Wundersame Erlebnisse (eBook)
228 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-7568-1189-2 (ISBN)
Günter Jahn ist Jahrgang 1941 und lebt in einem kleinen Dorf in Nordfriesland an der dänischen Grenze.
1. Eishöhle I
„Ich weiß jetzt, wie wir hinkommen!“ Helga ist am Telefon; es klingt freudig, denn seit längerem hat sie geplant, mit uns einmal zur Eishöhle zu wandern. „Eishöhle“ – das klingt aufregend, nach Abenteuer: Ein Hohlraum in einem Gletscher, der Vergänglichkeit unterworfen, nach kurzer Zeit vielleicht schon wieder von Schneemassen überdeckt, nicht mehr auffindbar. Und jetzt könnte das Wirklichkeit werden, da Helga die Wegbeschreibung bekommen hat?
Dazu muß man wissen: „Wegbeschreibung“ in Bolivien (wir leben zur Zeit dort) bedeutet Hinweise wie: z.B. den Schotterweg außerhalb von La Paz (der größten Stadt Boliviens, in einer Höhe von 4000m) Richtung Chacaltaya, dem nächstgelegenen Berg, bis zur Abzweigung nach links, dann Richtung Huaina Potosi, dem Sechstausender, dessen Gletscher die Eishöhle in sich birgt, an dessen Fuß auf verbreiterter Piste das Auto abstellen, zu Fuß zunächst links halten, zwischen den Felsen hindurch…
Ob Helga die telefonisch durchgegebenen Ratschläge genau genug notieren konnte? Nun, irgend jemand ist den Weg schon einmal gegangen und hat sicher nach bester Erinnerung Helga den Weg beschrieben; er wurde von jemandem hingeführt, der selber von jemandem mal hingeführt wurde… So ist das dort: Wanderkarten gibt es dafür nicht, man geht (oder fährt) immer mit jemandem mit, der „den Weg weiß“. – Und nun weiß ihn Helga, und wir Drei (Helga, Ellinor und ich) vertrauen der Beschreibung.
Der uralte Toyota Jeep von Helga rattert (von Stoßdämpfern keine Rede mehr) über die holprige Piste – das Gewühl von La Paz, der 2 Millionen Stadt, in einem tiefen Geröll-Canyon gelegen, haben wir hinter uns – über diese holprige Piste also gelangen wir im Kriechtempo langsam höher, rechts der Chacaltaya mit seiner flachen Schneekuppe (5320m), links der Huaina Potosi, ein mächtiger pyramidenförmiger Schneeberg, in dessen Hang irgendwo die Eishöhle uns erwartet.
…Richtung Huaina Potosi, in dessen Hang irgendwo die Eishöhle uns erwartet…
„Hier müssen wir das Auto abstellen!“ – Helga ist sich dessen sicher, denn bis hierhin war die Richtung klar.
Die Stelle ist breit genug, daß (falls eins überhaupt mal kommt) ein anderes Auto vorbeikäme.
Ab jetzt holt Helga immer wieder ihren Notizzettel hervor: „Hier geht’s lang!“ sagt sie mit fester Stimme. Sie weist mit ihrer Hand nach links. Da sollen wir rüber? Ein Stausee erstreckt sich weit nach hinten am Rand des Huaina Potosi, der Staudamm etwa einen halben Meter breit, mit einem Geländer zum See hin, rechts fällt der Staudamm ca. 200m tief zum Tal hinab, fast senkrecht, und zu der Seite gibt es kein Geländer!
Es geht also los: über den Staudamm zur anderen Seite, wo der Aufstieg zum Huaina Potosi beginnt. Wir halten uns am Geländer links fest, Schritt für Schritt vorwärts, trauen uns nicht, rechts nach unten zu blicken, das Ufer drüben nähert sich, wir erreichen „festes Land“. So kommt es uns vor.
Wir schauen uns um: vor uns Geröll, einzelne bemooste Felsen, dazwischen vielleicht so etwas wie ein Pfad. Aus dem wolkenverhangenen Himmel senkt sich Nebel herab. Wir vertrauen darauf, auf dem richtigen Weg zu sein. Unsere Zuversicht wird unterstützt: Ab und zu lichtet sich der Nebel, sogar die Wolken reißen kurz auf und lassen einen Lichtstrahl auf den Aufstieg vor uns fallen. Eine Felsengruppe, grün bemoost, verengt sich, die Lücke dazwischen lädt ein weiterzugehen.
Uns so fühlen wir uns geführt durch Hinweise wie zwei markante Felsen, hoch aufragend, die fast menschlichen Umriß haben und uns wie Wächter erscheinen. Sie lassen uns durch.
So zieht sich das, was wir als Weg zu erkennen glauben, immer höher. Die dünne Luft – wir sind in ungefähr 4500m Höhe – macht uns zu schaffen, wenn wir auch durch das Leben in La Paz gut akklimatisiert sind. Die Luft ist feucht und kalt. Unsere Schritte werden langsamer. Guten Mutes durchsuchen unsere Blicke den dichter werdenden Nebel nach Hinweisen auf den Saum des Gletschers. Er muß unmittelbar vor uns weiter oben sein.
Und ein Lichtstrahlt läßt tatsächlich „weiter oben“ etwas Weißes aufleuchten, – sicherlich den Gletscherrand. „Da muß es sein!“ Doch das Spiel geht weiter: Hoffnung schöpfend, uns dem Ziel zu nähern; dann wieder ist es unseren Augen vom Nebel entzogen. Die Anstrengung des Aufstiegs merken wir immer mehr. Wie lange sind wir schon unterwegs? Wollen wir noch weiter?
