Schwankender Grund (eBook)
203 Seiten
neobooks Self-Publishing (Verlag)
978-3-7549-9375-0 (ISBN)
Veronika Beci, geboren 1966 in Düsseldorf und aufgewachsen in Lintorf, arbeitete nach ihrem Studium der Musikwissenschaft, Germanistik und Archäologie freiberuflich als Sachbuchautorin. Zu ihren Veröffentlichungen zählen kulturgeschichtliche Darstellungen, pädagogische Sachbücher und Biographien. Sie ist auch als Erzählerin und Lyrikerin in Erscheinung getreten; ihre Werke erschienen in Literaturzeitschriften und Sammelwerken.
Veronika Beci, geboren 1966 in Düsseldorf und aufgewachsen in Lintorf, arbeitete nach ihrem Studium der Musikwissenschaft, Germanistik und Archäologie freiberuflich als Sachbuchautorin. Zu ihren Veröffentlichungen zählen kulturgeschichtliche Darstellungen, pädagogische Sachbücher und Biographien. Sie ist auch als Erzählerin und Lyrikerin in Erscheinung getreten; ihre Werke erschienen in Literaturzeitschriften und Sammelwerken.
Noch Januar
16. Januar
Am Gartenzaun stand der Nachbar, Herr Marić. Ich kam eben vorbei, als er sich mit Rina unterhielt. Wir stellten uns kurz einander vor. Dann sprach er weiter: „Dieses Corona! Ich sage Ihnen, wir werden kaputt gemacht, systematisch kaputt gemacht! Da haben Geheimdienste ihre Finger im Spiel. Sicher der KGB oder Chinas Ministerium für Staatssicherheit.“
„Aber, Herr Marić“, beruhigte Rina ihn: „Meinen Sie, die Geheimdienste hätten so etwas nötig?“
„Mich kriegen die auch nicht. Mich nicht! Ich lasse mich nicht impfen. Das mache ich nicht mit. Wer weiß, was die uns einimpfen. Ich weiß, was Krieg ist, damals, Anfang der Neunziger! Ha! Sie sind jung, Sie wissen das nicht. Die wollen uns unfruchtbar machen und dann kriegen die viele Kinder und … ja, warten Sie es ab, noch zwei oder drei Generationen, dann gibt es keine Deutschen mehr, keine Bosnier oder Europäer, nur noch Chinesen!“
„Die Welt verändert sich eben“, versuchte Rina über die Auslassungen hinwegzugehen.
Geschickt lenkte sie das Gespräch auf die Müllabfuhr, und dass die Müllwerker mal wieder die Tonnen durcheinandergemischt und sonst wo abgestellt hatten. „Zwei Straßen weiter hab' ich meine Papiertonne gefunden! Das ist doch unglaublich, oder“, regte sich Herr Marić auf.
Dass er seine Papiertonne überhaupt anfasst, verwunderte mich. Er und seine Frau machen eins auf reich und schon. Etepetete, fahren Porsche, sie hat den ganzen Tag nichts anderes zu tun, als vor der Haustür zu stehen, zu paffen, die Stummel dann über den Zaun in unseren Garten zu schmeißen und stundenlang am Handy zu quatschen.
„Die beiden sind ziemlich rücksichtslos. Sahen, dass bei uns Wäsche draußen hängt und spritzten trotzdem mit Hochdruckreiniger ihre Hauswand ab, ohne uns vorher zu warnen oder zu warten, bis die Wäsche weg war. Die Wäsche sah aus! Oder stellten einen Rasensprenger so dämlich auf, dass er unsere Gartenmöbel traf und meine Sitzpolster nur so trieften. Solche Klopper bringen die dauernd. Nicht aus Bosheit, einfach weil alle anderen ihnen schietegal sind: Nur sie selbst zählen. Du wirst es noch erleben“, klagte Rina: „Trotzdem hätte man es schlimmer treffen können mit den Nachbarn und die Familie auf der anderen Seite ist total lieb.“
Lektüre: In Musikerbiographien geblättert – Freude daran gehabt. Passenderweise dazu Diverses von Clara und Robert Schumann, Leopold Mozart und Franz Schubert gehört.
Robert Schumann: „Die Welt ist ein schimmliger Käse.“ Oder habe ich das Zitat falsch im Kopf?
Die Welt ist ein einziger Morast.
