Delphinsommer (eBook)
302 Seiten
beHEARTBEAT (Verlag)
978-3-7517-5497-2 (ISBN)
Ein Kästchen mit geschnitzten Delphinen weckt in Meridy längst vergessene Erinnerungen an ihre erste Liebe. Damals verbrachte sie unbeschwerte Sommer am Meer. Doch auch die Erinnerungen an eine grausame Katastrophe kehren zurück. Meridy weiß, wenn sie ihr Herz jemals wieder spüren will, muss sie es öffnen und ein lang gehütetes Geheimnis preisgeben. Gemeinsam mit einem Jugendfreund begibt sie sich auf eine Reise in die Vergangenheit. Doch sie riskiert auf diesem Weg nicht nur ihren guten Ruf, sondern auch ihre Ehe und den Zusammenhalt ihrer Familie ...
Einfühlsam, liebevoll und einfach nur schön.
»Mit dem Buch aufs Sofa, und der Stress des Tages ist vergessen.« LEA
eBooks von beHEARTBEAT - Herzklopfen garantiert.
<p>Patti Callahan Henry lebt mit ihrem Ehemann und drei Kindern in der Nähe von Atlanta, Georgia, in einer malerischen Landschaft, die sie in den stimmungsvollen Bildern ihrer Romane eingefangen hat. </p> <p>Besuchen Sie die Autorin unter www.patticallahanhenry.com.</p>
Eins
»Wenn du nicht weißt, wo du hingehst,
solltest du wissen, wo du herkommst.«
Gullah-Weisheit
Ich spüre ein Gefühl der Leere in meinem Herzen, als ich am Anleger stehe, da, wo der Fluss in einer letzten Windung um mein Zuhause herumströmt, bevor er ins Meer mündet, das Gefühl, dass das noch nicht alles gewesen sein kann. Der Wind liebkost mein Gesicht. Zwei Delphine, Mutter und Kind, springen in perfekter Gleichzeitigkeit aus dem Wasser, dann verschwinden ihre silbrigen Leiber wieder in den zinngrauen Wellen. Ich breite die Arme weit aus und bitte die Welt, mir alles zu bringen, wonach ich mich sehne. Heute ist mein zwölfter Geburtstag. Meine Eltern haben mir ein rosarotes Fahrrad geschenkt, mit einem Bananensattel und Troddeln rechts und links am Lenker. Aber dieses Geschenk erscheint mir irgendwie nicht angemessen – nicht bedeutsam genug.
Ich wende mich vom Fluss ab und springe auf mein neues Rad. Da ich mein limonengrünes Festtagskleid trage, stelle ich mich auf die Pedalen und trete behutsam, um den Tüll nicht zu zerreißen. Ich lechze nach der Unabhängigkeit, die ein Fahrrad bietet und die die Jungen in meiner Straße schon längst genießen. Fahren gelernt habe ich auf dem Rad meines Nachbarn Timmy. Ich rolle an meinem Elternhaus vorbei und weiter am Fluss entlang, auf unserer langen Straße, die als Sackgasse endet. Mutter steht auf der Veranda und ruft, ich solle augenblicklich zurückkommen und mich umziehen, bevor ich mit dem grässlichen Ding losflitze. Doch ich trete nur kräftiger in die Pedalen. Mutter schreit zu meinem Vater hinüber, so schrill, wie sie es aus Verzweiflung über mich häufig tut: »Dewey, ich hab dir doch gesagt, wir hätten ihr kein Fahrrad kaufen sollen. Sie ist auch so schon wild genug.«
»Ach, Harriet, lass dem Mädchen doch das Vergnügen!«, erwidert Daddy.
Mutters Antwort höre ich nicht mehr, denn ich bin längst vorbei und um die Kurve gesaust. Unsere Straße windet sich genauso wie die giftigen Mokassinschlangen, die unterhalb unseres Grundstücks im Sumpf wohnen – sie schlängelt sich erst nach links, dann nach rechts, dann wieder nach links –, ja, es ist wirklich eine lange Straße, und sie folgt den Biegungen des Flusses, bis er an der Spitze der Landzunge ins Meer fließt. Als die Erwachsenen mir erzählten, dass der weite blaue Fluss hinter unserem Haus ins Meer mündet und dann bis auf die andere Seite nach Afrika fließt, habe ich das nicht geglaubt. Ich glaube überhaupt nicht viel von dem, was sie mir weismachen wollen. Sie leben ja gar nicht mehr richtig – dauernd machen sie sich Sorgen um Nebensächliches wie Frisuren oder Autos oder zu welcher Party sie eingeladen sind.
