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Der Schleier im Main - Alexandre Dumas, Clemens Bachmann

Der Schleier im Main (eBook)

Ein Frankfurt-Roman von 1866
eBook Download: EPUB
2022
320 Seiten
Societäts-Verlag
978-3-95542-452-7 (ISBN)
Systemvoraussetzungen
12,99 inkl. MwSt
(CHF 12,65)
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Der weltberühmte Autor Alexandre Dumas hat in seinen Feuilletons für eine französische Tageszeitung ein lebensvolles Porträt der Stadt Frankfurt zur Zeit ihrer Annexion durch die Preußen geliefert. »Der Schleier im Main«, vordergründig ein Abenteuer- und Liebesroman, bietet Schlachtengemälde und spannende Degenduelle ebenso wie romantische Liebeshändel und unvergängliche Treueschwüre. Kenntnisreich und mit Blick für die Details versteht es Dumas, städtische Szenen und das Leben der Frankfurter Bürgerinnen und Bürger nachzuzeichnen. Vor historischer Frankfurter Kulisse siedelt er die Gespräche unter Freunden, das Geflüster der Liebenden und die Intrigen gegenüber Feinden an. »Der Schleier im Main« ist eine Hommage an das Frankfurt des 19. Jahrhunderts und zugleich ein typischer Dumas- Roman: dramatisch, zupackend und mitreißend bis zum Schluss! »Eine wirkliche Entdeckung und gelungene Überraschung, nicht nur zum weiteren Ruhm der Stadt Frankfurt am Main, sondern auch zum Vergnügen des Lesers.« Andreas Maier, Autor

Alexandre Dumas wurde 1802 in Viller-Cotterêtes geboren und starb 1870 in Puyis bei Dieppe. Seine Romane »Die drei Musketiere« (1844) und »Der Graf von Monte Christo« (1845- 46) gehören zum Kanon der Weltliteratur.

Alexandre Dumas wurde 1802 in Viller-Cotterêtes geboren und starb 1870 in Puyis bei Dieppe. Seine Romane »Die drei Musketiere« (1844) und »Der Graf von Monte Christo« (1845- 46) gehören zum Kanon der Weltliteratur.

Berlin


Berlin erweckt den Anschein, als habe der Architekt die Planung der Hauptstadt zwar mit aller Sorgfalt und Ab­sicht liniengetreu und regelgemäß geplant, ihre Gestaltung aber doch so langweilig und wenig malerisch ausgeführt, wie es seine Genialität zuließ. Blicken wir von der Domkirche, dem höchsten begehbaren Punkt herab, erinnert uns der Ort an ein riesiges Schachbrett, worauf das königliche Palais, das Museum, die Kathedrale und andere wichtige Gebäude gleichsam als König, Dame und Springer aufgestellt sind. Aber im Gegensatz zu Paris, das von der durchfließenden Seine zu­sammengehalten wird, ist Berlin durch die Spree geteilt; während dort der Fluss eine Insel umfließt, verzweigt er sich hier wie die Henkel einer Vase rechts und links in zwei künstliche Kanäle, um so mitten in der Stadt zwei unterschiedlich große Inseln zu bilden. Die größere Insel hat das Privileg die eigentliche Hauptstadt zu sein; auf ihr sind das Palais des Königs, die Domkirche, Museen, die Börse und viele andere öffentliche Gebäude gelegen, sowie eine stattliche Anzahl von Häusern, die man in Turin, dem Berlin Italiens, sicherlich als Paläste bezeichnen würde; die andere Insel enthält nichts an Bemerkenswertem, welches den Vergleich mit der Pariser Rue Saint Jacques und dem Viertel Saint-André-des-Arts aushielte.

Das aristokratische, das elegante Berlin ist zur Rechten und Linken der Friedrichstraße beheimatet. Es erstreckt sich vom Belle-Alliance-Platz, wo der nach Berlin kommende Fremde die Stadt betritt, bis zum Oranienburger Platz, wo er sie verlässt, und kreuzt ziemlich genau in ihrer Mitte die Straße Unter den Linden. Diese berühmte Promenade führt durch jenes vor­nehme Viertel vom Königsschloss bis zum Zeughausplatz. Diese Straße verdankt ihren Namen zwei Reihen mächtiger Linden, die entlang eines reizenden Spazierweges zu beiden Seiten des breiten Fuhrweges stehen. Beide Straßenseiten sind gesäumt von Cafés und Restaurants, die von ihren zahlreichen Gästen besonders in den Sommermonaten fast bis zur öffentlichen Fuhrstraße in Besitz genommen sind, was dann ein bemerkenswertes Ausmaß lebhaften Treibens annimmt. Keiner übertreibt jedoch und stört durch lautes Reden oder Geschrei, denn gewöhnlich zieht es der Preuße vor, sich sub rosa zu amüsieren und gibt sich nur hinter verschlossenen Türen ausgelassen.