Wir müssen an den Rückweg denken. Der Nachmittag neigt sich der Abenddämmerung zu. Über den Staudamm wollen wir möglichst noch bei Tageslicht zurück. So häuft sich das Innehalten, das Ausruhen, Neu-Besinnen, Sich-Aufraffen…
Schließlich der entscheidende Entschluß: Einmütig sehen wir ein, diesmal wohl nicht zum Ziel zu gelangen. Also treten wir den Rückweg an. Dies erfordert ein gutes Erinnerungsvermögen: hierlang – oder dortlang? – Gemeinsam schaffen wir es; tatsächlich sind wir Drei uns stets einig, und diese Harmonie verbindet uns.
Es dämmert, wobei die Dämmerung in diesen Breiten, nur 19º südlich des Äquators, sehr kurz ist. Und so ist uns klar: Den uns bevorstehenden Rückweg über den Staudamm werden wir nicht mehr bei Tageslicht schaffen und im Dunkeln bewältigen müssen.
Wie auch immer, wir sind am Stausee angekommen. Wir fühlen ihn mehr in dieser nebligen Dunkelheit, als daß wir ihn sehen können: Wir spüren die Kälte, die Feuchtigkeit, die vom Wasser aufsteigt. Uns fröstelt. Jetzt merken wir die Anstrengung der vergangenen Stunden in dieser Höhe.
Und in diesem Moment wird uns bewußt: Es kommt jetzt der vielleicht schwierigste Teil dieser Wanderung, nämlich im Dunkeln auf diesem schmalen Betonstreifen uns am Geländer entlangzutasten, Schritt für Schritt in vollkommener Dunkelheit, links den tiefen Abgrund wissend, mit nur einem Ziel: heil hinüberzugelangen.
Ich wage die ersten Schritte. Das Geländer rechts fühlt sich sehr kalt an, doch es ist der einzige Halt; wir wissen, halten wir uns an ihm fest und ziehen uns daran vorwärts, dann werden wir es irgendwann geschafft haben und drüben am rettenden Ufer angekommen sein.
Dies verlangt uns viel innere Kraft ab. Und so mache ich mich auf den Weg, vorwärts, nur vorwärts in dieser feuchtnebligen kalten Dunkelheit…
Ellinor und Helga müssen nun ebenfalls ihren Mut zusammennehmen, um diese schwierige Situation zu meistern. Wie sie dies erleben, schildern sie nun selbst, zuerst Helga:
„Und jetzt, auf dem Rückweg von der nicht gefundenen Eishöhle, einen Schritt vor dieser unheimlichen Überquerung der Staumauer ohne Sicherung, wird mir plötzlich eiskalt. In mir zieht sich alles zusammen. Mir wird schlecht. Dann seh ich plötzlich nicht mehr richtig. Das Bild vor meinen Augen steht nicht mehr still, dann verliert es an Farben, wird grau, flimmert und besteht nur noch aus sich drehenden grauen Pünktchen.
Links von mir der Abgrund, rechts eine eisige Metallstange, das Geländer. ‚Das schaffe ich nicht mehr‘, denke ich. ‚Unmöglich. Ich bleibe einfach hier sitzen und bewege mich keinen Zentimeter.‘ Dies ist mein einziger Wunsch und Gedanke.
Günter ist nicht mehr sichtbar, ist im aufsteigenden Nebel und in der Dunkelheit verschwunden. Aus weiter Ferne hört man nur noch vage seine Stimme.
Aber Ellinor ist da. Einen Schritt vor mir. Ellinor, die kleine, zarte, vorsichtige Frau. Und ich. Die immer so Starke, Mutige.
‚Ellinor, ich kann keinen Schritt mehr an diesem Abgrund vorbei gehen. Ich falle. Ich falle hinein. Geh du. Geh weiter. Warte nicht. Geh zu Günter. Ich bleibe erst einmal hier.‘
Ellinor muß gespürt haben, daß sich etwas mit mir verändert hat, plötzlich ganz anders ist. Sie weiß aber auch, daß kein Mensch hier bleiben kann. In dieser Eiseskälte, in dieser Höhe, in dieser Einsamkeit.
Sie kommt einen Schritt zurück, faßt nach meiner linken Hand und redet leise und geduldig auf mich ein.
Mit dem Rücken zum Abgrund, mit dem Gesicht zu der eisigen Stange, die ich mit der rechten Hand fest umklammere, trete ich dann diesen fürchterlichen Rückweg an. An der Hand von Ellinor. Unendlich langsam. Zentimeterweise. Schrittchen für Schrittchen. Obwohl ich nichts mehr richtig sehen kann, weiß ich, daß die Dunkelheit jetzt völlig herein gebrochen ist. –
Noch heute spüre ich im Rücken die eisige Kälte, die mich aus der Tiefe des Abgrunds her anwehte. Diese unheimliche Tiefe, die mich zu sich hin zog, in die ich jederzeit fallen konnte.
Und ich spüre jetzt noch die zarten Knöchelchen der schmalen Hand von Ellinor, die meine eiskalte Hand fest und warm umschlossen hielt. Eine Hand, die ich noch heute problemlos nachzeichnen könnte.“
Soweit Helgas Darstellung ihrer Erfahrung in dieser schwierigen...
| Erscheint lt. Verlag | 23.1.2023 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Romane / Erzählungen |
| ISBN-10 | 3-7568-1189-1 / 3756811891 |
| ISBN-13 | 978-3-7568-1189-2 / 9783756811892 |
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