Equality (eBook)
376 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-7578-3460-9 (ISBN)
Luca Snow wurde 1999 im Saarland geboren. Er hat Kreatives Schreiben in Berlin studiert und spezialisiert sich auf das Kreieren von dystopischen Fantasy-Welten mit vielen philosophischen Inhalten.
-Prolog-
Was macht einen Menschen eigentlich aus? Wieso treffen wir alle unterschiedliche Entscheidungen und führen vollkommen verschiedene Leben? Mit anderen Worten: Was macht uns einzigartig? Der Kontostand kann sich jederzeit verändern, genauso wie Hobbys oder Interessen, und selbst das äußere Erscheinungsbild lässt sich je nach Bedürfnis beliebig anpassen. Dennoch existiert in uns etwas, das uns grundlegend von allen anderen Menschen unterscheidet: unsere Erinnerungen.
In jedem von uns steckt eine eigene Geschichte; Millionen – ach, was sag ich – sogar Milliarden von Bildern, Erlebnissen und Emotionen, die jede einzelne unserer zukünftigen Entscheidungen beeinflussen. Die Sammlung von Erinnerungen ist immer eine andere; darum machen unsere Erinnerungen uns zu einem Individuum.
Den Tag, an dem ich meine erste Erinnerung erhielt, bezeichne ich als den Tag meiner Geburt. Anders als du erblickte ich jedoch nicht als sorgenfreier, stinkender Fleischklumpen diese Welt, sondern mein Leben begann in der Gestalt eines kleinen Geschöpfes, welches in einem schwach beleuchteten Raum von der einen auf die andere Sekunde wie von einem Stromschlag getroffen in einem weichen Bett erwachte.
Ich verstand sofort, dass ich existierte. Mir war bewusst, dass ich auf einem Bett lag; die Haare, die von meinem Kopf meinen Körper entlang wucherten, hellblau und meine Kleidungsstücke grau waren – jedoch wusste ich weder wo ich war noch wer ich war oder was ich überhaupt war. Angst bereitete mir dies aber nicht; es war vielmehr die Neugier, welche in diesem Moment meine Gedanken beherrschte, also schaute ich mich gründlich in dem Raum um.
Über der einzigen Tür leuchtete eine kleine Lampe, die ihr schwaches gelbes Licht auf den hölzernen Boden und die blanken, weiß gestrichenen Wände warf. Ein paar Meter neben meinem stand noch ein weiteres Bett, das ich von den Holzbeinen bis zum Kopfkissen begutachtete. Dann fiel mir etwas auf: ein Wesen, das zusammengekauert in der Mitte dieses Bettes saß. Sein Körper war etwas kleiner als mein eigener; es trug dieselben grauen Kleider wie ich; seine Haare waren grün gelockt und sein Gesicht versteckte es hinter seinen zitternden Knien. Mein Herzschlag beschleunigte sich; schließlich war mir nicht bewusst gewesen, dass noch etwas anderes Lebendes außer mir selbst existierte.
»H-hallo...«, sagte ich zögerlich und richtete meinen Oberkörper auf. Eine Antwort bekam ich nicht; stattdessen verstärkte sich das Zittern meines Gegenübers – möglicherweise konnte es mir ja gar nicht antworten. Aus meinem Augenwinkel erkannte ich auf einmal einen hellblauen Schriftzug auf der Innenseite meines linken Unterarms.
»Lilia...was soll das bedeuten?« Ich blickte erneut hinüber zu dem Wesen auf dem anderen Bett.
»Hey...steht auf deinem linken Arm auch etwas drauf?«, fragte ich neugierig. Es wandte seine ängstlichen Augen zu seinem eigenen Arm und musterte diesen für einige Sekunden; dann blickte es mich erneut an und der Klang einer piepsigen, hellen, leicht wackelnden Stimme wanderte zu mir herüber.
»S-Siletha...auf meinem A-Arm steht Siletha.«
Ich dachte nach. Aus welchem Grund standen auf unseren Armen unterschiedliche Wörter drauf?
»Vielleicht...«, murmelte ich vor mich hin, als mir auf einmal eine Idee kam, »...vielleicht sind das unsere Namen!« Von dem Wesen kam weder eine zustimmende noch eine widersprechende Reaktion; es starrte vor sich auf seine herangezogenen Knie und schien gegen Tränen anzukämpfen. Ich hatte zwar Mitleid, doch trotzdem ging mir so langsam, aber sicher seine Verschwiegenheit gediegen auf die Nerven. Ich war doch auch verwirrt und verunsichert.
»Sag mal...«, begann ich ein wenig ungeduldiger, »...vor was fürchtest du dich denn eigentlich so sehr?«
»I-ich weiß nicht...ich weiß n-nicht...«, stotterte das kleine Geschöpf.
»Was weißt du nicht?«
»I-Ich weiß nicht, was das hier alles soll. Ich weiß nicht, wer ich bin...ich weiß überhaupt nichts...d-das macht mir alles solche Angst. Vor allem, weil ich nicht weiß, was hinter dieser Tür ist.« Es schaute flüchtig mit einem misstrauischen Blick auf die einsame Tür und verborg sein Gesicht daraufhin wieder vollkommen in seinen Knien. Gleichzeitig verlor es den Kampf gegen die Tränen; sie flossen unkontrollierbar vor sich hin und der schmächtige Körper des kleinen Wesens bebte so sehr, dass ich fast Angst hatte, es würde zerbrechen. Warum ich das Folgende tat, wusste ich selbst nicht – wusste nicht, wieso es mich überhaupt kümmerte – doch konnte ich aus irgendeinem Grund den Anblick des verzweifelten Wesens nicht ertragen und mein Körper bewegte sich wie von allein hinüber zu ihm. Ich setzte mich auf sein Bett und legte vorsichtig meinen rechten Arm um seine Schulter. Ich drückte das Wesen sachte ein wenig an mich heran, in der Hoffnung, seinen zierlichen Körper etwas zur Ruhe zu bringen. Seine lockigen Haare kitzelten meine Nase.
