Nachricht von der Erde (eBook)
240 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-7578-7378-3 (ISBN)
Wer ich bin: Eine Heilpraktikerin und ehemalige Redakteurin, die vor 58 Jahren in Berlin geboren wurde und dort vor Urzeiten an der Freien Universität Biologie studiert hat. Seit über 20 Jahren lebe ich im Süden von München. Was ich schreibe: Bisher habe ich einige Erzählungen verfasst. Sie reichen von der alleinerziehenden Kaufhausangestellten, die innerhalb weniger Tage ausflippt (Porzellan), über eine reiselustige Siebzigjährige, die von ihrer Vergangenheit als Lebensborn-Kind erfährt (Tausend Wasser und Tod) und eine Berliner Beinahe-Kommissarin, die zwar manisch in Biographien aufräumt, aber im eigenen Elend versinkt (Gold in den Gräbern der Stadt) bis hin zum Aufbruch ins All mit Nachricht von der Erde. Warum und wie ich schreibe: Das Leben jedes Menschen spiegelt sich in seiner Zeit. Diese Idee prägt meine Geschichten, so unterschiedlich sie auch sonst sind. Es ist für mich die einzige Antwort auf existenzielle Fragen.
Etwas hatte Mandy Grace tief
erschreckt
„Shaun Trevor? - Kommst du mal bitte!" - Leslie Fiona Jenkins sah in ihrem Luxusreich hier nach und dort, vollführte viele ihrer lässigen Gesten und schnipste mit den Fingern, doch ließ sich der General einfach nicht auftreiben, um einer erwartungsvollen Ruby Mayella vorgestellt zu werden. „Vielleicht hat er etwas Dringendes zu tun?", meinte die Gastgeberin schließlich etwas ratlos und schien das selbst nicht für sehr wahrscheinlich zu halten.
Sie hatte draußen vor der Terrasse in der simulierten Strandlandschaft nachgesehen, sich bei der durchhuschenden Servicekraft erkundigt und erfolglos eine Telefonverbindung zu S.T. Shepard zu knüpfen versucht. „Na - oder er ist gerade spazieren oder was. Dann mixe ich uns jetzt eben erst mal einen Drink!"
Ruby Mayella war einstweilen mit der Umgebung völlig ausgelastet. Sie selbst war ja im Mondtrakt, dem zweitschönsten Distrikt des Planeten Daddy, auch sehr hübsch untergebracht, aber das hier war der Erdtrakt, gewissermaßen oberster Standard. Hier konnte man tatsächlich vor der Strandhausanmutung kilometerweit spazieren gehen, ohne jemandem zu begegnen. Wollte man sich auf dem Weg zurück danach nicht die Füße wund laufen, querte man einfach die Düne, wo ein horizontaler Hochgeschwindigkeits-Aufzug wartete, in dem einen garantiert kein Mitreisender anstarrte. Ruby Mayella hätte nichts dagegen gehabt, das gleich hier und jetzt einmal auszuprobieren, aber dazu hätte sie die von all dem Luxus bloß noch gelangweilte Leslie Fiona zurücklassen müssen und womöglich brüskiert. Aber es war ja auch gar nicht schlimm – irgendwann würden sie die atemberaubende Kulisse für ein sehr nachdenkliches, tiefgründiges Gespräch ganz sicher einmal brauchen können. Ruby Mayella erbebte bereits voller Vorfreude.
Die Distrikte des Planeten Daddy waren - sicher nicht sehr einfallsreich, vielleicht aus Heimweh - nach dem alten Sonnensystem der Erde benannt. In Ruby Mayellas Richtung hätte anschließend der Marstrakt kommen müssen, doch hatte man den ausgelassen. Das hatte mit der frühen Geschichte der Weltraumbesiedlung zu tun, als eine hochmotivierte Gruppe zur seinerzeit sage und schreibe über sechs Monate dauernden Reise zum Mars aufbrach. Dass der Mars von alters her als Kriegsplanet verschrien war, hatte man ausgeblendet und wollte solchem Aberglauben in moderner Zeit auch keinen Vorschub mehr leisten.
