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Paul Valéry: Zur Ästhetik und Philosophie der Künste (eBook)

(Autor)

Jürgen Schmidt-Radefeldt (Herausgeber)

eBook Download: EPUB
2023 | 1. Auflage
576 Seiten
Suhrkamp Verlag
978-3-518-77148-8 (ISBN)

Lese- und Medienproben

Paul Valéry: Zur Ästhetik und Philosophie der Künste - Paul Valéry
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Band 6 der Gesamtausgabe legt Valérys Schriften und Vorträge zur Ästhetik und Philosophie der Künste vor. Zu Beginn stehen die drei einflussreichen Essays zu Leonardo da Vinci, in denen Kunst und Wissenschaft, Erfindung und Erkenntnis ineinandergreifen, und die den interdisziplinären Geist Valérys vergegenwärtigen. Im Weiteren werden theoretische Grundfragen und Wirkungsweisen der Kunst verhandelt, von Architektur, Malerei, Musik bis hin zu Tanz. Es folgen kunstgeschichtliche Kommentare, u. a. zu Degas, Manet, Renoir und Morisot. In seinen Betrachtungen zur Kunst geht Valéry nicht zuletzt den wechselseitigen Wirkungen zwischen Werk und Künstler oder Betrachter nach: »Alle Künste leben von Worten. Jedes Kunstwerk verlangt, daß man ihm antworte.«



<p>Paul Valéry wird 1871 im südfranzösischen Sète als Sohn von Barthélémy Valéry, einem Beamten bei der französischen Zollverwaltung, und der Italienerin Fanny Grassi geboren. Bereits als Schüler tritt Valéry mit Dichtungen hervor und setzt diese während des Jurastudiums in Montpellier fort. Die sogenannte <em>Nacht von Genua</em> (1892) führt jedoch zunächst zu der Entscheidung, sich vom praktischen Dichten ab- und der bedingungslosen Selbstanalyse des Geistes und Bewußtseins zuzuwenden. 1894 beginnt Paul Valéry seine <em>Cahiers</em> zu schreiben: längere und kürzere Gedanken zu allen Bereichen des intellektuellen Lebens und der Wissenschaften. Bekannt wird er schon früh durch seinen Essay <em>Einführung in die Methode des Leonardo da Vinci</em>, 1894, und durch das Prosawerk <em>Der Abend mit Monsieur Teste</em>, 1895. Ein verändertes Umfeld in Paris führt zur Eheschließung mit Jeannie Gobillard, zu einer bürgerlichen Lebensweise, zum Besuch literarischer und intellektueller Salons. Nach großen dichterischen Erfolgen mit <em>La jeune Parque</em> 1917 (ins Deutsche übertragen durch Paul Celan) und der Sammlung <em>Charmes</em> 1922 (durch Rilke), was Valéry Anfang der zwanziger Jahre laut Umfrage zum größten lebenden Dichter Frankreichs avancieren läßt, folgen große kulturpolitische und dichtungspoetische Essays und zwei Jahrzehnte Vortragsreisen durch ganz Europa. Seit 1926 ist Paul Valéry Mitglied der Académie française, 1931 wird ihm die Ehrendoktorwürde der Universität Oxford verliehen, 1933 wird er Administrator des neugegründeten Centre Universitaire méditerranéen in Nizza, 1937 Inhaber eines eigens für ihn eingerichteten Lehrstuhls für Poetik am Collège de France. Nach Paul Valérys Tod am 20. Juli 1945 ordnet de Gaulle ein Staatsbegräbnis an.</p> <p></p>

EINFÜHRUNG IN DIE METHODE DES LEONARDO DA VINCI


Für Marcel Schwob1

In der Verlegenheit, über ein großes Thema schreiben zu müssen, sah ich mich genötigt, das Problem zu bedenken und zu stellen, ehe ich an seine Lösung herangehen konnte. Das entspricht im allgemeinen nicht der Art, wie der literarische Geist vorgeht, der sich nicht dabei aufhält, den Abgrund auszumessen, den er seinem Wesen nach überspringt.

Von einem Menschen bleibt, was wir in Gedanken mit seinem Namen verbinden, nebst dem, was er geschaffen hat und was aus diesem Namen ein Zeichen für Bewunderung, Haß oder Gleichgültigkeit macht. Wir denken über sein Denken nach und können zwischen den Zeilen seines Werks dieses auf ihn bezogene Denken wiederfinden: wir können seinen Gedanken nach dem Bilde unseres eigenen Gedankens wiedererschaffen. Mühelos stellen wir uns einen gewöhnlichen Menschen vor: schlichte Besinnung genügt, die Antriebe und Grundarten seines Verhaltens vor uns erstehen zu lassen. Die unmaßgeblichen Handlungen, die sein äußeres Dasein ausmachen, lassen dieselbe Abfolge erkennen wie unsere eigenen; wir sind auf gleiche Weise wie er deren verknüpfendes Band, und der Tätigkeitsbereich, auf den sein Wesen schließen läßt, reicht nicht weiter als der, in dem wir uns bewegen. Nehmen wir an, dieser Einzelmensch rage in einem bestimmten Punkt hervor, so fällt es schon schwerer, sich die Leistungen und Bahnen seines Geistes vorzustellen. Wenn wir uns ihm gegenüber nicht mit verschwommener Bewunderung begnügen wollen, werden wir genötigt sein, unsere Vorstellungskraft in Richtung der bei ihm vorherrschenden Eigenart – von der wir freilich nur einen Keim in uns tragen – zu strecken. Wenn jedoch bei dem Geist, auf den wir es abgesehen haben, alle Fähigkeiten voll entwickelt sind oder wenn die