In seiner unmittelbaren Nähe hatte ich nun einen genauen Blick auf seine spitzen Ohren, spitzen Eckzähne und funkelnden grünen Augen. Aus Neugier tastete ich mit meiner freien Hand meine eigenen Zähne und Ohren ab, jedoch fühlten sich diese eher stumpf und rundlich an.
»Ich kann verstehen, dass du dich so fühlst«, sagte ich ruhig und rieb mit meiner Hand über seinen Arm. »Immerhin weiß ich nicht viel mehr als du. Hinter dieser Tür könnte alles sein...aber vielleicht befindet sich hinter ihr ja etwas Schönes, auch wenn wir es uns noch gar nicht vorstellen können.«
»A-aber was, wenn nicht?«, stotterte das Wesen und seine tränenden grünen Augen blickten genau in meine. »W-was, wenn dort draußen etwas ist, das mir noch viel mehr Angst macht?«
»Dann...dann werde ich dich davor beschützen«, sagte ich in selbstbewusstem Ton.
»Wirklich? Das kannst du?«, fragte es mit großen Augen.
»Das werde ich, versprochen!«
Mir war zwar genau bewusst, dass ich mir dem nicht sicher sein konnte, doch war diese kleine Unwahrheit für mich ein notwendiges Mittel zum Zweck, um nicht allein herausfinden zu müssen, was sich außerhalb dieses Raumes befand. Außerdem hatte das Weinen des kleinen Geschöpfes irgendetwas in mir wachgerüttelt, das von mir verlangte, ihm zu helfen. Ich packte es also an der Hand und ging mit ihm bis zu der Tür – sein Zittern war nun nicht mehr ansatzweise so stark wie noch kurz zuvor. Mit meiner linken Hand griff ich die Türklinke und drückte sie nach unten. Dann zögerte ich plötzlich. Was, wenn es recht hatte? Was, wenn dort draußen wirklich etwas Schlimmes lauerte?
»Alles in Ordnung?«, fragte es und ich bemerkte, wie sein Zittern wieder anfing, stärker zu werden – aber das wollte ich auf keinen Fall. Nachdem ich ihm die Angst ein klein wenig genommen hatte, sollte es sich nun auch auf mich verlassen können.
»Ja, alles super! Also...los geht’s«, sagte ich breit grinsend und hoffte, dass mein Gesichtsausdruck überzeugender aussah, als er sich anfühlte. Ich schluckte meine Angst herunter und drückte die schwere Tür nach vorne, bevor ich es mir noch anders überlegen konnte.
Sofort blendete uns ein helles weißes Licht. Meine Augen schmerzten, glühten fast; einige Sekunden lang konnte ich sie gar nicht öffnen...bis es mir schließlich gelang und sich große, bunte Umrisse in meinem Sichtfeld formten. Tausend Eindrücke prasselten auf einmal auf mich ein und mir wurde schlagartig bewusst, dass noch so viel mehr existierte als der kleine Raum, in welchem wir erwacht waren.
Mit jedem Blick, den ich auf eines der umliegenden, riesigen Gebäude warf, stieg meine pure Faszination. Sie verliefen teilweise bis hoch zum Himmel und einige ihrer Wände bestanden aus Fensterglas. Zu zweit waren wir nun auch nicht mehr – wir befanden uns in einer dichtgedrängten Menge aus unterschiedlichsten Geschöpfen, die ebenfalls mit staunenden Blicken die prachtvollen Gebäude begutachteten. Einige von diesen Fremden hatten – genau wie das Wesen an meiner Seite – spitze Ohren; ein paar andere waren mit dichtem Fell überzogen und besaßen Krallen oder Flügel; außerdem schien es Wesen zu geben, die zu einer Hälfte aus Haut und zur anderen Hälfte aus glänzenden Teilen bestanden. Obwohl wir uns alle äußerlich stark unterschieden, ließ mich das Gefühl nicht los, dass wir uns alle auf irgendeine Art und Weise ähnlich sahen, da wir verbindende Merkmale besaßen.
»Siehst du...«, sagte ich grinsend, »...war doch gar nicht so schlimm. Anscheinend sind wir nicht die Einzigen, die hier aufgewacht sind. Wir müssen das also nicht alles allein durchstehen.« Ich drückte die Hand des kleinen Wesens.
»J-ja...«, stotterte es mit großen Augen, woraufhin es meinen Arm umklammerte und sich ein wenig hinter meinem Körper vor den neugierigen Blicken der anderen...
| Erscheint lt. Verlag | 3.5.2023 |
|---|---|
| Reihe/Serie | Equality |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Fantasy / Science Fiction ► Fantasy |
| Schlagworte | Anime • Dystopie • Fantasy • Fantasy-Dystopie • Science Fiction |
| ISBN-10 | 3-7578-3460-7 / 3757834607 |
| ISBN-13 | 978-3-7578-3460-9 / 9783757834609 |
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