einem Hüftfehler geboren. Damals, im Krieg, konnte der zwar mit Gipsbett korrigiert werden, aber alleine gehen konnte ich erst mit vier Jahren. Die Sorgen, die sie während dieser Zeit hatte, konnte Mama nicht vergessen. Für mich als Kind war der Gang zum Orthopäden eine ganz normale Sache gewesen, die sich in Abständen wiederholte. Auch dass ich am Schulsport und an den Wandertagen nicht teilnehmen durfte. Nur diese festen Schuhe mit den Einlagen, die hasste ich. Doch als ich 14 wurde, ignorierte ich all das. Wieso sollte ich auf so vieles verzichten, was andere in meinem Alter auch taten? Ich hatte ja keine Schmerzen. Mit meiner Jugendgruppe ging ich auf Wanderschaft, mit Freunden schwimmen, zum Tanzkurs. Mit Begeisterung und Ausdauer.

Wie oft schon waren Wilfried und ich sonntags durch den Viernheimer Wald gestreift, wie gerne tanzten wir miteinander!

Und weiter erinnerte ich mich: Wenn ich an unsere erste Verabredung dachte, musste ich lächeln. Wir kannten uns gerade vier Wochen und in ein paar Tagen war der erste Mai. Ich wollte so gerne „in den Mai tanzen“, wie so oft daheim in Stuttgart. Also machte ich Andeutungen in diese Richtung, wenn ich mit meinen Kollegen beim Frühstück vor dem Stofflager auf einer Bank saß. Sie fruchteten!

Wilfried erwartete mich am Abend des 30. April vor dem Festzelt. Viernheim feierte das Tulpenfest. Ich trug mein neues, selbstgenähtes, beiges Kleid mit gehäkelten Ärmeln und Kragen, dazu meine geliebten dunkelblauen Pumps und die Tasche gleicher Farbe. Oh, der Herr Johann im braunen Anzug mit Krawatte – passt!

Musik ertönte aus dem Zelt, die Leute strömten, also nichts wie rein! Als wir näherkamen, mussten wir feststellen, dass sich direkt vor dem Eingang eine wüste Schlägerei abspielte. Ich wollte da nun nicht mehr rein. Wilfried überlegte: „Im Ratskeller ist auch eine Veranstaltung, allerdings von der Gewerkschaft.“ Wir machten uns auf den Weg, fanden ein Schild vor der Tür: „Wegen Überfüllung geschlossen.“ Hm, was jetzt? Wilfried wusste von einer Gaststätte, in der die Jugend verkehrte, weil da oft eine Rock´n Roll-Band spielte. „Oh ja, lassen Sie uns da mal hingehen,“ hatte ich neugierig zugestimmt. Gleich um die Ecke, nichts wie rein! Kaum drin, winkte einer. Das war ja Kurt, mein Cousin und Wilfrieds Klassenkamerad, mit seiner Freundin, der uns neugierig beäugte und auf freie Plätze deutete. Prima Musik, wir tanzten Rock´n Roll mit Begeisterung, bestellten Cola!! Doch mit Unterhaltung war´s nix, viel zu laut. Und der Kurt schmuste derart intensiv mit seiner Elli, der nahm seine Umgebung kaum wahr. Peinlich … Nach zwei weiteren Tänzen verließen wir das Lokal.

Wilfried hatte noch eine Idee: „In der Turnhalle feiert der Kleintierzuchtverein. Aber das ist ein Stückchen Weg.“ Gut. Wir gingen quer durch Viernheim, unterhielten uns höflich per Sie. In der Turnhalle drehten sich ein paar Omas und Opas zu den Weisen, die ein einsames Männlein am Klavier produzierte. Fluchtartig kehrten wir um, brachen draußen in einen Lachanfall aus. Als wir uns wieder beruhigt hatten, schauten wir uns an, mussten wieder lachen: „Eigentlich wollten wir doch tanzen heute Abend?“ „Ja, sicher, aber wo?“ Wilfried dachte nach: „Jetzt weiß ich nur noch eins, nämlich Maitanz im „Rebstock“. Da ist es immer schön, allerdings drüben in Hüttenfeld.“ Was tun? Auto hatten wir keins. Auf den Bus wollten wir nicht warten. Also zu Fuß. Wie weit? Sieben Kilometer durch den Wald. Alla gut! Wir wanderten den Waldweg entlang, redeten. „Oh, was fliegt da?“ „Fledermäuse.“ „Sehe ich zum ersten Mal.“ Wilfried deutete nach rechts: Ein Maiglöckchenfeld! So viele! „Der geheime Platz meines Großvaters“, vertraute er mir an.

Als wir nach einer guten Stunde Hüttenfeld erreicht hatten und das besagte Gasthaus betraten, wussten wir – beinahe – alles voneinander. Aber hier war es so ruhig! Im Gastraum klärte uns die Bedienung auf, nämlich dass der Maitanz nur alle zwei Jahre stattfände, nächstes Jahr wieder. Und uns überfiel noch ein Lachanfall! Dann nahmen wir Platz und bestellten Nachtessen, Schnitzel, Pommes und Salat! Die Wanderung hatte hungrig gemacht.

Gesättigt traten wir den Heimweg an, und gerade, als wir die ersten Bäume am Waldrand erreichten, schlug eine Kirchturmuhr zwöfmal! Mitternacht. Wir fassten uns an den Händen, sangen lauthals „Der Mai ist gekommen …“ Hand in Hand wanderten wir Viernheim zu, und bis wir aus dem sehr dunklen Wald heraus waren, hatten wir uns geküsst, hatte Wilfried Zukunftspläne geschmiedet, ja, sogar vom Heiraten gesprochen. Worüber ich nur leise lächeln konnte.

Meine Verzweiflung wegen der Baustelle hatte ich natürlich inzwischen...

Erscheint lt. Verlag 10.10.2023
Sprache deutsch
Themenwelt Literatur Biografien / Erfahrungsberichte
ISBN-10 3-7568-8247-0 / 3756882470
ISBN-13 978-3-7568-8247-2 / 9783756882472
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