Laune der Götter (eBook)
358 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-7578-7224-3 (ISBN)
Christoph Pauly, geboren 1960 in Heidelberg, arbeitete 24 Jahre als SPIEGEL-Korrespondent in Frankfurt, London und Brüssel. Er wurde mit dem Deutschen Journalistenpreis und dem Ernst-Schneider-Preis ausgezeichnet. Bevor er wieder in die Nähe von Frankfurt zog, lebte er zehn Jahre in Brüssel. Seine Erfahrungen in Europas Hauptstadt und bei seinen Aufenthalten in Afrika inspirierten ihn zu seinem ersten Roman "Laune der Götter".
2
Awa stand vor ihrem Richter im Generalkommissariat für Flüchtlinge und Staatenlose. Sie bekam keinen Ton heraus. Der kleine weiße Mann mit einer langen schwarzen Robe thronte über ihr. Er wird über deine Zukunft entscheiden, dachte sie im schnellen Rhythmus ihrer Herzschläge. Sie wollte verstehen, wie er tickt, schaute zu ihm auf, der scheinbar körperlos hinter seinem Pult saß. Beider Schweigen dehnte sich, bis alle Geräusche im Saal in sich zusammenfielen. Schließlich blickte der Richter auf, schon etwas ärgerlich. Sie mit ihrer Stummheit, die in seiner Miene lesen wollte wie in einem Buch. Würde er sie wie eine Nummer behandeln, das Aktenzeichen KK/2018/aka? Oder wie einen hilflosen Menschen, den ein großes, tief ausgeschnittenes Fischerboot in Brüssel vor sein Pult gespuckt hatte?
Monsieur Benedict Frère sah fremd aus mit seinem weißen krausen Kragen, gar nicht zum Fürchten mit seinem zerfurchten Gesicht und seiner langen bleichen Nase, wie gepudert für die Rolle einer Hofdame in dem Kostümfilm über den Sonnenkönig, den sie im Centre culturel francais ihrer Heimatstadt erlebt hatte. Solch einen Menschen hatte sie noch nie im richtigen Leben gesehen, auch bei ihrer Ankunft im Park Maximilian nicht, wo es von verrückten Typen wimmelte, die Europa mit seinem Alkohol, seinen Drogen, seiner Kälte aus der Bahn geworfen hat. Dieser Benedict Frère sah nüchtern aus, streng, vertrocknet. Fast wie Schwester Béatrice unter ihrer grau-blauen Haube, die ihr vor einer kleinen Ewigkeit am Institut der kleinen Schwestern Algebra beibringen wollte. Es war an der Zeit, seine ungeduldig wiederholte Frage zu beantworten.
„Ja, ich heiße Awa Kouyaté Diagolo, bin am 10. Juli 1988 in Tingaló geboren. Wenn Sie mich in den Senegal zurückschicken, werde ich das nicht überleben.“
„Na, na. Plötzlich so schnell, junge Frau. Wenn ich sie richtig verstanden habe, stellten sie in Belgien einen Asylantrag. Ihr Anwalt wird sie aufgeklärt haben, dass wir sie über ihre Gründe befragen wollen, warum sie bei uns Schutz suchen. Können wir auf Französisch fortfahren oder benötigen sie einen Dolmetscher für eine ihrer einheimischen Sprachen?“
„Ich spreche Toucouleur, Wolof und Französisch. In der Sprache Voltaires kann ich mich ausreichend verständigen.“
Wieder tauchte die Pudernase aus ihren Unterlagen auf. „Hört, hört, auf die Nachfahren Napoleons ist Verlass.“ Dann folgte ein Satz auf Flämisch, in Richtung ihres Anwalts Frans de Winter genuschelt. Beide Männer lachten wie über einen dreckigen Witz. Es war sicherlich gut, dass sie nichts verstand.
