Schattennovelle (eBook)
156 Seiten
neobooks Self-Publishing (Verlag)
978-3-7549-8872-5 (ISBN)
Lena Dieterle ist im Februar 1984 in Miltenberg geboren und gelernte Buchhändlerin. Nach langjähriger Tätigkeit in der Immobilienbranche arbeitet Lena Dieterle inzwischen auch als Autorin und Herausgeberin. Auf bereits zwei erfolgreich veröffentlichte Romane REDUKTION und REFLEXION und das Magazin EIGENKREATION folgt ganz losgelöst davon die SCHATTENNOVELLE als drittes Buch.
Lena Dieterle ist im Februar 1984 in Miltenberg geboren und gelernte Buchhändlerin. Nach langjähriger Tätigkeit in der Immobilienbranche arbeitet Lena Dieterle inzwischen auch als Autorin und Herausgeberin. Auf bereits zwei erfolgreich veröffentlichte Romane REDUKTION und REFLEXION und das Magazin EIGENKREATION folgt ganz losgelöst davon die SCHATTENNOVELLE als drittes Buch.
Kapitel
Ich checke die Adresse seines Ausweises auf meinem Handyfoto, folge den Schildern in der Ankunftshalle und steige am Flughafen in die Straßenbahn, die in der Nähe seines Wohnortes halten soll. Es rattert und rüttelt, als die Bahn aus einer Unterführung hinaus ins Tageslicht fährt.
„Hallo Berlin“, begrüße ich die Stadt, die sich mir in rasanter Geschwindigkeit beim Blick aus dem leicht milchigen Fensterglas präsentiert. Trotz freier Sitzplätze stehe ich lieber, und zwar direkt in der Mitte. Ich genieße die Bewegungsfreiheit. Mit meiner rechten Hand halte ich mich an einer Griffschlaufe fest und schaue mich um. Zwei junge Mädchen mit bunt gefärbten Haaren flüstern und kichern miteinander, die anderen Fahrgäste schauen auf den Boden, auf ihr Smartphone oder aus dem Fenster, doch niemand sieht mich an. Ich denke immer, dass die Menschen nur mich nicht sehen, aber womöglich sehen sie auch alle anderen nicht. Die Musik in den Ohren so laut, um bloß nicht in einen Austausch zu geraten. Jemanden „sehen“ ist eine große Sache, für die Aufmerksamkeit und Bewusstsein nötig wäre. Doch diese Menschen stecken fest. Jeder in seiner eigenen unsichtbaren Blase, die sie zu anderen auf Abstand hält. Doch sie ist so dünnwandig, dass bald alles aufzuplatzen droht. Dann würde passieren, was hier tunlichst vermieden werden möchte. Alles wäre wieder eins, Körper würden als feinstoffliche Flüssigkeit ineinanderlaufen und sich vermengen. Nicht mal mehr nur ein Teil davon, sondern das große Ganze. Ich schüttle den Kopf, um diese diffusen Gedanken abzustreifen, die ich so oft denke und die mich doch keinem Ziel näherbringen.
Ich lächle einen jungen Mann an, als er den Kopf hebt und unter der Kapuze seines Hoodies hervorlugt, doch er lächelt nicht zurück, sondern schaut rasch wieder auf seinen linken Sneaker, als sei ich ihm peinlich.
Früher dachte ich immer, wenn ich erst mal einen Nasenring habe, dann bin ich cool. Als ich ihn dann hatte, schauten mich die Menschen komisch an. Vielleicht bildete ich mir das auch nur ein, wer weiß. Und irgendwann wars mir egal, was andere denken. Bei manchen war ich mir nicht sicher, ob sie überhaupt denken konnten. Sowieso sind diese „wenn… dann“-Gedanken der Untergang, weil man so nicht im Hier und Jetzt zu leben beginnt. Meine Erwiderung zu diesem Irrglauben: „…und was, wenn sich dann doch nichts ändert? Was dann… wenn?“.
***
Eine Station früher als auf der App angezeigt steige ich aus und laufe zu Fuß. Ich möchte einen Eindruck von dem Viertel bekommen, in dem Darius lebt. Schnell fälle ich mein Urteil – sehr subjektiv, weil ich Großstädte normalerweise meide.
