Mein Leben (eBook)
296 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-7578-3107-3 (ISBN)
Fortgang der Dialyse: Bauchfellkatheter
Hamm-Heessen, St. Barbaraklinik, Donnerstag, 21. Februar 2013
Die nächsten Schritte auf dem Weg zur eigenständigen CAPD sind vollzogen. Montag, 18.2., mittags Ankunft in der Klinik, Aufnahme nebst Untersuchungen, EKG u.a., dann Hämodialyse über den Halskatheter (Wasserentzug), dann zur Station 6b (Zi656), Einzelzimmer, sehr angenehm, Besuch vom Chirurgen, Anästhesisten. Dienstag morgens früh um 8 Uhr zum OP: Implantation des Bauchfellkatheters, um 1015 Uhr fertig, eine Stunde Aufwachraum, zurück zur Station. Mittagessen verschlafen - Anruf bei Wenke - sie kommt dann zu Besuch - ruhiger Nachmittag und Abend - zur Nacht etwas Wundschmerz, vor allem bei Husten. Mittwoch, 20.2., nachmittags im Beisein von Wenke eine erste Spülung (Beutelwechsel) des Bauchfells durch die neue Leitung (Schwester Annette). Wird am Donnerstag wiederholt, nachmittags erneut Hämodialyse über Halskathrter.
Hamm-Heessen, St. Barbaraklinik, Freitag, 22. Februar 2013
Kindheit in Jannowitz/Warthegau
Sommer 1944. Trotz der beängstigenden Kriegsentwicklung erleben wir in Jannowitz noch eine relativ ruhige Zeit. Ich erinnere mich mancher Ausfahrten mit dem Rad zu den Straußens in Nettelbeck oder zu benachbarten Imkern (Vater war so etwas wie Kreis-Imkerwart). Was mir dabei missfiel, war, dass ich, der „Kleine“, bei Mutter hinten auf dem Gepäckträger Platz nehmen musste, Mutters Rücken vor der Nase, während mein zweieinviertel Jahre älterer Bruder Erich bei Vater vorne in einem Sitz auf der Stange saß mit freier Sicht rundum. Gelegentlich besuchten wir auch Verwandte in der näheren und weiteren Umgebung, jeweils verbunden mit einer spannenden Bahnfahrt, so zum Beispiel Tante Lina und Großmutter in Dreiort und Tante Ella Hansen in Posen. Dort gab es für uns Kinder immer eine besondere Leckerei: Malzextrakt.
Das Verhältnis zu meinem „großen“ Bruder war nicht ohne Spannungen. Ich neigte zum Jähzorn, er wusste mich mit Kleinigkeiten zu provozieren. Es gab mitunter handfeste Auseinandersetzungen, bei denen ich am Ende den Kürzeren zog, weil er der Stärkere war. Allmählich lernte ich, mich zu beherrschen...Erich besuchte inzwischen die Schule. Ich lernte so nebenbei einiges mit, der Vorzug des Nachgeborenen.
Mit der Ruhe und dem Frieden war es bald vorbei. Die deutsche Ostfront bricht mehr und mehr zusammen, die Sowjetarmee rückt nach Westen vor. In Ostpreußen hat der Flüchtlingsstrom bereits eingesetzt. Die letzten Baltendeutschen, die 1939 noch geblieben waren, siedelten auch aus. So auch Mutters Schwester Gerda und Bruder Kurt mit Familien, die auf ihrem Ausreiseweg bei uns in Jannowitz Station machen.
Zum Jahresende wird die Lage bedrohlich. Die deutsche Heeresführung richtet den sogenannten Volkssturm ein, eine Hilfstruppe aus alten Männern und ganz jungen, mehr ein Akt der Verzweiflung. Vater wird als ehemaliger Offizier zum Führungsstab einberufen. An die einzelnen zeitlichen Abläufe erinnere ich mich nicht mehr genau. Am 18. Januar 1945 kommt Vater mit dem Volkssturm zum Einsatz und – wie wir später erfahren – kommt es wohl zu Gefechten mit russischen Einheiten, dann verliert sich seine Spur. Kann sein, er ist gefallen oder verschleppt worden oder …? Seitdem gilt Vater als vermisst. Lange hat Mutter später gewartet, bis sie zu einer Todeserklärung eingewilligt hat, der Pension wegen, aber es bestand wirklich keine Aussicht mehr auf eine Rückkehr. Drei Tage nach Vaters Aufbruch, am 20. Januar, ist es dann für uns soweit: Aufbruch zur Flucht mit dem Treck.
Hamm-Heessen, St. Barbaraklinik, Sonntag, 24. Februar 2013
Flucht mit dem Treck
Die Flucht mit dem Treck! Meine Erinnerung daran ist nur lückenhaft, obwohl ich mit fast 6 Jahren die Dinge durchaus bewusst erlebt habe. Eingeprägt haben sich wohl einige Szenen und Bilder. Am Morgen des 20. Januar erging an die deutsche Bevölkerung per Ansage die Order, sich bis zum Nachmittag bereit zu machen und sich auf dem Marktplatz im Zentrum des Städtchens einzufinden, an Gepäck nur, was man tragen kann. Ich denke, Mutter hatte vorausahnend schon einiges vorbereitet, zurechtgelegt, anderes ausgesondert, z.B. Briefe und Schriften verbrannt...Trotzdem, eine Herausforderung besonderer Art. Konnten bei der Umsiedlung 1939 noch alle wichtigen Dinge, auch Möbel und Hausrat mitgenommen werden (sorgsam in Kisten verpackt), so galt es jetzt und hier, sich auf das Nötigste zu beschränken: 1 Reisekoffer, 1 Schnallpaket zu je einer Hand, dazu den Rucksack auf dem Rücken, dazu zwei Jungen, acht und fünf Jahre alt, an der Seite. Im Nachhinein denke ich: Was für ein physischer und psychischer Kraftakt für eine alleinstehende Frau und Mutter im Alter von 45 Jahren! Aber in der Not wachsen dir Kräfte!
