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Panoptes 3 -  Duanna Mund

Panoptes 3 (eBook)

Mond

(Autor)

eBook Download: EPUB
2023 | 1. Auflage
332 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-7568-5269-7 (ISBN)
Systemvoraussetzungen
9,49 inkl. MwSt
(CHF 9,25)
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Als gefeierte Künstlerin wird Dorothea von der New-Age-Szene zur Heilsbringerin hochstilisiert. Währenddessen sagt sie Panoptes den Kampf an und versucht Gerechtigkeit zu erfahren. Sie erkennt, dass es einen Befreiungsschlag braucht, will sie an das Ziel ihrer Kunst gelangen, zu einem letzten Werk, der Conclusio ihres kreativen Schaffens.

Duanna Mund / Birgit Winkler: geboren in Graz / Musikerin und Pädagogin (Ausbildung an der Kunstuniversität und Karl-Franzens-Universität in Graz; Schwerpunkt: Gesang, Klavier, Geografie / Wirtschaftskunde / Klimatologie), Reisefotografin; Leitung der vierteljährlich stattfindenden offenen Lesebühne "Grazer Keppelbühne" , Mitglied des Grazer Literaturclubs Mitglied der Steirischen Autoren (Vorsitzführug von 2020 bis 2022) Mitglied von BUCH13, des Turmbunds / Innsbruck und der IG Autoren. literarisches Werk: Reiseerzählungen, Romane, Märchen, Essays, Kurzprosa, Jugendliteratur, Lyrik. website: www.birgitwinkler.at

5.1


Natan blieben nur noch wenige Minuten, bis es unten losging. Der Toni war schon da und die Lisa vom Aroniahof auf dem Weg. Wahrscheinlich würde Magdas Freundin bei dem jungen Esel des Josephibauern noch trödeln, aber in wenigen Minuten mochte auch sie da sein. Er musste sich also beeilen. Warum schob er bloß alles auf den letzten Augenblick? Melinda hatte recht. Als Vater war er verbesserungswürdig. Obwohl …

Natan liebte seine Tochter über alles. Eigentlich war Magda die wichtigste Person in seinem Leben, konkurrenzlos. Breitete sie ihre Ärmchen aus, um ihm entgegenzulaufen, wenn er von der Arbeit nach Hause kam, durchflutete ihn ein entwaffnendes Glücksgefühl, jedes Mal neu und unverbraucht. Das willensstarke Mädchen wusste um die Ergebenheit des Vaters. In seiner Anwesenheit war er ein wehrloses Spielzeug. Ungeduld oder Zurechtweisung kannte es von ihm kaum, denn erzieherisch griff meist nur die Mutter ein.

Nervös mühte sich Natan mit dem orangefarbenen Geschenkband ab, das sich nicht in eine Schlaufe bringen lassen wollte. Der kleine Spaten schepperte in dem Karton und schien ihn zu verspotten.

„Ja, ja, ich weiß“, sagte er zu sich. „Was macht eine Schaufel auch in kitschigem Geschenkpapier? Aber … einfach so in die Hand gedrückt, geht bei Magda nicht.“

Endlich war er fertig. Während er das unförmige Geburtstagspaket betrachtete, lächelte er unwillkürlich. Seine Tochter wurde heute vier! Unglaublich, wie die Zeit verging. Anderen Mädchen in ihrem Alter hätte man wohl mit einer Puppe Freude bereitet, mit hübschen Haarreifen, glitzernden Kettchen und Kleidern. Magda besaß Zwergkaninchen für mütterliche Gefühle, was sollte sie da mit Puppen anfangen? Kleider lehnte sie strikt als unbequem ab. Außerdem gingen diese rascher kaputt als Hosen, mit denen man auch über den Boden rutschen oder an einem Nagel hängen bleiben konnte, ohne sich Mamas Gezeter anhören zu müssen. Vier Jahre und Magda wusste bereits, dass sie keine Prinzessin sein wollte. Also bekam sie heute einen Spaten, einen Rechen und eine Scheibtruhe: Gartengeräte, deren Ausmaße der Größe einer Vierjährigen entsprachen. So würden sie zumindest ein Jahr lang von Nutzen sein.

„Bist du´s endlich?“, tönte es ungeduldig von unten – Melinda, seine Frau.

