Der Veilchengraf (eBook)
698 Seiten
Tschök & Tschök GbR (Verlag)
978-3-7579-4162-8 (ISBN)
»Fantasie ist wie ein Buffet. Man muss sich nicht entscheiden - man kann von allem nehmen, was einem schmeckt.« Getreu diesem Motto ist Jona Dreyer in vielen Bereichen von Drama über Fantasy bis Humor zu Hause. Alle ihre Geschichten haben jedoch eine Gemeinsamkeit: Die Hauptfiguren sind schwul, bi, pan oder trans. Das macht sie zu einer der vielseitigsten Autorinnen des queeren Genres.
»Fantasie ist wie ein Buffet. Man muss sich nicht entscheiden – man kann von allem nehmen, was einem schmeckt.« Getreu diesem Motto ist Jona Dreyer in vielen Bereichen von Drama über Fantasy bis Humor zu Hause. Alle ihre Geschichten haben jedoch eine Gemeinsamkeit: Die Hauptfiguren sind schwul, bi, pan oder trans. Das macht sie zu einer der vielseitigsten Autorinnen des queeren Genres.
Prolog
Es war der Gesang des Waldes. Ein Wispern des Windes in den Zweigen. Das Rascheln der Blätter in den Wipfeln, das leise Knacken von Geäst und Unterholz. Wenn man einen Wald betrat, durchschritt man das Tor zu einer anderen Welt. Eine, die langsamer wurde. In der das Leben im Verborgenen wimmelte. Das Licht schien anders. Jeder Lärm wurde abgeschnitten, wie von einer Blase umgeben, die Schritte weich und gedämpft von buntem Laub und Moos. Ein Wald war voller Leben, das nicht auf den ersten Blick sichtbar wurde, aber Spuren hinterließ. Abgewetzte Rinde an einem Baumstamm. Zerkaute Zweige, niedergetrampeltes Unterholz. Manchmal die Abdrücke von Hufen, Pfoten oder Tatzen im weichen Boden.
Arved sog jeden Eindruck in sich auf. Betrachtete jeden moosbewachsenen Stein, sammelte hier und da ein paar Beeren, beobachtete die Vögel in den Kronen der Bäume. Er war ein Teil dieses Waldes, ein Geschöpf, geboren und gewachsen in seinen Tiefen, und der Wald war Teil von ihm. Deshalb würde es ohne jeden Zweifel schwer werden, ihn zu verlassen. Aber es musste sein. Denn die Wälder waren nicht die ganze Welt, sondern nur ein Teil davon. Da draußen, wenn sich die Bäume lichteten, warteten Berge auf ihn. Klippen und Ufer. Weit im Süden sogar das große Meer. Er konnte die salzige Luft vor lauter Sehnsucht fast riechen, obwohl er noch weit von der Küste entfernt war.
Als der Abend anbrach, erreichte er den Saum des Waldes. Weder Berge noch das Meer taten sich vor ihm auf, sondern eine hügelige Landschaft, die in den satten, rötlichen Farben des Herbstes leuchtete. Der Herbst war die Jahreszeit, der sich Arved am meisten verbunden fühlte, denn in sie war er geboren worden und sein Haar besaß passend dazu die Farbe von reifen Kastanien.
Nicht weit von hier gab es ein Dorf mit einem Wirtshaus, in dem er einen Schlafplatz finden konnte, und er sehnte sich sehr nach einem Bett. Seit nunmehr drei Tagen war er unterwegs, um den Tiefen der tumbrischen Wälder zu entkommen, und hatte auf Bäumen nächtigen müssen, um sicher vor wilden Tieren zu sein. Er war allein. Allein, aber nicht einsam. Es hatte alles seine Richtigkeit, diese Reise und auch die Ungewissheit. Welcher Weg vor ihm lag, würde so eine Überraschung werden wie die Herbstlandschaft, die sich ihm beim Verlassen des Waldes offenbart hatte. Aber so oder so: Der Weg führte aus dem Wald hinaus. Das wusste er, seit sein Lehrmeister ihn einmal in die große Stadt Frethingam mitgenommen hatte.
Das Volk, dem Arved entstammte – die Alvaei – war eins mit der Natur. Eins mit den Wäldern, in denen sie lebten. Aber manche zog es fort, denn sie suchten nach mehr. Er war einer dieser Suchenden. Vielleicht war es der Mensch in ihm, der Sehnsucht nach anderen Menschen hatte. Der von der langsamen, gedämpften Welt in die treten wollte, die sich schneller drehte.
