Das Messingschild (eBook)
231 Seiten
neobooks Self-Publishing (Verlag)
978-3-7549-9414-6 (ISBN)
Berthold Wigger wurde 1966 im Münsterland geboren. Nach dem Hauptschulabschluss wechselte er aufs Gymnasium und machte Abitur. Inzwischen ist er Professor am Karlsruher Institut für Technologie. Studiert hat er Volkswirtschaftslehre und Mathematik. In Göttingen hat er promoviert und in Mannheim habilitiert. Forschungsaufenthalte führten ihn nach Italien, Australien und in die USA. Immer wieder kehrt er in seine alte Heimat zurück. Dort spielt sein erster Roman Das Messingschild.
Berthold Wigger wurde 1966 im Münsterland geboren. Nach dem Hauptschulabschluss wechselte er aufs Gymnasium und machte Abitur. Inzwischen ist er Professor am Karlsruher Institut für Technologie. Studiert hat er Volkswirtschaftslehre und Mathematik. In Göttingen hat er promoviert und in Mannheim habilitiert. Forschungsaufenthalte führten ihn nach Italien, Australien und in die USA. Immer wieder kehrt er in seine alte Heimat zurück. Dort spielt sein erster Roman Das Messingschild.
Bewersfeld
An einem sonnigen Morgen im August des Jahres 1926 marschierten rund einhundert Männer in Zweierreihen zum Haus des Viehhändlers Sigmund Mahrani in der Hauptstraße 47 in dem kleinen Ort Bewersfeld. Die Männer waren einheitlich in schwarze Hosen und weiße Hemden gekleidet und machten mit den mit Federn geschmückten, grünen Filzhüten und den mit Blumen verzierten Stöcken, die sie über den Schultern trugen, einen mehr festlichen als militärischen Eindruck.
Die jüngsten unter ihnen, gerade sechzehn Jahre alt geworden, winkten den am Straßenrand stehenden Mädchen zu und rissen schlüpfrige Witze. Der Älteste im Zug hatte die siebzig bereits weit überschritten. Mit gebeugtem Rücken und sichtlichen Mühen, aber doch mit würdevoller Miene, versuchte er mit den Jüngeren im Zug Schritt zu halten. Schon am deutsch-französischen Krieg vor mehr als fünfzig Jahren hatte er mit den Westfälischen Ulanen teilgenommen. In der Schlacht bei Saint-Quentin war er schwer verwundet worden. Splitter einer Mörsergranate waren ihm tief in den rechten Oberschenkel gedrungen. Seither machte ihm das rechte Bein zu schaffen. Besonders heute beim Marschieren strahlten die Schmerzen bis in den Fuß hinein. Doch der Sieg über die Franzosen hatte ihn stets mit großem Stolz erfüllt. Noch heute trug er den Bart wie damals der preußische König.
Der alte Mann war längst nicht der einzige im Zug, dem das Marschieren schwerfiel. Einige weit jüngere Männer humpelten noch mehr als der Alte. Auch sie hatte der Franzose lahmgeschossen, ihnen aber nicht den Gefallen getan, sich fortan als Sieger zu fühlen.
Den Männern voran schritt eine Blaskapelle, die zum wiederholten Mal den Torgauer Marsch zum Besten gab. Manchen in der Marschkolonne lud das zu gedankenversunkener innerer Einkehr ein und ließ ihn das Links-zwo-drei-vier des Marschierens vergessen. So gerieten einige der Männer immer wieder aus dem Rhythmus und versuchten dann mit eigentümlichen Trippelschritten zum Gleichschritt zurückzukehren. Die humpelnde und trippelnde Marschkolonne war das aktuelle Aufgebot des Bewersfelder Schützenvereins und ausgezogen, ihrem neuen König zu huldigen oder, wie sie hier sagten, ihn auszuholen.
Am Vortag hatte Sigmund Mahrani auf dem Schützenplatz bei sengender Hitze den bereits von den Schützenbrüdern mürbe geschossenen Vogel mit einer Schrotflinte von einem zu einer Vogelstange umfunktionierten Fahnenmast geschossen. Den Vogel hatte der Dorfschreiner Paul Benntrup zuvor in mehreren Wochen mühsamer Kleinarbeit aus vielen Schichten harter Holzlättchen zusammengeleimt. Im Dorf wurde Paul Benntrup von allen nur Lattenpaul gerufen. Ob das allerdings mit dem Beruf des Schreiners zu tun hatte oder vielmehr, weil ihm auf Dorffesten das Tanzen mit den Bewersfelder Mädchen augenscheinlich gefiel, darüber gingen im Dorf die Meinungen auseinander.