Aus der Küche drang das Klappern von Geschirr hoch. Offenbar stand alles für die Feier bereit. Maria Magdalena, wie seine Große mit Taufnamen hieß, würde Augen machen, wenn es endlich losging. Rasch huschte Natan ins Badezimmer, um sich ein frisches Hemd anzuziehen. Ein Blick in den Spiegel. Wie so oft fragte er sich, ob seine Tochter ihm ähnelte. Sie passte so gut zu den Menschen hier, zum Apfelhof, in die duftenden Hügel, ja selbst zur Sonne, die die Südhänge des Kulms verwöhnte wie keinen anderen steirischen Bezirk. Aber was hatte seine Tochter von ihm, dem Stadtmenschen? Schlummerten in ihr Gene, die sich erst später im Leben bemerkbar machen würden? Selbst ihr Name schien wie geschaffen für ein Kind vom Land. Maria Magdalena als Hinweis auf die Begleiterin Jesu und Zeugin der Auferstehung genügte den katholischen Erwartungen von Familie und Nachbarn. Natan aber verband mit dem Namen seit jeher den weiblichen Aspekt christlicher Heilslehre. Ein Geheimnis umwehte Maria Magdalenas Beziehung zu Jesus. Als Verführerin genoss sie einen zweifelhaften Ruf. Sich Gottes Sohn als begehrlichen Mann vorzustellen, der seine Instinkte mit einer Frau auslebte, gefiel Natan, gerade weil es provozierte. Der Name Maria Magdalena für das schreiende Bündel Leben in den zitternden Armen des Vaters hatte von Beginn an gepasst. Verheißungsvoll schien Natan zudem, dass sich Magdalena mit die Licht-Reine, die Geist-Erfüllte übersetzen ließ.

Natürlich wussten weder Melinda noch die Schwiegereltern von seinen gedanklichen Querverbindungen. Diese waren ohnehin längst belanglos, angesichts der Tochter, die ihren Namen mehr als ausfüllte, ja veredelte. Das Mädel war ein Wildfang, unbändig wie geheimnisvoll, oft mit schmutzigen Knien und Händen unterwegs und Fingern, die sinnlich im Mündchen verschwanden, obwohl sie vor Dreck starrten. Ihre Wangen leuchteten vor Gesundheit. Jeder, der Magda begegnete, fühlte sich bemüßigt, über ihren braunen Lockenkopf zu streichen. Das krause Haar würde sich wohl auswachsen. Vielleicht auch nicht.

Als Natan endlich mit seinem Geschenk in die Stube trat, fand er die Gesellschaft bereits um den Tisch versammelt. Die Großeltern, Toni und Lisa, Mama und endlich auch Papa – alle waren da. Mit dem länglichen Paket hinter dem Rücken näherte sich Natan dem Tisch. Er platzierte sein Geschenk möglichst unauffällig neben das größte der bunten Schachteln. Darin verbarg sich, wie er wusste, die Kinderscheibtruhe. Magda entging nichts. Sofort steuerte sie auf das zuletzt abgelegte Geheimnis zu. Als die Mutter ihr erklärte, sie müsse noch die Kerzen auf der Schokotorte ausblasen, wehrte sie sich zornig. Damit Magdas Widerstand nicht in einen ihrer berüchtigten Machtkämpfe ausartete, hob Melinda das Mädchen zu den kleinen Flammen hoch und blies diese selbst aus. Dann tat sie so, als habe Magda die Aufgabe erfolgreich erledigt. Das Mädchen erntete spöttischen Applaus.

Melinda brauchte keine Erziehungsbücher. Mit der ihr eigenen unkomplizierten Natürlichkeit erfüllte sie mühelos die Mutterrolle. Ohne zu murren, hatte sie ihre Tochter fünf Monate lang gestillt, um dann von einem Tag zum anderen von einem Geschwisterchen für Magda zu sprechen und den Säugling kurzerhand von der Brust zu entwöhnen. Wenn Natan und Melinda miteinander schliefen, ging dies lustvoll über eheliche Pflicht hinaus. Doch während sie sich möglichst bald einen kleinen Sohn wünschte, zögerte er die Erweiterung der Familie hinaus und streifte sich Kondome über. „Wenn du nicht gleich ein zweites Kind willst, gehe ich arbeiten“, hatte Melinda reagiert, kurz und bündig. Nach wenigen Wochen der Arbeitssuche war sie in der nahen Bezirkshauptstadt Weiz als Verkäuferin in einem Damenmodengeschäft angestellt worden.

