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Tagebuch eines Soldaten (eBook)

(Autor)

eBook Download: EPUB
2023 | 1. Auflage
152 Seiten
tredition (Verlag)
978-3-347-74956-6 (ISBN)

Lese- und Medienproben

Tagebuch eines Soldaten -  Raoul Rott
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Durch Glück, Rafinesse und eine enge Freundschaft überlebt ein junger Soldat einen Krieg. Nun versucht er seinen Platz in der Nachkriegswelt zu finden, um die prägende Vergangenheit endlich hinter sich zu lassen. Dabei stürzt er sich in einen neuen Kampf, der ihm alles abverlangt. Innerlich wie äußerlich.

Raoul Rott schreibt über das Verborgene hinter den Dingen und verleiht dem nicht immer Offensichtlichen eine Stimme. Dabei besteht die einzige Grenze in der Fantasie, Imagination und Kreativität des Lesenden. Mit der Macht der Fantasie haucht er unbeachteten und alltäglichen Dingen Sinn und Leben ein und zelebriert dadurch die tragische Schönheit und Flüchtigkeit des Momentes und des Lebens.

Raoul Rott schreibt über das Verborgene hinter den Dingen und verleiht dem nicht immer Offensichtlichen eine Stimme. Dabei besteht die einzige Grenze in der Fantasie, Imagination und Kreativität des Lesenden. Mit der Macht der Fantasie haucht er unbeachteten und alltäglichen Dingen Sinn und Leben ein und zelebriert dadurch die tragische Schönheit und Flüchtigkeit des Momentes und des Lebens.

4

Obwohl ich gerade erst aufgewacht bin, fühlt sich doch alles weiterhin wie ein Traum an. Die Generosität, mit der ich hier empfangen wurde, ist das absolute Gegenteil zu dem, was ich die letzten Monate und Jahre erleben musste. Allein bei dem Gedanken an die Gräueltaten, die nicht nur an mir, sondern an so vielen Namenlosen begangen wurden, kommen die Bilder zurück und damit die Tränen und dieses beengende Gefühl, dass mir die Brust zuschnürt und den Atem raubt.

Nur die Tatsache, dass ich nicht wie in einem Traum alles um mich herum verändern kann und im Traum mein eigener Herr über Raum und Geschehen bin, macht mir bewusst, dass es eben kein Traum ist, den ich hier erlebe. Und doch bleibt es traumhaft. Obwohl es die Realität ist und ich bereits aufgewacht bin, wünsche ich mir sehnlichst, dass mich keiner aufweckt und dieser Traum niemals endet. Tief in meinem Inneren aber ist mir klar, dass er ein Ende haben wird. Wahrscheinlich schneller als mir lieb ist.

Der breite Flur, in den ich getreten bin, gleicht eher einem komfortablen Lichthof. Mit jedem Schritt knarrt das Holz des Parkettbodens unter meinen Schritten und verkündet die ganze Erhabenheit dieses Hauses. Selbst ein Dieb, der sich mit aller Vorsicht in diesem Haus fortbewegt, damit er nicht entdeckt wird, würde sein Gewicht auf jede Diele legen, um die Erhabenheit des Hauses einzusaugen. Ein filigraner Teppich spannt sich über die gesamte Länge des Flurs und dämpft die Schritte ab, egal welches Schuhwerk man trägt. Obwohl ich bei meiner ersten Ankunft schon aus dem Staunen nicht heraus kam, schenkte ich doch meiner Umgebung wenig Aufmerksamkeit. Zu groß war die Müdigkeit und die Erleichterung, dass alles so reibungslos verlaufen war, wie es von meinem treuen Freund angekündigt worden war.

Jetzt erst fallen mir all die Details auf. Und wieder komme ich aus dem Staunen und der Dankbarkeit kaum heraus und kann mein Glück nur schwerlich fassen. Umso größer werden meine Verpflichtung und das absolute Muss der erfolgreichen Ausführung der Aufgaben, die noch vor mir liegen.

