Rausch der Verwandlung (eBook)
392 Seiten
neobooks Self-Publishing (Verlag)
978-3-7549-9560-0 (ISBN)
Stefan Zweig (1881-1942), österreichischer Schriftsteller
Stefan Zweig (1881-1942), österreichischer Schriftsteller
Kapitel 2
In dem großen Sportgeschäft sausen sofort Schachteln aus den Stellagen, ein schachbrettartig gewürfelter Sweater wird gewählt, ein Gürtel aus Sämischleder, der die Taille straff aufspannt, ein Paar feste rehbraune Schuhe, scharf und neu duftend, eine Kappe, knapp anliegende bunte Sportstrümpfe und allerlei Kleinigkeiten – dafür darf Christine dann in der Probierkammer die verhaßte Bluse wie eine schmutzige Rinde von sich abstreifen, und in einer Pappschachtel wird die mitgebrachte Armut unsichtbar verstaut. Sonderbare Erleichterung überkommt sie, wie die widrigen Sachen verschwinden, als wäre ihre eigene Angst in dem Paket für immer versteckt. In einem anderen Geschäft kommen noch ein paar Abendschuhe, ein leicht fließender Seidenschal und ähnliche Zauberdinge dazu; ganz unerfahren staunt Christine das neue Wunder dieser Art von Einkaufen an, dies Kaufen ohne Frage nach dem Preis, ohne die ewige Angst vor dem »zu teuer«. Man wählt, man sagt ja, man denkt nicht nach, man sorgt sich nicht, und schon schnüren sich Pakete und fliegen, von geheimnisvollen Boten besorgt, in das Haus. Noch ehe man recht gewagt hat zu wünschen, ist der Wunsch schon erfüllt: unheimlich ist das und doch berauschend leicht und schön. Christine gibt sich dem Wunderbaren ohne weitere Gegenwehr hin, sie läßt die Tante schalten und walten und sieht immer nur ängstlich weg, sobald die Tante aus der Tasche Banknoten holt, und bemüht sich rasch wegzuhören, den Preis nicht zu hören, denn es muß ja so viel sein, so unausdenkbar viel, was für sie ausgegeben wird: in Jahren hat sie nicht so viel verbraucht wie hier in der halben Stunde. Nur wie sie aus dem Geschäft gehn, kann sie nicht mehr an sich halten, faßt zuckend in überströmender Dankbarkeit den Arm der Spenderin und küßt ihr die gütige Hand. Die Tante lächelt in ihre rührende Verwirrung. »Aber jetzt noch den Skalp! Ich führe dich zur Friseurin und gebe inzwischen drüben bei Freunden meine Karte ab. In einer Stunde bist du frisch aufgebügelt, dann hol' ich dich ab. Paß auf, wie die dich zurichtet, schon jetzt siehst du ganz anders aus. Dann gehen wir spazieren und wollen heute abends ganz richtig lustig sein.« Ein hartes gutes Pochen im Herzen, läßt sie sich willig (die Tante meint es ja so gut) in eine gekachelte und von Spiegeln blinkende Kammer führen, wo es nach Warm und Süß riecht, nach lauer, blumiger Seife und zerstäubten Essenzen und wo nebenan ein elektrischer Apparat wie ein Bergsturm saust. Die Friseurin, eine stupsnasige, flinke Französin, empfängt allerhand Instruktionen, von denen Christine wenig versteht, und sie versucht es auch gar nicht. Eine neue Lust ist über sie gekommen, alles mit sich tun, sich willenlos überraschen zu lassen. Man setzt sie in den bequemen Operationsstuhl, die Tante verschwindet; weich lehnt sie sich zurück und geschlossenen Augs, in einer wohligen Narkose des Genießens, spürt Klappern einer Maschine, stählernes Kühl am Nacken, und das leichte unverständliche Geplapper der