Quietschend bremse ich, denn vor dem früheren Haus der Carmichaels blockiert ein Möbeltransporter meine Straße. Wie eine Zunge aus einem offenen Mund hängt hinten aus dem Wagen eine verbeulte schwarze Rampe heraus. Große Männer, in der Hitze des Lowcountry schweißgebadet, laden Kartons aus, auf denen in dicker schwarzer Schrift »Dannys Zimmer«, »Wohnzimmer« oder »Bibliothek« steht. Ich springe mit beiden Füßen auf den Boden und halte das Fahrrad zwischen den Beinen, so dass mein Tüllkleid sich aufbläht wie ein grüner Ballon mit einer Delle hintendrin.
Die Haustür des mit silbrig grauen Holzschindeln verkleideten Gebäudes steht offen, und eine weitere Rampe führt auf die vordere Veranda hinauf. Einer der größten Männer, die ich je gesehen habe, erscheint im Eingang. Er schaut zu mir herüber und winkt, bevor er sich mit einem weißen Taschentuch über die Stirn wischt. Ich winke zurück. Er hebt den Zeigefinger, was wohl heißt, ich solle warten. Dann tritt er auf die Veranda. »Daniel!«, ruft er laut.
Hinter einem Busch taucht ein Junge auf. Er springt auf die unterste Treppenstufe. »Ja, Vater?«
»Sieht so aus, als wäre Besuch aus der Nachbarschaft gekommen, um dich zu begrüßen.«
Der Junge dreht sich um. Sein Gesicht ist mit Sommersprossen übersät. Die Augen leuchten so blau, dass ich die Farbe sogar aus der Ferne erkennen kann. Er trägt verschlissene kurze Bluejeans und ein Pink-Floyd-T-Shirt. Ja, Mutter würde zu viel kriegen. Ich lächle ihn an und winke.
Der Junge wendet sich wieder seinem Vater zu. »Das ist doch ein Mädchen.«
Der große Mann lacht und gibt dem Jungen einen Schlag auf die Schulter, so fest, dass er vorwärtstaumelt. »Du bist ein Genie, mein Sohn.«
»Dad, ich will aber nicht –«
Der Mann winkt mich auf die Veranda. Ich lege mein Fahrrad hin und steige die Treppe hinauf.
»Willkommen in unserer Straße!«, sage ich und bin dabei so nervös, wie ich es eigentlich nicht von mir kenne – als hätte ich zu viele rohe Austern gegessen. »Ich bin Meridy McFadden und wohne ein Stück die Straße rauf, und heute ist mein zwölfter Geburtstag.«
Der Mann beugt sich zu mir herunter und stützt die Hände auf die Knie. »Hallo, Meridy! Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag. Du siehst aus wie eine kleine Fee. Ich bin Chris Garrett, und das hier ist mein Sohn Danny.«
Ich strecke Danny die Hand hin. »Schön, dich kennen zu lernen. Woher kommt ihr?«
Danny nimmt meine Hand, schüttelt sie mit schlaffem Griff und lässt sie gleich wieder fahren.
»Antworte ihr, mein Sohn. Hast du die Sprache verloren?«
»Birmingham«, murmelt Danny.
»In Alabama?« Ich stelle mich auf die Zehenspitzen, denn dann wirken meine Beine länger, finde ich, und dieser Junge guckt auf mich herunter.
»Gibt es denn noch eins?« Der Junge namens Danny schielt zu meinem Fahrrad herüber.
»Ja. In England.« Ich versuche, mich noch größer zu machen, aber das klappt nicht. Ich verliere das Gleichgewicht und stolpere.
Danny blickt mich immer noch nicht an. »Sehen wir so aus, als kämen wir aus England?«
»Danny.« Mr Garrett gibt ihm eine Ohrfeige. »Das war unhöflich.«
»Tschuldigung.« Danny errötet, dabei verlaufen seine Sommersprossen zu einer einzigen roten Fläche.
»Wollen wir eine Radtour machen? Ich zeige dir die ganze Straße«, schlage ich vor.
»Die ganze Straße. Mann, das dauert ja ungefähr fünf Sekunden«, brummt Danny.
Ich fühle mich wie ein junger Hund, der einen Tritt gekriegt hat. Rasch hüpfe ich die Stufen hinunter ins sommerlich welke Gras – sie sollen meine Verlegenheit nicht sehen.
»Warte, kleine Fee!«, ruft Mr Garrett hinter mir her.
Ich drehe mich um. »Ja, Sir?«
»Vielleicht musst du mit meinem Sohn ein bisschen nachsichtig sein. Er ist ziemlich sauer über unseren Umzug. Aber er würde gerne eine Radtour machen.« Mr Garrett zeigt auf ein rostiges blaues Fahrrad, das an der Veranda lehnt. »Oder etwa nicht, mein Junge?«
»Aber Dad, doch nicht mit einem Mädchen … Was ist, wenn mich jemand sieht?«
»Los jetzt, keine Widerworte mehr!«
»Ja, Vater.« Danny latscht die Stufen herunter, schnappt sich seinen Drahtesel, steigt auf und fährt auf die Straße.