Diesem ersten Paragraphen würde ich heute eine ganz andere Fassung geben, seinen Gehalt jedoch und seine Funktion würde ich beibehalten. Er soll nämlich das Denken auf die Möglichkeit jedes derartigen Vorhabens hinleiten, das heißt: auf den Zustand und die Hilfsmittel eines Geistes, der in seiner Vorstellung einen Geist nachbilden will.

Hinterlassenschaft seines Wirkens auf allen Gebieten bedeutend hervortritt, fällt es immer schwerer und schwerer, die Gestalt in ihrer Einheit zu fassen; sie neigt dazu, sich unserem Zugriff zu entziehen. Zwischen den äußersten Punkten dieser geistigen Spannweite liegen Abstände, so groß, wie wir sie noch nie durchmessen haben. Der Zusammenhang dieses ineinandergreifenden Ganzen entzieht sich unserem Erkennen, wie ihm auch die ungestalten Raumfetzen, die vertraute Gegenstände trennen, entzogen bleiben, Fetzen, die dem Zufall bloßer Zwischenräumlichkeit anheimgegeben sind; so wie jeden Augenblick Myriaden von Tatsachen verlorengehen, ausgenommen die kleine Zahl jener, die die Sprache zum Leben erweckt. Und doch gilt es, hierbei zu verweilen, sich hierauf einzulassen und die Mühe zu überwinden, die unserer Phantasie eine Ansammlung derart – von ihr aus gesehen – ungleichartiger Elemente bereitet. Jedes Verstehen geht hier zum Erfinden einer einheitlichen Ordnung, eines einzigen Bewegers über, bestrebt, das System, dem es sich beugt, mit etwas wie Gleichartigkeit zu beseelen. Jedes Verstehen ist um ein eindeutiges Bild bemüht. Mit nachdrücklicher Kraft, die von seiner eigenen Spannweite und seiner geistigen Klarheit abhängt, bewältigt es am Ende wiederum seine eigene Einheit. Wie von einem Mechanismus ausgelöst, wird eine Hypothese laut, und vor uns steht das Individuum, das all dies geschaffen hat, die zentrale Schau, in der all dies vorgegangen sein muß: das ungeheure Gehirn2, in dem dieses seltsame Tier, das Tausende reiner Beziehungsfäden zwischen so vielerlei Formen gesponnen hat und dessen Leistung diese rätselhaften und verschiedenartigen Bildungen sind, sich den Instinkt als Wohnstatt erkoren hat. Die Art, wie es zu dieser Hypothese kommt, ist zwar Abwandlungen, nicht aber dem Zufall unterworfen. Ihre Gültigkeit hängt von der logischen Analyse ab, der sie zum Gegenstand wird. Sie ist der Grundstein der Methode, die uns beschäftigen und uns dienen soll.

In Wahrheit habe ich Mensch und Leonardo genannt, was ich in jener Zeit unter dem Vermögen des Geistes verstand.

Ich nehme mir also vor, mir einen Menschen vorzustellen, der sich in Leistungen so unterschiedlicher Art bezeugt hat, daß es, wenn ich sie auf ein Denken beziehe, keines gibt, das weiter gespannt wäre. Außerdem setze ich bei ihm ein Empfinden voraus, das auf die vielerlei Abstufungen der Dingwelt außerordentlich lebhaft anspricht und dessen Widerfahrnisse man nicht unzutreffend mit Analyse bezeichnen könnte. Ich sehe, wie alles ihm

Das umfassende Ganze – eher geht es um Universalität. Nicht so sehr jenes sagenhafte Ganze (wie es sich bei dem Wort Universum als Vorstellung zu melden pflegt) wollte ich bezeichnen, als das Gefühl für die Zugehörigkeit jeden Dings zu einem umfassenden System, das (hypothetisch) die Definition jeden Gegenstandes erlaubt . . .