Für mich herrscht dort eine unpersönliche Atmosphäre. Menschenmassen, Betonwüste. Ich verbinde die Stadt mit Lärm, Graffitis, Drogen, überfüllten Glascontainern und hupenden Fahrzeugen. Doch das Viertel hier wirkt auf mich geradezu clean. Imposante steile Glasfassaden ragen aus dem Erdboden und reichen bis in den Himmel, die Fensterscheiben in Perfektion geputzt. Alle Menschen wirken reserviert, sind in Eile, hasten mit vollen Taschen den Gehweg entlang, nirgendwo ein Platz zur Rast, keine Bänke, keine Brunnen, nichts. Noch nicht mal mehr Müll steht irgendwo herum. So oder so, es wird nicht ganz leicht für mich, hier länger zu verweilen, doch ich will es versuchen.
Und dann stehe ich mit einem Mal in der Zypressenallee 216, einem Straßenzug, der einer Zypressenallee ferner nicht sein könnte. Dafür zwei Bänke und eine Blumeninsel, die üppig gepflanzt aus dem Asphaltmeer herausragt. Sie verleiht der Straße sofort etwas Freundliches.
In mir kribbelt es vor Aufregung, als ich vor dem Haus stehe, in dem Darius lebt. Aufmerksam lese ich die Namen auf den Briefkästen und beginne schon, mich kurz zu sorgen, als ich ganz oben auf einem separaten Schild die Namen „C. + D. Rabe“ lese. Sie wohnen also ganz oben. Und C., das muss der Vorname seiner Gattin sein. Ich überlege… Christine, Christiane, Christa, Claudia, Carmen, Cassandra, Charlotte, Clara? Hm… mehr fällt mir gerade nicht ein.
Der vollgestopfte Briefkasten verrät mir, dass er noch nicht zu Hause angekommen sein kann. Wahrscheinlich ist er direkt in sein Unternehmen gefahren. Da die Umschläge, Kataloge und Zeitungen weit herausragen und niemand zu sehen ist, kann ich problemlos nach der Post greifen, die mir im Inneren des Kastens verborgen geblieben wäre. Postgeheimnis…?! Kenne ich nicht.
Im Adressfeld eines Mode-Katalogs ist der Name seiner Frau abgedruckt: „Cosima Rabe“. Auf dem „Börsenblatt“ steht sein Name. Cosima also… welch klangvoller Name, der verführerisch klingt wie eine Liebkosung. Darius und Cosima.
Neben der Tageszeitung stecken dort noch einige Briefe. Gerade, als ich die Briefe an mich genommen und die Zeitschriften zurück in den Kasten gestopft habe, hält ein Taxi und ich sehe durch die abgedunkelten Scheiben sein Gesicht. Sofort drehe ich mich weg, laufe drei rasche Schritte und trete fluchtartig in das Gebäude ein, als ein anderer Bewohner das Haus verlässt und mir ganz selbstverständlich die Tür aufhält.
Drinnen blicke ich mich hastig im großzügigen Foyer um, sehe links das Treppenhaus, einen Aufzug, Schaukästen mit allerlei Aushängen und springe dann kurzentschlossen die Treppenstufen nach oben, da Darius wahrscheinlich mit dem Gepäck den Aufzug wählen wird. Auf Zehenspitzen beuge ich mich hinter einer großen Blumenvase leicht nach vorne und sehe durch die Scheiben, wie er auf das Haus zuläuft, sich die verbliebene Post unter den Arm klemmt und aufsperrt. Der Taxifahrer trägt seinen Koffer bis vor den Aufzug und verabschiedet sich. Darius steigt ein und verschwindet grußlos. Auf leisen Sohlen schleiche ich weitere Stufen nach oben, verharre auf einer Zwischenetage und erwarte, dass er jeden Moment aus dem Aufzug aussteigt, doch der Aufzug scheint ihn verschluckt zu haben.
Ich harre noch eine Weile aus, bis ich an einem leisen Rumpeln höre, dass sich der Fahrstuhl wieder in Bewegung gesetzt hat. Per Ruftaste hole ich ihn mir in die erste Etage und steige ein. Hier kann ich nun sehen, was es mit seinem Verschwinden auf sich hat: Der Aufzug fährt bis ganz nach oben, in die Penthouse-Wohnung. Dieser Bereich scheint mit einem Zahlencode geschützt. Das Display hat Platz für mehrere elektronische Ziffern. Bingo! Wenn er den Code zu seiner Wohnung nicht geändert hat, habe ich ihn wohl schon. Das spart mir viel Arbeit. Ich klopfe mir in Gedanken für meine weise Voraussicht im Flieger selbst auf die Schulter. Nun stehen mir alle Türen offen, im wahrsten Sinne des Wortes. Fürs Erste habe ich genug gesehen.
