Abenteuerspiel (eBook)
568 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-7568-7232-9 (ISBN)
Der Autor studierte Geophysik, blieb zunächst in der Forschung, sattelte später auf Software-Entwicklung für Industrie und Logistik um. Seine Reisen führten ihn durch Asien und Afrika -- die Eindrücke finden sich wieder in seinen Erzählungen. Bei ihm basieren Stoffe auf eigenem Erleben, daraus entwickeln sich dann fiktive abgeschlossene Geschichten. Abenteuer, Spannung, lebendigen Figuren sind die Eckpfeiler in seinen drei bisher erschienenen Romanen. Heusers Absicht besteht immer im Vermitteln von "Kopfkino". Einer seiner Stoffe wurde in eine Hörspiel-Produktion mit Audio-Effekten umgesetzt. Sein Erstlingswerk erscheint hier in einer illustrierten Fassung zusammengefasst in einem Band. Nach Beendigung seines Berufslebens lebt der Autor heute in der Nähe von Hamburg.
Der Strom
Alles erinnerte ihn an jenen »Verdammten der Inseln«, der ihm in seiner Jugend begegnet war: ein gestrandeter, holländischer Kaufmann in einem unbedeutenden Handelsposten der Ostindien-Kompanie irgendwo im Malaiischen Archipel. Ja, es war geradezu erschreckend, wie er in diese Geschichte verpflanzt worden war. Ach, wäre ihm die Tragödie nur nicht bekannt gewesen – vielleicht hätte er alles als ein spannendes Abenteuer aufgefasst.
Der große Fluss zog träge dahin. Am Abend sah sein Wasser vollkommen schwarz aus. Von der Veranda des Hauses, das einige Meter oberhalb des Ufers gebaut war, konnte er einen breiten Ausschnitt überschauen. Links, wie auch zur Rechten, wurde die Sicht erst durch den bis in den Fluss reichenden tropischen Wald begrenzt. Hier besaß der Strom eine Breite von gut einer halben Meile. Zu dieser Stunde, kurz nach der Dämmerung, verschwamm die Schwärze des Wassers und die des gegenüberliegenden, undurchdringlichen Regenwaldes unter dem anthrazitfarbenen Himmel zu einem Schlund des Ungewissen – vage Strukturen der Strömung und der Pflanzenwelt zeichneten sich noch ab, doch lösten sie sich mehr und mehr ineinander auf. Im gleichen Maße nahmen die Geräusche des Waldes zu, ein Kreischen und Rufen vor allem der Vögel, begleitet vom Glucksen der Strömung und dem Knistern der großen Feuer am Flussufer unten. Die Malaien des Handelspostens lebten in ständiger Furcht vor dem Bösen, das in der Dunkelheit über den Fluss kommen würde, wie sie glaubten, und sie entzündeten und bewachten durch die ganze Nacht drei, vier große Feuer auf dem Kiesufer.
Er wusste von den Geschichten über Kopfjäger, und er erinnerte sich an die Trophäen solcher Stämme der malaiischen Inseln, die er in Museen betrachtet hatte. Auch ihn überkam ein übles Gefühl, einer unsichtbaren Gefahr ausgesetzt zu sein. Aber er beruhigte sich damit, dass er ja nur eine Gestalt einer »Projektion« war. Wie dies genau zu verstehen war, wusste er zwar nicht, aber er war sich sicher, dass seine Situation nichts mit der Wirklichkeit zu tun hatte. Die Scheinwirklichkeit erklärte er sich als eine Art Kinofilm, in dem eine Figur durch ein Abbild einer tatsächlich lebenden Person ausgetauscht worden war. Diese Filmwirklichkeit, wie er sie sah, wurde in seine Wahrnehmung hineingespiegelt, so, als wäre es während des Schlafens, und es spielte sich deshalb alles nur in seinem Kopf ab – wie ein Traum.
So saß er auf der Veranda dieses Hauses über dem Fluss und versuchte angestrengt herauszufinden, wo er vorher, also in der Wirklichkeit, gewesen war. Aber sein Kopf war leer, so schrecklich leer. Es gab kein »vorher«. Wie durch einen plötzlichen Ausfall seines Gedächtnisses gab es nur noch den Augenblick. Und trotzdem konnte er sich an die Schrumpfköpfe in den Naturkunde-Museen erinnern. Auch war ihm ja bewusst, dass er seine Situation dieser modernen Technik der transmetaphysischen Reisen verdankte. Hatte er selbst dies vielleicht sogar veranlasst? Sicher nicht! Jedenfalls hätte er sich nicht in den »Verdammten der Inseln« verwandeln lassen. Wie aber kam er dann hierher – und vor allem – wie kam er wieder zurück in sein normales Leben?
