Als die Buchstaben ihr Leben entdeckten (eBook)
228 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-7578-9575-4 (ISBN)
Der Baum
Gabriele Walter
Der alte Mann hatte fast die ganze Welt bereist. Jedoch müde vom Reisen kehrte er in sein Heimatdorf am Rande der Alpen zurück. Er war nicht ohne Geschenk zurückgekommen.
Ihr wollt wissen, was der Alte in seinem Gepäck hatte?
Es handelte sich um einen Samen, etwa so groß wie ein Kürbiskern. Allerdings schillerte er in allen Regenbogenfarben. Natürlich wollte der Alte den Samen in seiner Heimat einpflanzen, denn er wusste um dessen Geheimnis. Doch das würde nicht einfach werden, da nur eine reine Seele diesen der Erde übergeben konnte. Denn nur dann vermochte der daraus wachsende Baum auch Früchte zu tragen. Die Seele des Alten war nicht mehr rein genug. Er hatte in seinem langen Leben viel gesehen und erlebt. Nicht immer war er ehrlich gewesen und das eine oder andere Mal hatte er nicht rechtens gehandelt. Doch je älter er geworden war, umso weiser war er auch geworden und er hatte längst begriffen, was wirklich wichtig war. Die Liebe allein war das Wichtigste im Leben und all die Taten, die aus Liebe geschahen und noch geschehen würden.
Wie aber war der Alte an den Samen gekommen, obwohl er doch anscheinend nicht würdig war, ihn auch zu pflanzen? Ich bin davon überzeugt, dass derjenige, der ihn an jenen Ort geführt hatte, um dessen gutes Herz wusste.
Der Alte hatte die Nacht im Schuppen eines freundlichen Bauern verbracht. Es war noch früh am Morgen, als er sich auf den Weg machte, um einen vor ihm liegenden Wald zu durchqueren. Nachdem ihm die Bäuerin eine Flasche Wasser und einige Brote gereicht hatte, schulterte er seinen Rucksack und ging los. Gegen Mittag, die Sonne stand hoch über dem Horizont und brannte heiß vom Himmel, suchte er sich einen schattigen Platz. Als er etwas abseits des Pfades eine reich belaubte Linde entdeckte, entschloss er sich dort zu rasten. Er trank das Wasser und aß die belegten Brote. Zufrieden schloss er danach die Augen, um ein wenig auszuruhen.
Als er wieder erwachte, dämmerte es bereits. Er blickte sich etwas verwirrt und suchend um, da er sich nicht mehr erinnern konnte, in welche Richtung er gehen musste, um zum nächsten Dorf zu gelangen. Da er fest an Gottes Führung glaubte, die ihn auf all seinen Wegen geleitet hatte, vertraute er auch heute auf dessen Beistand und ging einfach los. Immer tiefer kam er in den von Menschenhand unberührt anmutenden Wald. Nach etlichen Strapazen und während die Sonne nur noch schwach durch das Geäst drang, suchte er sich ein Plätzchen, an dem er die Nacht verbringen konnte. Doch plötzlich tat sich der Wald zu einer Lichtung auf und er entdeckte einen malerischen, geradezu paradiesisch anmutenden Ort. Ein Bächlein schlängelte sich durch die weitläufige Blumenwiese, gelangte nach einen kleinen Hügel geradewegs auf das Rad einer Mühle und floss weiter, vorbei an wunderschönen weißen Häusern. Überall hingen und standen Blumenkästen. Es gab Gemüsebeete und Obstbäume. Kühe, Ziegen und Schafe grasten friedlich auf den Weiden. Ein Hund bellte und ein anderer antwortete, während ein stattlicher rotgetigerter Kater vertrauensvoll um die Beine des Alten strich. „Na, wo kommst du denn plötzlich her?“ Er bückte sich, streichelte über das Fell des Tieres und ließ seinen Blick erneut über den Ort streifen. Ja, so hatte er sich stets das Paradies vorgestellt.
Ihr fragt euch sicher, wie es sein konnte, dass niemand zuvor von diesem wundervollen Ort gehört, geschweige denn ihn entdeckt hatte? Nun ja, möglicherweise lag es daran, dass der Ort kaum zugänglich inmitten des fast undurchdringlichen Waldes lag. Vielleicht wurden auch nur ganz besondere Menschen dorthin geführt. Der Alte fragte nicht danach.
Als er die Bewohner des Dorfes kennenlernte, war er überrascht von der Liebe und Glückseligkeit, die alle umgab. Sie schienen nicht mit Reichtümern gesegnet zu sein und es gab keine einzige technische Errungenschaft, die von der Menschheit außerhalb dieses Ortes so hochgepriesen wurde.
Dennoch konnte er die Zufriedenheit, die diese Menschen umgab, fast körperlich spüren. Sie hießen ihn herzlich willkommen und boten ihm Früchte an, die er zuvor nie gesehen hatte. Doch sowie er von der ersten Frucht gekostet hatte, übermannte ihn ein unbeschreibliches Glücksgefühl und unermessliche Liebe zu allem, was ihn umgab. Zu diesem Zeitpunkt konnte er sich noch nicht vorstellen, dass die unbeschreibliche Freude, die er in seinem Herzen spürte, mit den Früchten zu tun haben könnte, die man ihm so freigiebig anbot, sondern allein mit der Freundlichkeit der Menschen, für die er sehr dankbar war.