An der Sammelstelle wurden wir mit anderen Familien Fuhrwerken zugeteilt, die noch Platz hatten, bis irgendwann der ganze Treck sich in Bewegung setzte. Die Reiseroute kann ich nicht mehr beschreiben, auch habe ich keine genaue Erinnerung an die Dauer des Trecks. Wohl ist mir der Ort Schönlanke im Ohr, an dem es vorbei ging, dort waren mein Onkel Willi, Forstmeister, Vaters älterer Bruder, mit Tante Elli, meiner Patentante, angesiedelt. Und Arnswalde ist mir im Sinn, wo der Treck wegen überlasteter Straßen aufgeteilt wurde, ein Teil in nördlicher, ein Teil in südlicher Richtung.
Eine Begebenheit möchte ich hier noch einfügen. Ich erinnere mich, wie uns eines Abends, es war schon dunkel, Genaueres konnte man nicht erkennen, ein Fuhrwerk auf der Nebenspur, die eigentlich für Militärfahrzeuge freizuhalten war, überholte. Viel später erst erfahren wir, dass hier unsere couragierte Tante Lina, Vaters jüngere Schwester, mit Großmutter Johanna Sieffers, geb. Deringer, über 80 Jahre alt, auf dem Wagen an uns vorbeigebraust war. Tante Lina hatte nach der Umsiedlung in Dreiort, nahe Gnesen, eine Landwirschaft übernommen, war mit uns aufgebrochen, aber dann wohl auf der anderen Treckroute ohne Behelligung durch Russen nach Niedersachsen durchgekommen, wo sie in Wierstorf bei Hankensbüttel, Kreis Gifhorn, auf dem Bauernhof von Rodewalds Unterkunft, Bleibe und Arbeit fand. Dort haben wir sie später in den Ferien des öfteren besucht.
Die russische Armee rückte immer näher, man hörte den Gefechtslärm, gelegentlich gerieten wir unter Panzerbeschuss, blieben aber unversehrt. Von deutschem Widerstand war nicht mehr viel zu spüren.
Aufenthalt auf einem Bauernhof bei Berlinchen
Ich weiß nicht, wieviele Tage und Nächte wir so unterwegs waren, bis wir schließlich eine Stadt erreichten, wo es zunächst nicht weiterging: Berlinchen, Kreis Soldin in der Neumark. Die russische Armee war so weit nach Westen vorgedrungen, dass uns der weitere Fluchtweg abgeschnitten war. So saßen wir fest. Ich sehe noch das Schulgebäude, in dem wir einquartiert waren, provisorisch, mit einem großen Loch in der Mauer des Obergeschosses, einem Granateinschlag. Hier hatten wir einige Tage auszuhalten. Inzwischen war es Februar geworden und mein 6. Geburtstag rückte heran. Ich weiß noch, wie ich den Geburtstagskuchen vermisst habe, doch an solchen Luxus war unter den gegebenen Umständen nicht zu denken. Als Ersatz wurde mir von einer freundlichen Nachbarin ein dickes Schmalzbrot angeboten, das ich mit Heißhunger verputzte. Nur, das Schmalz muss wohl schon verdorben gewesen sein, ich bekam fürchterliche Magen- Darmbeschwerden, die ein paar Tage anhielten. Seitdem habe ich kein Schmalz mehr angerührt, erst wieder im späteren Erwachsenenalter.
Wie sollte es nun weitergehen? Von der russischen Kommadantur bekamen wir mit einigen anderen baltischen Familien Passierscheine mit der Weisung, uns über Posen und Warschau zurück nach Riga zu begeben, was natürlich Unsinn und ein Ding der Unmöglichkeit war. Nur, wir hatten Order und so brachen wir Richtung Osten auf, doch nicht weit. Nach ein paar Kilometern auf der Landstraße, wo uns inzwischen die Zugpferde ausgetauscht waren und wir nur noch einen blinden und einen lahmen Gaul übrig hatten, erreichten wir ein Dorf namens Klausdorf. Hier konnten wir uns abseits der Straße und des Dorfes auf einem Bauernhof durchschlagen und für das Weitere aufhalten. Uns war beiden damit gedient, wir waren von der Straße weg und die Bauersfamilie, Familie Röske, hatte „Verstärkung“, denn, wie sich bald zeigte, auch abseits der Straße blieb man vom russischen Militär nicht unbehelligt. So richteten wir uns auf dem Hof der Röskes ein. Es dauerte nicht lange, bis eines Tages der Bauer Paul Röske von einer russischen Patrouille mitgenommen wurde – verschleppt ohne Wiederkehr. Die Bäuerin Emma Röske blieb mit ihren beiden Jungen Lothar (8) und Harald (5) zurück.
Es verging kaum ein Tag, an dem nicht irgendwelche versprengte russische Truppenteile uns heimsuchten, nach Männern, eventuell deutschen Soldaten, nach Waffen und nach Frauen suchten. Nun...
| Erscheint lt. Verlag | 20.2.2023 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Biografien / Erfahrungsberichte |
| ISBN-10 | 3-7578-3107-1 / 3757831071 |
| ISBN-13 | 978-3-7578-3107-3 / 9783757831073 |
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