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Ende der Welt (eBook)

(Autor)

mehrbuch Verlag (Herausgeber)

eBook Download: EPUB
2023 | 1. Auflage
215 Seiten
neobooks Self-Publishing (Verlag)
978-3-7565-6472-9 (ISBN)

Lese- und Medienproben

Ende der Welt -  Claude Anet
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1920. Der Erste Weltkrieg ist vorüber, und die Welt ist eine andere. Jean-Christophe, ein junger Künstler, kehrt nach Paris zurück, voller Idealismus und Hoffnung. Er hofft, dass er in dieser neuen Welt etwas verändern kann. Doch er findet sich in einer Welt wieder, die von Krieg und Zerstörung geprägt ist. Die Menschen sind verbittert und zynisch, und die Gesellschaft ist in Unordnung geraten. Jean-Christophe versucht, sich in dieser Welt zurechtzufinden, aber er findet keinen Platz für sich in dieser Gesellschaft. 'Ende einer Welt' ist ein pessimistischer Blick auf die Welt nach dem Ersten Weltkrieg. Es zeigt, wie der Krieg die Menschen und die Gesellschaft verändert hat. Jean-Christophe ist ein Symbol für die verlorene Generation, die in einer Welt aufwächst, die von Krieg und Zerstörung geprägt ist.

Claude Anet war ein französischer Schriftsteller und Tennisspieler Schweizer Herkunft.

Claude Anet war ein französischer Schriftsteller und Tennisspieler Schweizer Herkunft.

Des Morgens sah er die Mädchen wieder. Sie badeten etwas entfernt von ihm, aber er hatte trotzdem keine Mühe, jene zu erkennen, die er gewählt hatte. Größer war sie als ihre Freundinnen, ihr Haar hatte die Farbe des aufgehenden Mondes, ihre Gestalt glich dem Schilfrohr am Rande eines Flusses, wie Speere waren ihre Beine, weich wie Algen, die in der Strömung schwanken, ihre Füße.

No erzitterte bei dem Gedanken, sie sein nennen zu dürfen, und sein Herz pochte erregt. Niemals wurde ein Wild aus geringerer Entfernung belauert, mit einer Aufmerksamkeit, die entschlossener gewesen wäre, den geringsten günstigen Umstand wahrzunehmen. Doch er sah sie stets von ihren Gefährtinnen umgeben, im Bade wie auch auf dem Wege. Es wäre Wahnsinn gewesen, sich ihr zu nähern, wenn sie nicht allein war. Ihre spöttischen Freundinnen würden ihn nicht zu Worte kommen lassen. Er mußte abwarten, bis ein Zufall sie von den anderen entfernte, dann würde er sofort auf sie zugehen und sie zu überreden trachten. Wenn dies nicht gelang, dann vielleicht konnte ein Gewaltstreich gewagt werden ...

Tag um Tag blieb er hier, an den Fels geschmiegt, dessen Färbung er schon langsam angenommen hatte. Nachts entfernte er sich, um nachzusehen, ob sich kein Wild in den ausgelegten Fallen gefangen hätte. Und morgens war er wieder an seinem Beobachtungsposten. Geduld war ihm angeboren. Ist nicht langes Warten unerläßlich, um ein ziehendes Wild auf seinem Wechsel zu überraschen? Und welch köstlichere Beute als diese hatte er jemals belauert?

Endlich kam der ersehnte Tag. Als die Sonne schon tief am Himmel stand, sah No sie, die er erwartete, mit zwei anderen Mädchen aus dem Lager kommen und den Fluß entlang schreiten. Sie gingen nicht dem Bade zu, sondern schlenderten nur, Beeren pflückend, an den Büschen am Fuße des Felsenhanges entlang. So kamen sie dem Felsen, auf dem No lag, immer näher. Nicht weit von ihm floß in einer Niederung ein kleiner Bach, dessen Ufer von Bäumen bewachsen waren. Wie vor einigen Monaten, als er vor dem Bau des Zobels gekauert hatte, blieb er unbeweglich an den Boden gepreßt.

Brombeeren und andere Beeren pflückend, trat das Mädchen allein unter die Bäume. Ihre Freundinnen riefen vom Flusse her: »Komm zurück, es ist Zeit, heimzugehen!«

»Ich komme euch gleich nach«, antwortete eine klare Stimme.

»Verweile nicht«, riefen die anderen noch und entfernten sich.