munteren Frau, sie atmet die schwülig weichen Duftwolken ein und läßt fremde geschickte Finger und süße Essenzen Haar und Hals überrieseln. Nur nicht die Augen auftun, denkt sie. Vielleicht ist alles dann nicht wahr. Nur nicht fragen. Nur dies sonntägliche Gefühl auskosten, einmal selbst zu ruhen, und statt andere zu bedienen, selbst bedient zu sein. Einmal die Hände wohlig in den Schoß sinken lassen, an sich, mit sich Gutes geschehen und es herankommen lassen, nur tief sie auskosten, diese seltene Ohnmacht des lässig Zurückgelehntseins und Sichpflegenlassens, dieses sonderbare sinnliche Gefühl, seit Jahren, seit Jahrzehnten nicht erlebt; geschlossenen Augs, während das duftende Lau sie überrieselt, erinnert sie sich an das letzte Mal: sie liegt als Kind im Bett und hat Fieber gehabt, tagelang, jetzt ist es vorbei und die Mutter bringt ihr weiße süße Mandelmilch, der Vater, der Bruder sitzen an ihrem Bett, alles sorgt, alles bemüht sich um sie, alle sind gut und mild. Nebenan zwitschert der Kanarienvogel spitzbübische Melodie, das Bett hält warm und weich, man muß nicht zur Schule gehen, alles kommt zärtlich an einen heran, Spielzeug liegt auf der Decke, und doch ist sie zu wohlig trag, damit zu spielen; nein, es ist besser, die Augen zu schließen und das Nichtstun, das Mitsichtunlassen zu fühlen bis tief in die Haut. Jahrzehntelang hat sie sich nicht erinnert an dies schlaffe, gute Kindheitsbehagen von damals, jetzt ist es plötzlich wieder da, die Haut erinnert sich, die warmumrieselte Schläfe. Ein paarmal stellt die flinke Demoiselle Fragen wie: »Wünschen Sie es kürzer?« Aber sie antwortet nur: »Wie Sie wollen« und blickt absichtlich an dem angenäherten Spiegel vorbei. Nein, nur dies göttlich Unverantwortliche des Ansichgeschehenlassens, dies Ausgelöstsein von allem Tun und Wollen nicht stören, obwohl auch dies verlockend wäre, einmal, zum erstenmal im Leben, jemanden zu befehlen, etwas herrisch zu verlangen, ein So oder So zu fordern. Jetzt strömt aus einem geschliffenen Flakon ihr Duft über das Haar, eine Rasierklinge kitzelt sie fein und zärtlich, sonderbar leicht fühlt sie auf einmal den Kopf und eine neue, offene Hautkühle im Nacken. Eigentlich wäre sie schon neugierig, in den Spiegel zu sehen, aber sie hält sich zurück, die geschlossenen Augen verlängern so wohlig das Gefühl des betäubend Traumhaften. Inzwischen hat heinzelmännisch leis sich ein zweites Fräulein neben sie gesetzt und manikürt ihr, während die andere ihr die Wellen kunstvoll legt, ihre Nägel. Auch dies läßt sie – fast ohne Überraschung schon – nachgebend gehorsam geschehen und wehrt nicht, wie nach einem einleitenden »Vous êtes un peu pâle, Mademoiselle« die geschäftige Künstlerin ihr mit allerhand Stiften die Lippen aufrötet, die Bogen der Augenbrauen steiler zeichnet und den Wangen die Farbe auffrischt. All dies bemerkt sie und bemerkt sie zugleich nicht in dieser wohligen Ohnmacht des Sichausschaltens, denn betäubt von der süßsatten, feuchtschwülen Luft, weiß sie kaum, ob all dies ihr selber geschieht oder einem ganz andern, ganz neuen Ich, nur wie Traumgeschehen, verworren und nicht ganz wahr erlebt sie das Sonderbare und mit einer kleinen Angst, plötzlich aus diesem Traum zu stürzen.
