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Alvine Hoheloh (eBook)

Demokratin

(Autor)

eBook Download: EPUB
2023 | 1. Auflage
509 Seiten
neobooks Self-Publishing (Verlag)
978-3-7549-9544-0 (ISBN)

Lese- und Medienproben

Alvine Hoheloh -  Amalia Frey
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Mitteleuropa 1918: Zeit der politischen und gesellschaftlichen Umbrüche. Monarchie und Demokratie. Reich und Arm. Tradition gegen Freigeist. Zweckbündnisse jedoch müssen halten - bis zum bitteren Ende. Alvine Hoheloh vermisst ihren Theodor, der im Kriegsgebiet verschollen ist, schmerzlich. Sie verfällt Quentin, ihrem schneidigen Vormund mit jedem Tag mehr. Im Krieg und Hungerwinter will sie für die Ärmsten der Stadt sorgen, muss aber fürchten, sich mit einem tödlichen Virus anzustecken. Sie möchte hart arbeiten, für Gerechtigkeit einstehen. Allerdings versagt ihr malader Köper ihr immer öfter den Dienst. Sie will wieder frei sein, doch dazu muss sie gehorchen. Alvine wollte immer schon alles. Am liebsten möchte sie nun jedoch den jahrewährenden Kampf aufgeben, einfach ihre Ruhe haben. Aber dann beginnt die Revolution.

Amalia Frey veröffentlicht außerdem feministische Romance und unter ihrem Pseudonym Claudi Feldhaus zeitgenössische Berlinromane und Fantastik. Sie lebt mit ihrer Familie in Ostberlin.

Amalia Frey ist mittlerweile Mitte 30 und entlässt diese Reihe in die Welt. Sie veröffentlicht außerdem feministische Romance und unter ihrem Pseudonym Claudi Feldhaus zeitgenössische Berlinromane und Fantastik. Sie ist Mitfrau der Autorinnenvereinigung Deutschland e.V. und im Bundesverband junger Autor*innen. Amalia Frey lebt, liebt und trinkt Kaffee in Berlin.

Teil 3


Demokratin

(1917–1920)

 

Der Anfang vom Ende


Dezember 1917: Theodor war nach einigen Monaten des zermarternden Arbeitens von einem Tag auf den anderen erneut in Einzelhaft gebracht worden. Wieder hatte er vor den Augen seiner Wachen duschen, Zähne putzen und zurück in seine Uniform schlüpfen müssen. Dass sie ihn sich säubern ließen, bedeutete offenbar, dass sie nicht vorhatten, ihm eine Kugel in den Kopf zu jagen. Das sagte er sich, während er allein in seiner Zelle lag, den Anhänger seiner Kette festhielt und versuchte, einzuschlafen. Dieses Amulett mit Alvines Foto hatte, wenngleich reichlich angeschlagen und vergilbt, all die Zeit, den Regen und den Dreck überstanden und war ihm sein einziger Trost.

Ab dann fanden täglich Verhöre statt. Er gab sich müde jedoch zäh und beantwortete die immer gleichen Fragen wahrheitsgemäß. Doch nach wie vor wollte ihm niemand glauben.

Seine Wächter holten ihn auch an diesem Morgen ab, wie nun einmal die Woche üblich, durfte er sein blondes Haar waschen und seinen mittlerweile kalkweißen dürren Körper schrubben. Seine einst maßgeschneiderte Uniform schlabberte an ihm, doch immerhin war sie lang genug, um seine Gestalt von 1,90 Metern vor den Elementen, die erbarmungslos durch die Mauerritzen seiner Zelle drangen, zu schützen. Der Dreck stellte eine zusätzliche Dämmschicht dar.

Nachdem er sich so sauber wie möglich gemacht hatte, führten sie ihn heute in einen Raum, in dem ein Tisch und zwei Stühle gegenüberstanden. Theodor war zu erschöpft, um einmal mehr zu sagen, dass es sinnlos wäre, ihn zu vernehmen. Erst als er auf einem der Stühle Platz genommen hatte, stellte er fest, was für ein Genuss es war, wieder in dieser Haltung zu sein.

Er wartete, bis der Große hereinkommen würde, um ihn erneut zu beschimpfen. Stattdessen betrat eine Dame in Uniform den Raum. Ihre Haut war so rosé, wie es die seine unter normalen Umständen wäre, und schimmerte gesund und frisch. Sie trug ihr rostrotes Haar streng aufgesteckt, statt einer Offiziershose einen Rock, der den Blick auf ihre Stiefel freigab. Unter ihrer Uniformjacke zeichneten sich gleichfalls ihre Kurven, breiten Schultern und strammen Oberarme ab. Ihre Haltung sprach von ihrer körperlichen und charakterlichen Stärke. Die Orden an ihrer Brust taten ihr Übriges. Offenkundig hatte sie in ihrem Leben dreimal so hart gearbeitet und viermal so viele Rückschläge wie ein Mann einstecken müssen, um heute in dieser Position zu sein. Theodor hatte die Geheimwaffe der feindlichen Armee vor sich. Kurz registrierte er ihre Attraktivität, obgleich er nicht mehr dazu in der Lage war, das zu beurteilen. Er hatte ewig keine Frau erblickt.