Er blieb viele Wochen an diesem Ort und wäre am liebsten für immer geblieben. Eines Morgens jedoch erwachte er und wusste, dass es Zeit war, Abschied zu nehmen. Der Dorfälteste lächelte, als ihm der Alte, der zu einem guten Freund geworden war, von seinem Vorhaben berichtete. Er legte ihm einen einzigen Samen in die Hand, nachdem er ihm das Versprechen abgenommen hatte, niemals zu verraten, woher dieser stammte. Inzwischen hatte der Alte natürlich längst erfahren, was es mit den so köstlich schmeckenden Früchten auf sich hatte. Außerdem erklärte ihm der Dorfälteste, wie der Samen gepflanzt werden musste, damit er auch Früchte tragen konnte. „Doch bedenke, Freund, die Früchte können die Menschen glücklich machen, aber deren Seelen erreichen sie erst, wenn diese bereit dafür sind“, warnte er.
Einige Tage, nachdem der Alte zu Hause angekommen war, erkannte er die Sorgen und Existenzängste der Dorfbewohner. Er erfuhr von Krankheiten, Tod und Trauer. Sein Herz wurde schwer. Er dachte darüber nach, den Samen zu pflanzen. Doch wo konnte er eine reine Seele finden? Da kam ihm eine Idee. Er versammelte die Kinder des Ortes um sich, die nicht älter als drei Jahre waren. Einige Tage beobachtete er die Kinder, die sich in seiner Nähe sehr wohl zu fühlen schienen, sich gerne mit ihm unterhielten und seinen Geschichten lauschten. Olivia, ein zartes Mädchen mit rabenschwarz glänzendem Haar und strahlend blauen Augen, das sich wild und lebensfroh gab, im Umgang mit der Natur jedoch besonders vorsichtig und liebevoll handelte, erregte seine Aufmerksamkeit. Sie wählte er aus, um den Samen in die Erde zu legen. Nachdem er ihr seinen Wunsch vorgebracht und ihr erklärt hatte, was er von ihr erwartete, lächelte Olivia und nach einigen Sekunden nickte sie.
Der Alte hatte bereits einen Blumentopf mit Erde bereitgestellt, in dem das Pflänzchen zunächst heranwachsen sollte. Jeden Tag besuchte Olivia den Alten und schaute erwartungsvoll in den Blumentopf. Nach einigen Tagen schob sich ein grünes Köpfchen aus der Erde. Helle Freude ließ das Kind in die Hände klatschen.
Und dann war es so weit, das Pflänzchen war etwa zehn Zentimeter hoch gewachsen, als Olivia es an einen sonnigen Platz im Garten des alten Mannes pflanzen durfte. Das Mädchen ließ es sich nicht nehmen, zunächst das Pflänzchen und das wunderbarerweise bereits nach wenigen Monaten herangewachsene kleine Bäumchen zu hegen und zu pflegen. Nachdem das Bäumchen den Winter überstanden hatte, trug es die ersten Blüten. Von nun an warteten der Alte und das Mädchen auf die Früchte.
Nach der ersten Ernte stellten sie fest, dass der Baum gerade so viele Früchte getragen hatte, wie Menschen in dem Dorf lebten. So konnte jeder einmal von den Früchten kosten. Alle waren begeistert von deren Geschmack. Weil sie sich danach so glücklich fühlten, hätten sie gerne mehr davon gegessen. Der Alte bat um Geduld und versprach für das nächste Jahr viele Früchte, da aus dem kleinen Bäumchen im Laufe des Jahres ein stattlicher Baum geworden war.
Und wie er es versprochen hatte, trug der Baum unzählige Blüten, schon als noch Schnee auf den Dächern der Häuser lag. Und nicht nur im Frühling, nein, der Baum blühte das ganze Jahr über bis spät in den Herbst hinein. Bienen, Hummeln und Schmetterlinge ergötzten sich daran. In diesem Jahr gab es schon im Sommer die ersten Früchte. Den ganzen Herbst und selbst während des Winters konnten welche geerntet werden, bis der Baum im Frühling wieder Blüten trug und erneut Früchte hervorbrachte. Doch immer noch waren es nicht genug.
Alle Dorfbewohner wollten einen eigenen Baum in ihren Gärten. Sie besprachen sich hinter dem Rücken des Alten und pflanzten die Samen – die schließlich jede Frucht im Inneren trug – in ihre Gärten. Die Bäume wuchsen, sie bekamen grüne Blätter, doch sie blühten nicht und so konnten sie auch keine Früchte tragen. Die Menschen wurden wütend auf den Alten, da ihnen klar wurde, dass es ein Geheimnis um den Baum geben musste, das er ihnen verheimlicht hatte. Natürlich fragten sie ihn danach. Doch der Alte schwieg. Ein junger Mann mit großem Mundwerk glaubte zu wissen, wie man dem Alten das Geheimnis entlocken könnte. Der Baum, so verkündete er, müsse lediglich abgesägt werden. Der Alte würde sicher einen neuen Baum pflanzen und dabei konnten sie ihn dann beobachten....
| Erscheint lt. Verlag | 16.3.2023 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Lyrik / Dramatik ► Lyrik / Gedichte |
| ISBN-10 | 3-7578-9575-4 / 3757895754 |
| ISBN-13 | 978-3-7578-9575-4 / 9783757895754 |
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