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Rettungsversuch für den aufrechten Gang -  Percival Maltese

Rettungsversuch für den aufrechten Gang (eBook)

eBook Download: EPUB
2023 | 1. Auflage
Buchschmiede von Dataform Media GmbH (Verlag)
978-3-99152-757-2 (ISBN)
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Es ist eine zentrale Erkenntnis im Leben von Percival Maltese: «Alleine gehst du unter. Du brauchst Menschen, die dir beistehen und an dich glauben.» Er hatte einen Klassenlehrer, der ihm Bücher besorgte, die sich die Familie nicht leisten konnte. Einen Beamten, der ihm und seiner staatenlosen Mutter zur deutschen Staatsbürgerschaft verhilft. Später einen Politiker, der ihm nach dem Besuch der Höheren Handelsschule nahelegt, sich zum Sozialpädagogen ausbilden zu lassen.

Percival Maltese wurde 1958 als Sohn einer ungarndeutschen Mutter und eines afroamerikanischen Vaters in Deutschland geboren. Er ließ sich am Institut St. Dominikus für Sozialpädagogik zum Erzieher mit staatlicher Anerkennung ausbilden, war unter anderem als Gruppenleiter in Einrichtungen der Kinder- und Jugendrehabilitation in Süddeutschland tätig, veröffentlichte neben Lyrik und Kurzprosa auch pädagogische Beiträge in verschiedenen Fachzeitschriften. 2001 kam er als Internatsleiter in die Schweiz an und arbeitet heute als Berufsschullehrer. Der «Rettungsversuch für den aufrechten Gang» ist sein erstes Buch, das jüngst von der Autobiographie-Plattform «meet my life» mit dem Schweizer Autobiographie Award ausgezeichnet wurde.

2. GLÜCKSBURG – DER FILM

Im März 1970 fuhren Tibor und ich von Idar-Oberstein durch die halbe Republik. Wir passierten die Nachtsilhouette von Hamburg, den Nordostseekanal im Morgengrauen, und morgens kamen wir mit dem Bus im Erholungsheim an. Kinder unterschiedlichen Alters durchquerten die Aula im Parcours über die Koffer und Taschen. Die Betreuer und Betreuerinnen begrüßten die Ankommenden und lasen die Namen aus ihren Listen vor.

Wir waren insgesamt zwanzig Jungen in der Gruppe und saßen beim Mittagessen an einem großen Tisch. Es gab zwei Essensräume, der kleine für die älteren Jugendlichen, der größere für uns. Jungen und Mädchen gehörten zu getrennten Gruppen.

Es folgte der Rapport am Abend, der Einfall der Jungen in den Schlafsaal. Morgens musterte mich der Arzt und nuschelte der Schwester die Diagnose «Untergewicht» zu.

Nachmittags stand Wandern auf dem Programm. Dann sahen wir sie endlich. So mussten sich die Entdecker gefühlt haben, wenn sie auf einen neuen Kontinent stießen. Als Elfjährigem flößte mir allein der Gedanke Respekt ein. Vor mir lauerte ein blaues Ungeheuer. Dem fieberte ich entgegen. Der Geruch stieg mir bereits in die Lungen: Salz und Wasser. Vor uns lag die See. Die Kinder begannen schlagartig zu rennen, so als ob eine innere Spannung urplötzlich von ihnen abgefallen sei und sie von einer Art Fieber erfasst wurden. Wir fühlten uns zusammengehörig. Am Strand bauten wir Burgen aus Sand. «Wenn du nur tief genug gräbst, stößt du auf Wasser», sagte Tibor.

Unser Betreuer hieß Olbricht. Jeden Abend bot er ein anderes Spiel an. Wer kann am längsten bewegungslos stehen? Einmal gewann ich. Vor dem Schlafen warf Olbricht jedem Knaben ein Bonbon als «Betthupferl» ins Bett.

Manchmal kam das Heimweh über mich wie ein plötzliches Gewitter. Ich berührte mit einer Fingerkuppe das Laken, dann meinen Teddybären neben dem Kissen. Im Traum schwamm ich im Meer, rotierende Bilder ließen Stunden zu Sekunden schmelzen, Ratten tauchten auf, der Eisenbahnwagen drehte sich wie ein Karussell. Ich schlug die Augen auf und glaubte mich noch im Zug. Mein Blick verfing sich im Vorhang, der mich aus dem Schlummerdasein in die Realität zurückholte. In eine fremde Szenerie.

