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Johannas Reise (eBook)

Ein Roman über weibliche Stärke, transgenerationales Trauma und späte Heilung
eBook Download: EPUB
2023 | 3. Auflage
508 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-7578-6441-5 (ISBN)

Lese- und Medienproben

Johannas Reise -  Anja Handrich-Haack
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Wenn Erinnerungen stärker sind als die Zeit: Eine bewegende Reise in die verdrängte Vergangenheit einer deutsch-jüdischen Familie. Hamburg 1990. Mit achtzig Jahren möchte Johanna Grünberg an den Ort zurück, der ihr Leben für immer geprägt hat. Sie hat Sehnsucht nach "ihrem" Schwerin. Die Vorbereitung ihrer Reise wird zur Konfrontation mit Erinnerungen, die sie jahrzehntelang verschlossen hielt. Als junge Frau erlebt Johanna dort Glück, Liebe, Mutterschaft und ihren Beruf als Hebamme - bis der Nationalsozialismus ihr Leben immer enger umschließt. Die nun als Blutschande geltende Ehe mit einem Mann aus jüdischer Familie, die Sorge um ihre gemeinsamen Kinder und der tägliche Kampf ums Überleben bestimmen ihren Alltag. Zwischen Angst, Schuld und Verantwortung versucht Johanna verzweifelt, ihre Familie zu schützen - bis zu ihrer Flucht im Jahr 1945 nach Hamburg. Die traumatische Vergangenheit wirkt nach, auch Jahrzehnte später, über Generationen hinweg. Dieser Roman erzählt eindringlich von weiblicher Stärke, transgenerationalem Trauma und der leisen Hoffnung auf Versöhnung. Kann man Frieden finden, wenn man sich der Wahrheit stellt?

Anja Handrich-Haack ist 1974 in Leverkusen geboren und lebt seit über 20 Jahren mit ihrer Familie in Schleswig-Holstein an der Ostsee. Sie ist Hebamme und hat sich früh mit der Zeit des Nationalsozialismus auseinandergesetzt, da es in ihrer Ursprungsfamilie starke Traumatisierungen aus dieser Zeit gab. Welche Traumen sind von Generation zu Generation weitergegeben worden, welche Rollen hatten die Hebammen zu dieser Zeit? Diese und weitere Fragen ergaben den Wunsch, sich das "von der Seele zu schreiben" - immer auch mit dem Impuls, dass eigene Vergebung und Versöhnung mit sich selbst möglich sind.

Auch wenn er sehr ruhig und zurückgezogen wirkte, war er da und hörte zu, wenn es bei seiner Stiefenkelin brannte. In diesen Jahren festigte sich die Beziehung zwischen beiden noch einmal, so wie es zuvor auch zwischen Sara und ihm gewesen war. Was ihrer Mutter offenbar missfiel. Seit dieser Zeit schlugen Franziska Missbilligung, Misstrauen und Kritik entgegen: im Vermessen und Protokollieren von Franziskas Oberschenkeln, Oberarmen, Taille, Hüftumfang und Brust zum Beispiel. Alle zwei Wochen, bei 50 kg Körpergewicht und einer Körpergröße von 160 cm, lautete bald die Empfehlung ihrer Mutter mit einer Diät anzufangen. So war es nur eine Frage der Zeit, bis das nächste Tief folgen würde, das Lucas aufzufangen hatte. Und das tat er auch.

Anders als ihre Mutter in der Kriegs- und Nachkriegszeit, bekam Franziska die Gelegenheit zu einer ausführlichen Schulbildung. Sie interessierte sich für den Schutz der Umwelt und für die neuen Bewegungen in der Gesellschaft, aber immer dann, wenn sie freudig oder auch mal kritisch hinterfragend von den neuen Dingen in der Welt oder auch nur von denen in Westdeutschland berichten wollte, musste sie bei den beiden Frauen zuerst eine ordentliche Staubschicht wegpusten. Das gelang ihr nicht immer.

Stieß sogar auf gewaltige Gegenwehr. Ständig brachte sie neuen Wind in den Haushalt. Sie hatte das Gefühl, das wirbelte besonders ihre Mutter durcheinander: konnten die Dinge nicht einmal so bleiben, wie sie waren, schien sie dann zu denken.

Aber seit Oma nicht mehr arbeitete und Lucas gestorben war, staubten beide Jahr um Jahr mehr ein.
Ihre Mutter sogar mehr als ihre Oma.

