Henrike Blom (eBook)
237 Seiten
neobooks Self-Publishing (Verlag)
978-3-7565-6364-7 (ISBN)
Seit fast vier Jahrzehnten bewundere ich die Schönheiten dieser Welt, spreche mit spannenden Menschen, lese ich großartige Romane und träume ich von den Sternen. Unterbrochen wurde das alles lediglich ab und zu von Nichtigkeiten.
Seit fast vier Jahrzehnten bewundere ich die Schönheiten dieser Welt, spreche mit spannenden Menschen, lese ich großartige Romane und träume ich von den Sternen. Unterbrochen wurde das alles lediglich ab und zu von Nichtigkeiten.
Kapitel 1
Henrike Blom. Mein Leben als Klimaterroristin
Der Raum war karg. Lediglich ein venezianischer Spiegel hing an der grauen Wand. In der Mitte des Raums standen drei Stühle um einen im Boden festgeschraubten Tisch. Auf einem dieser Stühle saß eine junge Frau. Ihre dunkelblonden Haare waren zerzaust, ihre Jeans ausgefranst und löchrig. Schmuck trug sie keinen mehr – den hatte man ihr abgenommen.
Sie kratzte sich an ihren Handgelenken, wo eben noch Handschellen gewesen waren, als die Tür geöffnet wurde. Ein Mann um die 50 Jahre in dunkler Kleidung und eine Frau Mitte 30 in grüner Bluse traten ein.
Sie nahmen auf den beiden leeren Stühlen Platz, schwiegen einen Augenblick, während sie sich alle musterten, dann beugte sich der Mann ein wenig vor, legte seine Hände auf dem Tisch aufeinander und räusperte sich.
„Das folgende Gespräch wird aufgezeichnet in Bild und Ton. Es ist der 6.6.2023. Anwesend sind Hauptkommissar Michael Reinecke, Kommissarin Anna Fröhlich sowie die Beschuldigte, Henrike Blom, am 23.Februar 2001 in Düsseldorf geboren, wohnhaft Zum Renngraben 8 in 50374 Erftstadt. – Guten Morgen Fräulein Blom. Die Angaben zu Ihrer Person sind korrekt?“
„Guten Morgen“, antwortete Henrike Blom mit rauer Stimme. „Ja, das stimmt so.“
„Die Nacht war ja für uns alle recht kurz“, fuhr Hauptkommissar Reinecke fort, „aber ich denke, dass es das Beste ist, wenn wir möglichst schnell ein paar Dinge klären. Zuerst weise ich Sie jedoch darauf hin, dass es Ihnen selbstverständlich freisteht sich zu den Beschuldigungen zu äußern. Darüber hinaus steht es Ihnen frei sich vor oder auch während der Vernehmung mit Ihrem Verteidiger auszutauschen. Im Vorfeld dieser Befragung haben Sie allerdings bereits erklärt haben, dass Sie keinen Verteidiger bestellen möchten. Ist das so korrekt?“
„Ja, das ist richtig.“
„Und Sie bleiben dabei, dass Sie niemanden hinzuziehen möchten und dass Sie sich nicht anwaltschaftlich beraten und vertreten lassen möchten, Fräulein Blom?“
„Ja, das ist richtig. Ich möchte das nicht.“
Ihre Stimme überschlug sich ein wenig. Sie wirkte nun doch etwas angespannt, lächelte kurz und ließ es gleich wieder sein, als wüsste sie nicht, welches Verhalten in dieser Situation angemessen und vorteilhaft wäre.
„Wir unterhalten uns hier heute, um Ihnen Gelegenheit zu geben, etwas zu den Anschuldigungen zu sagen, die gegen Sie erhoben wurden. Bevor wir beginnen, habe ich noch ein paar Fragen zu Ihrer Person: Sie sind nicht liiert und wohnen alleine, ist das richtig?“
„Ja, das ist richtig. Ich bin Single und lebe alleine.“
„Aktuell sind Sie arbeitslos, richtig?“
„Ich bin Studentin, immatrikuliert in Köln, aber war in letzter Zeit nicht mehr so oft an der Uni.“
Kurz zögerte Hauptkommissar Reinecke, ließ seinen Blick einige Sekunden auf Katharina Blom ruhen, als überlege er, was wie er nun weitermachen sollte. Schließlich atmete er laut aus.