Denn der breite Flur ist nicht, wie bei so vielen einfach gebauten Häusern, die ich betrat, von zwei kahlen Wänden begrenzt. Auf der einen Seite, auf der ich aus der Tür trat, erstreckt sich in einem Rechteck den Lichthof umspannend eine hölzerne Vertäfelung, die über und über mit kunstvollen Schnitzereien überzogen ist. An einigen Stellen nur unterbrochen durch großzügige Vertiefungen, in die Türen eingelassen sind, die den Weg in weitere Zimmer frei geben. Sicherlich genauso weiträumig wie das, indem ich aufwachte. Die andere Seite des Flurs ist nur mit einem hüfthohen Geländer aus demselben Holz begrenzt. Dahinter erstreckt sich der Lichthof wie ein aufgerichteter Tunnel über alle Etagen des Hauses. Die obere Etage, auf der ich stehe und die untere Etage, die über eine ebenso breite Treppe mit ebenso kunstvollen Schnitzereien geziert, erreichbar ist. Dem Rechteck des Lichthofs nach unten folgend, bereitet sie mir den Weg nach unten. Über dem Lichthof strahlt der Sonnenschein durch eine halbrunde Kuppel aus kleinen, eckigen Glasfenstern, die wiederum liebevoll in zahlreichen Farben und Formen bemalt sind. Es ist also Tag, denn weit und breit ist kein elektrisches Licht zu sehen. Die Glühbirnen an den inneren Ecken des Flurs warten zwar darauf, angeschaltet zu werden. Am helllichten Tag würden sie aber ihren Zweck verfehlen. Leider vermag ich nicht genau zu erkennen, was auf den Fensterchen dargestellt ist. Zu hell ist das mir entgegen strahlende Licht. Allerdings hege ich keinen Zweifel daran, dass es genauso wunderschön ist, wie alles um mich herum. Denn das warme Sonnenlicht lässt dank der vielen Farben auch den Lichthof in unzähligen Farben erstrahlen. Wahrlich ist dies kein Haus einer einfachen Handwerkerfamilie, geschweige denn eines Tagelöhners.

In mein frisches Hemd gehüllt schreite ich den Flur entlang über den weichen, knarrenden Teppich, der sogar sorgfältig und faltenlos über die Treppe nach unten gelegt ist. Meine Hand gleitet dabei über das Geländer, das mir kalt und weich Sicherheit für den Weg gibt. Dabei schwebt mir ein Geruch entgegen, den ich im ersten Moment nicht richtig einordnen kann. Trotzdem ist er mir so bekannt, dass es einen Augenblick braucht, bis ich realisiert habe, woher ich den Geruch kenne.

Während ich den Fuß der Treppe erreiche, brennt sich der Geruch tief in meine Nase und mein Unterbewusstsein ein. Ich muss mich überwinden, nicht auf der Stelle von den Erinnerungen gebeutelt zusammenzubrechen, denn sicherlich hat der Geruch nichts mit den Erinnerungen zu tun. Der Krieg ist vorbei. Und doch immer und überall gegenwärtig. Vor dem Krieg wäre mir bei dem Geruch das Wasser im Mund zusammen gelaufen. Jetzt ist aber alles anders.

Gegen meinen Instinkt folge ich dem Geruch durch eine der Türen der unteren Etage, die sich mir ohne Gegenwehr den Weg in einen großen Saal eröffnet. Die Wände, die hier deutlich höher ragen als in meinem Schlafgemach, sind gleich dem Flur mit Holzvertäfelungen verdeckt. Da die Vertäfelung aber nicht bis zur Decke reicht, sehe ich zum ersten Mal den kalten, grauen Stein, aus dem das Haus gebaut ist. In der Mitte des Raumes, der durch die bis zur Decke reichenden Fenster in das morgendliche Sonnenlicht gebadet ist, steht ein langer, massiver Tisch. Zehn mit Leder bespannte prachtvoll geschnitzte Stühle, jeweils einer an jedem Kopfende und die anderen acht in Reih und Glied an den Längsseiten, sind um den Tisch aufgestellt, auf dem mir auf einer weißen Tischdecke die Quelle des Geruches entgegenströmt.

Ich leide, kann aber gleichzeitig mein offensichtliches Hungergefühl nicht unterdrücken, den das reichhaltige Mahl bei mir auslöst. Ich kann meine Verunsicherung nicht verbergen, bin ich doch aus dem Zuchthaus gewöhnt, dass sich eine kleine Klappe unterhalb meiner Zellentür des Morgens krachend öffnet und eine Holzschüssel lieblos gefüllt mit Haferbrei und einem erbärmlich anmutenden Stück knochenhartem Brot, welches selbst durch den pampigen Brei nicht weicher wird, halb geschmissen halb geschoben in meiner Zelle landet.