Das Dorf, das ihm sein Lehrmeister beschrieben hatte, erreichte er bei Anbruch der Dunkelheit. Es war eine kleine Siedlung, von der man die ersten Ausläufer des Gebirges erkennen konnte, das es zu überqueren galt, wenn man die große Stadt Frethingam erreichen wollte. Und zwar ohne einen riesigen Umweg über das nördliche Land zu machen, so wie sie es damals getan hatten. In der Schänke brannte ein einladendes Licht und es schien nicht allzu viel los zu sein; jedenfalls war von draußen kein Lärm zu hören. An der Tür zögerte er kurz. Es war lange her, dass er mit Menschen gesprochen hatte. Dann trat er ein.
Die Schankstube war leer, bis auf einen Tisch, an dem eine Gruppe von vier grobschlächtigen Kerlen saß, die neugierig aufblickten. Auch die Wirtin, die gerade mit einem schmierigen Lappen einen irdenen Becher säuberte, hielt inne.
»Seid gegrüßt«, sagte Arved, die Stimme rau, weil er sie zu lange nicht benutzt hatte. »Habt Ihr ein Bett und etwas zu essen für einen müden Wanderer?«
»Wenn der Wanderer genügend Münzen bei sich trägt, sicher«, erwiderte die Wirtin und stellte den Becher beiseite.
»Daran soll es nicht scheitern«, gab Arved zurück und nahm an einem der freien Tische Platz. Aus dem Augenwinkel bemerkte er, wie die vier Kerle ihn argwöhnisch beobachteten.
»Wer seid Ihr?«, erkundigte sich einer von ihnen mit unverhohlenem Misstrauen in der Stimme.
»Ein Wanderer, wie ich schon sagte«, erklärte Arved und wandte sich dem Kerl zögerlich zu. Ein Blick aus kleinen, fast schwarz erscheinenden Augen traf ihn und ließ ihn frösteln.
»Und wo wollt Ihr hinwandern?«
»Nach Frethingam.«
»Was wollt Ihr dort?«
Arved runzelte die Stirn. Die Neugier des Mannes fiel ihm lästig. »Es geht Euch zwar nichts an, aber ich bin Heiler und möchte noch einige Dinge lernen.«
»So hübsch, wie du bist, solltest du dich eher als Hure verdingen«, bemerkte ein anderer der vier Männer und seine Kumpane lachten kehlig auf.
Im Stillen beschloss Arved, auf die Mahlzeit zu verzichten und sich gleich auf sein Zimmer zu begeben, aber in diesem Moment kam die Wirtin mit einer verführerisch duftenden Schale Eintopf und einem Stück Brot.
»Lasst die Dummschwätzer reden«, empfahl sie ihm. »Eine Silbermünze für den Eintopf und die Übernachtung, wenn’s recht ist.«
Arved fand den Preis ziemlich unverschämt, aber er zahlte, ohne zu klagen. In seinem Dorf war Geld bedeutungslos, aber da sie gelegentlich außerhalb des Waldes Handel auf den Märkten trieben, wusste er damit umzugehen.
»Du bekommst einen Kupferpfennig, wenn du mir den Schwanz lutschst«, rief einer der Männer zu ihm herüber. Sein schmieriges Lächeln offenbarte bräunliche Stümpfe, wo eigentlich Zähne sein sollten.
»Kein Interesse«, versetzte Arved kurz angebunden und wandte sich seinem Eintopf zu. Sein Magen knurrte. Am Morgen war sein Proviant zur Neige gegangen und er musste dringend neue Vorräte einkaufen, bevor er sich auf den Weg zum Gebirgspfad machte.
»Ich gebe dir einen Schilling, wenn du dich für mich bückst«, bot ein anderer an und seine Kumpane pfiffen anzüglich.
Wie dreist wollten diese Männer eigentlich noch werden? »Ich bin keine Hure und ich gedenke auch nicht, eine zu werden«, erklärte Arved fest und warf den Kerlen einen zornigen Blick zu, der ihnen hoffentlich endgültig begreiflich machte, dass sie bei ihm auf Granit bissen.