Als die Sonne kam, flogen wieder Kissen durch die Luft, und Herr Olbricht schleuderte Worte in den Saal: «Aufstehen, waschen und Zähneputzen!» Im Speisesaal flüsterte mein Tischnachbar: «Weißt du schon?»

Am Morgen erhielten die Kinder Marschgepäck. Mein Proviant-beutel enthielt einen Apfel, zwei Brote, eine Nusswaffel. Nachmittags wollten wir die östliche Landzunge einer Meeres-bucht, der Flensburger Förde, erreichen, dort begann die offene See. Dann sahen wir sie vor uns. Als kleinen Punkt. Die Gorch Fock sei das größte Segelschulschiff Deutschlands, hatte Olbricht erläutert. «Hurra!», schrien alle im Chor.

«Weißt du schon», sagte einer der Jungs, «dass die Gorch Fock über zweihundert Mann Besatzung hat?» Er zeigte mir die Karte eines Quartetts, auf der sie abgebildet war. Spitze. Die Fakten häuften sich mit jedem Kilometer. Bald wusste ich alles über das Schiff, eine Dreimastbark, doch die Realität übertraf jede Fantasie.

Die lange Wegstrecke, bis wir endlich bei der Gorch Fock waren, forderte mich heraus. Der Punkt im blauen Band der Ostsee kam näher, die weißen Segel hingen wie Leinwände an den Masten. Weiße Laken. Bald erkannten wir schemenhaft Männer. Blau-weiße Anzüge. Der laue Wind trug Befehle an die Küste. Wüstes Winken der Kinder. Wir starrten in wilder Verzückung. Achtzig Meter in Holz verpackter Geschichte zogen an uns vorbei. Noch ein paar Monate, und es sollte zum ersten Mal ein Mensch auf dem Mond landen, doch dieser Augenblick stand für mich dem in nichts nach.

Am Abend spielten wir Schiffscrew. Rangeleien. Ein Junge stand im Unterhemd und zeigte seinen Bizeps. Mit Dschingis-Khan-Blick warf er seine Matratze auf den Boden. «Ich bin Kapitän.» Unversehens zog er seinen Gürtel aus der Hose und spannte ihn sich um die Haare. Der Piratenkönig krönte sich. «Wir lagen vor Madagaskar …», schmetterten ein paar Jungs.

Mit der rechten Hand stocherte ich in der Schublade meines Nachttisches herum. Dann spürte ich die grobe Oberfläche meines Fernglases, das ich mitgenommen hatte.

«Schiff voraus!» Mein Fernrohr peilte den Kapitän an. Im Glas glich seine Haut einer Wüstenlandschaft, Schweißperlen wirkten wie sprudelnde Geysire. Vielleicht ist er zu nah, dachte ich und drehte am Feldstecher. Gebannt musterte ich Millimeter um Millimeter. Seine Sehnen zuckten wie unter Strom. Die schlanke Gestalt sprühte in undefinierbarer Stärke. Ein Angeber, durchfuhr es mich.

Dann posierte er wie vor Fotografen, spielte den Clown und blieb für eine Weile bewegungslos stehen. «Darf ich auch mal?», schrie er über die Köpfe der Kinder hinweg. Vor mir stehend lächelte Niels freundlich und streckte die Hand nach dem Feldstecher aus.

An einem anderen Abend verkroch ich mich unter der Bettdecke. Gierig verschlang ich die Lederstrumpfgeschichten, atmete durch den Körper des Helden. Mein Herz schlug mir bei den brenzligen Passagen bis zum Hals. Elektrisierende Gedanken durchzuckten meine Lungen wie Stromstöße.

«Hey», störte eine Stimme mein Erleben. Wieder zurück an der Erdoberfläche erkannte ich Niels, an der Bettkante sitzend. «Spannend?» Wortlos reichte ich ihm das Buch. Er blätterte und nickte mir zu. Seine Augen spiegelten ein melancholisches Meeresblau. «Morgen geht’s zum Leuchtturm.» Keine Ahnung, woher er das wusste. Oder hatte es Herr Olbricht angekündigt?

