Die Geschichte von Taira (3) (eBook)
568 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-7578-6388-3 (ISBN)
Eiji Yoshikawa (1892 - 1962) ist einer der bekanntesten Schriftsteller der volksnahen Literatur in Japan. Er schrieb schon früh Romane über historische Personen und Themen. So veröffentlichte er von 1935 bis 1939 den Serienroman Miyamoto Musashi in einer Wochenzeitung. Kein anderer Serienroman wurde so viel gelesen wie Miyamoto Musashi. Seine schriftstellerische Darstellung des berühmten Schwertkämpfers fand bei den Japanern, die unter den miserablen Umständen des Zweiten Weltkriegs (des Pazifischen Kriegs) litten, ein starkes Echo. Als Roman der volksnahen Literatur wurde Miyamoto Musashi ein großer Erfolg. Eiji Yoshikawa war von der Niederlage des Zweiten Weltkrieges und der unvorstellbaren Zerstörung Japans sehr enttäuscht und konnte mehrere Jahre nicht schreiben. Er begann erst 1950, den großen Roman Shin Heike Monogatari (die Geschichte von Taira - neue Interpretation) zu schreiben und schloss ihn nach 7 Jahren ab. In diesem, ebenfalls als Zeitungsserie erschienenen Roman erzählte Eiji Yoshikawa über den ersten brutalen Bürgerkrieg Japans und die Schicksale der Menschen. Dieser lange Historienroman sprach viele Japaner an, die in den Folgejahren nach dem Zweiten Weltkrieg arg gebeutelt waren, und wurde mit mehreren Literaturpreisen ausgezeichnet. Eiji Yoshikawa schrieb bis zu seinem Tod weitere Historienromane.
Besuch seiner Majestät in Rokuhara – Fortsetzung –
Die Geschichte von Tokiwa
Es war die Neujahrsnacht.
Es gab im Gegensatz zu den Neujahrstagen in früheren Jahren nur die Finsternis der großen, aber leeren Tempelanlage, in der es kalt war und überhaupt kein Feuer brannte. Die Nacht war schwarz wie Tusche und die Luft strömte zwischen die Leisten herein. Der große Boden glich einem eisgefrorenen Teich. Nur die Holzklapptüren und die Wände des Korridors schützten vor dem Bergwind von draußen.
„Oh, Liebes, du brauchst nicht zu weinen. Du bist an meiner Brust. Frierst du? Warum weinst du denn so? Warum weinst du denn so, mein Schatz?“
Dieser Ort hieß Yasaka am Berg Otowayama und lag im Osten der Hauptstadt.
In dem Pavillon der „Göttin der leichten Entbindung“ innerhalb der Tempelanlage von Kiyomizudera hörte man ab und zu an diesem Abend die Schreie eines Säuglings.
Das waren Stimmen Tokiwas und ihres Babys an ihrer Brust.
Nein, an einer großen Säule der Anlage lagen noch zwei kleine Jungen, die auf einer Reisstrohmatte unter einer dünnen Schlafdecke neben ihr schliefen.
Der Säugling war im letzten Jahr geboren worden und wurde in diesem neuen Jahr zwei Jahre alt. Die Geburt war gerade mal sieben Monate her.
Sein Name war Ushiwaka (er hieß später Yoshitsune). Sein nächstälterer Bruder hieß Otowaka im Alter von sechs Jahren. Der älteste, Imawaka, war noch ein unbeholfenes Kind, das gerade acht Jahre alt wurde.
„Es ist kein Wunder, dass du weinst.“
Tokiwa, die Geliebte des Stammesoberhauptes der Familie Minamoto, Yoshitomo, streichelte mit ihrer Wange die Wange des weinenden Ushiwaka und weinte mit ihm. Diese Mutter wurde in diesem Frühjahr selbst erst dreiundzwanzig Jahre alt.
„Du weinst vor Hunger, weil keine Milch herauskommt, nicht wahr. Was macht Yomogi? Sie muss bald zurück sein. Bitte weine nicht! Ich fühle mich so verlassen in dieser Welt.“
Damit die anderen Jungen nicht wach wurden, wanderte sie mit Ushiwaka im Arm in dem nächtlichen Tempel umher. Sie sah entmutigt aus.