17. Januar
Sonntagsbesuch bei Mama und Papa. Mein lieber Cousin war auch da. Es gab Rouladen mit Klößen und Rotkohl. Papa und ich aßen nur die Klöße und das Gemüse. Wie immer.
„Aber die Rouladen sind ganz lecker. Ich habe extra nur wenig Speck genommen, weil ich weiß, dass ihr das nicht mögt“, seufzte Mama.
Vater und ich seufzten auch, denn wir versuchen ihr seit Jahren und Jahrzehnten nahezubringen, dass wir, wenn Fleisch, dann nur Geflügel oder Fisch essen, aber sie will es nicht einsehen, wahrscheinlich aus einem mütterlichen Fütterungs- und Fürsorgeinstinkt heraus. „Ohne Fleisch fällt man vom selbigen“, pflegt sie zu predigen.
Mein Cousin freute sich. Er fraß glatt unsere Rouladen auch noch weg. Dafür ließ er uns viel Rotkohl übrig. „Du bist meine Lieblingstante, Tante Monika“, sagte er mit vollem Mund.
Und Mama wurde rot vor Freude: „So ein guter Esser!“ Vom Nachtisch gab sie ihm mehr als uns. Dabei mögen Papa und ich auch gerne Schokoladencreme!
Der gute Cousin, die Backen voller Rouladen: „Na, Onkel Willem, gib es ruhig zu: das mit dem Einbruch in die Uni und der Rattenbefreiung, das warst sicher du!“
„Ich werd' dir helfen, mein lieber Christian“, drohte Vater scherzhaft mit dem Zeigefinger: „Nein, dafür ist dein guter Onkel zu alt. Wäre ich zwanzig Jahre jünger, dann hätte ich es vielleicht wirklich getan.“
„Damals hast du ja tatsächlich...“, wollte Mama eine der Tier-Befreiungsaktionen meines Vaters ausplaudern. „Still, Weib“, rief Vater. „Mein Gott, Willem, das ist doch sowieso verjährt und warum soll Christian es nicht wissen, er ist ja jetzt erwachsen.“
„Onkel, hast du wirklich Tiere aus Laboren befreit?“
„Und den feinen Damen vor der Düsseldorfer Oper hat er damals die Pelze farbig angesprüht. Aber erwischt haben sie ihn nicht“, trumpfte Mama stolz auf. „Selber schuld, was tragen die blöden Tucken auch Pelz“, brummte Vater in seinen Bart. Cousin Christian sah mich triumphierend an. Sollte heißen, seine Eltern wären anständiger als meine, keine Hippies, keine kriminellen Tierschützer, sondern brave Versicherungsangestellte und er selbst ihr wohlerzogenes und gut funktionierendes Kind, Finanzberater, nicht so eine zweifelhafte Philosophenexistenz mit Halbtagsjob wie ich!
Musik: Camille Saint-Saens „Samson et Dalila“, Introduktion
18. Januar
Heute erst am Nachmittag Dienst. Den Morgen mit einigen Kung Fu-Übungen zugebracht und meditiert über Hedwig Dohms Satz „Die Menschenrechte haben kein Geschlecht.“ Die Menschenrechte haben weder Geschlecht, noch Nationalität, weder Alter, noch Gesundheit. Die Menschenrechte kennen keine Diversität. Sie gelten schlicht für alle Menschen.
„Rafft euch empor! Organisiert euch!“ Das ist auch von Hedwig Dohm, dieser Aufruf, dass die Frauen für ihre Emanzipation kämpfen sollten. Demokraten, Biophile, gute Menschen - organisiert euch, engagiert euch, zeigt euch - das mochte ich ohne Pause rufen. Schiet nur, dass ich nicht weiß, wie ich das anfangen soll.
„Untätigkeit ist der Schlaftrunk, den man dir, alte Frau, reicht! Trink ihn nicht! Sei etwas!“ Das ist auch von Dohm; ich finde es großartig. Wenn Frauen missachtet werden, auch noch in der heutigen Gesellschaft, dann besonders die älteren Frauen. Frauen ab fünfzig, sechzig. Auf ihre Bedürfnisse wird null Komma gar nicht Rücksicht genommen.
Doch Dohms Spruch trifft auch auf junge Menschen zu: Untätigkeit ist der Schlaftrunk, den man dir, junge Generation, reicht! Trink ihn nicht! Sei etwas! Lass dich nicht in ein Netz aus Freizeitaktivitäten, schönen Dingen, zeitraubender Medien-selbstbespiegelung verstricken! Suche dir etwas zu kämpfen! Tritt für etwas ein, mache dich für etwas stark! Engagiere dich! Werde etwas! Organisiert euch!
