Aufstand der Vergessenen (eBook)
Buchschmiede von Dataform Media GmbH (Verlag)
978-3-99152-746-6 (ISBN)
Robert Klement wurde 1949 in St. Pölten geboren. Er veröffentlichte 29 Romane, die der "All-Age" Literatur zugeordnet werden. Engagement und Aktualität kennzeichnen seine Bücher. Für "70 Meilen zum Paradies" wurde ihm 2007 der Staatspreis für Jugendliteratur verliehen.
Runde 1
DER CHAMP
Max tänzelte, deutete einen linken Haken an. Er ähnelte einer Raubkatze, die ihre Beute anschleicht. Der lederne Kopfschutz drückte gegen die Schläfen. Geräuschvoll presste er die Luft durch die Nase.
In den ersten Minuten des Abtastens narrte er seinen Gegner mit ein paar Finten und kam mit seiner Linken immer wieder durch. Seinen Sparringspartner schien dies nicht zu irritieren. Murat schlug einen angetäuschten linken Haken und traf ihn zum zweiten Mal voll mit der Rechten.
„Aus, Schluss!“, schrie der Trainer.
Max kletterte aus dem Ring und wirkte benommen.
„Was war denn das?“, fragte Charly und entfernte den Mundschutz seines Schützlings. „Was ist los mit dir? Das war nicht der Max, den ich kenne.“
„In den letzten Tagen ist leider viel passiert, Trainer.“ Max wartete, bis sich sein Keuchen etwas beruhigt hatte. „Wir wurden aus der Wohnung geschmissen, meine Mutter ist die Miete schuldig geblieben. Sie haben uns vorige Woche auf die Straße gesetzt.“
Wie Faustschläge sprudelten die Sätze aus ihm heraus, während sich der Schweiß mit seinen Tränen vermengte.
Für seine alten Freunde war Max durch den Rauswurf aus der Wohnung plötzlich verschwunden. Er schrieb keine WhatsApp mehr, verabschiedete sich von niemandem. Seiner Mutter, seiner Schwester und ihm war nichts anderes übrig geblieben, als in eine Notschlafstelle für Obdachlose zu ziehen.
„Leider ist es so, dass ich hier aufhören muss“, schluchzte Max. „Meine Mutter kann den Arena-Mitgliedsbeitrag nicht mehr bezahlen.“
Charly stieß einen verhaltenen Fluch aus. Er wusste, dass fast alle aus seiner Gruppe aus schwierigen Verhältnissen kamen. Er hatte Max sorgfältig aufgebaut. Der junge Mann hatte eigentlich alles, um ein großer Boxer zu werden: harter Punch, starke Führhand, bewegliche Beine. Er war clever und hatte das Zeug, ein Champ zu werden.
„Wir werden eine Lösung finden“, sagte der Trainer.
„Ich rede mit dem Manager.“
Charly gab seiner Gruppe einige Anweisungen und verschwand im Büro des Chefs.
Die Luft im Box-Studio war feucht vom Schweiß. Max sank erschöpft auf einen Stuhl.
Er schüttelte den Kopf. Trotz der stark gepolsterten Sparringhandschuhe spürte er noch immer die beiden rechten Geraden. War dies vielleicht sein letzter Tag in der Boxarena gewesen? Seit Wochen bereitete er sich auf einen wichtigen Kampf vor, der seine weitere Zukunft bestimmen sollte. War all die Mühe umsonst gewesen?
Er beobachtete zwei Boxer im Sparringskampf, die sich im zweiten Ring umkreisten. Drei junge Frauen prügelten auf Sandsäcke ein, einige sprangen Seil. Die Boxarena lag in einem weiträumigen Keller mit niedriger Decke, Neonlicht flackerte, Generatoren sorgten für Frischluft.
Es gab hier sechs Laufbänder, Trimmräder, fünf Ruderergometer, diverse Kraftmaschinen, drei Boxringe und zwei Großbildfernseher. Boxen war ein angesagter Sport, der hier der Integration diente. Der Nationenmix aus 30 Ländern vereinte Buben und Mädchen, Männer und Frauen. Religion und Politik blieben hier draußen. Boxen war hier nicht einfach nur Sport. Boxen, das waren Regeln, an sich arbeiten, besser werden, sich gut bewegen, den Körper spüren, sich quälen und Anerkennung finden.
Charly betreute in seiner Gruppe sieben Boxer, der Trainer galt als jemand, der viel forderte von seinen Leuten, der sie antrieb. Charly war ein Sir mit dem Händedruck eines Eisenbiegers. Vermutlich erzählte seine Nase schon seine ganze Karriere als Boxer. Sie lag in seinem zerfurchten Gesicht wie eine Felsformation. Sie war mehrfach gebrochen, wieder gerichtet und wieder gebrochen worden, bis sie als eine Art Mahnmal zurückgeblieben war. Sicher hätte ihn jeder Hollywood-Regisseur für die Rolle des Bösewichts vorgesehen, die er mit großer Überzeugungskraft gespielt hätte.
„Unser Boss hat eine gute Lösung gefunden, denke ich“, sagte Charly wenig später. „Die Mitgliedschaft ist für dich in den nächsten Monaten kostenlos. Dafür hilfst du zweimal in der Woche beim Aufräumen und Saubermachen. Wäre das okay für dich?“
Max atmete erleichtert auf. „Danke, Trainer!“
„Da ist noch etwas.“ Charly zeigte auf Max’ linkes Auge. „Diese Schwellung, die hast du dir nicht bei uns geholt.“
Max hatte gehofft, dass ihn der Trainer nicht auf diese Verletzung ansprechen würde. Charly legte großen Wert auf Disziplin. Wer sich außerhalb des Ringes prügelte oder Drogen nahm, flog raus. Da kannte er keine Gnade.