Trotzdem trete ich an den Kopf des Tisches und bin im Begriff mich zu setzen als eine Stimme, ähnlich derer der Zuchthauswärter, mich instinktiv zusammenzucken lässt.

»Die Madame hat Ihnen Frühstück bereitet. Sobald Sie fertig sind, werden Sie in der Bibliothek erwartet!« blafft mich die Stimme mehr befehlend als einladend an.

Aus einer weiteren Tür im Saal ist unbemerkt eine Dame höheren Alters aufgetaucht, die unverkennbar die Uniform einer Hausdienerin trägt.

Fein säuberlich gebügelt wirken die weiße Bluse und die darüberliegende schwarze, fleckenlose Schürze wie eine untrennbare Einheit. Ich hatte bereits Zweifel daran, ob ein solch großes Haus ohne Dienerschaft gehalten werden könnte und ob die Madame den Haushalt allein bewerkstelligte. Meine Antwort steht nun offensichtlich angewidert vor mir und weist mir einen Stuhl zu, der, wenig erstaunlich, nicht der Platz am Kopf des Tisches ist, auf den ich mich zuvor setzen wollte. Ich erkenne sie wieder.

Es ist dieselbe Dienerin, die mir noch vor Kurzem die Tür öffnete. Nur um mir dann den Eintritt zu verweigern. Unverkennbar ist ihr angewiderter Blick, der Zeugnis von den vielen Jahren im Dienst der Madame in diesem Haus trägt. Und eben jener Blick prägt nicht ihr Gesicht, weil sie ihren Job hasst und sich Tag für Tag abschleppt, wenn sie wieder den Dienst für die Madame antritt. Nein, das genaue Gegenteil ist der Fall.

In der eigenen Wohnung, die wahrscheinlich in der Gesamtgröße nicht einmal halb so viel Fläche misst, wie das Zimmer, in dem ich noch vor kurzem aufwachte, wartet nämlich ein gebrochener Ehemann. Ein Ehemann, der Tag aus Tag ein die Wohnung vor Sonnenaufgang verlässt und sie nach Sonnenuntergang wieder erschöpft von der schweren, körperlichen Arbeit betritt. Die Mäuler der sieben Kinder, von denen drei gerade so alt sind, dass sie mit dem Vater des Morgens das Haus zum Arbeiten verlassen können, müssen gestopft werden. Wohl wissend, wie schwer ein weiteres Kind das Leben machen würde, ist es doch der einzige Trost des Vaters, an den er sich klammert, wenn er nach Hause kommt. Nicht die Freude, Frau und Kinder wiederzusehen, nein. Vielmehr die gekünstelte Liebe, wenn er mit seiner Frau liegt. Die Frau, die sich dem willig fügt, denn auch sie hat wenig, woran sie sich erfreuen kann. Bleibt nur die gespielt-gezwungene Zärtlichkeit zwischen Mann und Frau. Auch hier hat der Krieg seinen Tribut gefordert und die Familie jäh aus diesem trostlosen Alltag gerissen. Und während der Ehemann und Vater für sein Land im Graben lag, suchte sie ihr Heil als Dienerin der Reichen. Halb aus Not, halb den Traum jagend. Denn hier kann sie zumindest Teile des Lebens kosten, das sie sich immer erträumt hat und das so unerreichbar schien. Und an eben jenem Leben fand sie schnell Gefallen, obwohl sie doch nur einen Schatten der Realität kosten darf....

Erscheint lt. Verlag 1.7.2023
Verlagsort Ahrensburg
Sprache deutsch
Themenwelt Literatur Klassiker / Moderne Klassiker
Literatur Krimi / Thriller / Horror
Literatur Romane / Erzählungen
Schlagworte Angst • Ende • Freiheit • Frieden • Gedanken • Geschichte • Krieg • Leben • Moral • Philosophie • Rache • Recht • Reflexion • Tag • Tage • Tod • Unrecht • Welt • Wissen • Zeit
ISBN-10 3-347-74956-1 / 3347749561
ISBN-13 978-3-347-74956-6 / 9783347749566
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