Vinck. Jean-Marie Vinck (eBook)
816 Seiten
tredition (Verlag)
978-3-347-95552-3 (ISBN)
geboren 1946 in Fulda. In Hannover das humanistische Gymnasium besucht. Wenige Tage nach dem Abitur die Aufnahmeprüfung an der Staatlichen Hochschule für Musik und Theater Hannover bestanden. Drei Jahre später mit dem Schauspielerdiplom in der Tasche ins erste Engagement an das Theater am Neumarkt in Zürich. Dort an der Uni auch ein paar Semester Germanistik studiert. In dieser Zeit die ersten Schreibversuche. Weiter ging's an Bühnen in Köln, Bonn, zu den Ruhrfestspielen Recklinghausen, wieder nach Zürich, dann nach Hamburg und schließlich nach Berlin. Erscheinen des ersten Romans mit dem Titel "Ortsfremde". In all diesen Jahren Arbeit an mehreren Rundfunkanstalten. Ist verheiratet und lebt seit nunmehr 26 Jahren in Berlin.
geboren 1946 in Fulda. In Hannover das humanistische Gymnasium besucht. Wenige Tage nach dem Abitur die Aufnahmeprüfung an der Staatlichen Hochschule für Musik und Theater Hannover bestanden. Drei Jahre später mit dem Schauspielerdiplom in der Tasche ins erste Engagement an das Theater am Neumarkt in Zürich. Dort an der Uni auch ein paar Semester Germanistik studiert. In dieser Zeit die ersten Schreibversuche. Weiter ging's an Bühnen in Köln, Bonn, zu den Ruhrfestspielen Recklinghausen, wieder nach Zürich, dann nach Hamburg und schließlich nach Berlin. Erscheinen des ersten Romans mit dem Titel "Ortsfremde". In all diesen Jahren Arbeit an mehreren Rundfunkanstalten. Ist verheiratet und lebt seit nunmehr 26 Jahren in Berlin.
III
Vinck
Berlin 8.März 2018
Alles was man vergessen hat, schreit im Traum um Hilfe. Elias Canetti
Ich hasse Seide. Ich hasse Satin. Widerstandsloses Gewebe. Verlogenes Zeug.
Er verstand nicht. Wer hatte ihm diese idiotischen Sätze ins Hirn montiert? Das war niemals sein Text. Er blinzelte. Ein eiskaltes, weißgetünchtes Zimmer. Ein Bild, ein einziges, ein scheußliches, hing 70x100cm Querformat, fast art, in diagonaler Sichtachse an dieser kühlen Schlachthauswand. Er an dem einen Ende, das Bild, dieser Dreck, am anderen. Zittert vor Angst, weil ich es töten werde. Ein Flatscreen-Fernseher, weiß, auf einem Gelenk- arm knapp unter der Decke ihm vis-à-vis.
Steif riechender Baumwolldamast. Hände fuhren über Baumwolldamast. Auch der war weiß, wie er jetzt sah. Die Augen gingen noch schwer. Sie konnten die Umgebung in einem Winkel von vielleicht 30 ° abtasten, nach unten, oben, nach links, rechts. Das Drumherum, der Kopf, gehörte ihm noch nicht.
Farbloses Licht kam von zwei Fenstern, die schön waren in ihrer Einfachheit, lang bis zum Boden und schmal, Metallrahmen, ein Griff, alles weißlackiert. Sie stimmten zum funktionalen Raum. Licht legte sich gleichgültig auf Hände. Wohltuend, dachte er. Farbloses Licht? Einfachheit? Funktional? Gleichgültig? Wer redete hier? So war er nicht gemacht. Erregung war sein Metier. Was war hier los? Sollte ich nicht am Herzen operiert werden?
Die haben mir stattdessen den Kopf ruiniert.
Die Fenster teilten aus seinem Blickwinkel ein Trapez mit ungleichen Schenkeln in zwei Hälften, wie graue Pappe, ist wohl der Himmel und dem Rest aus zwei sich in die Quere kommenden Dächern. Beide von einer Unfarbe.
Im linken Handrücken steckte eine Kanüle, zwischen Zeigefinger und Mittelfinger, sauber und adrett, auf einem Gazepolster, mit Klebeband fixiert. Ein Plastikschläuchlein führte davon weg.
Kein Verfolgungsblick, das könnte die HWS übelnehmen! Er blieb bei den Händen. Alte Hände, rissige Haut, wo sie glatt war, war sie fischig. Silbrige Schuppen mit ein bisschen vertrocknetem Blut an einer Stelle. Er hätte nicht sagen wollen, dass das seine Hände waren.