„Meine liebe Franziska“, Johanna streckte ihren Arm nach ihrer Enkelin aus, „was träumst du vor dich hin?“

Franziska schüttelte den Kopf: „Mir sind nur einige Dinge durch den Kopf gegangen.“

„Ich möchte dir sagen, dass ich es so schön finde, dass du meinen Beruf erlernst. Ganz nah am Anfang des Lebens zu stehen ist immer wieder ein Wunder. Ich denke oft an den Zyklus von Geburt und Tod. Mich schreckt der Tod auch nicht mehr. Es gibt einen Anfang und ein Ende, aber gleich nach dem Ende wieder einen Anfang, so wie es nach dem Anfang auch gleich ein Ende geben kann. Dazwischen gibt es auch noch etwas, glaube ich, es gibt danach kein Nichts. So denke ich darüber. Das ist meine Erfahrung aus meinem Hebammenleben.“ Franziska spürte es, ihre Oma wollte etwas ganz anderes sagen, aber es fiel ihr sehr schwer. Sie legte ihre Hand auf die ihrer Oma und schaute sie teilnahmsvoll an. Johanna brauchte einen Augenblick bevor sie weitersprechen konnte. Es kostete sie Überwindung; sie hatte immer noch Angst von ihrer Enkelin verurteilt zu werden. Sie zog ihre Hand weg:„Ich habe als Hebamme in einer schlechten Zeit gearbeitet,“ druckste sie, die richtigen Worte suchend, „also, du weißt ja aus der Schule; – im Nazideutschland war der Mensch nichts wert. Ganz bestimmte Menschen waren nichts wert und man musste schon tun, was die wollten … ,“ sie sprach jetzt sehr schnell, “also, ich meine, … manchmal konnte man sich denen entziehen und so vor sich hin murkeln, aber man musste höllisch aufpassen, dass das nicht jemand mitbekam. Ich musste mich manchmal verbiegen und auch lügen. Was ich eigentlich nicht wollte. Doch es half nichts, es war sehr, sehr schlimm … und ganz am Ende, 1945, war es besonders schlimm.“ Sie dachte an die Geschehnisse am Ende des Krieges und an ihre Schuld, die sich seit Jahrzehnten tief in ihre Seele eingebrannt hatten und immer wieder mit Macht in ihr Bewusstsein drängten. Sie fand langsam den Mut, mit Franziska über diese Dinge zu sprechen. „Als ich mit Sara bei Kriegsende allein in diesem Buchenwald saß, wollte ich alles vergessen. Ich wollte alles Schreckliche der letzten Wochen und Monate hinter mir lassen. Niemals wollte ich jemals mit irgendjemandem darüber sprechen. Ich saß da, in der Nacht und wusste nicht, was kommen wird, wie unser Leben weitergehen wird. Schwerin war damals mein Ziel. Ich wollte zurück in die Stadt, in der wir glücklich waren.“

„Warum seid ihr aus Schwerin fortgegangen?“, fragte Franziska.

„Wir mussten. Franz war nicht mehr sicher“, sie winkte ab, "aber weißt du, das war wohl eine Täuschung.“
Jetzt hatte sich Johanna glatt vertan, ihre Erinnerung geriet durcheinander. Es war aber auch so leicht, einfach etwas dahin zu sagen, ob es stimmt oder nicht.

„Was war eine Täuschung? Der Umzug?“ Franziska schaute ihre Oma an, sie schien verwirrt.

„Nein, ach, da bin ich doch gar nicht. Ich meine, alles vergessen zu können. Es ging nicht um das Wollen sondern um das Können. Dieses Unheil, das wir als Nation über die Menschen gebracht haben; ich konnte mir lange nicht verzeihen. Ich war dabei ja auch so unwichtig, in meinem eigenen Leid, meiner eigenen Geschichte. Das Leid der Anderen war viel größer, viel bedeutsamer. Deshalb dachte ich, ich muss stark sein.

Und diese furchtbaren Bilder mussten verschwinden und wenn ich sie unterdrückte, dann waren sie zwar aus dem Kopf, begannen aber nach einer Zeit immer wieder aufs Neue hervorzubrechen. Meine Hände zitterten dann und ich konnte schlecht arbeiten. Ich kann es runterdrücken, aber es kommt an anderer Stelle wieder raus, die Erinnerung meine ich, ich hab es jetzt kapiert!“

Franziska nickte.