Ich springe auf mein Rad und folge ihm. »Warte, warte!«, rufe ich. »Du verfährst dich doch. Und wir brauchen länger als fünf Minuten – die Straße ist zwei Meilen lang!«
Wir rasen die Straße entlang, eigentlich ohne Ziel, denn Dannys Haus liegt ganz am Ende und ist auf beiden Seiten von Wasser umgeben. Ich hole ihn ein und fahre neben ihm her. »Hey, du weißt gar nicht, wo es langgeht.«
»Scheint nicht gerade kompliziert zu sein«, meint Danny und hält an.
Auch ich steige ab. »Ist es aber. Wenn du zu weit in diese Richtung fährst« – ich deute nach links –, »sieht Mrs Foster dich, und dann kommt sie raus, und du musst mit ihr Tee trinken und Kekse essen. Also musst du auf der anderen Seite der Bäume fahren. Und« – wieder zeige ich – »wenn du da hinten zu weit nach rechts gerätst, rennt der verrückte Mr Mulligan hinter dir her und schreit, dass Granaten kommen und du zurück ins Schützenloch musst. Mutter sagt, er ist immer noch im Zweiten Weltkrieg. Aber ich glaube, er trinkt zu viel Whiskey. Da gibt es ’ne Menge, was man wissen muss, wenn man hier auf der Straße fährt. Man kann nicht einfach ohne Sinn und Verstand drauflosradeln.«
»›Ohne Sinn und Verstand‹? Du hörst dich an wie eine alte Frau.« Danny steht breitbeinig über seinem Fahrrad.
»Na, dann fang mich doch!« Ich springe wieder auf mein Rad und trete, so schnell ich kann. Der warme Wind und der süße Duft der Marschen hüllen mich ein, während mich ein Gedanke durchzuckt: Danny Garrett wird sich in mich verlieben. Warum sonst ist er genau an meinem Geburtstag aufgetaucht, an dem Tag, an dem ich mein erstes Fahrrad gekriegt habe? Endlich kommt das Leben zu mir, und ich muss ihm nicht mehr nachjagen.
Ich bilde mir ein, Dannys Atem im Nacken zu spüren, dabei höre ich nur sein Keuchen und das Sausen der Reifen. Er versucht, mich einzuholen – aber ich lasse ihn nicht.
Mein Rock bauscht sich zu beiden Seiten des Rades, das zerzauste blonde Haar flattert mir in die Augen, und ich stelle mir vor, dass ich eine Fee bin, wie Mr Garrett es gesagt hat. Da geben die Reifen plötzlich ein scheußliches Quietschen von sich, die Straße kommt mir entgegen, und ich segle durch die Luft. Mein Rock verfängt sich in der Fahrradkette, und ich knalle mit dem Gesicht in den grauen Sand am Straßenrand.
Ich wälze mich auf dem Boden, und das Fahrrad rutscht über meinen Kopf und knallt mir gegen die Schläfe. Das tut weh, fast so weh wie neulich, als Daddy mich mit dem Holzlöffel verhauen hat, weil ich Mutter angeschrien hatte, sie solle die Klappe halten. Ich rolle mich zu einer Kugel zusammen und warte darauf, dass der Schmerz vergeht und der...
| Erscheint lt. Verlag | 1.12.2023 |
|---|---|
| Reihe/Serie | Die bewegendsten Romane von Patti Callahan Henry | Die bewegendsten Romane von Patti Callahan Henry |
| Übersetzer | Sabine Schulte |
| Sprache | deutsch |
| Original-Titel | Where The River Runs |
| Themenwelt | Literatur ► Romane / Erzählungen |
| Schlagworte | Beziehung • Delphinsommer • Dunkel wie die Flut • Erinnerungen • Erste Liebe • Freundschaft • Frühlingslicht • Gefühle • Gegenwartsliteratur • Geheimnis • Herbstmond • Katastrophe • Leuchtend wir der Horizont • Liebe • Liebesgeschichte • Liebesroman • Love and Landscape • Nähe • Romantik • Schicksal • Träume • Trennung • Unser Sommer in Georgia • Unterhaltung • Vergangenheit • Versuchung • Verzeihen • Zwischenmenschliche Beziehung |
| ISBN-10 | 3-7517-5497-0 / 3751754970 |
| ISBN-13 | 978-3-7517-5497-2 / 9783751754972 |
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