Richtpunkte an die Hand gibt: stets denkt er an das umfassende Ganze und zugleich an die Strenge.1 Er ist so veranlagt, daß ihm nichts von dem entgeht, was sich in die Vielfalt dessen, was ist, verirrt: kein armseliger Strauch. Er läßt sich in die Tiefe der Allerweltsdinge hinab, zieht sich in sie zurück und betrachtet sich. Er stößt auf die

Gewohnheiten und Strukturen der Natur, er geht sie von allen Seiten an, und es erweist sich, daß er der einzige ist, der konstruiert, aufzählt, das Gemüt bewegt. Er läßt Kirchen und Festungen erstehen; er schafft Ornamente voll Anmut und Größe, tausend Maschinen und die strengen Figurengebilde von mancherlei Forschungen. Er hinterläßt die Bruchstücke irgendwelcher großen Spiele. Bei diesem Zeitvertreib, der in seine wissenschaftliche Arbeit übergeht, die ihrerseits von Leidenschaft nicht zu trennen ist, scheint er auf zauberhafte Weise stets in Gedanken bei etwas anderem zu weilen . . . Ich werde ihm nachgehen, werde zusehen, wie er sich in der rohen Einheitlichkeit und stofflichen Dichte der Welt bewegt, wo er sich mit der Natur so vertraut macht, daß er sie nachahmt, um den Finger auf sie zu legen, so daß es ihm schließlich schwerfällt, sich einen Gegenstand vorzustellen, den sie nicht birgt.

Ein Autor, der eine Biographie verfaßt, kann versuchen, seinen Helden zu erleben oder aber ihn zu konstruieren. Und zwar verhalten sich diese beiden Verfahren gegensätzlich zueinander. Erleben heißt: sich ins Unvollständige einverwandeln. Das Leben, in diesem Sinne genommen, besteht ganz in Anekdoten, Einzelheiten, Augenblicken.

Noch fehlt diesem Gedankengeschöpf ein Name, der geeignet ist, die ganze Spannweite zwischen Grenzpunkten, die für gewöhnlich zu weit auseinanderliegen und dem Blick entzogen bleiben, in sich zu fassen. Ich wüßte keinen zutreffenderen als den des Leonardo da Vinci. Wer sich einen Baum vorstellt, der muß sich auch einen Himmel vorstellen und einen Grund, in dem er ihn wurzeln sieht. Darin waltet eine Art Logik, die fast gefühlsmäßig und so gut wie unerkannt ist. Die Person, die ich hier nenne, ist nichts anderes als eine solche Deduktion. Fast nichts von dem, was ich über sie äußern werde, darf auf den

Die Konstruktion hingegen impliziert a priori die Annahme eines Daseins, das auch – GANZ ANDERS Sein könnte.
Diese Art von Logik ist es, die aufgrund sinnlich wahrnehmbarer Erfahrungen zur Bildung dessen führt, was ich weiter oben ein umfassendes Ganzes genannt habe – ein Ganzes, das sich hier aufeine Persönlichkeit bezieht.
Alles inallem handelt es sich darum, vom Denkmöglichen Gebrauch zu machen, bei möglichst strenger Kontrolle durch das Bewußtsein.

Menschen, der diesen Namen berühmt gemacht hat, bezogen werden. Ich lege es nicht darauf an, Deduktion und Person zusammenfallen zu lassen, was ich im schlechten Sinne für unmöglich halte. Ich versuche vielmehr, auf die Einzelstruktur einer geistigen Existenz einen Blick zu werfen, die Methoden ahnen zu lassen, die in jedem Fund enthalten sind, diesem einen, im Gegensatz zu der Vielzahl vorstellbarer Dinge, ich versuche ein Modell zu entwerfen, das vermutlich grob ausfallen wird, aber dem Aneinanderreihen zweifelhafter Anekdoten, den Anmerkungen zu Katalogen, den Daten und Fakten vorzuziehen sein dürfte. Ein derartiger Ballast von Gelehrsamkeit müßte die rein hypothetische Absicht dieses Essays verfälschen. Die Ergebnisse der Forschung sind mir nicht unbekannt, aber ich darf vor allem deshalb nicht von ihnen sprechen, um nicht Anlaß zu geben, einen Entwurf, der an sehr allgemeine Begriffe geknüpft ist, mit den bruchstückhaften Lebenstatsachen einer längst entschwundenen Persönlichkeit zu verwechseln, wenn wir über ihre denkerische Existenz Gewißheit erlangen wollen, nebst der Gewißheit, daß wir sie nie...

Erscheint lt. Verlag 2.4.2023
Übersetzer Jürgen Schmidt-Radefeldt, Max Looser, Karl August Horst, Clemens Par, Carlo Schmidt, Achim Russer, Bernd Schwibs, Rainer Maria Rilke, Werner Zemp, Friedhelm Kemp
Sprache deutsch
Original-Titel Oeuvres V
Themenwelt Literatur Klassiker / Moderne Klassiker
Literatur Romane / Erzählungen
Schlagworte 19. Jahrhundert • 20. Jahrhundert • André Gide • Ästhetik • Frankreich • Kunst • Literaturwissenschaft • Modernismus • Oeuvres V deutsch • Paris • Philosophie • Poesie • ST 5219 • ST5219 • suhrkamp taschenbuch 5219 • Westeuropa
ISBN-10 3-518-77148-5 / 3518771485
ISBN-13 978-3-518-77148-8 / 9783518771488
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