Aschermittwochsmord (eBook)
312 Seiten
neobooks Self-Publishing (Verlag)
978-3-7549-9253-1 (ISBN)
Brunhilde Witthaut schreibt u.a. als Michelle Cordier und Claire Clement Krimis, hauptsächlich aus dem südlichen Frankreich. Doch auch als Gay Crime Autorin ist sie tätig. Als Laurent Bach entwickelte sie die Figur des liebenswerten Privatdetektivs Claude Bocquillon. Mehr auf www.michelle-cordier.de
Brunhilde Witthaut schreibt u.a. als Michelle Cordier und Claire Clement Krimis, hauptsächlich aus dem südlichen Frankreich. Doch auch als Gay Crime Autorin ist sie tätig. Als Laurent Bach entwickelte sie die Figur des liebenswerten Privatdetektivs Claude Bocquillon. Mehr auf www.michelle-cordier.de
Kapitel 1
16. Februar 1972
Der Paderborner Bahnhof lag im dichten Nebel, die Luft war klamm. Seine Mutter fröstelte, obwohl sie ihren Nerzmantel trug. Genau so würde Roland Römer sie wohl in den nächsten Wochen in Erinnerung behalten: verzagt, wehmütig, mitsamt den blassen Resten des Aschenkreuzes auf der Stirn, das sie sich vorhin in der Frühmesse im Dom geholt hatte. Er umarmte sie, nahm den Duft ihres Parfums wahr und hörte ihr zu, wie sie ihm viel Glück wünschte und er sollte auf sich aufpassen im großen Köln und seine Lederjacke wäre doch bestimmt nicht warm genug. Sie strich ihm über das Haar, als wäre er ein kleiner Bub.
Ein wenig verlegen gab er ihr einen Kuss auf die Wange, der Austausch von Zärtlichkeiten war in seiner Familie kaum üblich. Doch dies war ein wichtiger, lang ersehnter Abschied.
„Mama, mach dir keine Sorgen. Ich bin doch nicht auf einer Himalaya-Expedition“, sagte er und drückte sie ein letztes Mal an sich. So wie nun der Karneval vorbei war, war auch sein altes Leben vorbei, heute, am Aschermittwoch. Winteraustreiben, das Ende seines persönlichen Winterschlafs. Dass nun die Fastenzeit begann, schob er zur Seite. Er wusste auch so, dass es in der ersten Zeit nicht einfach für ihn sein würde.
Er stieg in den Zug und bugsierte seine zwei Koffer in den Gang. Am geschlossenen Fenster winkte er seiner Mutter zu. Die Diesellok wirbelte den Nebel auf und ihre zierliche Gestalt verlor sich im Dunst. Ein wenig fühlte er sich wie ein Verräter. Andererseits konnte er aufatmen. Es gab kein Zurück mehr. Er setzte sich in Fahrtrichtung und seine Gedanken liefen mit den Gleisen in die Zukunft.
Nach zwei Stunden tauchten Türme auf, deren Anblick er seit einem Jahr sehnlich erwartet hatte. Und kaum hatte er den Bahnhof verlassen, ging er seinem Empfinden nach: Er legte die kurze Strecke zurück, nachdem er seine Koffer in ein Gepäckfach eingeschlossen hatte, und presste die Hände an die kühle Wand des Kölner Doms - Wahrzeichen der Stadt, die immer noch als das Chicago am Rhein galt.
*
Frau Gülek hob die Hand zur Klingel, doch dann stutzte sie. Die Wohnungstür, vor der sie stand, war tatsächlich schon einen Spalt breit geöffnet. Nanu, dachte sie, das ist ja nett von Fräulein Stedtfeld. Frau Gülek nahm Schrubber und Eimer wieder an sich, stieß die Tür weiter auf und trat ein.
„Guten Tag“, rief sie und betrat die Küche, wo sie den Eimer unter den Wasserhahn stellte und den Schrubber an die Wand lehnte. Keine Antwort. Vielleicht war ihre Kundin noch im Schlafzimmer, sie hatte mittwochs frei und schlief etwas länger.