Endlich erscheint die Tante. »Ausgezeichnet«, äußert sie kennerisch zu der Künstlerin. Auf ihren Wunsch werden noch einige dieser Schachteln, Stifte und Flakons eingepackt und dann ein kleiner Spaziergang beschlossen. Christine wagt aufstehend nicht in den Spiegel zu sehen: nur ganz sonderbar leicht fühlt sie den Kopf im Nacken, und wenn sie jetzt im Ausschreiten manchmal heimlich herabblickt auf den straffen Rock, die buntgemusterten heitern Strümpfe, die blanken, elegant sitzenden Schuhe, so spürt sie, wie ihr Schritt sich sicherer spannt. Zärtlich an die Tante geschmiegt, läßt sie sich alles erklären, und alles ist wunderbar: die Landschaft mit ihrem schmetternden Grün und dem panoramisch geordneten Kreis der Höhen, die Hotels, diese Luxusburgen, hoch und herausfordernd in die Hänge gestellt, die teuren Geschäfte mit ihren provokant noblen Auslagen, Pelze, Juwelen, Uhren, Antiquitäten, all das sonderbar und fremd neben der ungeheuer einsamen Majestät des eisigen Ferner. Wunderbar auch die Pferde in ihren schönen Geschirren, die Hunde, die Menschen, selber scharfbunt gekleidet wie die Alpenblumen. Die ganze Atmosphäre sonniger Sorglosigkeit, eine Welt ohne Arbeit, eine Welt ohne Armut, die sie nie geahnt. Die Tante nennt ihr die Namen der Berge, die Namen der Hotels, die Namen mancher vorübergehender prominenter Gäste: ehrfürchtig hört sie zu, ehrfürchtig schaut sie zu ihnen auf, und immer mehr wird ihr das eigene Daseindürfen zu einem Wunder. Während sie zuhört, staunt sie, daß sie hier gehen darf, daß dies erlaubt ist, und immer ungewisser wird sie, ob sie selbst es ist, die das erlebt. Endlich sieht die Tante auf die Uhr. »Wir müssen nach Hause. Es ist Zeit zum Umkleiden. Wir haben nur noch eine Stunde zum Dinner. Und das einzige, was Anthony böse machen kann, ist Unpünktlichkeit.« Wie sie, heimgekehrt, die Zimmertür öffnet, ist der Raum schon von Dämmerung weich getönt, ein früh hereingebrochener Abend macht alle Dinge ungewiß und stumm. Einzig das scharf eingesetzte Rechteck Himmel hinter der geöffneten Balkontür bewahrt noch sein pralles, dichtes und blendendes Blau, im Innenraum aber beginnen schon alle Farben an den Rändern sacht zu verfallen und sich mit samtigen Schatten zu mischen. Christine tritt auf den Balkon, der ungeheuren Landschaft gegenüber, und blickt unverwandt auf das rasch sich entfaltende Farbenspiel. Als erste verlieren die Wolken ihr strahlendes Weiß, um allmählich, leise und immer heftiger, zu erröten, gleichsam als ob sie selbst, sie, die hochmütig Teilnahmslosen, der immer raschere Niedergang des großen Gestirns zu eigenem Gefühl erregte. Dann steigen plötzlich aus den Bergwänden Schatten auf, die tagsüber dünn und einzeln hinter den Bäumen sich duckten; jetzt aber rotten sie sich zusammen, werden dicht und kühn, wie ein schwarzes Wasser schwemmen sie rasch vom Tal zu den Gipfeln hinauf, und schon ängstigt sich die erschütterte Seele, ob dieses Dunkel nun auch die Spitzen überfluten werde und die ungeheure Runde plötzlich leer und lichtlos sein – und wirklich, ein leichter Hauch von Frost schlägt als unsichtbare Welle bereits von den Tälern herauf. Aber mit einemmal beginnen die Höhen neu zu leuchten in einem kälteren und fahleren Licht; siehe, in dem längst noch nicht erlöschten Azur ist der Mond erschienen. Wie eine Bogenlampe, hoch und rund schwebt er durch die Gasse zwischen zwei der mächtigsten Berggipfel, und was eben noch Bild gewesen, vielfarbige Einzelheiten, beginnt jetzt Schattenriß...
| Erscheint lt. Verlag | 7.5.2023 |
|---|---|
| Verlagsort | Berlin |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Klassiker / Moderne Klassiker |
| Literatur ► Romane / Erzählungen | |
| ISBN-10 | 3-7549-9560-X / 375499560X |
| ISBN-13 | 978-3-7549-9560-0 / 9783754995600 |
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