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ABIE 99 (eBook)

(Autor)

eBook Download: EPUB
2023 | 1. Auflage
237 Seiten
neobooks Self-Publishing (Verlag)
978-3-7549-8769-8 (ISBN)

Lese- und Medienproben

ABIE 99 -  Heiko Thieß
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Ab wann wird aus Sprüchen Mobbing? Im 13. Jahrgang des Ernst-Barlach-Gymnasiums Lübeck scheint das kaum jemanden zu interessieren. Auf der Abi-Fahrt nach Berlin im Sommer 99 wollen sie einfach nur zu Techno tanzen, schief Karaoke singen und im legendären Partykeller des 'Haus der Schreberjugend' die 80er wiederbeleben. Rüdiger will vor allem die letzten Verbal-Attacken von René überstehen. Tobi will endlich Hautkontakt mit Tatjana aufnehmen. Juli will eigentlich Tobi. Der Herbergsvater will seine Ruhe. Und Herr Wilhelm will seinen Bildungsauftrag als Gemeinschaftskundelehrer bis zum Schluss übererfüllen. Doch was am Ende passiert, hat keiner gewollt.

Heiko Thieß arbeitet als Werbetexter für verschiedene Top-Agenturen und namhafte Kunden. Nach 'Arschkarte' (Piper 2015) und 'Dicke Eier (Piper 2016) ist 'ABIE 99' (2021) sein dritter veröffentlichter Roman.

Heiko Thieß arbeitet als Werbetexter für verschiedene Top-Agenturen und namhafte Kunden. Nach "Arschkarte" (Piper 2015) und "Dicke Eier (Piper 2016) ist "ABIE 99" (2021) sein dritter veröffentlichter Roman.

ANOTHER DAY IN PARADISE


Tobi parkte seinen fünfzehn Jahre alten Mitsubishi, der ungefähr so viel Öl wie Benzin soff, auf dem Supermarktparkplatz in der Nähe des Ernst-Barlach-Gymnasiums Lübeck. Was riskant war, seitdem es sich der neue Marktleiter zur Aufgabe gemacht hatte, den Parkplatz für seine Kunden zu verteidigen. Zumal auf der Heckscheibe von Tobis TÜV-Albtraum bereits der ironisch gemeinte Schriftzug „ABIE 99“ klebte. Dass keiner der Supermarktkunden in der hintersten Ecke parken wollte, spielte für den selbsternannten Blockwart keine Rolle. Als ob volljährige Fahrschüler etwas dafür konnten, dass man beim Bau der Schule um 19hundertdröffzig nicht an Schülerparkplätze gedacht hatte.

Die letzten Tage vor den schriftlichen Prüfungen könnte man sich auch schenken“, stöhnte Flens, nachdem er seinen klapprigen Polo neben Tobis japanischer Antiquität abgestellt hatte.

Bist du verrückt? Woher sollen unsere Mädels dann wissen, was in den Klausuren drankommt?“, spielte Tobi den Empörten.

Vor jeder Klausur ploppten dieselben bescheuerten Fragen auf – von den immergleichen, überspannten Leuten. Dabei hätte es so einfach sein können: Arbeitsblätter austeilen, bearbeiten, zwischendurch auf Toilette gehen zum Spicken, nach ein paar Stunden Arbeitsblätter abgeben und irgendwann mit viel roter Farbe zurückbekommen – bei manchen Lehrern früher, bei anderen später und bei Herrn Wilhelm kurz vor seiner Pensionierung. Aber nein, Tafelwischer, Laptop-Mitbringer, Sport-Asse und sonstigen Nervensägen mussten ihre Prüfungsangst mit Fragen bekämpfen, die so dumm waren, dass sie schon vor der Klausur eine Sechs gerechtfertigt hätten.