Jetzt war für No der Augenblick zum Handeln gekommen. Geräuschlos ließ er sich vom Felsen heruntergleiten und machte eilends einen Bogen durch die Büsche, um zwischen das Mädchen und den Pfad zu gelangen, den sie zum Heimweg benutzen mußte. Und als sie hinter einem großen Stein hervorkam, um sich dem schmalen Pfad zuzuwenden, stand er ihr plötzlich gegenüber.

Ihre erste Regung war, zu fliehen. Aber sofort ließ sie eine Überlegung, die rascher als ein Blitzstrahl ihr Bewußtsein durchfuhr, das Aussichtslose eines solchen Beginnens erkennen. Einem Manne vom Stamme des Bären entkommt man nicht! Und andererseits lieferte sie sich ihm auf Gnade und Ungnade aus, sobald sie nur zeigte, daß sie Furcht vor ihm habe. Überdies wußte sie ja noch gar nicht, was seine Absicht war. Vielleicht ruhte er nur einfach auf seinem Jagdwege aus. Er war jung und sah nicht übel aus ... Es galt, schlau zu sein, abzuwarten und seinen Vorteil wahrzunehmen ... Ist es denn so schwer, die Männer zu täuschen?

Die Arme voll Beerenranken, stand sie unbeweglich, fast lächelnd, vor diesem Unbekannten, der vor ihr aufgetaucht war. Mit sicherem Instinkt kam sie ihm mit ihrem Angriff zuvor. »Was tust du hier? – Das ist nicht euer Gebiet!«

Nach einem sehr alten Übereinkommen gehörte das rechte Flußufer mit seinen wenigen und mittelmäßigen Unterschlupfen dem Stamme, der die andere Seite des Flusses bewohnte.

»Ich kam deinetwegen!«

»Meinetwegen?« Sie war erstaunt ... »Du kennst mich ja gar nicht ...«

»Ich habe dich schon vor langer Zeit gesehen«, gab No zurück. »Hier oben lag ich versteckt. Du gefällst mir. Ich will dich mitnehmen, du sollst mein Weib sein.«

Auf den schönen vollen Lippen des Mädchens zeigte sich ein leises Lächeln, doch sie besann sich anders.

No holte das Zobelfell aus seinem Wams und hielt es ihr hin.

»Das habe ich dir gebracht.«

Das Mädchen stand unbeweglich vor ihm.

Da zog No auch noch die Halskette hervor. Sie nahm die Kette, besah sie, ließ spielend die Perlmuttermuscheln durch ihre Finger gleiten und gab sie dann No, ohne ein Wort zu sagen, zurück. Ein Schweigen. Mit großem Ernst prüften sie einander. No sah sich schon, wie er sie in die Tiefe der Wälder entführte. Sie fragte sich, wie diese Begegnung wohl enden würde. Was tun, um diesen Mann zu täuschen? Durch welche List ihm entschlüpfen? War sie nur einmal in Sicherheit, wie würde sie sich dann über ihn lustig machen! Sich für die Angst rächen, die sie ausgestanden hatte, die sie jetzt noch empfand!

»Ich heiße No,« sagte er plötzlich, »und unter den Söhnen des 'Bären' bin ich der rascheste auf hundertfünfzig Schritte. Ich wurde in diesem Jahre eingeweiht. – Und du, wie nennt man dich?«

»Mein Name ist Mara.« »Mah-ra«, wiederholte No sinnend. »Mara! So mußte es wohl sein, da meine Schwester Mah hieß ...«

Und in seine Erinnerungen verloren, verstummte er... Dann betrachtete er sie sanft.

Sie fühlte plötzlich, daß er ihr kein Fremder mehr sei, ja, daß vielleicht, wenn er es wollte ... Aber sofort unterdrückte sie diese Gefühle. Der Instinkt der Abwehr gewann in ihr die Oberhand, und als No sich ihr jetzt näherte und die Hand erhob, wich sie mit behendem Sprung zur Seite.

»Rühr mich nicht an!«

»Komm mit mir«, drängte No.

»Ich kenne dich nicht. Vielleicht – – später ... Begleite mich bis zu unseren Hütten.«

Jetzt gab sie ihm sein sanftes Lächeln mit Lippen und Augen zurück. Schon war No, alle Vorsicht außer acht lassend, im Begriffe, ihr zu folgen. Da erinnerte er sich der Warnung des Weisen vor dem Trug der Frauen, und er sagte:

»Du weißt sehr gut, daß ich zu euch nicht kommen darf.«

»Wenn du unser Mahl teilst, wird man dir nichts Böses tun.«

In diesem Augenblicke vernahm Nos geschärftes Ohr das Geräusch herannahender Schritte. Es gab keinen Zweifel, Männer betraten den Pfad längs des Flusses. Beim ersten Ruf Maras mußten sie hier sein.