Am 7. Juni 1866 jedoch, gegen sechs Uhr abends, an einem Tag, wie ihn so schön nur Preußen hervorbringen kann, bot sich auf der Straße Unter den Linden eine Szenerie höchst ungewöhnlichen Tumultes. Ursache der Aufgeregtheit war vor allem die wachsende Feindseligkeit, die Preußen im Zusammenhang mit der Holsteinkrise gegenüber Österreich zeigte und in deren Verlaufe es – wegen der Fortführung der Wahl des Herzogs von Augustenburg – eine Verweigerungshaltung einge­nom­men hatte. In diesem Zusammenhang gab es weiterhin erregte Debatten über die allgemeine Aufrüstung aller Seiten, sowie Berichte über die unmittelbar bevorstehende Mobil­machung der Landwehr, über die Auflösung des Bundestages und letzt­endlich ein Gerücht über ein Telegramm aus Frankreich, das Drohungen gegenüber Preußen beinhaltete und von dem man behauptete, es stamme von Louis Napoleon selbst.

Um die Abneigung zu verstehen, die man hierzulande gegenüber den Franzosen hegt, empfiehlt sich ein Besuch Preußens. Dem Besucher wird allenthalben eine Art von Monomanie auffallen, die sogar bis in die gebildeten Kreise reicht: Kein Minister erlangt Popularität, es sei denn, er bediente sich einer kriegerischen Rhetorik; kein Redner findet Gehör, es sei denn, er streute aus seinem Zitatenschatz das eine oder andere brillante Epigramm oder eine geistreiche Andeutung anti-französischen Inhalts ein. Noch weniger würde man jemandem den Titel eines Dichters zuerkennen, wenn sich der Anwärter nicht mit der Autorenschaft einiger populärer Reime mit Titeln wie »Der Rhein«, »Leipzig« oder »Waterloo« qualifizieren würde.

Woher kommt diese Aversion gegen Frankreich – ein tiefes, hartnäckiges und unausrottbares Gefühl der Abneigung, das Boden und Luft durchdrungen zu haben scheint? Wir können es nur vermuten. Sollte es aus einer Zeit stammen, als die Gallische Legion, die Elitetruppe der Römischen Armee, als erste in Germanien eindrang? Diesen Gedanken weiter nachhängend kämen wir zur Schlacht von Rosbach als einem möglichen Grund; in diesem Falle müsste der deutsche Nationalcharakter noch um einiges bösartiger entwickelt sein. Weiterhin, wäre der Hass, den die Schüler Friedrichs des Großen seit den Tagen des berühmten Manifests des Herzogs von Braunschweig an den Tag legen, möglicherweise aus einem militärischen Unterlegenheitsgefühl erklärbar? Jener drohte seinerzeit, in Paris nicht einen Stein auf dem anderen zu lassen! Die Schlacht von Valmy vertrieb anno 1792 die Preußen aus Frankreich; und eine andere, die von Jena, öffnete uns im Jahre 1808 die Tore nach Berlin. Immerhin können uns unsere Feinde – nein, unsere Rivalen – auf diese Jahreszahlen hin die Namen von Leipzig und Waterloo entgegenhalten. Was jedoch Leipzig betrifft, können sie für sich höchstens ein Viertel beanspruchen, denn man muss sich vor Augen halten, dass ihre Armee mit der Russlands, Österreichs und Schwedens alliiert war – nicht zu reden von dem Beitrag Sachsens, der in diesem Zusammenhang ebenfalls erwähnt zu werden verdient. Auch kann man nicht mehr als eine Hälfte Waterloos dem preußischen Verdienst anrechnen, denn Napoleon, der bis zu deren Anmarsch überlegen war, hatte seine Armeen im Verlaufe eines sechsstündigen Gefechts mit den Engländern längst erschöpft.

Vergegenwärtigt man sich dieser Erbfeindschaft, zu der sich hier tatsächlich jeder offen bekennt, dann konnte das Ausmaß der öffentlichen Gefühlsäußerungen kaum überraschen, welches ein weit verbreitetes Gerücht ausgelöst hatte, das besagte, Frankreich habe den Fehdehandschuh hingeworfen und beteilige sich an dem nahe bevorstehenden Konflikt. Viele jedoch bezweifelten die Neuigkeiten, weil darüber in der Morgenausgabe des »Staatsanzeigers« nicht ein einziges Wort zu lesen stand.