Eine kleine Frau trat auf die Veranda. Sie war in unscheinbare malaiische Gewänder gekleidet und unverkennbar einer der dienstbaren Geister, die den Weißen in diesen Landstrichen so hilfreich den Haushalt führen.
„Herr, ich bringe Euch Licht“, sie setzte eine Petroleumlampe auf den runden Tisch vor seinem Korbsessel und hängte eine Zweite am Pfosten neben der Treppe zum Garten auf. „Möchtet Ihr etwas essen?“
„Verzeih, ich fühle mich sehr niedergeschlagen, diese Hitze macht mir zu schaffen. Ich kann meine Sinne nicht ordnen. Könntest du mir erklären, warum ich hier bin?“
„Aber Herr, erinnert Ihr Euch nicht? Hat Euch das Fieber erwischt? Ihr seid der Verwalter der Handelsstation, Ihr bestimmt hier über alles!"
Lange Sekunden des Schweigens verstrichen.
„Dann bestimme ich jetzt, dass du mir beschreibst, wie du die Situation hier siehst“, sagte er matt und unsicher.
„Wenn Ihr es wünscht“, sie kniete sich in einem respektvollen Abstand auf den Holzboden und senkte den Kopf.
„Herr, Ihr hättet nicht wieder herkommen sollen!“, sie warf ihm einen flüchtigen Blick zu. Ihre Stimme klang glaubhaft besorgt. „Ihr wisst, dass Euch hier alle den Tod wünschen. Sie geben Euch allein die Schuld dafür, dass die Handelsstation keine Geschäfte mehr macht. Und jeder hat geglaubt, dass Ihr rechtzeitig geflohen seid. Warum seid Ihr nur zurückgekehrt?“
Die Dämmerung verbarg den Schrecken, den sein Gesichtsausdruck verriet. Er musste erst seine Fassung wiedergewinnen, bevor er der Frau antworten konnte.
„Auf welcher Seite stehst du?“, fragte er mit gesenkter
Stimme.
„Ich stehe auf Eurer Seite, Herr, ich bin Eure Dienerin“, entgegnete sie mit einem leicht beleidigten Unterton.
„Gut, dann sag mir, was ich tun soll.“
„Herr, bringt Euch in Sicherheit, flieht! Am besten sofort!“, sie sah ihn flehend an.
Offensichtlich kannte sie diese Person, in die er so glaubwürdig hineingeschlüpft war, sehr gut und war diesem Mann wirklich ergeben.
„Warte, lass mich einen Moment nachdenken“, sagte er beruhigend. Er versuchte, seine Situation zu begreifen: durch dieses verrückte Transformationsspiel war er hierher in die Rolle einer Person geworfen worden, der man gerade nach dem Leben trachtete. Die Umgebung war ihm äußerst fremd, genauso, wie die Menschen an diesem Ort am Ende der Welt. Den Gedanken, dass ihn sein Tod in dieser verfluchten Geschichte aus dem Transformationsspiel befreien könnte, verwarf er sofort wieder. Auch die Idee, den Leuten hier zu erklären, dass er in Wirklichkeit eine ganz andere Person war, erschien ihm abwegig. Er wollte instinktiv zuerst sein Leben retten, alles andere würde sich dann schon finden.
„Kannst du mir sagen, wie ich am besten von hier entkommen kann? Würdest du mich begleiten?“
„Herr, ich kann nicht mitkommen, verzeiht. Aber vielleicht kann ich Euch helfen, jemanden zu finden, der Euch von hier fortbringt“, sie sagte dies mit festen, ernsten Worten, während sie zu ihm aufblickte.
„Wie lange wird es dauern, bis du Gewissheit hast, dass es möglich ist?“
„Bis Mitternacht, Herr, könnte es mir gelingen ... oder sie erwischen mich, und ich kann Euch nicht mehr helfen“, sie erhob sich dabei und verbeugte sich kurz. „Ich will Euch noch schnell etwas Reis und Tee bringen.“
Die Dienerin nahm die Lampen und verschwand im Haus. Auf der Veranda war es jetzt stockfinster. Nur der Schein der großen Feuer am Flussufer malte wechselnde Muster auf die Unterseite des mit Schilfrohr gedeckten Verandadachs.