Wohltuende Stille. Ein Zimmer. Ein Funktionsbett mit einem Funktionsbetttisch daneben. Und er. Vermutlich gab es noch ein paar Apparaturen, die für ihn da waren, im Verborgenen, nicht störten, nur guttaten.
Alles sehr schön. Er genoss, was war. Endlich war nichts. Was passiert hier?
Die Lider fielen langsam wie ein schwerer Vorhang. Er lauschte auf die Baustelle in seinem Innern. Verpackt in einem straff sitzenden Verband, der nur flache Atemzüge gestattete.
„Wir mussten doch den Brustkorb öffnen, tut mir leid, Herr … ähm … Herr Vinck“, hallte es wie aus einem fernen Jahrhundert. Doktor Soundso, Pauls oder ähnlich. Ein Satz lang hatte dem Mann im weißen Kittel das professionelle Einfühlungsver- mögen im Gesicht gestanden.
Postnarkotischer Schlaf nahm ihn wieder mit und ein Kurzfilm gaukelte ihm vor, dass er, Dr. med. Vinck, offener weißer Kittel, fliegende Schöße, weiße Clogs, Stethoskop im Anschlag, an das Bett des Patienten Vinck eilt und kompetent die Umleitungsstelle auskultiert.
Ha! Umleitung! Schnitt! Überblende zu neuem Bild.
Attention! Travaux Routiers! Déviation! Oui, oui, je me rapelle …
Département Côte-d’Or 1982, wegen meines Affentempos donnere ich in die Absperrung, überschlage mich und zerschelle an einer Straßenmaschine… Ruth, ma petite …
Dann wieder schaute der Träumer belustigt zu, wie Dr.med. Vinck das Stethoskop auf die Brust des Patienten Vinck drückte.
Oh là là, was höre ich da? Ein fideler, duftiger Bergquell ist das nicht, eher hört es sich nach einem übellaunigen, tranigen Fluss voll totem Tier und Schwermetall an, der sich in ein frisch ausgehobenes Bett hinüber bequemen soll.
„Da hilft nichts, da muss ein Bypass her, mindestens einer, Herr … äh … Herr … äh …“ Der Doktor guckte in die Akte. „Herr Vinck.“
Vincks Kopf war ein Diaprojektor. Nur, dass die Bilder in falscher Reihenfolge kamen. Sein Citroën Pallas. Auf der Hebebühne.
„À la bonheur“, kommt es schmeichelnd vom Meister unter dem Wagen. „Un carambouillage parfait!“
Comment?
Wie stehe ich eigentlich, ich, Vinck, auf der Schwacke-Liste zu Buche? Ihm war, als höbe sich – fast unsichtbar – die weiße Hand leicht zitternd von der Bettdecke, als winkte sie ab und würde erschöpft zurück auf den weißen Bettbezug sinken.
„Mit einem Bypass, oder zwei, sind Sie wieder im grünen Bereich, Herr… äh …“
„Vinck. Jean-Marie Vinck.“
TürDie weiße Tür, zu weit rechts, er konnte sie nur erahnen, machte ein Geräusch wie wenn sie gähnen wollte und öffnete sich tatsächlich. Schlafbilder und Wirklichkeit waren jetzt zweierlei.
Schwester Katinka oder Gudrun, er konnte sie nicht auseinanderhalten, kam auf seufzenden Korksohlen herein, Fieberthermometer und noch einiges anderes dabei, um sich wichtig zu machen.
Sie hielt ihm eine Sekunde lang das Thermometer vor den Mund, und als er ihn nicht öffnete, begann sie zu schieben. Es war Schwester Gudrun. Die andere, Schwester Katinka, ließ sich mehr Zeit.
„Ich komme gleich wieder und dann machen wir einen kleinen Spaziergang.“
Mit dem Ding zwischen den Zähnen konnte er nicht antworten, sonst hätte er ihr gesagt, dass er keinen Schritt mehr zu tun gedenke. Und ganz bestimmt nicht Arm in Arm mit ihr.
37,5 Grad.
„Ist das gut, ist das schlecht?“, fragte er, obwohl es ihn nicht interessierte.
Überdies hatte sie es überhört, weil sie übergangslos den weißen Spind aufschloss und Bademantel und Stützstrümpfe herausnahm.
Schwester Gudrun war eine von den Wortlosen. Schamlos schlug sie ohne Voranmeldung die Decke zurück, nicht wissend, wovon sie unter Umständen in Anbetracht des kurzen Anstaltshemdchens, das für einen schnellen Zugriff sorgte, hätte überrascht werden können.