Erste Standardfrage: „Was kommt dran?“

Ja, was wohl?! Tobi spürte in solchen Momenten, wie hauchdünn die Decke der Zivilisation war. Ohne gewaltfreie Erziehung hätte er die Fragensteller sofort intensivstationsreif geschlagen. Stattdessen kam er seinen Lehrern manchmal zuvor und sagte so etwas wie:

Also, ich bin kein Experte, aber ich schätze mal, dass genau das drankommt, was wir in den Unterrichtsstunden zwischen dieser und der letzten Klausur durchgenommen haben.“

Die nicht minder genervten Lehrkräfte versuchten daraufhin meist, ihr pädagogisch nicht ganz einwandfreies Grinsen zu unterdrücken und zählten resigniert alle Themen auf, die in exakt dieser Zeit durchgekaut worden waren. So lange, bis auch der Letzte, der nicht mit logischem Denkvermögen gesegnet war, beruhigt durchatmen konnte. Zumindest für einen kurzen Moment. Denn spätestens nach fünf Sekunden wurde jemand vom Geistesblitz getroffen:

Das ist ja alles, was wir durchgenommen haben! Herr Wilheeelm!“ Alternativ wurden die Vokale eines anderen Lehrers in die Länge gequengelt. „Wie sollen wir das denn alles schaffen?“

Während der Klausuren wurde es leider nicht besser:

Hier steht, wir sollen das anhand von drei Beispielen erläutern. Mir fallen aber nur zwei ein, reicht das auch? Und müssen wir die auch erklären?“

Boah, nee, musst du nicht“, hätte Tobi am liebsten gerufen, „für deine Standard-Fünf reicht das locker.“

Die Krönung kam jedoch nach jeder Klausur:

Ich hab doch aber geschrieben, dass das mit dem Krieg total blöd war und so. Wieso bekomm ich denn da keine Punkte? Die anderen haben doch auch welche bekommen!“

Ja“, hätte Tobi als guter Pädagoge gern gesagt, „die anderen haben es aber auch richtig beschrieben. Und für Richtiges gibt es Punkte. Du hingegen hast verdammt nochmal keine Ahnung, also fang endlich an zu lernen!“

Vor der Schule bog Flens Richtung Raucherecke ab, um mit seinem Nikotinspiegel über die erste Doppelstunde zu kommen. Tobi nutzte die Gelegenheit für einen Besuch des Sanitärparadieses im ersten Stock. Die Toiletten waren noch maroder als der Rest der preußischen Schulkaserne. Das sollte was heißen. Gegen das Oeuvre der vergilbten, weil jahrzehntelang bepissten Fliesen in diesem Urinsteinbruch, hätte auch ein Duftbaumwald nichts ausrichten können. Zum Leidwesen aller waren die Bahnhofstoiletten zu weit entfernt – sonst wären sie eine echte Alternative gewesen. Selbst das Wasser aus dem Hahn stank nach Gülle. Was dazu führte, dass sich einige völlig Verzweifelte kurz vor gefürchteten Klausuren unter den verseuchten Strahl hängten, um der nächsten Fünf zu entgehen. Lieber Durchfall als durchfallen.

Ein absoluter Insidertipp war die hinterste Kabine. Statt der üblichen Sichtschutzfenster gab es hier eine klare Fensterscheibe zum Hof. Wer den großen Auftritt liebte oder Anfeuerungsrufe aufmerksamer Schulhofbesucher brauchte, wenn es mal wieder etwas länger dauerte, war auf diesem Thron König.

Jeder ohne exhibitionistische Neigungen bevorzugte die etwas privateren Separees – hielt sich in diesem natürlichen Lebensraum der gemeinen Hausratte aber nie länger als unbedingt nötig auf. Der einzige Vorteil eines solchen infernalen Verdauungsgasangriffs: Man wurde schlagartig wach. Was auch bitter nötig war, schließlich fing die erste Stunde bereits um halb acht an. In Worten: Siebenuhrdreißig!

Warum nicht schon um sechs?!“, fluchte Tobi gern. Für ihn war alles vor neun Uhr das pure Morgengrauen.

Auf dem Weg zum Klassenraum wurde seine Laune selten besser. Der Flur war genauso dichtgeschissen wie die Klos – mit hunderten Schülern, die darauf warteten, dass die Klassenräume aufgeschlossen wurden. Dementsprechend war die Luft auch hier nur schwer zu verdauen. Wer immer noch an seinem Berufswunsch aus Kindertagen festhielt und Feuerwehrmann werden wollte, konnte immerhin den Einsatz ohne Sauerstoff trainieren.

Wo haste denn deinen Freund gelassen?“ René hielt seinen Spruch – den er ungefähr jeden zweiten Morgen brachte – wie immer für sehr gelungen und grinste Tobi vor der Klassenzimmertür dümmlich an.

