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Paul Valéry: Zur Theorie der Dichtkunst und vermischte Gedanken (eBook)

(Autor)

Jürgen Schmidt-Radefeldt (Herausgeber)

eBook Download: EPUB
2023 | 1. Auflage
542 Seiten
Suhrkamp Verlag
978-3-518-77147-1 (ISBN)

Lese- und Medienproben

Paul Valéry: Zur Theorie der Dichtkunst und vermischte Gedanken - Paul Valéry
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Band 5 der Gesamtausgabe gliedert sich in zwei Teile: Teil 1 umfasst Zeitschriften- und Redebeiträge zur Dichtkunst, frühe Analysen literarischer Technik sowie Niederschriften seiner am Collège de France gehaltenen Poetik-Vorträge. In Teil 2 des Bandes folgen Vermischte Gedanken: das einzige zu Lebzeiten Valérys veröffentliche Cahier, die Aphorismen Windstriche und weitere Kurzprosa, darunter Prosagedichte und Epigrammatisches.

Wie für Valéry charakteristisch fügen sich fragmentarische Beobachtungen, abstraktes Denken und moderne Prosaentwürfe zu einem Ganzen: »Wie die Kompaßnadel bei wechselnder Fahrtrichtung ziemlich konstant bleibt, so lassen sich die Sprünge unseres Denkens deuten als Abweichungen von einer irgendwie gleichbleibenden tieferen und wesentlichen Richtung des Geistes.«



<p>Paul Valéry wird 1871 im südfranzösischen Sète als Sohn von Barthélémy Valéry, einem Beamten bei der französischen Zollverwaltung, und der Italienerin Fanny Grassi geboren. Bereits als Schüler tritt Valéry mit Dichtungen hervor und setzt diese während des Jurastudiums in Montpellier fort. Die sogenannte <em>Nacht von Genua</em> (1892) führt jedoch zunächst zu der Entscheidung, sich vom praktischen Dichten ab- und der bedingungslosen Selbstanalyse des Geistes und Bewußtseins zuzuwenden. 1894 beginnt Paul Valéry seine <em>Cahiers</em> zu schreiben: längere und kürzere Gedanken zu allen Bereichen des intellektuellen Lebens und der Wissenschaften. Bekannt wird er schon früh durch seinen Essay <em>Einführung in die Methode des Leonardo da Vinci</em>, 1894, und durch das Prosawerk <em>Der Abend mit Monsieur Teste</em>, 1895. Ein verändertes Umfeld in Paris führt zur Eheschließung mit Jeannie Gobillard, zu einer bürgerlichen Lebensweise, zum Besuch literarischer und intellektueller Salons. Nach großen dichterischen Erfolgen mit <em>La jeune Parque</em> 1917 (ins Deutsche übertragen durch Paul Celan) und der Sammlung <em>Charmes</em> 1922 (durch Rilke), was Valéry Anfang der zwanziger Jahre laut Umfrage zum größten lebenden Dichter Frankreichs avancieren läßt, folgen große kulturpolitische und dichtungspoetische Essays und zwei Jahrzehnte Vortragsreisen durch ganz Europa. Seit 1926 ist Paul Valéry Mitglied der Académie française, 1931 wird ihm die Ehrendoktorwürde der Universität Oxford verliehen, 1933 wird er Administrator des neugegründeten Centre Universitaire méditerranéen in Nizza, 1937 Inhaber eines eigens für ihn eingerichteten Lehrstuhls für Poetik am Collège de France. Nach Paul Valérys Tod am 20. Juli 1945 ordnet de Gaulle ein Staatsbegräbnis an.</p> <p></p>

ÜBER DIE LITERARISCHE TECHNIK


... Die Literatur ist die Kunst, mit der Seele der anderen Menschen sein Spiel zu treiben. So brutal wissenschaftlich hat man in unserer Zeit das Problem der Ästhetik des Wortes, das heißt das Problem der FORM, stellen sehen.

Wenn ein Eindruck, ein Traum, ein Gedanke gegeben sind, dann müssen sie derart ausgedrückt werden, daß man dadurch in der Seele des Zuhörers den maximalen Effekt erzielt – und zwar einen vom Künstler vollständig berechneten Effekt.

Diese Formel ergibt durch Deduktionsschluß einige sehr klare Begriffe vom Stil: Der Stil ist kein unwandelbarer Ritus, kein endgültiger Ausguß einer ewigen Gußform – selbst nicht bei einem Flaubert1 –, er muß sich der Absicht des Autors anpassen und einzig dazu dienen, das abschließende Feuerwerk vorzubereiten. Er muß dem Gegenstand adäquat sein. Schließlich muß der Schriftsteller verschiedene Register auf der Klaviatur des Ausdrucks beherrschen, um vielfältige Wirkungen zu erzielen – so wie der Musiker zwischen einer gewissen Anzahl von Klangfarben und rhythmischen Tempi die Wahl hat.