Das hatte sie auch in der vorangegangenen Nacht gemacht und diese Nacht machte sie genauso.
Diese Nacht war der 3. Januar. Wenn man später zurückdachte, war der Vater dieser drei Jungen, Yoshitomo Minamoto, bereits der Falle zum Opfer gefallen, die ihm der Landesfürst von Noma in der Provinz Owari, Tadamune Osada, gestellt hatte. Yoshitomo war bereits getötet worden. War es Vorahnung, dass Ushiwaka den ganzen Abend nur noch weinte und Tokiwa von Angst gequält wurde, sodass sie nicht einmal mehr genug Milch produzierte, um Ushiwakas Lippen zu befeuchten. Sie hatte dabei ohnehin nur spärlich Muttermilch.
Zu der Göttin von Kiyomizudera kam sie schon immer einmal im Monat beten. Einige Mönche kannten sie auch. Deshalb, als sie wider Willen ihr Haus verlassen hatte, war sie mit ihren Dienern in diesen Berg geflohen. Sie wurde aber von den Mönchen des Berges gewarnt:
„Rokuharas Samurai suchen nach Ihnen und nach den Nachkommen von Herrn Yoshitomo mit großem Eifer!“ sodass sie sich nirgendwo sicher fühlte.
Die Diener, die sie mitgebracht hatte, verschwanden alle, sodass nur das Kindermädchen namens Yomogi bei ihr geblieben war. Die Mönche des Tempels Kiyomizudera fanden sie zwar zu bemitleiden, aber sie hatten selbst vor Rokuhara Angst und schauten alle mit verlegenem Gesicht weg. Die Mönche des Tempels zeigten Tokiwa und ihre Jungen nicht an, aber sie beschützten sie auch nicht.
Schließlich war es ein junger Mönchsstudent, der Kogon hieß. Er konnte ihr mit den drei Jungen einfach nicht untätig zusehen:
„Es gibt von einigen Pavillons der Göttin der leichten Entbindung einen, in den kaum jemand hineintritt. Verbringen Sie eine Weile dort! Ich werde Sie dort verstecken.“
So hatte er Mutter und Kinder dort vor zwei Tagen untergebracht.
Das dünne Bettzeug, Reisstrohmatten und die Lebensmittel, mit denen das kümmerliche Leben dieser Mutter und der Kinder gerade noch erhalten werden konnte, wurden von dem freundlichen Mönchsstudenten hinter den Augen des Tempelvolkes heimlich dorthin getragen.
Sie hatte in diesem Krieg die eiskalte Erbarmungslosigkeit einiger Menschen kennengelernt. Auf der anderen Seite hatte sie die warmherzige Nächstenliebe anderer bis dahin nie am eigenen Leibe erfahren wie jetzt. Die Dankbarkeit ging ihr unter die Haut.
Tokiwa war ein auserwähltes Dienstmädchen. Aus tausend hübschen Mädchen der Hauptstadt waren zuerst einhundert hübscheste Mädchen gewählt worden, von denen nochmals die zehn schönsten Mädchen erlesen wurden, und von diesen zehn besten Mädchen wurde nur Tokiwa allein ausgewählt und als Dienstmädchen bei der Gemahlin des Tennos im mittleren Hof, Shimeko, in den Hof aufgenommen. Damals war sie das glücklichste Mädchen in dieser Welt genannt und von allen Mädchen in dieser Hauptstadt beneidet worden.
Mit vierzehn malte man ihr zum ersten Mal ihre Augenbrauen nach, mit fünfzehn trat sie mit ihrem langen Rock im Hof offiziell auf, und mit sechzehn wurde sie von Yoshitomo geliebt. Als sie so in Yoshitomo verliebt war und im Garten des Hofes der Dame traurig den Frühlingsmond hinter den in der Dunkelheit nur zu erahnenden Kirschblüten erblickte, hatte sie in ihrem Leibe schon ihren ersten Sohn Imawaka getragen.
Danach war Tokiwa so glücklich wie im Traum gewesen, der aber nur eine kurze Zeit andauerte.
Sie wurde sowohl von ihrer Herrin gerne gemocht, und auch ihr Mann Yoshitomo hatte sie sich niemals einsam fühlen lassen. Seine Zuwendung für sie war niemals zu wenig.