Der Leuchtturm war außer Dienst. Merkwürdig. Der Kapitän eroberte den Treppenaufgang. «Wo ist denn das Meer?» Herr Olbricht versuchte, die Oberherrschaft zurückzugewinnen. «Oben ist ein Marionettentheater, seid also vorsichtig.»

Der Holzboden quietschte unter meinen Füßen. Ich trat vor einen Kleiderschrank, und ein Spiegel offenbarte mein Gesicht, voll wundergläubigen Staunens. Magie lag in der Luft. Requisiten lungerten auf dem Boden herum wie schlafende Hunde. In der Mitte thronte eine Holztruhe. Niels’ offener Mund schien sie verschlingen zu wollen. Sein Gang ähnelte dem eines Panzerknackers, der eine Kiste voller Juwelen entdeckt. Er berührte das Schloss, als suchte er nach einer Zahlenkombination.

«Die Augsburger Puppenkiste!», schrie einer von hinten. Niels verteilte die Figuren wie Bonbons auf einem Karnevalszug. Prinzen, Tänzer, Krieger. Ich erhielt den Piraten.

«Hallo», raunte ein Herrscher mit Turban, «woher kommst du?»

Es war Niels, der mit seiner Stimme zwischen Bariton und Bass balancierte. Ich erzählte von Moby Dick und der Schatzinsel, Käpt’n Ahab und der Meuterei auf der Bounty. «Willst du mein Freund sein?»

Mir fiel Uncas ein, der letzte Mohikaner. Wie oft hatte er sein Leben für seinen Freund Lederstrumpf riskiert, seinen Kameraden. Später schrieb ich ein Gedicht auf diese Freundschaft: «Sagtest nicht du, dass Tapferkeit im Herzen beginnt – und nur wer wirklich liebt, auch jeden Kampf gewinnt?» (Nr. 1)

«Meine Marionette ist der Maharadscha aus Eschnapur. Seine Haut leuchtet wie aus Bronze, genau wie deine.»

Mein Herz stolperte. Es kamen keine banalen Fragen nach meinem Aussehen. Er stellte einfach nur eine Tatsache fest. Wir spielten bis zum Mittag. Auf dem Nachhauseweg büxten Tibor und ich mit anderen Jungs aus. Der Schiffsausflug ins dänische Helsingör fiel für uns dann als Strafe buchstäblich ins Wasser.

Vor dem Lichterlöschen trat Niels an mein Bett. «Leihst du’s mir, wenn du fertig bist?» Ich nickte und lächelte. Niels roch nach Meer. Die Luft saugte sich voll mit dem Duft. Wir kämpften auf den Betten, und unsere Körper dampften. Jeder Millimeter Haut vibrierte. Niels nahm mich in den Schwitzkasten. Dann gewann ich die Oberhand und brachte es endlich fertig, ihn auf den Rücken zu legen, saß auf seinen Armen. Er ließ mich gewinnen.

An einem Samstag tummelten sich die älteren Jugendlichen vor dem Fernsehraum. Die Hitparade. Hoch aufgeschossene Gestalten mit langen Mähnen in langen Hemden mit Blumenmotiven summten Melodien und sangen mir unbekannte Refrains. Diese Welt wirkte anziehend und machte mir gleichzeitig Angst. Ich versuchte einen Blick in den Raum. Was spielte sich dort vor dem Fernseher ab? An der Tür kaute einer Kaugummi. In einem Moment sah ich in seinen Augen eine Neugier, die mich faszinierte, und plötzlich entzündete sich ein Feuer in mir. Die Musik. Ja, Musik. Dort gab es neue Kontinente zu entdecken.

Sonntags war Putztag. Wir strömten mit Beuteln um das Haus und hielten Ausschau nach weggeworfenen Gegenständen. Die zusammengeknüllten...

Erscheint lt. Verlag 7.7.2023
Sprache deutsch
Themenwelt Literatur
ISBN-10 3-99152-757-X / 399152757X
ISBN-13 978-3-99152-757-2 / 9783991527572
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