Paul Valéry: Zur Philosophie und Wissenschaft (eBook)
344 Seiten
Suhrkamp Verlag
978-3-518-77146-4 (ISBN)
Band 4 der Gesamtausgabe umfasst Essays, Reden, Vorworte und Briefe zu Wissenschaft und Philosophie. Die Textsammlung dokumentiert Valérys Auseinandersetzung mit Philosophen und Theoretikern wie Descartes und Pascal, deren Vorstellungen zu den Bausteinen seines eigenen Denkens gehörten; darüber hinaus legen die Schriften Valérys philosophische Ansätze dar. Wie schon in den Prosawerken kennzeichnet diese Beobachtungen der Versuch, den Vorgang des Sinneseindrucks zu rekonstruieren sowie Verständnis- und Schaffensprozesse rationaler Überprüfung zu unterziehen. Sie lassen eine Verflechtung einzelner (natur-)wissenschaftlicher Disziplinen mit der Welt der Literatur und mit Fragen der Ästhetik erkennen.
<p>Paul Valéry wird 1871 im südfranzösischen Sète als Sohn von Barthélémy Valéry, einem Beamten bei der französischen Zollverwaltung, und der Italienerin Fanny Grassi geboren. Bereits als Schüler tritt Valéry mit Dichtungen hervor und setzt diese während des Jurastudiums in Montpellier fort. Die sogenannte <em>Nacht von Genua</em> (1892) führt jedoch zunächst zu der Entscheidung, sich vom praktischen Dichten ab- und der bedingungslosen Selbstanalyse des Geistes und Bewußtseins zuzuwenden. 1894 beginnt Paul Valéry seine <em>Cahiers</em> zu schreiben: längere und kürzere Gedanken zu allen Bereichen des intellektuellen Lebens und der Wissenschaften. Bekannt wird er schon früh durch seinen Essay <em>Einführung in die Methode des Leonardo da Vinci</em>, 1894, und durch das Prosawerk <em>Der Abend mit Monsieur Teste</em>, 1895. Ein verändertes Umfeld in Paris führt zur Eheschließung mit Jeannie Gobillard, zu einer bürgerlichen Lebensweise, zum Besuch literarischer und intellektueller Salons. Nach großen dichterischen Erfolgen mit <em>La jeune Parque</em> 1917 (ins Deutsche übertragen durch Paul Celan) und der Sammlung <em>Charmes</em> 1922 (durch Rilke), was Valéry Anfang der zwanziger Jahre laut Umfrage zum größten lebenden Dichter Frankreichs avancieren läßt, folgen große kulturpolitische und dichtungspoetische Essays und zwei Jahrzehnte Vortragsreisen durch ganz Europa. Seit 1926 ist Paul Valéry Mitglied der Académie française, 1931 wird ihm die Ehrendoktorwürde der Universität Oxford verliehen, 1933 wird er Administrator des neugegründeten Centre Universitaire méditerranéen in Nizza, 1937 Inhaber eines eigens für ihn eingerichteten Lehrstuhls für Poetik am Collège de France. Nach Paul Valérys Tod am 20. Juli 1945 ordnet de Gaulle ein Staatsbegräbnis an.</p> <p></p>
FRAGMENT EINES DESCARTES
Noch vor fünfzehn Jahren fand man in einer Straße ganz nahe des Place Royale1 eine Gendarmeriekaserne, wo die Reservisten ihre Militärpapiere ergänzen und abstempeln ließen.
Wer eintrat, sah sich in einem vornehmen und vertrauten Hofe um. Die gesuchten Büros lagen zur Linken unter einigen Korbbogenarkaden, den einzigen Überresten eines ziemlich alten Klosters. Diese zerfallene Erhabenheit paßte sich dem gemächlichen, halb amtlichen, halb intimen Leben an, das sich seit dem Ersten Kaiserreich hier allmählich eingenistet hatte. Es gab einen geistesabwesenden Wachposten, an den Säulen hängende Käfige mit Kanarienvögeln, Käppis, Blumentöpfe an den Fenstern, da und dort trockneten lange weiße Hosen an einer Schnur. Im Jahresdurchschnitt gingen um die hunderttausend Reservisten über diesen Hof. Ich weiß nicht, ob auch nur einer von ihnen geahnt hat, daß man ihn zu einer Pilgerfahrt veranlaßt hatte. Selbst die Befehlsgewalt, die ihn herbeorderte, so hochgestellt sie auch sein mochte, kannte das eigentliche Ziel nicht. Sie glaubte die Matrikel nur um ihrer selbst willen zu führen; ohne es zu wissen, zwang sie uns dazu, eines der ehrwürdigsten Denkmäler der Geschichte des Denkens zu besuchen.