Ihre Welt bestand nur aus dem Hof ihrer Herrin, und außer Yoshitomo gab es für sie keinen Mann. Sie sah sich weder nach links noch nach rechts um und lebte bis dahin nur für den Dienst im Hof und für ihre Jungen.
Dann plötzlich wurde Tokiwa in den Kriegsschauplatz und an den Rand der Gassen hinausgeworfen, in denen Überlebenskämpfe tobten.
Mit ihren Jungen im Arm und obendrein unter der scharfen Verfolgungsjagd, musste sie sich und ihre Jungen verstecken, weil sie nun zu den Verlierern zählte.
Der zwei Jahre alte Ushiwaka hatte, wie bei Jungen üblich, seit seiner Geburt häufig Bauchweh. Wenn dieses Baby anfing zu weinen, bekam die junge Mutter immer Angst.
Sie wanderte durch die Gassen, in denen die Augen der Verfolger auf sie lauerten, aber ihre Muttermilch hörte auf zu fließen. Vielleicht, weil sie unmögliches Essen in den Magen dieses Säuglings gab, hatte Ushiwaka etwa seit dem Vortag grünen Stuhl und weinte ungewöhnlich stark.
„Beschütze das Leben dieses Jungen auch für mich!“ rief sie mehrere hundert Male vor der Statue der Göttin der leichten Entbindung und konnte nicht häufig genug in ihrem Herzen beten.
Während der letzten zehn Tage sträubten sich plötzlich ihre schwarzen Haare vor Angst, wenn sie Feuer und Schwerter sah. Aber gleichzeitig wurde ihr Herz von einer Stimme ihres Instinktes geführt, die es ihr befahl:
„Opfere dein Leben für deine Jungen!“
Ihre Mutterliebe rüttelte sie immer wieder auf.
Sie war bereits im Garten des Hofes an der neunten Jo Mutter gewesen. Auch in den Tagen, in denen sie sich mit Yoshitomo traf, war sie Mutter. Nachdem sie sich in den Kriegsschauplatz verirrt hatte, war sie ebenfalls Mutter. Und auch in diesem Moment, in dem sie sich auf dem großen Boden in der Tempelanlage der Göttin der leichten Entbindung versteckte und fror, war sie Mutter. Aber, je länger die Tage dauerten, in denen sie vor Verletzungsgefahr, Hunger, Ziellosigkeit auf den Straßen und in der Gefahr der Verfolgung immer weiter vertrieben wurde, um so mehr veränderte sich ihre Mütterlichkeit.
Allmählich ging ihr eigener Wille immer weiter zurück. Man konnte fast von einer Dummheit sprechen. Die Leben ihrer Jungen bemächtigten sich gänzlich ihres Lebens.
Das Wort Verkörperung passte gerade zu ihr. Sie war eine Mutter, die vollkommen die Mütterlichkeit verkörperte. Man konnte das an dieser jungen Mutter erkennen.
Der Saum des langen Rockes ihrer Alltagskleidung, die sie angehabt hatte, als sie ihr Haus verlassen hatte, löste sich auf. Der Gürtel ihres Oberkleides wurde locker, sodass sie ihr Oberkleid auf den Boden legte. Während sie den unaufhörlich weinenden Ushiwaka in ihrem Arm schaukelte, ging sie in der Nähe des Hauptpavillons auf und ab, wo Kerzen dunkel in den Standlaternen leuchteten. Sie machte sich selbst zum Schaukelkorb. Ihre Gestalt war dabei gerade so, als ob Bodhisattva, die Göttin der Gnade für Mütter, aus dem Aufbewahrungsschrank für Buddha und Heilige Schriften die Stufen der golden gestrichenen Schatzkammer herabgestiegen wäre. An den Türen des Aufbewahrungsschrankes war das Relief der Prachtkäferfedern eingearbeitet.
Plötzlich hörte man, dass jemand irgendwo weit entfernt von dort eine schwere nach den beiden Seiten zu schiebende Tür quietschend öffnete.
Tokiwas Blick drehte sich sofort um. Sie war aufgeschreckt.
„Oh,...
| Erscheint lt. Verlag | 16.1.2023 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Historische Romane |
| ISBN-10 | 3-7578-6388-7 / 3757863887 |
| ISBN-13 | 978-3-7578-6388-3 / 9783757863883 |
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