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Werke. Herausgegeben von Frank Hörnigk (eBook)

Werke 1: Die Gedichte

(Autor)

Frank Hörnigk (Herausgeber)

eBook Download: EPUB
2023 | 1. Auflage
360 Seiten
Suhrkamp Verlag
978-3-518-76611-8 (ISBN)

Lese- und Medienproben

Werke. Herausgegeben von Frank Hörnigk - Heiner Müller
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Dieser Band I der Werkausgabe enthält neben allen Gedichten, die der Autor zu Lebzeiten in Büchern, Zeitschriften, Zeitungen und an entlegeneren Orten veröffentlichte, auch sämtliche 120 im persönlichen Archiv Heiner Müllers hinterlegten unveröffentlichten Gedichte. Erstmals wird hiermit das gesamte lyrische Schaffen des Autors im Zusammenhang vorgestellt. Heiner Müller hat an der Vorbereitung dieses Bandes noch selbst teilgenommen, Material gesichtet und geordnet. Es entspricht seinem Wunsch, daß diese Ausgabe dem Prinzip »brutaler Chronologie« folgt.

Bitte beachten Sie: Der Band enthält zwei Gedichte, die nicht von Heiner Müller, sondern von Günter Kunert stammen. Es handelt sich um die Texte »Impressionen am Meer« und »Die Uhr läuft ab«. Der Fehler wird in der nächsten Auflage des Bandes korrigiert.



<p>Heiner Müller, geboren am 9. Januar 1929 in Eppendorf, Sachsen, war einer der wichtigsten deutschsprachigen Dramatiker der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Zudem war er Lyriker, Prosa-Autor und Essayist sowie Präsident der Akademie der Künste Berlin (Ost). Er ist am 30. Dezember 1995 in Berlin verstorben.</p>

1949 . . .

Auf Wiesen grün

Viel Blumen blühn

Die blauen den Kleinen

Die gelben den Schweinen

Der Liebsten die roten

Die weißen den Toten

LACH NIT ES SEI DANN EIN STADT UNTERGANGEN

(Grobianus)

ICH WILL EIN DEUTSCHER SEIN

(Eintragung im Schulheft eines elfjährigen jüdischen Jungen im Warschauer Ghetto)

DER TERROR VON DEM ICH SCHREIBE KOMMT NICHT AUS DEUTSCHLAND ES IST EIN TERROR DER SEELE

(Edgar Allan Poe)

DER TERROR VON DEM ICH SCHREIBE KOMMT AUS DEUTSCHLAND

UND ZWISCHEN ABC UND EINMALEINS

Wir pißten pfeifend an die Schulhauswand

Die Lehrer hinter vorgehaltner Hand

HABT IHR KEIN SCHAMGEFÜHL Wir hatten keins.

Als Abend wurd wir stiegen auf den Baum

Von dem sie früh den Toten schnitten. Leer

Stand nun sein Baum. Wir sagten: DAS WAR DER.

WO SIND DIE ANDERN? ZWISCHEN AST UND ERD IST RAUM.

WOHIN?

Dein Vater sollt marschieren.

Dein Vater ist marschiert.

Dein Vater — er ließ sich führen.

Sie haben ihn geführt.

Und heut sollst du marschieren.

Dein Vater — der ist marschiert.

Weißt du, wohin sie dich führen?!

Ihn haben sie sterben geführt.

BERICHT VOM ANFANG

1

Vom Pfennig lebend haben sie gekämpft

wie um ihr Leben um den Pfennig. So

hat sies gelehrt die Welt, in der für sie nur

Platz war ganz unten.

Als die Spitze abbrach

viel noch erschlagend ringsum, Trümmer streuend auf die

nicht Mitgefallnen, kam was unten war

nach oben stolpernd übern Trümmerberg langsam.

2

Zwar war der Pfennig nun gemeinsam, aber

was für ein karger Pfennig! Zwar das Brot

gehörte allen, aber sättigte keinen.

3

Das hieß: Kampf für den Pfennig anstatt um ihn.

Ein Heutewenig für ein Morgenviel.

4

Zwar war das Ziel erreicht. Doch zugeschüttet

vom Trümmerberg. Und Stein bleibt Stein, schwer zu bewegen.

5

Da waren die Geduldigen ungeduldig.