Und dies führt uns natürlich zu einer ganz neuen und modernen Vorstellung vom Dichter. Er ist nicht mehr der zerzauste Schwärmer, jener, der ein ganzes Gedicht in einer Fiebernacht schreibt, er ist ein kühler Wissenschaftler, fast ein Rechenkünstler, im Dienste eines verfeinerten Träumers. Höchstens hundert Verse werden seine längsten Stücke enthalten ... Er wird sich davor hüten, alles aufs Papier zu werfen, was ihm in glücklichen Minuten die Muse der Ideenassoziation eingibt. Sondern im Gegenteil, alles, was er ausgedacht, empfunden, geträumt, aufgebaut hat, wird durch ein Sieb hindurchgehen müssen, wird gewogen, geläutert, in Form gebracht werden, so stark wie möglich verdichtet, um an Kraft zu gewinnen, was es an Länge preisgibt: Ein Sonett zum Beispiel wird eine richtige Quintessenz sein, ein Osmazom, eine konzentrierte Kernsubstanz, immer wieder destilliert, auf vierzehn Verse reduziert, sorgfältig komponiert im Hinblick auf einen überwältigenden Endeffekt. Hier muß das Adjektiv unauswechselbar sein, die Klangwerte der Metren kunstvoll abgestuft, der Gedanke oft mit einem Symbol geschmückt, einem Schleier, der im Finale zerreißen wird ...

Ich habe soeben das Wort Symbol hingeschrieben, und ich kann nicht umhin, im Vorbeigehen diese unvergleichliche künstlerische Ausdrucksweise zu berühren. Bei allen mystisch veranlagten Völkern war es in täglichem Gebrauch, dann ist es vor dem Rationalismus und Materialismus verblichen. Die Künstler haben die Schönheit der Allegorie vergessen, und doch ist sie, wie Charles Baudelaire geschrieben hat, eine wesentliche ästhetische Form.2

Heute haben Dichter vom Range eines Sully Prudhomme, eines Mallarmé dargetan, welchen Gewinn die zeitgenössische Literatur aus dem wieder zu Ehren gebrachten Symbolismus ziehen könnte ...3

... Das Gedicht hat also unserer Ansicht nach kein anderes Ziel, als seinen Ausklang vorzubereiten. Am besten können wir es mit den Stufen eines prachtvollen Altars vergleichen, mit Schwellen aus Porphyr, die das Tabernakel überragt. Die Ornamentik, die Kerzen, die Goldschmiedearbeiten, die Weihrauchwolken – alles schwingt sich auf, alles ist so angeordnet, daß die Aufmerksamkeit auf das Sakrament gelenkt wird – auf den letzten Vers! Eine Komposition, der diese Abstufung fehlt, bietet einen Anblick von fataler Eintönigkeit, so reich und kunstvoll ziseliert sie auch sein mag. Dies ist unserer Ansicht nach der große Fehler der Sonette von Heredia – zum Beispiel –, die allzu schön sind, ihrer ganzen Länge nach, von Anfang bis zu Ende. Jeder Vers hat bei ihm sein Eigenleben, seinen besonderen Glanz, und dadurch lenkt er den Geist vom Ganzen ab.4

...Wenn das Gedicht einen gewissen Umfang hat, sagen wir hundert Verse, dann muß der Künstler darauf bedacht sein, den Gedanken an ein paar wichtigen Punkten festzuhalten, die am Schluß einander genähert und verstärkt werden, so daß sie kraftvoll zum letzten, entscheidenden Aufleuchten beitragen. Das führt mich zu der so eigentümlichen Poetik von Edgar Allan Poe; nachher werde ich mit einigen Worten auf eine Musiktheorie zu sprechen kommen, deren Kenntnis meiner Ansicht nach für jeden, der sich mit Literatur beschäftigt, sehr anregend ist.

Edgar Allan Poe, der Mathematiker, Philosoph und große Schriftsteller, legt in seinem merkwürdigen Bändchen Die Methode der Komposition (The Philosophy of Composition) mit klarer Bestimmtheit den Mechanismus der dichterischen Hervorbringung dar, so wie er ihn praktiziert und wie er ihn versteht.5

Keines seiner Werke enthält mehr Scharfsinn in der Analyse, mehr Strenge in der logischen Entwicklung der durch Beobachtung entdeckten Prinzipien. Seine Technik ist ganz und gar a posteriori entstanden, und zwar auf der Psychologie des Zuhörers aufgebaut, auf der Kenntnis der verschiedenen Noten, die in der Seele des anderen zum Erklingen gebracht werden sollen. Die bohrende Induktion Poes dringt in die innersten Reflexe des aufnehmenden Subjekts ein, kommt ihnen zuvor, nutzt sie aus. Er kennt genau den unermeßlichen Anteil, den die Gewohnheit und der Automatismus an unserem geistigen Leben haben, und darum führt er Verfahren ein, die seit den Alten den niederen Gattungen überlassen geblieben waren. Die Wiederholung gleicher Worte, die, scheint es, von den Ägyptern verwendet wurde, hat er zu neuem Leben erweckt. Mit Sicherheit vermag er die niederdrückende Wirkung eines düsteren Kehrreims vorauszusehen, oder häufiger Alliterationen:

And the Raven, never flitting, still is sitting, still is sitting.