„Die Anschuldigungen haben wir Ihnen im Vorfeld ja bereits schriftlich zukommen lassen. Ich fasse mal zusammen: Wiederholter Hausfriedensbruch, dutzendfache Sachbeschädigung, Widerstand gegen die Staatsgewalt und schwere Körperverletzung. Vorgeworfen wird Ihnen außerdem die Bildung einer terroristischen Vereinigung, Beihilfe zum Mord und schließlich: Mord. – Das ist eine ganz schöne Zahl von sehr schweren Anschuldigungen und ich wiederhole ausdrücklich, dass Sie das Recht haben sich anwaltlich beraten und verteidigen zu lassen. Persönlich empfehle ich Ihnen das sogar.“
„Danke, aber nein.“
Der Hauptkommissar sah sie fragend an.
„Ein Anwalt würde mir vermutlich dazu raten zu allem zu schweigen, was mich belasten könnte, und höchstens das zuzugeben, was sowieso schon bewiesen ist. Danke vielmals. Auf all das verzichte ich. Das alles ergibt in meinen Augen gar keinen Sinn. Ich bin mir meiner Situation bewusst, möchte kooperieren, wie es so schön heißt, und nachher können Sie der Welt dann erzählen wie ich so verkorkst geworden bin.“
Der Hauptkommissar zog die Augenbrauen hoch.
„Halten Sie selbst sich für ‚verkorkst‘, Fräulein Blom?“, fragte er, als wäre er ehrlich erstaunt darüber, dass sie das gesagt hatte. Henrike Blom lachte kurz auf, wobei sie ihr Gesicht einen Moment lang abwandte, als sei sie verlegen. Dann blickte sie dem Hauptkommissar mit einem Mal direkt und konzentriert in die Augen.
„Fräulein? Ernsthaft? Sie können mich Frau Blom nennen oder von mir aus auch Henrike, wenn Ihnen das nicht zu persönlich ist, aber hier geht es ja ums Persönliche, nicht wahr? Keine Sorge, ich werde schon kein Stockholmsyndrom entwickeln, wenn Sie mich duzen, aber bitte hören Sie auf mit diesem ‚Fräulein‘. – Im Übrigen: Nein, das war sarkastisch gemeint. Ich halte mich nicht für ‚verkorkst‘, ganz im Gegenteil, aber weil ich anscheinend die Einzige bin, die das nicht tut, sitzen wir doch nun hier, nicht wahr?“
„Frau Blom“, meldete sich nun erstmals auch die Kommissarin zu Wort, die bislang zurückgelehnt auf ihrem Stuhl gesessen und Henrike Blom aufmerksam beobachtet hatte.
„Es geht hierbei nicht darum, ob wir Sie verurteilen. Das können wir gar nicht. Wir sind hier, weil wir Sie verstehen möchten und weil wir vor allem verstehen möchten, was Sie getan haben und warum Sie das alles getan haben.“
„Ja, natürlich“, schüttelte Henrike Blom lächelnd ihren Kopf und atmete tief ein und langsam wieder aus.
„Also gut, dann schlage ich vor, dass wir es uns nicht so schwer machen. Ich erzähle Ihnen meine Geschichte und ich bin froh, dass Sie mich lediglich verstehen möchten, wie eine liebevolle Mutter ihr verlorenes Kind. Das Urteilen kann dann ja später das hohe, unendlich hohe Gericht übernehmen.“
„Fräulein Blom“, die Stimme des Hauptkommissars klang eher flehend als bestimmt, „lassen Sie uns einfach anfangen.“
„Bitte, gerne.“
„Ihrem Abiturzeugnis zufolge waren Sie ja eine ausgezeichnete Schülerin.“
„Oh, damit fangen wir nun an. Spannend. Ja, ich hatte lauter Einsen, ich war sehr klug. Damals. Jedenfalls befand man dies in den gebildeten Kreisen meiner hohen Lehranstalt so.“
„Und meinen Informationen nach“, fuhr Hauptkommissar Reinecke unbeeindruckt fort, „hatten Sie auch etwas, was man eine gute Kindheit nennen darf.“
Einen Moment lang blickte Henrike Blom irritiert zum Kommissar, dann fasste sie sich wieder.