Sie trug Unterlagen in einer hölzernen Mappe zwischen ihren filigranen Fingern, die sie auf den Tisch legte, und begann ohne Umschweife: »Theodor Fürstenberg, richtig? Geboren am 24. September 1890.«

»Das ist korrekt«, gab er müde zurück und sie hakte etwas auf ihrer Liste mit einem Füllfederhalter ab. Die Tinte auf dem Dokument schillerte im Schein der Glühbirne.

»Sind Sie verheiratet?«

»Ja.«

»Haben Sie Kinder?«, wurde er zum ersten Mal gefragt.

»Soweit ich weiß, nein.«

»Comment? Ich meine, wie bitte?«

Jetzt erst fiel ihm auf, dass sie völlig akzentfrei sprach.

»Es ist durchaus möglich, dass meine Frau zwischenzeitlich ein Kind von mir geboren hat.«

»Von Ihnen?«

»Nun, sie hat mich vor etwa einem Jahr an der Front besucht.« Er hielt es für unnötig, mehr dazu zu sagen.

»Ihre Frau hat Sie besucht? An der Front?«

Theodor hätte sich am liebsten selbst geohrfeigt. Woher nur kam die Angewohnheit, seinen ersten Gedanken auszusprechen? Früher hatte er das besser im Griff gehabt.

»Pardon …«, erwiderte er schließlich, »wir sprechen über eine sehr willensstarke Person. Dass sie zu mir kam, grenzte für alle an ein Wunder, aber war durchaus typisch für sie.«

Die Dame lehnte sich zurück. »Wer sind Sie?«, fragte sie angriffslustig.

»Ich war Soldat, Scharfschütze.«

»Was bedeutet dunkelgrau?«

»Diese Farbe wurde unserer Einheit zugeteilt.«

»Was machte Ihre Einheit aus?«

»Wir waren Scharfschützen.«

»Und alle von auffällig ähnlicher Statur.«

»Das hatten wir uns nicht ausgesucht.«

Mit einem Satz sprang sie auf und verpasste ihm eine schallende Ohrfeige: »Denken Sie, wir haben uns ausgesucht, dass Ihresgleichen über unser Land fegt wie eine Naturkatastrophe? Sie befinden sich auf sehr dünnem Eis, Theodor Fürstenberg! Entweder Sie kooperieren mit uns oder wir sehen uns gezwungen, Ihren Aufenthalt noch unangenehmer zu machen!«

Sie setzte sich langsam, ihre Nasenflügel vibrierten.

Nur mit Beherrschung gelang es Theodor, sein Zittern zu unterdrücken, als er so ruhig wie möglich antwortete: »Es war nicht meine Absicht, Sie zu verärgern. Nur leider weiß ich nicht, was Sie und Ihre Kollegen noch von mir hören wollen. Unser Korps ereilte niemals Informationen über die genaue Bedeutung der Abteilung.«

»Und das sollen wir Ihnen glauben? Sie sind keine dreißig, Scharfschütze, Student der Nationalökonomie, in der Politik tätig, sprechen fließend Französisch und hatten ganz offensichtlich die Leitung des Bataillons inne. Außerdem ist Ihre Frau fähig, Sie so mir nichts dir nichts an der Front zu besuchen! Inwieweit würden Sie das nicht für verdächtig halten?«

»Ehrlich gesagt wüsste ich gerne, woher Sie all diese Informationen über mich haben.«

Wieder setzte es eine Ohrfeige. Darin war sie gut. Theodors Wange glühte.

»Reden Sie endlich!«

Wahrscheinlich war es egal, was er sagte. Und als er daraufhin nur mit den Schultern zuckte, schlug die Dame ihm die Mappe um die Ohren. Dann beschimpfte sie ihn, er zog den Hals ein und sah sie so stoisch wie möglich an. Das machte sie jedoch erst recht rasend. Theodors Mundwinkel zuckten, als ihm gewahr wurde, dass sie ihn an Alvine erinnerte. An sie und ihre süßen Tobsuchtsanfälle. Frauen, zu denen er sich hingezogen fühlte, schienen mit noch mehr Wut auf seine Ruhe, seine gespielte Apathie, zu reagieren. Aber er hatte in seinem Leben zu oft mit Männern agiert. Erst jetzt fiel ihm auf, wie grundverkehrt es sein konnte, weiblicher Wut mit Gleichgültigkeit zu begegnen.

