Das perfekte Klassentreffen (eBook)
192 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-7578-5612-0 (ISBN)
Gunter Scholz Lebt in Hamburg, ist 67 Jahre alt und hat bereits mehrere Bücher veröffentlicht. Die bisherigen Buchtitel sind: Ja, so war´s, 2020 Der Dozent an sich, 2021 Tagebuch eines Kreuzfahrer, 2021 Es war Walter, 2022 Außerdem ist er Autor einiger Fachbücher. Er war als Lehrer und Dozent, sowie in Leitungsfunktionen in einem Automobilkonzern tätig, bevor er in Hamburg die Leitung der Akademie des Handwerks übernahm.
Bert
Hallo, Commissario.
Hallo, Donna. Hast du schon wieder einen Leon-Film gesehen, aber nicht verstanden?
Warum nicht verstanden, Chef?
Weil ein Commissario ein erfolgreicher, gut aussehender Frauenschwarm ist, der die Täter selbst durch den Gestank vermüllter Kanäle riecht. Und was bin ich?
Genau das Capitano. Sie sind der beste aller Kriminalisten, die ich kenne!
Oh, es tut mir leid, dass sie keinen großen Bekanntenkreis haben. Ich könnte ihnen da mit Blick in unsere Verbrecherdatei vielleicht etwas weiterhelfen. Vielleicht haben sie auch bestimmte Vorstellungen vom Aussehen ihrer Begleiter? Dann würde ich sogar unseren Zeichner ein Phantombild nach ihren Wünschen anfertigen lassen und dieses mit den gescannten Visagen unserer Kunden vom Computer abgleichen lassen.
Wie war´s in Hamburg?
Mit dieser Frage beendete sie deutlich und gewohnt plump das montagmorgendliche Geplänkel mit ihrem Chef. Sie war jetzt seit über zwanzig Jahren die Sekretärin des Leiters der Mordkommission im Landkreis Lüneburg und Harburg. Er hatte sie damals gefragt, ob sie Spaß an dieser Aufgabe finden könnte nachdem er selbst seine Beförderung und Versetzung nach allen Seiten abgesichert hatte. Dass sie damals eine Nacht darüber schlafen wollte, natürlich ohne ihn, war reine Rhetorik.
Neben dem Abenteuer vieler spektakulärer Fälle war vor allem er, der Chef, der Erfolgreiche, der in der Presse gefeierte Kommissar, der Aufklärer der kompliziertesten Fälle, der unerschrockene Gegner der Clans in Hamburg ihr Grund sofort
Ja, sehr gerne
zu denken und am nächsten Morgen
Ja, ich bin interessiert
zu sagen. Zwischen einem spontanen Ja, gerne und dem Ja, ich bin interessiert lag genau ihre Vorsicht, sich verbindlich zu zeigen. Sie war entscheidungsfreudig, sicherte sich aber ab. Gepaart mit ihrer anerzogenen, auch in Hamburg häufig sehr wertgeschätzten preußischen Art, Zusagen ernst zu nehmen und alle Konsequenzen daraus für sich wie ein Naturgesetz gelten zu lassen, musste jede Zusage genau überlegt und auf die Anstrengung hin überprüft werden, sie einhundert Jahre durchzuhalten. Sie war sich damals sicher, dass sie ins Sekretariat des neuen Leiters der Mordkommission wollte und sie war sich heute sicher, damals richtig entschieden zu haben.
Bert, ihr Commissario, war sich heute nicht mehr so sicher, für sich richtig entschieden zu haben. Was ihn zum Stellenwechsel bewog, war eine Mischung aus beruflichen und privaten Aspekten. Hamburg war kein gutes Pflaster für Kriminalisten. Hier tummelten sich von Jahr zu Jahr mehr Clanmitglieder, die bereit waren, mit Waffengewalt ihre Drogenbezirke zu verteidigen. Jemand wie Bert wollte die hohe Ausbildungsvergütung für Berufsanfänger von über eintausend D-Mark je Monat und später seine lebenslange Verbeamtung mit möglichst geringem Einsatz erlangen. Da er von Betriebswirtschaft keine Ahnung hatte, konnte er seine Handlungsprämisse nicht ökonomisches Prinzip nennen. Aber er hatte genau dieses verinnerlicht. Eine Beförderung in Hamburg wäre mit erheblichem Aufwand an Arschkriecherei verbunden gewesen. Hier gab es zu viele Streber in seinem Alter die alle Titel haben wollten und mit einem Abitur im Lebenslauf einen stärkeren Rückenwind hatten als er. Bert war Realschüler und stolz drauf, dass seine Vorgesetzten das immer erst bemerkten, wenn sie zwecks Auswahl der zur Beförderung anstehenden seine Personalakte durchsahen. In Niedersachsen war die Personalsituation anders. Im Umfeld Hamburgs wurden Hauptkommissare gesucht. So entschied er sich für den Bau eines Einfamilienhauses auf dem Lande. Errichtet auf einem erschwinglichen Baugrundstück gegenüber vom Kernkraftwerk Krümmel. Finanziert von der Beamtenbank zu den für lebenslang verbeamtete Kunden angebotenen Vorzugszinsen. In der Gegend gab es zwar eine signifikant höhere Blutkrebsrate als im übrigen Bundesgebiet, aber die betraf vor allem Kinder. Die hatte der unverheiratete Bert nicht. So war das 137-Quadratmeter-Haus mit Satteldach und Carport auch eher Tarnung. Jahrzehnte nach Fertigstellung und Einzug machte ein SUV im Carport die Tarnung als Spießer perfekt.