Nachdem sie ihre Jacke über einen Stuhl geworfen hatte, hielt sie ihre kalten Hände an die kleine Nachtspeicherheizung und genoss für einen Moment die Wärme des Metalls. Auf einem Regal lag eine Karnevalsmaske, die rosa Federn ein wenig zerfleddert. Die Kölner und ihr Karneval ... Sie schüttelte den Kopf, sagte leise „Yallah“, band sich das Kopftuch etwas strammer, krempelte sich die Ärmel auf und schaltete das kleine Radio ein. 11 Uhr, die Nachrichten. Der Sprecher sagte etwas von Willy Brand und Ost-Verträgen, dann berichtete er von der mittelprächtigen deutschen Medaillenausbeute in Sapporo und vom Rosenmontagszug. Politik, Sport, selbst Karneval - das interessierte sie nicht sonderlich, sodass sie das Gerät wieder ausschaltete und die Antenne vorsichtig einschob, damit sie später nicht beim Staubwischen störte. Sie ging hinüber zum Schlafzimmer und öffnete langsam die Tür. Sie erwartete, die schlanke Frau am Schminktisch in der Ecke zu sehen, wo sie sich die Lippen nachzog oder das lange blonde Haar mit energischen Strichen bürstete. Aber das Zimmer war leer, die Rollläden waren heruntergelassen, die runde Kugellampe tauchte das ordentlich gemachte Bett in eine warme orange Helligkeit. Als in der Küche der Schrubber von der Wand rutschte und mit einem Knall auf das Linoleum fiel, zuckte Frau Gülek zusammen. Doch selbst jetzt blieb Fräulein Stedtfeld stumm, anstatt irgendwo um die Ecke zu sehen.
Wie seltsam, wo war sie nur?
Die Badezimmertür war nur angelehnt. Frau Gülek klopfte an.
„Fräulein Stedtfeld, ich bin da!“ Vorsichtig trat sie ein. Feuchte Wärme schlug ihr entgegen. Auf dem Boden schimmerte eine Wasserpfütze im gedimmten Licht der Deckenlampe. Aha, Frau Gülek verdrehte die Augen. Vielleicht Männerbesuch, ein gemeinsames Bad in der großen Badewanne, in der alle kleinen Güleks Platz finden würden. Sie ging sofort in die Küche zurück, um den Aufnehmer zu holen. Als sie sich im Badezimmer zum Aufwischen hinkniete, hob sie den Kopf und schrak zurück. Auf Augenhöhe, über dem Wannenrand, hing eine leblose, blasse Hand. Mit klopfendem Herzen betrachtete Frau Gülek die rot lackierten Fingernägel, die sich wie Blutstropfen von der weißen Haut und den hellen Fliesen abhoben, dann rappelte sie sich auf und trat näher.
*
Im Flur war es still, niemand rührte sich. Offenbar war jeder im Einsatz oder auf einem Lehrgang. Der Hausmeister hatte ihn eingewiesen und war in seine kleine Kammer zurückgekehrt. Roland musterte sein Zimmer, müde und aufgekratzt zugleich. Drei mal vier Meter groß, mehr hatte das neue Männerwohnheim für ledige Polizeibeamte in Köln-Kalk nicht zu bieten. Weißes Raufaser, Linoleumboden, Neonröhre, Scheibengardinen, die versuchten, den Raum gemütlicher wirken zu lassen. Doch Roland gab nicht viel auf Äußerlichkeiten. Er war an seinem Ziel angekommen und nahm sich vor, sich in aller Ruhe einzurichten, so karg die Umgebung und so spärlich seine Habseligkeiten auch waren.
Er legte einen der Koffer auf die schmale Pritsche, tastete unwillkürlich seine Lederjacke ab und zog die verdächtig knitterige Packung HB heraus. Hoffentlich gab es im Gebäude einen Zigarettenautomaten. Er fummelte die zweitletzte Zigarette heraus, steckte sie sich mit dem Feuerzeug an und inhalierte tief. Der Tabak entspannte ihn, die Erschöpfung von der langen Fahrt im Bummelzug verflüchtigte sich.
Die Aussicht aus dem Fenster haute ihn jetzt nicht um. Er sah einfache Mehrfamilienhäuser, eine Kirche in Buntsandstein. Die jungen Bäume wirkten im feinen Nieselregen verloren, so nackt und blattlos. An einer Reklamewand hing ein verblasstes Plakat, das zu einer Karnevalssitzung einlud. Auf der Fahrt mit dem Taxi hatte er Fabriken und Industrieanlagen gesehen, Reihenhäuser, Lagerhallen, Eisenbahnschienen. Das war Köln-Kalk, nicht gerade ein Bezirk mit Charme. Aber es war Köln - und das war das Wichtigste.