Schon funkelten auch die Augen des Mädchens bei dem Gedanken an ihre nahe Rache. Brutal packte er sie beim Handgelenk, und indes er ihr eine steinerne Hacke wies, die er in der Hand hielt, sagte er mit gedämpfter Stimme: »Beim leisesten Laut mußt du sterben!«

Der Ton der Stimme und das Blitzen seiner Augen erfüllten Mara mit Schrecken.

»Aber auch du wirst sterben«, murmelte sie.

Mit Freude bemerkte er, daß sie leise sprach.

»... Wissen deine Leute denn überhaupt, was Laufen heißt?« Verächtlich verzog sich sein Mund.

Die Schritte kamen immer näher. Nos starker Blick ließ die Augen Maras nicht los; sie waren braun und samtschillernd wie das Fell einer Otter. Keine Furcht las er in ihnen. Dieses Mädchen war stolz. Das Gelenk, das sein harter Griff umspannt hielt, zitterte nicht. Unter der kühlen Haut spürte er den gleichmäßigen Pulsschlag. Selbst jetzt, in größter Gefahr, entzückte ihn die Berührung ihres Körpers.

Schon waren die Stimmen ganz nahe. Es mußten Fischer sein, die vom Hechtfang heimgingen.

Das Gelenk Maras zuckte zwischen Nos Fingern. Ein Leuchten erschien in der Tiefe ihrer Pupillen. Ihre Lippen öffneten sich, als wenn sie sogleich sprechen wollte ... No faßte den Griff der Hacke in seiner rechten Hand fester. Seine Kinnladen preßten sich aufeinander, sein auf das Mädchen gerichteter Blick wurde hart ... Das währte einen Atemzug lang, dann senkten sich Maras Wimpern langsam, als wenn sie entschlummern würde.

Als sie die Augen wieder öffnete, entfernte sich das Geräusch der Schritte und verstummte dann völlig. Und Schweigen lag auch zwischen den beiden. Der Abend sank. Nos Blick tauchte immer noch in Maras Augen, die aufrecht vor ihm stand. Auf diesem Wege drang er zuerst in ihre Seele und nahm von seinem zukünftigen Weib Besitz. Er wußte es, der Kampf zwischen ihm und ihr war beendet. Sein Griff löste sich. Die Spuren seiner harten Faust waren deutlich auf ihrem Handgelenk zu sehen.

»Gehen wir«, sagte er.

Ohne seinen Blick nach rückwärts zu wenden, schritt er dem Gipfel des Hügels zu.

Mara folgte ihm.

Rahi, der alte Häuptling, kam aus seiner Hütte nicht mehr heraus.

Er sah niemanden. Selbst die Weisen, die seine Unbeliebtheit zu teilen fürchteten, kamen immer seltener, die Angelegenheiten des Stammes mit ihm zu beraten. Die Wogen der allgemeinen Unzufriedenheit stiegen bis zu seiner hohen Terrasse.

Nahe dem Tode grübelte er über sein langes Leben. Die Gewohnheit, zu herrschen, der Verkehr mit der Welt der Geister und der der Menschen hatten ihm den Geschmack am Grübeln gegeben. Das Amt, das er bekleidete, ließ ihm genug Muße dazu, denn das Volk der Jäger ernährte seinen Führer.

Friedlich war dieses Volk, arbeitsam und gewandt. Nach allem, was Rahi zu Ohren gekommen war, gab es kein anderes Volk, das eine ähnliche Vollkommenheit in allen Arten von Erfindungen, die das Leben zu erleichtern imstande waren, erreicht hatte. War es nicht einer seines Stammes, der das wertvollste aller Werkzeuge erdacht hatte: die Nadel? Ohne Nadel, mit der man seine Kleidung nähte, blieb der Mensch im Zustande der Barbarei. Und fast allerorts auf der...

Erscheint lt. Verlag 27.9.2023
Verlagsort Berlin
Sprache deutsch
Themenwelt Literatur Romane / Erzählungen
Schlagworte Belletristik • Erster-Weltkrieg • Kriegs-Literatur • neuererscheinungen-2023 • neuerscheinungen-2023 • Weltkrieg • Weltliteratur
ISBN-10 3-7565-6472-X / 375656472X
ISBN-13 978-3-7565-6472-9 / 9783756564729
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