Auf einmal zog die Dame eine winzige Reitgerte hervor und schlug auch damit zu. Sie traf seine Wange, sein Ohr und einen Teil seines Halses. Das Fleisch brannte und begann, unaufhörlich zu pochen.

»Ich habe kein Problem, Ihr Gesicht weiter zu verstümmeln! Mal sehen, ob Sie Ihre Frau zurückwill!«

»Ich kann Ihnen nicht mehr sagen als das. Ich weiß wirklich von nichts«, stammelte er und hielt sich sein Ohr.

Erneut holte die Dame aus und erwischte ihn an Schulter und Brust. Der Schlag wurde durch den dicken Stoff seiner Uniform minimal gehemmt, riss aber die Blessur darunter auf.

Theodor sprang auf, seine Peinigerin ihm nach, ohne auch nur einmal vor ihm zurückzuschrecken, obwohl er viel größer war. Dann zischte die Reitgerte wieder auf ihn nieder, traf seinen Rücken, danach seinen Bauch. Er krümmte sich und fragte, was in Gottes Namen sie von ihm hören wollte.

»Die Wahrheit, Boche[Fußnote 1]! Sperr dein Maul auf und sag mir, was ich hören will! Oder soll ich erst richtig wütend werden?« Sie schlug gegen seine Brust und Theodor umklammerte mit den Fingern sein Medaillon.

Er ertrug es nicht mehr und wich ihrem nächsten Schlag aus, warf sich vor und packte ihre Handgelenke. Entschieden drückte er sie weg, sie stieß vor Schreck einen spitzen Schrei aus. Als die Wächter ihr zur Hilfe eilten, ließ Theodor augenblicklich von ihr ab. Ohne seine Gegenwehr fesselten sie ihn die Hände auf den Rücken.

Die Dame hatte sich offenbar gesammelt, richtete in aller Ruhe ihre Frisur und kam auf Theodor zu. Sie strich über seine Wange und hauchte: »J‘aime pas les hommes qui luttent de retour![Fußnote 2]«

Dann fasste sie in seinen Kragen, und berührte die Kette des Medaillons. Ein breites Grinsen zeichnete sich in ihrem Gesicht ab. Theodor brach der kalte Schweiß aus, als sie das Schmuckstück hervorzog. Langsam streifte sie ihm die Kette über den Kopf und ließ das münzgroße Oval, das Alvines Foto trug, wie ein Pendel vor ihm schwingen.

»Merci«, sagte sie und war im Begriff, es einzustecken.

Das war der Moment, in dem Theodor trotz seiner Fesseln aufsprang und auf sie losging. Ein Grinsen zuckte über ihr Gesicht. Noch ehe er sie treffen konnte, trat sie ihm mit dem Knie vorweg in den Bauch. Er schmeckte Blut, als er einmal lang zu Boden ging. Dann spürte er ihren Absatz in seinem Rücken.

Er hörte ihr Flüstern, in seinen Ohren rauschte es, aber er glaubte auszumachen, was sie sagte: »Danke, dass du mir einen Grund geliefert hast. So Großen wie dir tue ich am liebsten weh.«

Seine Bewacher feixten peinlich berührt. Die junge Frau bellte einen Befehl in ihre Richtung, den sie einem respektvollen mit »Oui Mademoiselle«, quittierten. Damit wuchteten sie ihn zurück in seine Zelle und warfen ihn zu Boden. Die Handfesseln auf dem Rücken blieben.

Die Mademoiselle war ihnen gefolgt, beugte sich zu ihm herab und küsste seine Wange. »Pour un Allemand vous n‘êtes pas si mal![Fußnote 3]«, flüsterte sie.

Sie stieß ihn weg, richtete sich auf, strich den Rock glatt und schritt erhobenen Hauptes aus dem Raum. Die Wachen sahen ihn lachend an. Es sieht danach aus, als hat der fiese Fuchs einen neuen...

Erscheint lt. Verlag 2.5.2023
Reihe/Serie Alvine Hoheloh
Alvine Hoheloh - Demokratin
Verlagsort Berlin
Sprache deutsch
Themenwelt Literatur Klassiker / Moderne Klassiker
Literatur Romane / Erzählungen
Schlagworte Arbeitskampf • Frauengeschichte • Freundschaft • Revolution • Romance • Weltkrieg
ISBN-10 3-7549-9544-8 / 3754995448
ISBN-13 978-3-7549-9544-0 / 9783754995440
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