„Elternhaus voller Liebe und Wärme, genug Spielsachen und viel Zeit für Hobbys. Ich bin auch nie geschlagen worden, dafür gab es viele Umarmungen. Wir waren nicht reich, aber gutbürgerlich, so sagt man wohl. Ja, mir ging es gut als Kind.“
„Mich -oder besser gesagt- uns interessiert, wieso eine junge Frau, die eine glückliche Kindheit hatte und der alle Türen im Leben offen standen -ich formuliere das mal ein wenig platt-, sich in wenigen Jahren so vollständig radikalisiert. Haben Sie eine Antwort darauf?“
Erneut herrschte eine Weile Schweigen. Dann nickte Henrike Blom, schwieg aber weiter.
„Fräulein Blom?“, fragte Hauptkommissar Reinecke schließlich nach.
„Ja, entschuldigen Sie bitte, aber ich muss kurz darüber nachdenken, was ich von dieser Frage halten soll. Auf den ersten Blick ist das vielleicht eine sinnvolle Frage, ja, - aber eigentlich, je länger ich darüber nachdenke, ist diese Frage eine Folge völlig falscher und geradezu idiotischer Schlussfolgerungen. Sie sehen einen Bruch zwischen meiner Kindheit und meinem jetzigen Leben. Und soweit stimmt es, dass beides auf den ersten Blick sehr gegensätzlich wirkt: Auf der einen Seite die heile Welt mit Liebe, etwas Geld und sogar noch guten Noten in der Schule und auf der anderen Seite die Terroristin. Wie konnte es nur dazu kommen? – Aber wenn man darüber nachdenkt, dann merkt man doch, dass das gar keine Gegensätze sind. Alles, was ich getan habe und was man mir hier vorwirft, wäre doch gar nicht vorstellbar gewesen, wenn ich eine schlechte Schülerin gewesen wäre und wenn ich im Unterricht nicht aufgepasst hätte. Das alles wäre auch gar nicht möglich gewesen, wenn ich arm gewesen wäre und das höchste Ziel meines Lebens nun darin bestehen würde etwas zu Essen und ein dickes Auto zu haben. Dann würde ich mich doch gar nicht mit so solchen Dingen beschäftigen wie dem Klimawandel. – Eigentlich... – Bitte entschuldigen Sie, vielleicht sieht man es mir nicht an, aber ich bin nun doch etwas aufgeregt. Könnte ich vielleicht eine Zigarette bekommen? Eigentlich rauche ich ja gar nicht oder zumindest nur ganz selten, müssen Sie wissen, aber ich würde jetzt gerne eine Zigarette haben. Bitte.“
Frau Fröhlich zögerte kurz, aber als sie sah, dass Henrike Blom es tatsächlich ernst meinte, holte eine Packung aus ihrer Tasche und reichte ihr eine Zigarette daraus, die Henrike Blom mit leicht zitternden Händen entgegennahm. Dann hielt Kommissarin Fröhlich ihr ein Feuerzeug hin, ging dann kurz zur Tür hinaus, um wenige Augenblicke später mit einem Aschenbecher zurückzukehren.
Henrike Blom zündete ihre Zigarette an.
„Mein Vater sagte immer, dass es nur eine Situation gibt, in der das Rauchen zu entschuldigen ist: Wenn man als Soldat im Schützengraben liegt. Im Angesicht des Todes, so sagte er, da ist es nicht nur verzeihlich, sondern geradezu angebracht, dass man raucht, aber sonst: Sünde. Sünde am eigenen Körper und am eigenen Leben. – Aber vielleicht ist das ja hier auch ein wenig verzeihlich, schließlich ist das hier auch eine...
| Erscheint lt. Verlag | 11.9.2023 |
|---|---|
| Verlagsort | Berlin |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Romane / Erzählungen |
| Schlagworte | FOR • fridays • Future • Greta • Klima • Terror |
| ISBN-10 | 3-7565-6364-2 / 3756563642 |
| ISBN-13 | 978-3-7565-6364-7 / 9783756563647 |
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