In Berlin gibt es gutgläubige Anhänger der Regierung, die der Meinung waren, die Regierung lüge nie und hielte in elterlicher Fürsorge niemals Nachrichten zurück, die den teuren Untertanen von Interesse seien. Vergleichbar dem »Moniteur« in Paris findet sich dieses Publikum hier in der Leserschaft des »Tagestelegraphen«, und beide Leserschaften fühlen sich geeint in der Gewissheit, ihr spezielles Organ veröffentliche immer, wovon es Kenntnis habe; genauso verhält es sich mit den Lesern der regierungsnahen und aristokratischen »Kreuzzeitung«, die sich gleichfalls weigern, irgend etwas Glauben zu schenken, wenn es nicht in ihren gut informierten Kolumnen geschrieben steht. Diesen Tumult also übertönten die Titel der obengenannten Tageszeitungen oder Wochenausgaben sowie Dutzende anderer, die von den Zeitungsjungen von allen Seiten in die erregte Masse hineingerufen wurden; da setzte sich plötzlich in dem Getöse eine schrille Stimme erfolgreich durch: »Französische Neuigkeiten! Französische Neuigkeiten! Telegraphische Nachrichten! Ein Kreuzer!«

Die Auswirkung auf die Massen kann man sich vorstellen. Trotz der sprichwörtlichen preußischen Sparsamkeit langte jede Hand nach der Geldbörse, kramte einen Kreuzer hervor und gab ihn aus im Tausch gegen ein rechteckiges Stück Papier, das die lang erwarteten Nachrichten enthielt. Und in der Tat, die Bedeutung des Inhalts entschädigte den vorausgegangenen Ärger über das lange Anstehen. Der Bericht lautete wie folgt:

»6. Juni 1866. Seine Majestät der Kaiser Napoleon III. wurde auf dem Weg nach Auxerre, wo er an der Provinzialversammlung teilnehmen wird, am dortigen Stadttor von dem Bürgermeister begrüßt, der eine Grußbotschaft überbrachte, in der er seine und der Bürgerschaft Reverenz übermittelte. Seine Majestät antwortete in nachfolgenden Worten, die man unseren Landsleuten nicht erklären muss. Ihre Bedeutung sollte jedem genügend klar sein.

’Ich sehe mit großer Freude, dass sich Auxerre immer noch des ersten Kaiserreichs erinnert. Lassen Sie mich Ihnen versichern, dass ich für meinen Teil die Gefühle der Zuneigung geerbt habe, die das Oberhaupt unserer Familie gegenüber den patriotischen und tatkräftigen Gemeinschaften empfunden hatte, welche ihn gleichsam in Glück und Unglück unterstützt hatten. Ich selbst stehe in der Schuld der Dankbarkeit gegenüber dem Department Yonne, das im Jahre 1848 als eines der ersten sich für mich entschied. Es wusste, was schon dem größeren Teil der Nation bewusst war, dass seine Interessen und die meinen dieselben waren und dass wir beide diese Verträge von 1815 gleichermaßen ablehnen, die heute als Mittel der Kontrolle unserer auswärtigen Politik benutzt werden.«

Hier brach der Bericht ab, offensichtlich dachte sein Verfasser nicht daran, die Fortsetzung der kaiserlichen Ausführung auch weiterhin als berichtenswert zu erachten. Sicherlich, auch ohne diesen Rest war die Bedeutung genügend klar. Trotzdem verging eine geraume Zeit, bis die Bedeutung der Mitteilung den Lesern aufging und den Wutausbruch weckte, der natürlicherweise folgen musste.

Als sie schließlich zu verstehen und zu begreifen begannen, dass die Hand des Neffen des Großen Napoleon einen Schatten auf ihren geliebten Rhein warf, da hallten Drohungen und Hurras von dem einen bis zum anderen Ende der Straße Unter den Linden. Ein solcher Entrüstungssturm erhob sich, dass man meinen musste – um Schillers lebendige Ausdrucksweise zu bemühen – der ungeheure Ring, der das ganze Himmelsgewölbe umfasst, müsse in Stücke springen. Man stieß laute Verwünschungen aus,...

Erscheint lt. Verlag 4.10.2022
Verlagsort Frankfurt
Sprache deutsch
Themenwelt Literatur Historische Romane
Schlagworte 1866 • Annexion • Feuilletons • Frankfurt • Geschichte • historisch • Klassiker • Preussen
ISBN-10 3-95542-452-9 / 3955424529
ISBN-13 978-3-95542-452-7 / 9783955424527
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