Der, der zuerst zu ihm gesprochen hatte, spuckte aus. »Du bist doch einer von diesen Alvaei, nicht wahr? Man sagt ja, dass die sich für etwas Besseres halten und glauben, die gewöhnlichen Menschen hätten sich ihnen unterzuordnen.«
»Das ist nicht wahr«, entgegnete Arved entschieden. »So etwas denkt niemand von uns.«
»Ach nein? Und warum sitzt dann einer von euch auf dem Thron des Großkönigs und maßt sich an, über die gesamten Inselreiche herrschen zu wollen? Gott sei’s gedankt, dass der alte Balian in die Unterwelt gefahren ist, aber sein Sohn, der hübsche Halvor Silberhaar, scheint keinen Deut besser zu sein. Marschiert ein, wo man sich ihm nicht unterwerfen will. Und du? Bist dir zu fein für ein bisschen Spaß mit hart arbeitenden Männern?«
Arved schob seinen Eintopf von sich. Ihm war schlagartig der Appetit vergangen. »Ich kenne den Großkönig nicht.« Das war die Wahrheit. Selbst, wenn es stimmte und Halvor und dessen Vater wirklich seinem Volk entstammten, so doch nicht den Wäldern Tumbrias.
»Ihr seid wahrscheinlich von Haus aus alle gleich.« Der Kerl spuckte nochmals aus. »Am besten wär’s, ihr bliebet in euren Wäldern, und wenn nicht, dann jagen wir euch schon wieder hinein.«
In aller Hast zwang sich Arved drei Löffel Suppe hinunter, um wenigstens irgendetwas im Magen zu haben, und steckte sich kurzerhand die Scheibe Brot in die Tasche. »Wärt Ihr so freundlich, mir zu sagen, wo ich mein Zimmer finde?«, bat er die Wirtin, deren Blick bei der Erwähnung der Alvaei deutlich kühler geworden war.
»Die Stiege hinauf und dann den Gang hinunter, die dritte Tür links.« Sie überreichte ihm den Schlüssel. »Macht mir keinen Ärger.«
Er schob ihr die vereinbarte Silbermünze über den Tresen und nahm den Schlüssel an sich. Mit einem ungläubigen Kopfschütteln erklomm er die Treppe nach oben. Wenn hier jemand Ärger machte, dann waren das doch wohl diese vier aufdringlichen Kerle und nicht er. Wahrscheinlich war es das Beste, die Tür von innen zu verriegeln und noch ein Möbelstück davorzurücken, damit keiner unbefugt in sein Zimmer eindringen konnte, während er schlief. Woran hatten sie seine Herkunft überhaupt erkannt? Er wusste, dass Alvaei unter den Menschen als ungewöhnlich schön galten, aber durch seinen eigenen Blick verstand er es nicht. Schönheit war für ihn mehr als nur glänzendes Haar und liebliche Gesichtszüge. Er fand viele Menschen schön in ihrer Vielfalt und Unperfektheit, mit ihren Falten und Flecken und grau werdenden Haaren. Sie waren Geschöpfe einer Welt, die sich schneller drehte als seine eigene. Und in der die Dinge folglich auch schneller verfielen. Aber war eine Blume wirklich nur dann schön, wenn sie in voller Blüte stand?
Er schloss die Tür seiner Kammer, schob den Riegel vor und atmete einmal tief durch. Es stimmte also, was Erandvor, der Dorfälteste, gesagt hatte: Es war nicht mehr ungefährlich, als Alvaeon offen in die Dörfer und Städte der Menschen zu gehen. Auch waren im Grunde nur Menschen, aber so, wie das Leben nur langsam und gedämpft durch einen Schleier in die Wälder drang, so verlief auch das Dasein eines Alvaeon, das ihm die Gnade verlieh, um ein Vielfaches länger zu leben. Und dadurch mehr Wissen und Erfahrung anzusammeln und vielleicht ein wenig weiser zu sein. Es gab auch noch andere Dinge, in denen sich Alvaei und Menschen...
| Erscheint lt. Verlag | 25.6.2023 |
|---|---|
| Reihe/Serie | Inselreich-Saga |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Fantasy / Science Fiction ► Fantasy |
| Schlagworte | Dark Romance • Enemies Lovers • gay fantasy • gay romance • Historical • Historischer Liebesroman • Historischer Roman • Liebesroman • Mittelalter • Pest • Renaissance • Tortured Hero |
| ISBN-10 | 3-7579-4162-4 / 3757941624 |
| ISBN-13 | 978-3-7579-4162-8 / 9783757941628 |
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