Immerhin wollte Monsieur wissen, warum sie so gut Französisch sprach. Sie erzählte ihm von ihrem Staatsexamen als Lehrerin an der Universität Saint Louis und dass sie bis zu ihrer Flucht an einer Grundschule in Daymane, einem Dorf im Ferló, unterrichtet hat.
„Wie kommt jemand mit so einer qualifizierten Arbeit auf die Idee, unbedingt nach Europa fliehen zu müssen?“
Wie oft hat sie sich die Frage selbst gestellt. Im Gerichtssaal tauchten wie von selbst die großen, fragenden Augen ihrer Kinder auf. Es gab kein Zurück: Sie war auch für sie in das Boot gestiegen. Seit 2006 sei sie mit Souleymane Diagolo zwangsverheiratet, antwortete sie der Pudernase hinter dem Pult. Er verweigere eine Scheidung und drohe, sie zu töten. Sie erzählte, wie sie ihm von ihrer Familie im Alter von acht Jahren zur Heirat versprochen worden war. Dass Diagolo sie anfangs respektvoll behandelt habe. Sie durfte ihre Ausbildung in der Universität beenden, darauf hatten ihre Eltern bestanden. Dass sie Mutter zweier Kinder wurde, dem nun zwölfjährigen Moustapha und der achtjährigen Lala. Gott sei Ihnen gnädig. Erst als sie in Diagolos Heimatdorf Daymane umgezogen waren, und sie dort begonnen hatte, als Lehrerin zu arbeiten, habe sich alles geändert.
Ihr Anwalt hat ihr vor der Verhandlung eingeschärft, dass sie nichts auslassen durfte. Sie sah das als Preis für ihr Bleiberecht und stieg tapfer in die Hölle ihres afrikanischen Dorflebens zurück.
„Mein Mann hat mich geschlagen und vergewaltigt“, flüsterte sie - und musste es für diese Männer, die sich neugierig vorbeugten, noch einmal wiederholen. Es hat etwas Formelhaftes, wie sie das zu ihrem Selbstschutz stammelte. Kein Wort über ihre Schmerzen und die Scham vor ihren Kindern, die in der luftigen Hütte alles miterleben.
Der Richter ließ ihr das nicht durchgehen, wollte es genauer wissen, wie, wann, warum?
„Immer…, immer“, stöhnte sie tonlos, und schon brachen die Wellen der Erinnerung über ihr zusammen. Während sie hilflos, lautlos litt und der Richter von oben eine Weile nur ihre bebenden Schultern sah, eilte ihr Anwalt Michel de Winter zur Hilfe: „Müssen wir uns unbedingt in die Details vertiefen, Monsieur Frère? Im medizinischen Gutachten, das Ihnen vorliegt, steht doch alles.“
Während der Richter in seinen Unterlagen blätterte, brachte der Anwalt Awa ein Glas Wasser und redete beschwörend wie ein Ringarzt nach dem Niederschlag auf seine Mandantin ein, die in den Vorgesprächen immer so abgeklärt, kühl gewirkt hatte. Das Warum? des Richters hallte in Awa nach, war vielleicht weit genug weg von der nächtlichen Ohnmacht, die sie in die Rolle des ewigen Opfers drängte, an die sie sich nicht mehr erinnern wollte. Sie fixierte den Richter mit ihren geröteten, fast schon wieder kämpferischen Augen: „Mein Mann konnte es nicht ertragen, dass ich mehr als er mit seinen Rindern und Ziegen verdiente. Er hat mir den Lohn abgenommen, Affären mit anderen Frauen begonnen, mich wie eine Hausangestellte behandelt.“
„Das soll auch in Europa vorkommen“, sagte der Richter.