Diese Kaserne ersetzte das Kloster, und die Gendarmen nahmen die Stelle der Minimen ein. Dort lebte und starb Pater Mersenne2, ein sehr nützlicher und recht namhafter Mann in der geistigen Gesellschaft zu Beginn des 17. Jahrhunderts; ein umgänglicher Ordensmann, voller Neugier, der einem von dem unsrigen recht verschiedenen intellektuellen Europa Probleme und manchmal auch Rätsel aufgab; in der Wissenschaft wirkte er als Katalysator und als Verbindungsglied zwischen den Gelehrten von unterschiedlicher Religion; er war ein Jugendfreund von Descartes gewesen und blieb ein beharrlicher und ein außergewöhnlicher Freund; er verbreitete seine Lehren, und unter jenen zweitrangigen Menschen, deren Rolle bei der Entwicklung großer Menschen und bei der Auslösung großer Dinge vielleicht unabdingbar ist, einer der liebenswürdigsten. Es wäre eine ziemlich neuartige und meines Erachtens auch recht fruchtbare Untersuchung, wenn man die Geschichte dieser Hilfskräfte, dieser inoffiziellen Vertrauensleute, Helfer oder Mittler systematisch erforschen würde, die sowohl in der Umgebung von Genies als auch unter den geringfügigen lebenden Ursachen großer Ereignisse immer anzutreffen sind.
Als Descartes nach Paris kam, pflegte man ihn vormittags bei den Minimen an der Place Royale bei dem äußerst geistreichen Pater zu besuchen. Am 11. Juli 1644 empfing er dort Monsieur Mélian. Von La Haye kommend, steigt er im Juni 1647 beim Abbé Picot in der Rue Goeffroy-Lasnier ab und verfaßt dort die Vorrede zu den Principes. Er begibt sich in die Bretagne, wohin ein Geschäft ihn gerufen hatte, kehrt über das Poitou und die Touraine zurück und findet bei seiner Rückkehr in Paris Anfang September die gute Nachricht vor, daß ihm der König auf Empfehlung des Kardinal-Ministers eine Rente von 3000 Livres bewilligt hat. Nachrichten dieser Art waren selten geworden.3
Zu dieser Zeit »verspürte der junge Pascal, der sich in Paris aufhielt, den Wunsch, ihn zu sehen, und er hatte die Genugtuung, sich bei den Minimen mit ihm zu unterhalten, nachdem man ihm den Hinweis gegeben hatte, er könne ihn dort treffen. Monsieur Descartes fand ein Vergnügen daran, ihn über die Experimente mit dem leeren Raum4 sprechen zu hören, die er in Rouen durchgeführt hatte und über die er gerade einen Bericht drucken ließ, von dem er ihm einige Zeit später, nach seiner Rückkehr, ein Exemplar nach Holland sandte. Monsieur Descartes war über die Unterredung mit Monsieur Pascal begeistert.«
Mit dem Ruhm des letzteren verbindet mich zu viel, als daß ich hier die Fortsetzung wiedergeben möchte.
Als ich eines Tages dort vorbeiging, sah ich voller Verdruß anstelle der alten Heimat der Minimen ein kubisches Bauwerk aus einem allzu neuen und reinen Kreidestein, gekrönt mit gesprenkelten Sandsteinkugeln. Die Gendarmen hat man in diesen Block zurückverlegt. Mir gefielen sie besser in dem alten Kloster, denn die Gendarmerie ist ja eine Art von militärischem Orden, auch wenn er sich der Heirat seiner Mitglieder keineswegs zu widersetzen scheint.
Es gibt in Europa nur wenige Nationen, bei denen ein durch eine so großartige Aura geweihtes Haus, das in seinen Mauern ein solches Gespräch vernehmen durfte, so unauffällig verschwinden könnte wie bei uns. Es gab an dem Minimenkloster nicht einmal eine Tafel, die diese Mauern über das, was sie gesehen hatten, zum Sprechen brachte. Was ich hier berichte, und was ich bei Baillet5 gefunden habe, scheint niemand gewußt zu haben, denn keine Menschenseele hat sich beklagt oder der Demolierung dieses Gemäuers widersetzt. Das Ganze verschwand in der Staubwolke von Abbruchfirmen.