Roland drückte den Zigarettenstummel im Waschbecken aus und machte weiter. Mit 65 Mark war das Zimmer eine echt günstige Bleibe. Hier waren kleine Wohnungen weder zu bekommen noch zu bezahlen. Mit energischen Bewegungen begann er, seine Klamotten aus den Koffern in einen schmalen Metallspind einzuräumen. Er freute sich auf morgen, auf seinen ersten Tag bei der Kölner Kriminalpolizei. Zum Glück war das Präsidium nicht weit von hier entfernt. Und hoffentlich die nächste Pommesbude auch nicht, sein Magen knurrte bereits.
Die zwei geliebten Schallplatten, auf die er nicht verzichten wollte, legte er behutsam auf ein Regal. The Mamas and the Papas und Uriah Heep. Unwillkürlich begann er, „Monday Monday“ zu summen und legte ein paar Bücher ab. Um einen eigenen Plattenspieler würde er sich später kümmern.
Ein schrilles Klingeln durchbrach die Schläfrigkeit des Gebäudes. Das Telefon, das im Flur an der Wand hing, gab keine Ruhe, selbst nicht, als Roland eine halbe Minute wartete. Wo war denn nun der Hausmeister? Er warf den Schlafanzug aufs Bett, ging in den Flur hinaus und nahm ab.
„Polizeiwohnheim, Inspektor Römer hier.“
„Römer, na endlich. Hauptkommissar Baumann hier, vom Präsidium Kalk. Haben Sie sich schon eingerichtet?“
Sein neuer Chef! Das Herz rutschte ihm für einen Moment in die Hose.
„Bin gerade dabei, Herr Hauptkommissar, Danke der Nachfrage.“
War doch nett, dass Baumann ihn willkommen hieß.
„Ja ja. Lassen Sie mal alles stehen und liegen und kommen Sie her. Es gibt einen Fall, bei dem ich Sie gut einsetzen kann. Melden Sie sich an der Pforte, dann wird man Sie zu mir führen. Bis gleich.“
„Aber ...“ Doch Baumann hatte bereits aufgelegt. Roland starrte den Telefonhörer an, der schwer in seiner Hand lag, dann hängte er ein. Von wegen willkommen heißen – er sollte arbeiten, jetzt sofort.
Und das war klasse! Roland grinste, bis seine Wangen schmerzten, und eilte in das Zimmer zurück. Schnell die Jacke an, her mit dem Zimmerschlüssel. Die Pommesbude musste warten. Beim Abschließen traf er den schmächtigen, mit einem grauen Kittel bekleideten Hausmeister, der prüfend die Luft einsog. Sein Schnurrbart zitterte.
„Rauchen ist hier verboten, im gesamten Haus!“
Roland betrachtete den tabakgelben Zeigefinger, der mahnend vor seiner Nase aufragte.
„Hm, das muss Ihnen schwerfallen“, gab er zurück und steckte seinen Schlüssel in die Jackentasche. Er verließ den Flur und ignorierte das Gemurmel des Mannes. Einzig das Wort „Klugscheißer“ hörte er noch heraus.
Zügig schritt er aus. Die Stadt war zu hören, das dumpfe Brausen, die Kirchenglocken um 12 Uhr, hier und da Hupen. An einem Büdchen standen zwei Männer und unterhielten sich, die Flasche Bier in der Hand. Der Inhaber hinter der Glasscheibe blickte mürrisch auf die Straße. Aus einer Fleischerei strömte der Duft von frischer Wurst und machte ihn noch hungriger.
Hier würde er nun leben und vor allem arbeiten. In Paderborn hatte er zwei Jahre lang alles...
| Erscheint lt. Verlag | 7.3.2023 |
|---|---|
| Verlagsort | Berlin |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Romane / Erzählungen |
| Schlagworte | 70er-Jahre-Krimi |
| ISBN-10 | 3-7549-9253-8 / 3754992538 |
| ISBN-13 | 978-3-7549-9253-1 / 9783754992531 |
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