„Es war so“, Max holte stockend Luft. „Gestern bin ich in dieser Notschlafstelle in die Rangelei von zwei Betrunkenen geraten und habe einen heftigen Schlag abbekommen. Ich habe nicht zurückgeschlagen, ehrlich.“
Charly schien sich damit zufriedenzugeben. Ein zaghaftes Lächeln, einem Wetterleuchten gleich, zuckte über seine Mundwinkel.
Max war kein Freund des frühen Aufstehens, aber später am Tag war es zum Joggen zu heiß. Um 5 Uhr morgens war am Gürtel noch wenig Verkehr. An dieser Wiener Hauptverkehrsader befand sich seit zehn Tagen sein neues Zuhause.
Die Mutter, seine Schwester und er hatten nun endlich eine neue Wohnung in einem Gemeindebau gefunden.
Die Temperatur lag heute bereits bei 18 Grad. Max lief bei jedem Wetter und jeden Tag ein wenig länger. Sein Frühstück bestand aus Joghurt mit Haferflocken, einem gekochten Ei, Toast und Tee. Seit Monaten ernährte er sich streng nach den Regeln eines Champs und nervte die Mutter mit seinen Ernährungswünschen.
Endlich hatten die Ferien begonnen! Noch nie hatte er sie so herbeigesehnt. Das abgelaufene Schuljahr war von den folgenden Dialogen gekennzeichnet gewesen: „Nächste Woche ist Schulausflug.“ – „Du bekommst eine Entschuldigung.“
Der Autobus ins Alpenvorland und das ganze Drumherum kosteten Geld. Mit einer Krankmeldung war das Problem aus der Welt geschafft.
„Wir fahren auf Landschulwoche.“ – „Unmöglich, wie soll das gehen?“
Irgendwie war es Max’ Mutter gelungen, die 375 Euro aufzutreiben. Sie wollte doch nicht, dass sich ihr Kind vor der Klasse blamierte.
„Ich brauch 15 Euro fürs Theater.“ – „Aber ihr wart doch erst unlängst!“
Max flitzte über den Georg-Danzer-Steg. Auf der Donauinsel empfing ihn eine angenehme Brise. Milchige Schleier schoben die erwartete Sonnenglut noch auf. Seine Lauf-App zeigte an, dass er bereits vier Kilometer geschafft hatte.
Der Vater von Max war vor einem halben Jahr bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen. Nach seinem Tod war es beständig bergab gegangen.
Max und seine Schwester fühlten sich oft wie Hänsel und Gretel, unrettbar verirrt im finsteren Wald der armen Schlucker. Er schlachtete alte PCs aus und vertickte brauchbare Teile im Internet. Seine Schwester verkaufte einige Habseligkeiten über Ebay. Und manchmal war da die Angst, auch die Liebe der Mutter könnte in all dem täglichen Durcheinander und dem Gezänk einfach verloren gehen.
Wegen seiner Kleinwüchsigkeit war Max mitunter gehänselt worden. Deshalb hatte ihn der Vater in einen Boxclub geschickt. Er maß 1,66 Meter, wog gut 60 Kilogramm, er wollte in seiner Gewichtsklasse ganz nach oben. In der Arena lernte er auch Selbstverteidigung und konnte sich ein paar Muskeln antrainieren.
„Du musst stark sein, zeige keinem deine Schwäche“, hatte ihm sein Vater eingeschärft.
Wenn man den Vater so früh verlor, fühlte man sich betrogen. Mit 15 war das ein verdammt schlechter Zeitpunkt.
Zu viel Wichtiges blieb ungesagt. Zu viel Verletzendes blieb unentschuldigt.
In der Schulhof-Hierarchie seines Gymnasiums stand Max Pribil wegen seines unerschrockenen Einsatzes für Schwächere weit oben. So hatte er einen Mitschüler verprügelt, der ein Mädchen im Internet gemobbt hatte. Dabei sah der Bursche mit dem Stoppelhaarschnitt ja eigentlich aus, als könnte er keiner Fliege etwas zuleide tun.
Bei der Brigittenauer Brücke legte Max stets einen Stopp für gymnastische Übungen ein und machte sich dann auf den Rückweg. Zu Hause wartete das Hantel-Training. Seine Muskeln hatte er früher auch mit einem alten Expander gestählt. Jeden Morgen hatte er an diesem Ding gezogen und gezerrt, erst 50-mal hintereinander, dann 100-mal, bis ihm eines Tages die Metallfedern um die Ohren geflogen waren.
In drei Wochen war es so weit. Er kämpfte um den Titel eines Juniorenmeisters. Der Sport gab ihm etwas, das er nun so dringend brauchte: eine Perspektive. Max wollte sich durchs Leben boxen, sich nicht unterkriegen lassen, alle Widerstände aus dem Weg räumen.
In der Leipziger Straße befand sich ein Sportausrüster und auch an diesem Morgen zwang sich Max, ihn zu ignorieren. Einfach so in einen Adidas-...
| Erscheint lt. Verlag | 27.9.2023 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur |
| ISBN-10 | 3-99152-746-4 / 3991527464 |
| ISBN-13 | 978-3-99152-746-6 / 9783991527466 |
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