Als der Torso des Holzvogels nach Sigmund Mahranis Schuss in zwei Teile zerbrochen und zu Boden gefallen war, war es für einen Moment ganz still geworden auf dem Schützenplatz, so als folgten alle Anwesenden, praktisch das ganze Dorf, erschrocken dem Nachhall des finalen Schusses. Erst als zwei umstehende Schützenbrüder den neuen König auf ihre Schultern gehoben hatten und er von seiner erhobenen Position nach allen Seiten zu winken begonnen hatte, war auf dem Schützenplatz allgemeiner Jubel ausgebrochen.
Nun stand Sigmund Mahrani neben seiner Frau Jolanta vor dem gemeinsamen Haus in der Hauptstraße und erwartete die Ankunft der Schützenbrüder. Sigmund war Ende dreißig, kaum mittelgroß, aber von muskulöser und kräftiger Statur. Sein Haar war noch schwarz, aber der Haaransatz hatte sich bereits weit hinter die Stirn zurückgezogen. Er trug das verbliebene Haar kurz und dazu einen nach der Mode der Zeit gestutzten Oberlippenbart. Das nicht besonders kantige, aber doch massige Kinn gab seinem Gesicht einen durchaus energischen Ausdruck.
Seine sonst strahlenden, blaugrauen Augen waren heute etwas blutunterlaufen. Ein Tribut an die aufgeregten Ereignisse des vorangegangenen Tages und die lange Nacht, in der er als neuer Schützenkönig auch beim Feiern und Trinken nicht hinter seinen Schützenbrüdern hatte zurückstehen wollen.
Trotz der hochsommerlichen Temperaturen trug er einen schwarzen Wollanzug, der ihn etwas gedrungen erscheinen ließ, dazu ein weißes Hemd und eine silbergraue Krawatte. Geschmückt war er mit der Bewersfelder Königskette, die aus einer großen Zahl silberner Schildchen zusammengesetzt war, von denen jedes die Namen eines früheren Bewersfelder Königspaars trug. Bald würde auch ein Schildchen mit den Namen der Mahranis der Kette hinzugefügt werden.
Seine Frau Jolanta, nun die neue Königin, war zwölf Jahre jünger als Sigmund. Vor zwei Jahren hatte er sie in Oberhausen geheiratet. Anschließend war sie zu ihm nach Bewersfeld gezogen. Ihre Ankunft hatte in Bewersfeld großes Aufsehen erregt. Wie in den meisten Dörfern im westlichen Münsterland vermählten und vermehrten sich die Bewersfelder seit eh und je vor allem untereinander. Manche hatten das aus freien Stücken getan, einige dabei sogar beständiges Glück gefunden. Nicht selten aber standen eher ungestüme jugendliche Triebhaftigkeit, gepaart mit zu viel Alkohol, am Anfang einer neuen Bewersfelder Familie.
An Jolanta indessen fand wohl so ziemlich jeder Mann in Bewersfeld Gefallen, ganz egal ob jung oder alt, betrunken oder nüchtern. Mit ihrer schlanken und geschmeidigen Figur wirkte sie neben den meist kräftigen Frauen von Bewersfeld wie von einem anderen Stern. Ihr selbstbewusstes Auftreten, das die Bewersfelder als typisch städtisch bezeichneten, kam ihnen geradezu extravagant vor. Besonders die Bewersfelder Frauen empfanden es fast wie einen Vorwurf. Jolantas Gang erschien ihnen zu aufrecht, beschwingt, ja fast aufreizend, und das auf Schuhabsätzen, auf denen die meisten Frauen von Bewersfeld nicht einmal gerade hätten stehen können.
Auch sonst unterschied sich Jolanta in ihrer Kleidung von den anderen Frauen im Dorf. Die Bewersfelder Frauen trugen bei fast jeder Gelegenheit ein Kopftuch, selbst am Sonntag in der Kirche. Die älteren unter ihnen und die Witwen, wovon es nach dem letzten Krieg nicht wenige in Bewersfeld gab, trugen ein schwarzes. Einige jüngere Frauen trauten sich immerhin zu etwas Farbe. Jolanta dagegen hatte noch niemand in Bewersfeld mit einem Tuch auf dem Kopf gesehen. Sie hatte für jede Jahreszeit einen passenden Hut. An besonderen Tagen wie heute jedoch ließ sie ihr gewelltes, brünettes Haar offen über die Schultern fallen.