Aber war es nicht auch ein wenig wie in Kindheits- tagen? Ganz passiv in Erwartung von Mamas Händen, die dem Kleinen Leibchen und Hose,
Strümpfe und Schuhe anzog? Glückseligkeit! Auch Mama war nicht immer gesprächig oder gar liebevoll, zärtlich gewesen. Beileibe nicht. Sie war oft hektisch, mit den Gedanken schien sie immer woanders, und unversehens schimpfte sie, aber in einer unverständlichen Sprache, Hebräisch, wie er später erfuhr. Aber warum? Mama war in Palästina zur Welt gekommen. Zweifelsfrei eine Schönheit im Vergleich zu Schwester Gudrun. Und sie roch viel besser und hatte eine Stimme wie eine mollige Decke. Schwester Gudrun hatte obendrein einen schrecklichen Überbiss. Von ihr ging in jeder Hinsicht Säuerliches aus. Den Überbiss, den hatte Schwester Katinka auch. Die verunglückte Zahnstellung von Schwester Gudrun bekam Vinck zum Glück selten zu Gesicht, da sie so gut wie nicht sprach. Lachen hatte sie auch noch niemand gesehen.
Schwester Katinka hingegen war ein fröhlicher Mensch und hatte keine Scheu, ihre gefährlichen Zähne zu zeigen. Katinka Zahnfrei, Gudrun Zahnverdeckt. So wollte er es sich merken. Zahnverdeckt griff ihm, ehe er sich dagegen wehren konnte, unter die Arme, sodass er mit über den Bettrand baumelnden Beinen zum Sitzen kam. Eine Hand an den Beinen, angelte sie sich mit der anderen den Plastikschemel, auf dem schon auf- gerollt die weißen Strümpfe lagen. Sie setzte sich auf den Schemel und, den linken Strumpf im Schoß, streifte sie den rechten über seine weißen, weichen, erstaunlich jung gebliebenen Zehen und rollte ab, das heißt hinauf, das kräftige Gewebe die Waden hinauf. Um alles glatt zu bekommen, hob sie sein rechtes Bein und legte den Fuß auf ihrer weichen, üppigen Brust ab.
„Ach, ja …“, entfuhr es ihm mit leiser Wehmut, als sie sich gegen seinen Fuß stemmte, um den Strumpf bis zum Knie hochziehen zu können. Für Schwester Gudrun bedeutete es nichts, aber er kam nicht umhin: eine weibliche Brust war für ihn auch in seinem jetzigen Zustand eine weibliche Brust, und sein Fuß aus Fleisch und Blut. Und jetzt, bitte, noch das linke Bein! Um ein Haar wäre er mit der Wortlosen versöhnt gewesen. Sie fuhr das Gestell mit der Infusion heran, hing den Beutel mit der geringfügigen Menge seines rötlichgelben Urins auf den dafür vorgesehenen Haken und machte auf einmal: „Hopp!“
Gleichzeitig mit dem Kommando schickte sie sich an, ihn am Ellenbogen in die Höhe zu heben. Sie erfuhr nicht nur keine Mithilfe, eher ernst gemein- ten Widerstand von seiner Seite.
Vinck hatte beschlossen, dass er in diesem Leben - und, wie es aussah, schien seine Fortsetzung nicht mehr so ausgeschlossen wie noch vor zehn Tagen, woran ihm heute im Gegensatz zu damals nicht mehr lag -, zu nichts mehr seine Hand reichen werde, das seinen Fortgang nicht auch von allein nähme, oder es eben bleiben ließe.
Die saublöde Gudi mit ihrem Kuhblick. Er lachte laut. Offensichtlich war sie Dinge gewohnt, wovon sich seine Spitalweisheit nichts träumen ließ. Sie reagierte keinen Deut. Das ließ ihn kurz überlegen, ob und wer von den Frauen in seinem Leben jemals Macht über ihn gehabt hatte.
Aber Vinck! Darauf kommt es jetzt nicht mehr an! Er stand da, zitternd wie, - ihm fiel ihr Name nicht ein, diese dünnen Hunde… Windspiele? Nun, wie diese Hungerkünstler auf vier Beinen im Regen. Die Zähne...
| Erscheint lt. Verlag | 8.6.2023 |
|---|---|
| Verlagsort | Ahrensburg |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur |
| Kunst / Musik / Theater ► Malerei / Plastik | |
| Schlagworte | Durchstehvermögen • Erfolg • Freundlichkeit • Guter Wille • Identität • Krankheit • Kreativität • Kunst • Liebe • Mode • Naivität • Optimismus • Scham • Tod • verliebtsein • Versagen • Witz • Zweifel |
| ISBN-10 | 3-347-95552-8 / 3347955528 |
| ISBN-13 | 978-3-347-95552-3 / 9783347955523 |
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