Jetzt gilt es, eine geeignete Unterkunft zu finden. Am besten direkt im Haus gegenüber – das hat sich schon mal bewährt und liefert die besten Ergebnisse.
Ich war gerade dabei, das Haus zu verlassen, als mir der Schaukasten wieder in den Blick fällt. Hier gibt es doch sicher irgendwo die Nummer der Hausverwaltung? Stattdessen entdecke ich das Kärtchen einer Immobilienvermittlung. Ich wähle kurzerhand die Nummer des Maklerbüros, die im Eingangsbereich aushängt. Es klingelt durch, aber niemand hebt ab. Als nächstes tippe ich die Ziffern der Mobilnummer ein, die ebenfalls abgedruckt steht. Kurz nach dem ersten Läuten ertönt am anderen Ende der Leitung eine männliche Stimme: „Costas, hallo.“
Der Makler entschuldigt sich, denn er ist gerade für eine andere Besichtigung im Haus unterwegs und wir verabreden uns direkt für einen Folgetermin. Nach gut dreißig Minuten Wartezeit kommt er mit einem aufgesetzten Lächeln um die Ecke gelaufen.
„Mein Name ist Costas, guten Tag.“ Ich mustere den Mann, der nicht besonders groß gewachsen ist, volles pechschwarzes Haar trägt und ein südländisches Temperament durchscheinen lässt. Das Sakko ist gut geschnitten, die Hose sitzt jedoch etwas eng und endet ein ganzes Stück weit oberhalb der Knöchel, darunter glänzt ein Paar Lackschuhe. Costas Handgelenk ziert eine pompöse Uhr, die wohl seiner Klientel beweisen soll, dass er nicht nur mit teuren Wohnungen makeln kann, sondern selbst gut betucht ist.
„Hallo, Herr Costas. Danke, dass sie so spontan Zeit für mich gefunden haben.“
„Wenn es eilig ist, sind Sie bei mir immer an der richtigen Adresse, ich mache fast alles möglich.“ Hinter seinem strahlenden Lächeln protzt ein antrainiertes Selbstbewusstsein. „Was schwebt Ihnen denn vor?“
„Ich möchte gerne ein Zimmer mieten, allerdings am liebsten im Haus gegenüber. Betreuen Sie das auch?“
„Ja, wir betreuen den gesamten Gebäudekomplex. Links sind sowieso nur Eigentumswohnungen und rechts über die Straße, da vermieten wir einige Appartements an Geschäftsreisende.“
„Das klingt super, dann gerne eines.“
„Ok, kommen Sie. Wir haben auch gerade ein schönes Zimmer frei.“
Innerlich jubiliere ich schon, denn das läuft jetzt wirklich wie am Schnürchen. Beinahe zu gut, um wahr zu sein.
Als er mir dann das Zimmer aufsperrt, ist mein erster Gang der zum Fenster. Und wie ich in großer Erwartung rausschaue, sehe ich die Fassade eines anderen Hauses. Kein Glas, sondern Putz. Zudem handelt es sich höchstens um die vierte Etage, also viel zu weit unten. Es kann sich nur um die Rückseite handeln, der Blick geht in die ganz andere Richtung, stelle ich enttäuscht fest.
„Das geht nicht. Dieses Zimmer möchte ich nicht“, sage ich bestimmt und mache auf dem Absatz kehrt. Der Mann mit dem unechten Lächeln und der Pomade...
| Erscheint lt. Verlag | 24.1.2023 |
|---|---|
| Verlagsort | Berlin |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Romane / Erzählungen |
| Schlagworte | Aschaffenburg • Berlin • Engel • Gesellschaftskritik • Hoffnung • Novelle • Schlüssellochperspektive • Schmetterling • Stalking • Sucht |
| ISBN-10 | 3-7549-8872-7 / 3754988727 |
| ISBN-13 | 978-3-7549-8872-5 / 9783754988725 |
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