Da waren nach durchwachter Nacht früh müde

die Unermüdlichen . . .

Die lange kämpften sahn den Sieg nicht

vor Schweiß der brannte wie die Träne vorher.

Die Überlebenden aus großen Kriegen

um den Platz am Tisch, Frieden und Schuhwerk

den Sieg in Händen, aber noch nicht in der Tasche

fanden, was da zu tun war, schwierig.

6

Zwar sprach da eine Stimme von vorn her

zu ihnen: ihr Geduldigen, habt Geduld!

Ihr Unermüdlichen, seid unermüdlich!

Kämpft weiter, ihr Siegreichen . . .

Zwar sie gingen

den Weg, bezeichnet von der Stimme, denn

da war kein besserer, aber sie wußten

Nicht, daß da ihre eigne Stimme sprach . . .

7

Doch waren ihre Hände klüger als

ihr Kopf war, und sie taten was zu tun blieb.

Den Baustein schmähend bauten sie die Häuser

den Schritt verfluchend gingen sie den Weg

sehend die Wolke, nicht den Himmel drüber

und nicht die Straße, nur der Straße Staub.

8

Noch als das Haus schon stand, gebaut für sie

von ihnen, wußten sie nicht, was da

gebaut war. In die Türe tretend noch

blickten sie hinter sich, fragend: warum

verjagt uns keiner? Es gehört wohl keinem?

9

Die in der Kunst des Nehmens nicht

Geübten nahmen da das ihre in

Besitz nur zögernd. Die solang Bestohlnen

verdächtigten sich da des Diebstahls selber.

10

Immer vor ihnen aber war die Stimme

die sprach zu ihnen: Es genügt nicht! Bleibt

nicht stehn! Wer stehn bleibt fällt! Geht weiter! So

im Immerweitergehn folgend der Stimme

wurde das Schwierige einfach

wurde das Unerreichbare erreicht.

Und überm Immerweitergehn erkannten

sie: die da sprach war ihre eigene Stimme.

BILDER

Bilder bedeuten alles im Anfang. Sind haltbar. Geräumig.

Aber die Träume gerinnen, werden Gestalt und Enttäuschung.

Schon den Himmel hält kein Bild mehr. Die Wolke, vom Flugzeug

Aus: ein Dampf der die Sicht nimmt. Der Kranich nur noch ein Vogel.

Der Kommunismus sogar, das Endbild, das immer erfrischte

Weil mit Blut gewaschen wieder und wieder, der Alltag

Zahlt ihn aus mit kleiner Münze, unglänzend, von Schweiß blind

Trümmer die großen Gedichte, wie Leiber, lange geliebt und

Nicht mehr gebraucht jetzt, am Weg der vielbrauchenden endlichen Gattung

Zwischen den Zeilen Gejammer

auf Knochen der Steinträger glücklich

Denn das Schöne bedeutet das mögliche Ende der Schrecken.

PHILOKTET 1950

Philoktet, in Händen das Schießzeug des Herakles, krank mit

Aussatz ausgesetzt auf Lemnos, das ohne ihn leer war

Von den Fürsten mit wenig Mundvorrat, zeigte da keinen

Stolz, sondern schrie, bis das Schiff schwand, von seinem Schrei nicht gehalten.

Und gewöhnte sich ein, Beherrscher des Eilands, sein Knecht auch

An es gekettet mit Ketten umgebender Meerflut, von Grünzeug

Lebend und Getier, jagbarem, auskömmlich zehn Jahr lang.

Aber im zehnten vergeblichen Kriegsjahr entsannen die Fürsten

Des Verlassenen sich. Wie den Bogen er führte, den weithin

Tödlichen. Schiffe schickten sie, heimzuholen den Helden

Daß er mit Ruhm sie bedecke. Doch zeigte sich der da von seiner

Stolzesten Seite. Gewaltsam mußten sie schleppen an Bord ihn

Seinem Stolz zu genügen. So holte er nach das Versäumte.

GESCHICHTEN VON HOMER

1

Häufig redeten und ausgiebig mit dem Homer die

Schüler, deutend sein Werk, ihn fragend um richtige Deutung.

Denn es liebte der Alte immer sich neu zu entdecken

Und gepriesen geizte nicht mit Wein und Gebratnem.