„Ich begann zu schreiben. Da spürte ich beinahe Zeile um Zeile Erleichterung und danach konnte ich endlich mal weinen, zwei Tage lang und dann kam eine ganz tiefe Erleichterung. Ich hab geweint um die Kinder und um all die anderen, die verloren waren, weil sie nicht der menschengemachten Norm entsprachen. Ich habe es jetzt verstanden. Dabei geholfen hat mir der Pastor von St. Matthias. Ein alter Bekannter. Ich wusste gar nicht, dass er hierher gekommen ist. Vor sehr langer Zeit traf ich ihn zum ersten Mal, als ich nicht mehr weiter wusste. Er hat mir damals Licht in mein Leben gebracht und mir gezeigt, das Gott mich nicht ablehnen wird. Wir haben uns hier in Hamburg zufällig wiedergetroffen.

Auf der Beerdigung von Anneliese, weißt du?“

Franziska nickte wieder. Anneliese war eine gute Freundin von Johanna gewesen. „Ich hatte den Zugang zu meinem Herzen verloren. Und auch die Liebe und das Mitgefühl zu mir selber. Ich habe jetzt erkannt, dass ich nur mitfühlen kann, wenn ich mich selber fühle. Das habe ich mit seiner Hilfe erkannt. Als du auf die Welt gekommen bist, konnte ich schon wieder ein bisschen mehr fühlen. Es ist eine Freude gewesen, dich aufwachsen zu sehen. Aber es war auch Angst da.

Angst, dass dir etwas passiert, dass du krank wirst.

Eigentlich war die Liebe stärker und die hat mir mein Herz wenigstens einen Spalt breit geöffnet. Ich wünsche mir, zu meiner Tochter ebenso wieder einen Zugang zu finden, wie zu mir selbst. Wahrscheinlich ist es aussichtslos. Es ist wohl zu viel Schlechtes zwischen uns passiert. Deshalb -- meine Hoffnung steckt in dieser Reise!“

Damit hatte Franziska nicht gerechnet. Soviel Offenheit auf einmal überraschte sie nun doch. Bevor sie dazu etwas sagen konnte, sprach Johanna weiter:

„Meine Eltern besaßen, wie du weißt, einen Gutshof, sie haben aber nicht nur arbeiten lassen, sie haben selbst mit angepackt, wo es nur ging. Dadurch hatten sie wenig Zeit für uns Kinder. Als der Krieg ausbrach und Mutter allein mit zwei Angestellten war, bekamen wir das besonders zu spüren. Heute würde man sagen, wir wurden „groß gemacht“, versorgt. Das Notwendige halt, das ein Kind braucht. Nicht mehr und nicht weniger. Als unser Vater, übrigens ein sehr gütiger Mensch, an die Front musste, besaß Mutter freie Verfügungsgewalt über uns. Sonst hatte Vater seine schützende Hand über uns gehalten. Nein, nein, sie schlug uns nicht. Sie tat andere Dinge. Sehr eigenartige Dinge: sie sperrte sich selbst ein, wenn wir ungehorsam waren. Sie konnte stundenlang in ihrem Zimmer bleiben. Alles Flehen und Bitten half nicht.

Nichts hat sie erweichen können. Auch noch Tage später brachte sie es fertig uns zu ignorieren; sprach nicht mit uns, schaute uns nicht an – schwieg einfach.

Und wir wussten gar nicht, was wir ihr getan hatten.“

„War niemand da für euch? Wenn ich mir vorstelle … wie einsam ihr euch gefühlt habt!“

„Es gab zu diesem Zeitpunkt nur noch die Arbeiter auf dem Hof und die Köchin. Die hat nichts davon mitbekommen. Unsere Mutter konnte sich zudem sehr gut verstellen. Wie dem auch sei; irgendwann ging was kaputt, da drinnen bei mir. Meine Schwester war da anders. Die hat sich das später nicht so zu Herzen genommen. Außerdem war sie damals schon viel unterwegs. Schau, ich war vier und sie war neun Jahre alt, als der Krieg begann, und als Vater wiederkam, war ich acht und sie zwölf Jahre alt. Aber bei mir wurde es eines Tages ganz kalt im Herzen. Dabei hatte ich viele Fragen, über die Welt und das Leben. Damals hatte ich oft das Gefühl, die Worte, Bilder und Gesten würden direkt durch meinen Körper fließen und sehr lange in ihm nachhallen - manchmal blieben sie auch stecken und oft waren es Wahrnehmungen von Stimmungen anderer Menschen, die mich, je nachdem,...

Erscheint lt. Verlag 28.2.2023
Sprache deutsch
Themenwelt Literatur Historische Romane
Literatur Romane / Erzählungen
Schlagworte Frieden finden • Hebamme • Kriegszeit • Mutter und Kinder • Nationalsozialismus
ISBN-10 3-7578-6441-7 / 3757864417
ISBN-13 978-3-7578-6441-5 / 9783757864415
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