Ebenso kehrt das verzweiflungserregende Nevermore in jeder Strophe wieder; zunächst ohne tiefere Bedeutung; allmählich immer schmerzlicheren Sätzen gegenübergestellt, wird es mehr und mehr zu einem Totengeläute der Hoffnungslosigkeit, bis zum Ausklang:

And my soul from out that shadow that lies floating on the floor

Shall be lifted – nevermore!

(... doch erheben wird sich aus dem Schatten schwer Meine Seele nimmermehr.6)

Alle, die das großartige Gedicht »Der Rabe« (vor allem im Original) gelesen haben, werden von der Kraft des kunstvoll verwendeten Kehrreims betroffen gewesen sein. Man kann sagen, daß dieses Mittel in der französischen Poesie niemals (ich meine niemals zielbewußt, im Hinblick auf eine Wirkung) angewendet worden ist, wenigstens nicht auf eine überlegte und wirklich kunstgerechte Art ...

Nehmen wir einmal an, es würden an Stelle eines einzigen eintönigen Kehrreims deren mehrere eingeführt; jede Person, jede Landschaft, jede Stimmung hätte den ihr eigentümlichen, so daß sie im Vorbeiziehen daran zu erkennen wären; am Schluß des Stückes in Versen oder in Prosa würden alle diese bekannten Zeichen zusammenströmen und jene Apotheose bilden, die man »musikalische Klimax«7 genannt hat, einen Schlußeffekt, der das Ergebnis der Gegenüberstellung, der Begegnung und Annäherung der Kehrreime wäre. Dann kämen wir zu der Konzeption des Leitmotivs, die der Wagnerschen Musiktheorie zugrunde liegt.

Hält man es für unmöglich, diese Prinzipien auf die Literatur anzuwenden? Sollten sie nicht für bestimmte Gattungen eine ganze Zukunft enthalten, wie zum Beispiel für die Ballade in Prosa, diese Schöpfung Baudelaires, die von Huysmans und Mallarmé vervollkommnet wurde?

... Und hier sollte man das Wort Décadence vermeiden, das nichts bedeutet. Die alten Kulturgesellschaften, die Jahrhunderte innerer Analyse und literarischen Schaffens hinter sich haben, brauchen immer neue, immer schärfere Reize! Was uns angeht, wir werden uns niemals darüber beklagen, daß wir in einer Zeit leben, in der man einen Hugo, einen Flaubert, die Goncourt nebeneinander sieht, in der die krankhafte Empfindsamkeit eines Verlaine der ungeheuren Vitalität eines Zola gegenübersteht und man sich dieses seltenen Schauspiels erfreuen kann8: die Brutalität der Lebenskonkurrenz, der Merkantilismus, das Auslöschen der Persönlichkeit, gegenübergestellt dem Feminismus, der verwöhnten, hingebenden Lässigkeit der Künstler und der verfeinerten dilettanti. Uns gefällt diese sublime Antithese: die barbarische Größe der Industriewelt gegenüber der äußersten Eleganz und der morbiden Süche nach den allerseltensten Lustgefühlen.9

Und wir lieben die Kunst dieser Zeit, kompliziert und künstlich wie sie ist, übermäßig mitschwingend, übermäßig angespannt, übermäßig musikalisch, um so mehr, je geheimnisvoller, beklemmender, unzugänglicher sie für die große Menge wird. Was macht es denn, daß sie den meisten verschlossen bleibt, daß ihre äußersten...

Erscheint lt. Verlag 2.4.2023
Übersetzer Peter Szondi, Hans Straub, Werner Riemerschmid, Kurt Leonhard, Nelda Michel-Lauchenhauer, Herbert Steiner, Ernst Haerle, Bernhard Böschenstein, Jürgen Schmidt-Radefeldt, Max Looser
Sprache deutsch
Original-Titel Oeuvres V
Themenwelt Literatur Klassiker / Moderne Klassiker
Literatur Romane / Erzählungen
Schlagworte 20. Jahrhundert • André Gide • Ästhetik • Dichtung • Frankreich • Oeuvres V deutsch • Paris • Philosophie • Poesie • ST 5218 • ST5218 • suhrkamp taschenbuch 5218
ISBN-10 3-518-77147-7 / 3518771477
ISBN-13 978-3-518-77147-1 / 9783518771471
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