Kam die Rede, beim Gastmahl, Fleisch und Wein, auf Thersites

Den Geschmähten, den Schwätzer, der aufstand in der Versammlung

Nutzte klug der Großen Streit um das größere Beutstück

Sprach: Sehet an den Völkerhirten, der seine Schafe

Schert und hinmacht wie immer ein Hirt, und zeigte die blutigen

Leeren Händ der Söldner als leer und blutig den Söldnern.

Da nun fragten die Schüler: Wie ist das mit diesem Thersites

Meister? Du gibst ihm die richtigen Worte, dann gibst du mit eignen

Worten ihm unrecht. Schwierig scheint das uns zu begreifen.

Warum tatst dus? Sagte Homer: Zu Gefallen den Fürsten.

Fragten die Schüler: Wozu das? Der Alte: Aus Hunger. Nach Lorbeer?

Auch. Doch schätz er den gleich hoch wie auf dem Scheitel im Fleischtopf.

2

Unter den Schülern, heißt es, sei aber einer gewesen

Klug, ein großer Frager. Jede Antwort befragt er

Noch, zu finden die nicht mehr fragliche. Dieser nun fragte

Sitzend am Fluß mit dem Alten, noch einmal die Frage der andern.

Prüfend ansah den Jungen der Alte und sagte, ihn ansehnd

Heiter: Ein Pfeil ist die Wahrheit, giftig dem eiligen Schützen!

Schon den Bogen spannen ist viel. Der Pfeil bleibt ein Pfeil ja

Birgt wer im Schilf ihn. Die Wahrheit, gekleidet in Lüge, bleibt Wahrheit.

Und der Bogen stirbt nicht mit dem Schützen. Sprachs und erhob sich.

GESPRÄCH MIT HORAZ

Silbenzähler beiläufig dein Vers unterm Schritt der Kohorten

Die Kohorten wo sind sie Mein Vers geht ins zweite Jahrtausend

HORAZ

1

Der Arrivierte mit dem Haß auf sein Startloch.

Unter Brutus ist er Demokrat

Tod dem Tyrannen und mir auch ein Landgut

Pazifist bei Philippi, er skandiert den Boden.

Dann lernt er seine Lektion (er auch), wechselt

Die Laufbahn. Schwamm drüber Augustus. Das Landgut

Schenkt Mäcen ihm für einen Platz in den Oden

Acht Spiegel im Schlafzimmer und kein Wort mehr von Brutus.

Er macht seinen Weg in die Chrestomathien

Aere perennius Liebling der Philologen.

2

Rom die Hure mit den sieben Brüsten.

Lob der Mäßigkeit, Mutter der Weltreiche

Aufgefressen von den wachsenden Kindern

Mit vollkommenen Versen, sonst wozu, braucht

Luxus. Satt singt Horaz. Den Lorbeer

Würzt das Fleisch. Kappadozisches Wildbret!

(Und die Baumblüte in den Albanerbergen!)

Dreiundzwanzig Dolchstöße, der zweite tödlich

In ein fallsüchtiges Fleisch, was sind sie

Gegen den Furz des Priap in der achten Satire.

ÜBER CHAMISSOS GEDICHT

»DIE ALTE WASCHFRAU«

Der Dichter staunt, wie die noch rüstig ist

Mit sechsundsiebzig. — Mensch, der Frau pressiert es!

Wenn die nicht Hemden wäscht, wer weiß, passiert es

Daß man sie zu bezahlen glatt vergißt.

Er sieht, sie schwitzt. Er lobt sie drum. Es treibt

Ihr Schweiß ja seine Mühle, und indessen

Sie Schwarzbrot kaut, kann er Pasteten fressen.

Sie lobend...

Erscheint lt. Verlag 19.4.2023
Sprache deutsch
Themenwelt Literatur Lyrik / Dramatik Lyrik / Gedichte
Schlagworte 20. Jahrhundert • Anthologie • Auswahl • Blütenlese • Deutschland • Dichter • Drama • Dramatiker • Gedichtband • Gedichte • Heiner Müller • Kommentar • Lyrik • Lyrisch • Poesie • poetisch • Sammlung • Werke • Zusammenstellung
ISBN-10 3-518-76611-2 / 3518766112
ISBN-13 978-3-518-76611-8 / 9783518766118
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