In Bert erwuchs aber von Jahr zu Jahr stärker werdend der Verdacht, ein Haus und ein Auto könnten als Tarnung seinen inneren Prozess der Verkümmerung zwar bremsen, nicht aber aufhalten. Sein ganzes Wissen und Können als Hauptkommissar, seine ganze aufwendig durch Schleimerei erzielte Beliebtheit bei seinen Mitarbeitern wurde von ihm nicht genutzt. Er war beliebt bei seinen Kollegen und bei seiner Sekretärin, seine Chefs waren froh mit ihm eine Stelle besetzt zu haben, die mehrere Jahre vakant war. Aber was hatte Bert davon? Verbeamtet sein kann langweilig werden, wenn Erfahrung, Wissen und Tatendrang nach mehr verlangten. Zum Beispiel nach dem perfekten Verbrechen. Bert wusste doch, was an einer Gewalttat der Polizei richtig die Arbeit erschwerte und den Tätern ein störungsfreies Leben ermöglichen konnte: Es durfte keine Leiche gefunden werden. Die Tote sollte nicht vermisst werde. Als Täter sollte man keine Vorbereitungen für die Tat treffen. Die Vorbereitungen könnten zu einer Indizienkette addiert werden. Spontan sollte die Tat sein, dennoch durchdacht, immer konsequent zu Ende gebracht werden und man sollte möglichst seinen Aufenthalt auf Réunion nachweisen können, während die Tat in Castrop-Rauxel stattfand. Bert dachte von Jahr zu Jahr länger darüber nach, ob sein ganzer Lebenslauf mit seinem beruflichen Knowhow nicht auf eine dieser oft geplanten, aber genauso oft verfehlten, perfekten Tat zusteuerte. Eine Planung nahm er dazu nie in Angriff, weil genau das eben der erste Schritt in den Knast war. Planen hinterließ Spuren.
In der Bewertung ihrer Zusammenarbeit stimmten Sekretärin und Chef überein. Gesprochen haben sie darüber nie. Das war für beide das sicherste Indiz für eine funktionierende Zusammenarbeit. Sie praktizierten sie einfach und beachteten gegenseitig neben der Belastung in der Sache auch die damit verbundene emotionale Herausforderung, die beide dem jeweils anderen zumuteten. Im Alltag war dieses Prinzip sehr einfach zu operationalisieren, wenn beide wollten. Beide mussten sich im Dialog einfach in die Situation des anderen versetzen, mit einbeziehen, was Dritte jeweils an Erwartungen und Zwänge auferlegten und dann den guten Willen haben, den anderen nicht zu überfordern. So wurde die Sekretärin durch die genaue Kenntnis ihres Chefs zu einem Risikofaktor für seine perfekte Tat. Und als sie ihn Montagmorgen begrüßte und sich nach seinem Befinden erkundigte, hörte er etwas zwischen den Zeilen, das ihm zuvor nie aufgefallen war. Wusste sie etwas von dem, was an diesem Wochenende geschehen war? Oder waren diese Vermutungen ein ernster Hinweis für Bert darauf, dass zu einem perfekten Verbrechen auch die perfekte Kaltblütigkeit gehörte?
Nannte sie ihn schon immer Commissario? Alles was er an ihr schätzte, mochte sie auch an ihm: Verlässlichkeit. Das war´s schon.
Ihr als Sekretärin konnte die Aufklärungsquote im Landkreis egal sein. Ungeklärte Fälle machten ihr genau so viel Arbeit wie die geklärten. Bei den ungeklärten Fällen war es eine Sisyphusarbeit. Bei den geklärten arbeiteten sie wie Buchhalter. Sie notierten akribisch, was zur Lösung eines Falles geführt hatte. Jeder Fall musste irgendwann einmal in die Hände eines profilneurotischen Verteidigers geraten, dessen Ausbildung genauso von den Opfern und potentiellen Opfern bezahlt wurde wie die Gage für den Pflichtverteidiger. Commissario und Sekretärin hassten diese Gestaltung des Justizwesens, die wesentlich stärker auf die Rechte der Täter, als auf die der Opfer fokussiert war.
Auf Bert war verlass. Das schätzte nicht nur seine Sekretärin an ihm. Zu seinem Team in Lüneburg zählten meist vierzig Kriminalisten, die sich die verschiedensten Aufgaben teilten. Sie alle gleich respektvoll zu behandeln war für ihn nicht schwer. In der Klasse war er der beste Fußballer. Er war Mädchenschwarm. Allerdings bezog sich Letzteres nur auf seine etwa gleichaltrige Umgebung. Seine Lehrerinnen mochten ihn weniger. Er war nicht faul oder aufsässig. Sein Engagement für seine weiblichen Verehrerinnen sorgte aber für einen eher unterkühlten Umgang mit älteren Damen. Er konnte sich eine persönliche Distanz zu den Lehrerinnen erlauben, weil er an Bewunderung keinen Mangel verspürte.
In seinem Mitarbeiterteam gab es keinen, mit dem er sich duzte. Er ging mit keinem angeln und buchte keine Reisen für Singles. Außerdienstliche Vergnügungen waren dienstlich begründbar für ihn, so zum Beispiel der jährliche Betriebsausflug, die Weihnachtsfeier in der Kantine oder der eine Nachmittag auf dem Lüneburger Weihnachtsmarkt, ohne den es in einem Lüneburger Unternehmen nun mal nicht ging. Als Chef war er natürlich immer dabei, sah aber auch, dass seine Anwesenheit als Chefsache zwar akzeptiert war, er aber eine höhere Anerkennung für seine Leiterrolle dadurch einheimste, dass...
| Erscheint lt. Verlag | 8.6.2023 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur |
| ISBN-10 | 3-7578-5612-0 / 3757856120 |
| ISBN-13 | 978-3-7578-5612-0 / 9783757856120 |
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