So begann alles äußerst verheißungsvoll, als es den Siedlern gelang, zwei steinalte, früher zum Mars geschossene Rover – Spirit und Opportunity – wieder instand zu setzen und deren Bilder und dank des technischen Fortschritts sogar Filme nahezu live und endlos zur Erde zu funken. Schon bald jedoch fanden die antiken, kleinen Chronisten-Kisten kaum noch Beachtung, weil sich die Leute unerklärlicherweise dauernd in die Haare gerieten.
Auf der Erde, wo sie ja eigentlich auch nicht zimperlich waren, hatte nach einer Weile niemand mehr hinsehen wollen. Die Siedler massakrierten einander wie in den übelsten Splatter-Filmen. Der kleine Spirit setzte sich abermals als erster ab und stellte alle Sendungen ein. Mars-Rover Opportunity hatte das Pech, dem letzten, weiterhin erregt vor sich hin schimpfenden Siedler über den Weg zu rollen. Er bekam alle Wut ab und so sollte das Schicksal des letzten Mannes auf dem Mars für immer im Dunkeln bleiben. Auf der Erde verzichteten sie darauf, ihm den Prozess zu machen. Dort wollte man dieses weitere, unrühmliche Kapitel der Menschheitsgeschichte am liebsten nur noch zuklappen und das Ganze vergessen. Und so gab es auf Daddy - Aberglauben hin oder her - eben keinen Marstrakt. Basta.
Ruby Mayella saß wie vom Donner gerührt hinter ihrem riesengroßen, farbigen Fitnessdrink und mochte ihren Augen nicht recht trauen, als der General doch noch auftauchte und zwar unvermutet aus den rauschenden Fluten direkt vor ihnen. Er bückte sich nach dem Handtuch am Strand, das sie völlig übersehen hatten, trocknete sich damit das Haar und schenkte ihnen ein strahlendes Lächeln.
Sie kam nicht umhin, ihrem Augenarzt plötzlich recht zu geben, den Ruby Mayella regelmäßig wegen einer vermeintlichen Seh-Schwäche aufsuchte und der sie stets wieder mit der Bemerkung nach Hause schickte, sie sähe in Wahrheit besser als ein Luchs. Es seien bloß die alten, mit Erinnerungen prall gefüllten Hirnteile, die nicht mehr genau hinsehen wollten, das müsste halt trainiert werden. Nun zeigten ihre augengymnastischen Übungen offenbar Wirkung, denn sie erkannte auf den ersten Blick und überscharf einiges an der Gestalt von S.T.Shepard, mit dem sie tatsächlich zuletzt gerechnet hätte. Natürlich war er ein blendend aussehender Mann mit einem durchtrainierten Körper, das war gar keine Frage – doch waren beim besten Willen weder die Kränze rund um seine Zwinker-Augen – waren das etwa Krähenfüße? - noch seine von einer pergamentartigen Haut überzogenen und etwas welk wirkenden Schultern zu übersehen. Statt sich muskulös zuzuschmälern, stach seine Körpermitte durch sichtbare Hüftknochen hervor, die ihn etwas nach vorne abknicken ließen und der eingefallenen Gesäßmuskeln wegen kamen ihr seine Beine lang vor wie bei einem Storch.
Mit einer Mischung aus Ekel und Erregung registrierte Ruby Mayella, dass Shaun Trevor Shepard, seit ihrer aller Ankunft auf Daddy am höchsten dekorierter General und Quasi-Regent des Planten – nun ja - alt wirkte. Er, der ihnen im Grunde dieses Dasein erst ermöglichte und sie in Schleife laufenden Fernsehansprachen unablässig dazu ermunterte, ja nicht zu viel Zeit bis zum nächsten Neuköiper verstreichen zu lassen, dies zu beachten sei allererste Bürgerpflicht, er bitte darum!, – war mit seinem eigenen Übertritt mittlerweile gut zwei Jahrzehnte mindestens zu spät dran. Ruby Mayella konnte es nicht fassen. Und du liebe Güte, was hatte ihn in der Zwischenzeit bloß daran gehindert, die kosmetische Chirurgie zu nutzen, das bekam man doch heutzutage alles ganz leicht in den Griff, zumindest hoffte sie das.