Er schritt auf der Veranda hin und her, auf leisen Sohlen, um bloß nicht von unten her bemerkt zu werden, selber dabei angestrengt in die Nacht hinauslauschend. Der große Fluss gluckste unregelmäßig, und von den heruntergebrannten Feuern war nur dann etwas zu hören, wenn die glühenden Holzscheite weiter zusammensackten.
Es war Stunden her, dass die Dienerin fortgegangen war, dass er hastig die Reisschale mit den Fingern geleert und den lauwarmen, dünnen Tee getrunken hatte. Ohne Uhr war es ihm nicht möglich zu sagen, ob Mitternacht bereits vorüber war oder nicht. Schließlich ließ er sich nieder in dem Korbsessel mit der hohen Rückenlehne, dessen Umrisse er in dem schwachen Licht der heruntergebrannten Feuer gerade noch am anderen Ende der Veranda hatte erkennen können. Die Wärme, die schwere, feuchte Luft, die Dunkelheit und das lange Warten machten ihn unendlich müde. Mit ihrer Mattheit raubten die Glieder seinem Kopf den letzten Widerstand gegen das Einschlafen.
Erschrocken fuhr er hoch, als jemand seine Hand berührte. Eine Kerze erhellte die nächste Umgebung. Die Dienerin hielt sie in der einen Hand, während ihre andere kleine Hand sich fest um die Seine schloss.
„Herr, seid leise! – Ihr könnt ganz beruhigt sein“, flüsterte sie ihm zu. „Ich habe Euch jemand mitgebracht, der Euch in Sicherheit bringen kann.“
Sie hielt die brennende Kerze zur Seite, sodass ihr Lichtschein den Hintergrund beleuchtete. Undeutlich sah er eine Person nahe der Verandatür stehen, hochgewachsen, schlank, mit einem Turban als Kopfbedeckung, der spiegelnde Schmucksteine trug. Der Statur nach war es ein jüngerer Mann, wahrscheinlich ein Inder.
„Wer ist das?“, raunte er der Malaiin zu.
„Vertraut mir, Herr, er wird Euch helfen. Er heißt Tanjir-Dan. Er spricht Eure Sprache nicht, deshalb habe ich ihm alles erklärt. Tanjir wird Euch von hier fortbringen. Vertraut ihm!“
„Was erwartet er dafür?“
„Das werdet Ihr später sehen. Jetzt müsst Ihr schnell fort. Es wird bald hell“, sie zog seine Hand, die sie immer noch fest umklammerte, heran und küsste sie.
Es überraschte ihn, aber es gab ihm auch das Gefühl, dass...
| Erscheint lt. Verlag | 23.1.2023 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Romane / Erzählungen |
| ISBN-10 | 3-7568-7232-7 / 3756872327 |
| ISBN-13 | 978-3-7568-7232-9 / 9783756872329 |
| Informationen gemäß Produktsicherheitsverordnung (GPSR) | |
| Haben Sie eine Frage zum Produkt? |
Größe: 2,3 MB
DRM: Digitales Wasserzeichen
Dieses eBook enthält ein digitales Wasserzeichen und ist damit für Sie personalisiert. Bei einer missbräuchlichen Weitergabe des eBooks an Dritte ist eine Rückverfolgung an die Quelle möglich.
Dateiformat: EPUB (Electronic Publication)
EPUB ist ein offener Standard für eBooks und eignet sich besonders zur Darstellung von Belletristik und Sachbüchern. Der Fließtext wird dynamisch an die Display- und Schriftgröße angepasst. Auch für mobile Lesegeräte ist EPUB daher gut geeignet.
Systemvoraussetzungen:
PC/Mac: Mit einem PC oder Mac können Sie dieses eBook lesen. Sie benötigen dafür die kostenlose Software Adobe Digital Editions.
eReader: Dieses eBook kann mit (fast) allen eBook-Readern gelesen werden. Mit dem amazon-Kindle ist es aber nicht kompatibel.
Smartphone/Tablet: Egal ob Apple oder Android, dieses eBook können Sie lesen. Sie benötigen dafür eine kostenlose App.
Geräteliste und zusätzliche Hinweise
Buying eBooks from abroad
For tax law reasons we can sell eBooks just within Germany and Switzerland. Regrettably we cannot fulfill eBook-orders from other countries.
aus dem Bereich