Schockierende Nachricht: Alexei Nawalny, russischer Oppositionspolitiker ist verhaftet worden. War klar. Warum, habe ich mich gefragt, fliegt er zurück nach Moskau? Ich an seiner Stelle wäre gemütlich in Deutschland geblieben. Aber da haben wir es ja: kämpfe für etwas! Sei nicht bequem!
Nawalny ist vor allem gegen die Korruption ins Russland zu Werke gegangen. Mit korrupten Arschlöchern sollte man sich nicht anlegen. Überhaupt nicht mit Arschlöchern. Ich hoffe, das geht für ihn gut aus.
19. Januar
„Der Körper ist das Grab der Seele“ (Platon).
Mit Rina hinüber gegangen zu Frau Blankendaal. Frau Blankendaal ist eine liebe alte Dame. Rina hat während des Lockdowns für Frau Blankendaal eingekauft und ab und zu mit ihr geplaudert. Rina vor der Haustür, Frau Blankendaal am offenen Küchenfenster.
Jetzt ist es ein Ritual geworden, dass Rina sich um Frau Blankendaal kümmert und einmal in der Woche die schweren Einkäufe (Mehl und Milch) für sie erledigt. Mich hat sie heute mitgenommen, damit ich den tropfenden Wasserhahn in Frau Blankendaals Küche repariere. Das kann ich gut. Ich hätte Handwerker werden können. Ich habe mir viel bei meinem Vater abgeschaut, einem richtigen Peter Lustig.
„Ich lass' mich bald impfen“, sagte die alte Dame heute zur Begrüßung. „Das ist gut“, meinte Rina: „Und seien Sie unbesorgt. Die Impfstoffe sind sicher.“
„Ein bisschen Sorge habe ich schon, weil das so schnell geht.“
„Die Impfstoffe haben aber den üblichen Zulassungsweg durchlaufen, das geht nur so schnell, weil viele Staaten jetzt Geld wie noch was in die Entwicklung schießen. Sonst zieren die sich damit.“
„Ach, ja, das Geld, das Geld“, seufzte Frau Blankendaal und verdrehte die Augen gen Himmel: „Wat meinen Sie, wer jetzt alles die Hände über dem dicken Bauch reibt! Was die sich jetzt alles in die Tasche stecken können – und ich mit meiner schmalen Rente. Erhöht haben sie die im letzten Jahr auch nicht.“
„Viele mussten kürzertreten“, sagte ich begütigend. „Wohl wahr, und das tut mir auch für alle leid, aber ich hab' auch zu knapsen“, klagte die alte Dame: „Ich bin ja erst spät arbeiten gegangen. Mein Vater wollte nicht, dass ich arbeiten gehe. Damals durften die Kerls ja noch bestimmen, ob die Ehefrau oder Tochter arbeiten durften oder nicht. Was habe ich nun davon?“
„Zum Glück haben wir Frauen es heute besser“, meinte Rina. „Dass das hoffentlich bleibt, klopfen Sie mal schnell auf Holz“, meinte Frau Blankendaal: „Was so in der Welt abgeht, das ist mir nicht ganz koscher. Und die Alten, die Kinder und die Frauen, die spüren das immer als erste am eigenen Leib, wenn es in der Welt schiefläuft. Ne, ne, ruhen Sie sich nicht darauf aus, dass es heutzutage ganz gut läuft. Gleiches Geld verdienen Frauen noch nicht wie Männer!“
„Da gibt es wirklich noch viel zu tun. Gleichberechtigung sehe ich noch längst nicht überall“, mischte ich mich ein, den Kopf überm Küchenwaschbecken. „Ja, junger Mann, Sie haben recht. Sie sind ein Netter!“ Und tuschelnd zu...
| Erscheint lt. Verlag | 2.4.2023 |
|---|---|
| Verlagsort | Berlin |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Fantasy / Science Fiction ► Science Fiction |
| Schlagworte | Demokratie • Gesellschaftskritik • Mord • Philosophie • Politik • Tagebuch • Umweltschutz |
| ISBN-10 | 3-7549-9375-5 / 3754993755 |
| ISBN-13 | 978-3-7549-9375-0 / 9783754993750 |
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