Descartes hat hier kein Glück. Kein einziges Standbild dieses bewundernswerten Mannes in Paris – allerdings bin ich einverstanden, wenn dieser Zustand sich nicht ändert. Man hat lediglich eine Straße nach ihm benannt, eine ziemlich üble, auch wenn sie durch die Berühmtheiten der Ecole polytechnique belebt wurde und ein wenig im Banne Verlaines steht, der dort gestorben ist. Schließlich haben wir sogar seine Gebeine in Saint-Germain-des-Prés verstreut, und mir ist nicht bekannt, daß man sie für die Krypta des Panthéons zusammensucht.6
Aber als kluger Mann, der er war, und als unvergleichlicher Künstler im Umgang mit den härtesten Werkstoffen hat er sich eigenhändig ein Grabmal geschaffen; eines jener Grabmäler, die nachahmenswert sind. Er hat das Standbild seines Geistes errichtet, so klar und dem Blick so wirklichkeitsgetreu, daß man schwören könnte, es sei lebensecht und spreche zu uns in Person; daß uns keine dreihundert Jahre von ihm trennen, sondern ein direkter Umgang mit ihm möglich sei, allerdings nicht mit dem Abstand zwischen Geist und Geist, es sei denn mit dem Abstand des Geistes zu sich selbst. Sein Denkmal ist jener Discours, der wie alles, was genau geschrieben ist, so gut wie unzerstörbar ist. Eine selbstbewußte und geläufige Sprache, der es weder an Stolz noch an Bescheidenheit fehlt, macht uns die allen denkenden Menschen gemeinsamen Willenskräfte und Einstellungen so faßbar und beachtenswert, daß das Ergebnis weniger ein Meisterwerk der Ähnlichkeit oder der Wahrscheinlichkeit ist als vielmehr eine wirkliche Gegenwärtigkeit, die sich sogar aus der unsrigen speist.
Keine Schwierigkeiten, keine Bilder, keine scholastischen Erscheinungen, nichts gibt es in diesem Text, was nicht dem einfachsten und menschlichsten inneren Ton entspräche, kaum weniger präzise als die Natur selbst. Der Autor, den man zu hören glaubt, scheint sich darauf beschränkt zu haben, die unmittelbare Stimme, die er sich von seinen Erinnerungen und Hoffnungen erhalten hatte, zu reinigen, getreu nachzuzeichnen und manchmal sehr deutlich zu artikulieren. Er übernahm die Stimme, die uns zuallererst in unseren eigenen Gedanken unterweist und die sich schweigend von unserer gelenkten Erwartung entfernt.
Eine innere Rede, ohne Effekte und strategische Überlegungen, kann, auch wenn sie noch so eng zu uns gehört, die uns selbst am nächsten liegende und die gewisseste Eigentümlichkeit ist, nicht anders als universal sein.
Es war die Absicht Descartes’, uns ihn selbst vernehmen zu lassen, das heißt den für ihn notwendigen Monolog in uns wachzurufen und uns sein eigenes Gelübde ablegen zu lassen. Es ging darum, daß wir in uns finden sollen, was er in sich fand.
Eben dies ist die ursprüngliche Absicht. Jeder Gründer im Reich des Geistes muß sich darum kümmern, unwiderstehlich zu werden. Die einen hüllen uns mit ihrem Zauber ein; die anderen verkleinern uns durch ihre Strenge: Descartes teilt uns sein Leben mit, damit die Abfolge seiner Sinneseindrücke und Handlungen uns auf dem gleichen natürlichen Weg der Ereignisse und Träumereien in seine Gedanken einführe, den er selbst seit seiner Jugend eingeschlagen hatte und der vielen anderen Wegen gleicht, auch wenn er uns zu ganz anderen Gesichtspunkten führt.
Indem er uns vermittels seiner Anfänge zu seinesgleichen macht und unser Interesse an seiner Laufbahn weckt, verführt er uns mühelos zur Rebellion seiner Jünglingszeit, weil er uns von unserer eigenen erzählt, von unseren Widerständen und hochmütigen Urteilen. Nach Beendigung seiner Schulausbildung, die er geringschätzt und für beinahe überflüssig hält (in der Tat ist die Schulbildung praktisch überflüssig für einen, der sich dessen, was er nicht selbst erfunden hat, nicht zu bedienen weiß), fährt er kreuz und quer durch Europa, reinigt seinen Geist auf Reisen und in den Abläufen eines Krieges zur damaligen Zeit, in die er sich je nach Laune einzumischen scheint. Er hütet sich geflissentlich vor Büchern, die den Armeen nur lästig sind. Er übt sich in...
| Erscheint lt. Verlag | 2.4.2023 |
|---|---|
| Übersetzer | Dieter Steland, Jürgen Schmidt-Radefeldt, Max Looser, Friedhelm Kemp, Andrea Spingler, Ernst Hardt, Karl Löwith, Franz Josef Krebs |
| Sprache | deutsch |
| Original-Titel | Oeuvres IV |
| Themenwelt | Literatur ► Klassiker / Moderne Klassiker |
| Literatur ► Romane / Erzählungen | |
| Schlagworte | 20. Jahrhundert • André Gide • Ästhetik • Frankreich • Modernismus • Oeuvres IV deutsch • Paris • Paul-Celan-Preis 2021 • ST 5217 • ST5217 • suhrkamp taschenbuch 5217 • Westeuropa |
| ISBN-10 | 3-518-77146-9 / 3518771469 |
| ISBN-13 | 978-3-518-77146-4 / 9783518771464 |
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