Obwohl Jolanta fast ebenso groß war wie ihr Mann, wirkte sie an seiner Seite doch zart. Ihre großen, braunen, etwas auseinanderstehenden Augen und die hohen Wangenknochen erinnerten an die russischen Vorfahren ihres Vaters, die im letzten Jahrhundert ins Ruhrgebiet eingewandert waren. Mütterlicherseits stammte ihre Familie ursprünglich aus Frankreich. In Oberhausen, wo sie geboren und aufgewachsen war, hatte man sie oft die schöne Jolanta genannt oder einfach Jolie, was ihr besonders gefiel. Die Bewersfelder hatten für Jolanta noch keine rechte Bezeichnung gefunden. Sie wunderten sich noch zu sehr über diese ganz und gar ungewöhnliche und elegante Erscheinung.
Als die Männer des Bewersfelder Schützenvereins sich dem Haus der Mahranis näherten, winkte Sigmund sie mit seinem schwarzen Zylinderhut aus schwerem Filz heran. Später würde er den Zylinder trotz der bereits einsetzenden Hitze tragen müssen, dabei stand ihm schon jetzt der Schweiß auf der hohen Stirn. Das Winken wäre eigentlich überflüssig gewesen, denn jeder in Bewersfeld wusste, wo die Mahranis wohnten. Im Jahr 1926 lebten keine tausend Menschen in Bewersfeld und jeder im Ort kannte jeden. Das Haus der Mahranis war ohnehin in aller Munde. Sigmund hatte es bauen lassen, bevor er Jolanta in Oberhausen geheiratet hatte, und war kurz nach der Hochzeit gemeinsam mit Jolanta in das neue Haus gezogen.
Im westlichen Münsterland bauten die Menschen ihre Häuser seit je aus Backsteinen in warmer, rotbrauner Farbe. Wer es sich leisten konnte, ließ Fenster und Türen mit gelblich-braunem Sandstein einfassen, der aus den nahe gelegenen Baumbergen geliefert wurde, und teuer bezahlt werden musste. Sigmund Mahrani hatte diese Kosten nicht gescheut. Die großen, von Sandstein umrahmten Fenster ließen schon von außen erahnen, wie hell es in dem Haus sein mochte. Nur wenige Bewersfelder hatten das Haus der Mahranis bisher von innen gesehen. Sie erzählten sich aber, innen sei es noch prächtiger als außen.
Als eines der wenigen Häuser in Bewersfeld hatte das Haus der Mahranis zwei Stockwerke und darüber ein hohes Walmdach. So wirkte es weitaus geräumiger und großzügiger als die umliegenden einfachen Backsteinhäuser, die nur ein Stockwerk hatten, das sich unter einem meist schiefen Giebeldach duckte. Bislang wohnten die Mahranis allein mit einer Haushaltshilfe in dem großen Haus. Das sollte sich aber bald ändern, denn Jolanta war schwanger. Platz nicht nur für ein Kind gab es genug in ihrem neuen Haus.
Als der Schützenzug vor dem Haus der Mahranis zum Stehen kam, hörte die Blaskappelle zu spielen auf und ein Mann in grüner Uniform und einem Ziersäbel an der Seite trat vor die Schützen. „Stillgestanden“, rief er, „rechts um“, und dann noch „präsentiert das Gewehr“, woraufhin die Schützen die Stöcke mit den Blumen von den Schultern nahmen und aufrecht vor der Brust präsentierten. „Guten Morgen, Männer“, rief der Mann in Uniform, und die Schützen antworteten: „Guten Morgen, Herr Hauptmann“. „Habt ihr alle gut geschlafen und genügend Durst mitgebracht?“ fuhr der als Hauptmann titulierte...
| Erscheint lt. Verlag | 11.4.2023 |
|---|---|
| Verlagsort | Berlin |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Romane / Erzählungen |
| Schlagworte | Dorfgemeinschaft • Familiengeschichte • Münsterland |
| ISBN-10 | 3-7549-9414-X / 375499414X |
| ISBN-13 | 978-3-7549-9414-6 / 9783754994146 |
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