Längst benötigte Magda mittlerweile tagsüber keine lückenlose Aufsicht mehr. Das aufgeweckte Kind wechselte zwischen Opa, Oma, Papa und Mama. Bei den Arbeiten am Hof und in den Apfelplantagen lief es einfach mit, ohne dass die Erwachsenen stets Bescheid wussten, wo sich die Kleine gerade aufhielt. Verlor man sie länger aus den Augen, brauchte man sie nur im Kaninchengehege zu suchen. Noch immer passte sie durch die schmale Öffnung des kleinen, vom Großvater gezimmerten Stalls. In den letzten Monaten hatte sie gelernt, dass sie mit dem Hintern voraus zu der weißen Hasendame schlüpfen musste, um ohne Hilfe wieder herauszukommen. Solange Magdas unbändiger Freiheitsdrang nicht eingeschränkt wurde, war sie, wie sich Melinda ausdrückte, leicht zu haben.

Und heute: der vierte Geburtstag. Nach wenigen Minuten hatte Magda die Geburtstagsstube in ein Schlachtfeld verwandelt. Mit ihrer zinnoberroten Scheibtruhe düste sie zwischen heruntergerissenem Geschenkpapier herum und zeigte später beim Verzehr der Geburtstagstorte wenig Sitzfleisch. Als Lukas mit seinem klapprigen Peugeot 206 im Hof vorfuhr, beendete Magda die Feier und rannte unartikuliert jubelnd aus dem Zimmer. Draußen sprang sie dem jungen Mann in die Arme. Dieser wirbelte sie einmal um die eigene Achse, zweimal, dreimal. Dann ließ er sich ins Gras fallen und lachte lauthals, als Magda sich auf seine Brust setzte.

„Na, na! Verrückte Schnecke. Schau erst mal, was ich dir mitgebracht habe.“

Lukas deutete hinter sich, wo eben eine blutjunge, dünne Frau dem Auto entstieg. Ohne näher zu kommen, winkte diese mit einer Hochglanz-Geschenktasche.

„Das ist Beatrix, meine Freundin. Du kannst ruhig zu ihr gehen“, munterte Lukas die Kleine auf.

Als Magda sich nicht rührte, schob Lukas sie von sich herunter und flüsterte ihr ins Ohr. „Gib ihr eine Chance. Sie ist eine ganz Liebe. Du wirst schon sehen.“

Weil es das letzte Geschenk war, oder weil es von Lukas stammte, in jedem Fall beschäftigte sich Magda mit den Naschereien und dem Malbuch ausgiebig, nachdem sie beides vorsichtig aus Beatrix' Händen genommen hatte. Sogar Lisa und Toni bekamen von Chips, Gummibären und Mannerschnitten etwas ab. Mit vollem Mund sahen sie zu, wie Magda, im Gras liegend, die vorgegebenen Motive ihres Büchleins großzügig übermalte. Schmunzelnd zogen sich die Erwachsenen in die Stube zurück, wo man nun endlich in Ruhe Kaffee und Kuchen zusprach.

Natan beobachtete Lukas und das steife Mädchen an seiner Seite. Die junge Frau hielt die mit schwarzem Kajal umrandeten Augen auf ihr Tortenstück geheftet, an dem sie lustlos herumstocherte. Lukas ignorierte ihr Verhalten. Ab und zu legte er seine rechte Hand auf ihre weißen Finger, als wolle er diese wärmen. Wie sehr Lukas’ Gesichtszüge denen von Karin ähnelten! Natan zuckte zusammen. Noch immer hatte er sich bei dem Gedanken an die verstorbene Geliebte nicht im Griff....

Erscheint lt. Verlag 10.1.2023
Sprache deutsch
Themenwelt Literatur Krimi / Thriller / Horror
ISBN-10 3-7568-5269-5 / 3756852695
ISBN-13 978-3-7568-5269-7 / 9783756852697
Informationen gemäß Produktsicherheitsverordnung (GPSR)
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