„Aber hier können die Frauen eine Scheidung verlangen, ohne um Leib und Leben zu fürchten. Im Senegal ist es für mich unmöglich, diese ohne Zustimmung des Mannes vor Gericht durchzusetzen. In Europa können die Frauen Schläge und Vergewaltigungen anzeigen - und sie werden von den Gesetzen geschützt.“
„Auch im Senegal gibt es einen Rechtsstaat. Wenn ich mich nicht täusche, hat ihr Land so wie Belgien den Code Civil von den Franzosen abgeschrieben.“
„Wir wohnen in einem kleinen Dorf im Ferló, nicht in einer modernen Großstadt wie Saint Louis. Als ich zum ersten Mal die Vergewaltigungen anzeigte, sagten die Polizisten, dass ich mich nicht so anstellen solle. Sicherlich werde Souleymane Diagolo irgendwann ein zweites Mal heiraten, dann hätte ich als Erstfrau meine Ruhe. Sie tranken regelmäßig Tee mit ihm.“
Dann erinnerte sie sich, ausgerechnet vor diesen beiden weißen Männern, wie einer der Kommissare sie in ihrem eigenen Haus bedrängt hatte. Diagolo war in der Trockenzeit mit seiner Herde in den Süden gezogen, und der Polizist zu einer sogenannten Inspektion erschienen. Ihr wurde übel, als die lange verdrängten Bilder in ihr hoch stiegen. Die widerliche Hand, die plötzlich zwischen ihre Beine fasste. Der fette Körper, der ihr die Luft zum Atmen nahm. Vergeblich suchte sie Deckung in diesem schrecklichen Gerichtssaal vor ihrer Scham, als sie, ermutigt von ihrem Anwalt, noch einmal die verhasste Rolle des Opfers einnahm.
Als sie sich beruhigt hatte, fragte der Richter, warum sie nicht zu ihrer Familie in die Stadt zurückgekehrt war.
Zweimal sei sie mit den Kindern zu ihrer Mutter nach Saint Louis geflüchtet, erklärte Awa. Der Vater sei schon vor ein paar Jahren gestorben. Ihre Mutter habe sie eindringlich gebeten, Diagolo nicht in der Stadt anzuzeigen. Sie wohne beim Bruder, sei von ihm abhängig. Das würde die Familienehre beschmutzen, hatten ihr Bruder und seine Schwiegereltern gesagt. Die Polizisten und Untersuchungsrichter würden ihr nicht glauben, blutige Schrammen und blaue Flecken könnten von allem möglichen herrühren. Nach den Sommerferien sei sie deshalb mit ihren Kindern in das Haus in Daymane zurückgekehrt, in dem sie schon lange nicht mehr sicher war.
Leider hätten auch die Versetzungsanträge nicht geholfen. Junge, staatlich angestellte Lehrer müssten nach der Ausbildung erst einmal in den Dörfern arbeiten. Sie habe begonnen, immer mehr Nachhilfestunden zu geben und das Geld vor ihrem Mann zu verstecken. Sie habe nicht gewusst, wohin sie flüchten sollte. Ihr Mann habe gedroht, dass er sie nach einer Flucht finden und umbringen werde, sagte sie im Gerichtssaal zu den beiden schweigsamen Männern, und wusste nicht, ob sie das überhaupt hören wollten, so demonstrativ schauten sie in ihre Papiere, als ginge sie ihr Schicksal gar nichts an. Nur die Kinder und die Anrufe ihrer Schwestern aus Saint Louis hätten geholfen, die Schläge zu ertragen. Zum Besuch in ihr Dorf hätten sich ihre Schwestern nicht mehr getraut. Sie habe mehrere Jahre gespart, bis sie genug Geld für die Flucht zusammen hatte.
„Wohin steckten sie ihre Kinder?“, wollte Monsieur Frère wissen, nachdem er komische Fragen zu ihren politischen Überzeugungen gestellt hatte. Immerhin schaute er sie dabei...
| Erscheint lt. Verlag | 14.6.2023 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Krimi / Thriller / Horror |
| ISBN-10 | 3-7578-7224-X / 375787224X |
| ISBN-13 | 978-3-7578-7224-3 / 9783757872243 |
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