Während der Phase lachenden Smalltalks streifte Ruby Mayellas irritierter Blick des öfteren die Lebensgefährtin des Generals, ihre neue Freundin und Gastgeberin, die zwischen ihnen nach Art eines aufgedrehten Schulmädchens wie mit dem Vater und der älteren Schwester herumalberte. Es war nun unübersehbar, dass Leslie Fiona die Klonerei übertrieb und bis auf das äußerste, auch dank Sonderbestellungen ausreizte. Alle fünfzehn bis zwanzig Jahre musste ein Neukörper her und auch der konnte es ihr vor dem Spiegel nur für kurze Zeit und mit sehr viel Training und Kosmetik recht machen.
Daneben saß nun Ruby Mayella, als einzige von ihnen dreien nicht mit einem zelleigenen Leib versehen. Das war fünfzehn Jahre zuvor einfach nicht anders gegangen. Sie hatte unter Lebensgefahr ihren todkranken zweiten Neukörper verlassen müssen und man griff aus der Not heraus zu einem überzähligen Klon, der einer außerordentlich schönen Frau gehört hatte. Was aus dessen eigentlicher Besitzerin geworden war, wusste Ruby Mayella nicht und sie war auch bislang niemandem begegnet, der so ausschaute wie sie jetzt, nur älter. Das einzige, woran sie sich erinnern konnte, war der Schock ihrer damals erst zehn oder zwölf Jahre alten Tochter, die sich lange geweigert hatte zu glauben, dass es ihre Mutter sein sollte, die in diesem ihr völlig fremden, ausgelassenen Teenager steckte, der scheinbar grundlos dauernd um sie herumturnte, während ihre bekannte Mutter verschwunden blieb.
Gut möglich, dass in dieser Ausnahmesituation alle etwas undiplomatisch mit der Heranwachsenden umgesprungen waren - das sah Ruby Mayella jetzt im Nachhinein ohne weiteres ein. Doch zog sie hier auch die Gesellschaft zur Verantwortung, die ihre Einstellung in Bezug auf Nachwuchs alle paar Jahrzehnte änderte.
Einmal galten Kinder als Privatsache, die sich bloß ein paar Rückständige noch antaten, obwohl das Leben doch davon durch die Klon-Technik längst befreit war. Dann wieder profitierte man für ein paar Jahre dankbar von der Leistungsfähigkeit der Nachgewachsenen, die, einmal dazu überredet, als einzige an Arbeit noch richtig etwas wegschafften. In solchen Phasen öffneten sich ihnen die Türen, bis ein paar Bürokraten mit Platznot-Paranoia (Daddy war ja deutlich kleiner als die Erde) wieder alles vorschrieben und umgehend Maßnahmen ergriffen. Schon sollten sich die Nachgeborenen endlich wieder über ihr Bleiberecht glücklich schätzen, ihnen wurden die Löhne gekürzt, Ausbildungen gestrichen, Ansprüche nicht wahrgenommen und so weiter.
Und ihr als Mutter machte man es natürlich auch nicht leicht, deswegen kannte sich Ruby Mayella so gut damit aus. In den nachwuchsfeindlichen Phasen wurde sie immer wieder einmal schriftlich dazu aufgefordert, ihre vor gut achtzig Jahren begonnene Ausbildung fortzusetzen. Ein naturwissenschaftliches Studium, das sich hinzog und zunehmend zur Qual geriet, weil es überall ständig neue, unappetitliche Lebensformen zu entdecken und zu...
| Erscheint lt. Verlag | 10.6.2023 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Fantasy / Science Fiction ► Science Fiction |
| Schlagworte | Exodus • Gehirntransfer • Klonen • Science-fiction • Unsterblichkeit |
| ISBN-10 | 3-7578-7378-5 / 3757873785 |
| ISBN-13 | 978-3-7578-7378-3 / 9783757873783 |
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