Halt die Backen“, gähnte Tobi. Die bemühte Witzigkeit dieses Aufmerksamkeits-Junkies ging ihm schon lange auf die Nerven. „Rüdiger kommt zu Fuß, ich fahr mit dem Auto. Wie jeden Tag. Deinem Spruch fehlt also wie gewohnt die Pointe.“

Uiuiui, Tobi ist im Krawallmodus“, tönte René effektheischend in die müde Runde.

Nee, Tobi ist im Erwachsenenmodus. Einfach mal ausprobieren, René, tut nicht weh“, konterte Tobi und ließ sich erschöpft auf dem Linoleumboden nieder.

Kurz darauf bog Rüdiger um die Ecke und versuchte sich so lange wie möglich unsichtbar zu machen. Mit überschaubarem Erfolg.

Da isser ja!“, jubilierte René. „Tobi hat dich schon vermisst.“

Nur kein Neid, weil dich noch nie einer vermisst hat, René“, grätschte Tobi dazwischen und erntete ein paar verstohlene Lacher. Rüdiger stellte sich neben Tobi und hoffte, den Rest der Wartezeit ohne weiteren Spruch zu überstehen. Die Hoffnung auf einen ganzen Tag ohne Sticheleien und Mobbing hatte er längst aufgegeben.

Nach dem Klingeln kam Herr Möller wie gewohnt als einer der letzten Lehrer den Gang entlanggeschlurft. Natürlich zusammen mit Frau Schröder, seiner jungen Lieblingskollegin.

Die haben was miteinander, ich sag’s euch“, sprach Tatjana aus, was alle dachten. Da sie aber gleichermaßen beliebt waren, gönnte ihnen jeder das vermeintliche Glück.

Guck mal, die Scheintote grinst“, kommentierte Herr Möller Tatjanas wissendes Lächeln und stupste Frau Schröder in die Seite. Er hatte für fast jeden seiner Schützlinge einen Spitznamen. Tobi und Flens waren wegen ihrer Sprüche aus der hintersten Reihe Waldorf und Stadler. Madeleine taufte er wegen ihrer tadellosen Erscheinung und dem Perlweiß-Lächeln „Zahnarztfrau“. Die schüchterne Astrid war das quiekende Meerschweinchen-Küken, weil sie genauso klang, wenn sie mit der Hand vorm Mund lachte. Klaus war die Memme, da er ab dem Tag seiner Volljährigkeit immer neue Krankheitsgründe erfand, mit denen er seine selbstgeschriebenen Entschuldigungen veredelte – und Juli sein Lieblingskrüppel, nachdem sie vor ein paar Monaten mit Gipsbein und Krücken aus dem Skiurlaub zurückgekommen war.

Herr Möller, ich bin nicht scheintot! Ich hab das gehört“, beschwerte sich Tatjana.

Sagte die, die sich im Unterricht tot stellt und nie meldet.“

Ha, ha. Das heißt, wenn ich mich heute melde, hören Sie endlich auf, mich zu ärgern?“

Nein. Dann erreichst du das Level der Untoten, so wie deine lieben Mitschüler“, grinste er und rief: „Na, Kinder, seid ihr alle wach?“. Das kollektive „Mmmhhh“ ließ ihn das Gegenteil vermuten.

Gut, ich auch nicht“, seufzte er und schloss den Klassenraum auf.

Also, ich bin wach, Herr Möller“, strahlte ihn der Einzige aus dem Englisch Leistungskurs an, für den man keinen kreativen Spitznamen brauchte. Paddy statt Patrick genügte vollkommen. In jedem Jahrgang gab es bekanntlich einen Bekloppten. Genauso wie es eine Jahrgangsschönheit wie Madeleine, eine vermeintliche Jahrgangsschlampe wie Tatjana und ein Jahrgangs-Arschloch wie René gab. Paddy war jedoch eine ganz eigene Kategorie. Ein Typ, bei dem man sich immer fragte: Meinte der das jetzt ernst? Nur um Sekunden später verblüfft...

Erscheint lt. Verlag 8.1.2023
Verlagsort Berlin
Sprache deutsch
Themenwelt Literatur Comic / Humor / Manga Humor / Satire
Schlagworte Abi • Berlin • Humor • Ironie • Klassenfahrt • Liebe • Sarkasmus • Schule • Sommer • Urlaubslektüre
ISBN-10 3-7549-8769-0 / 3754987690
ISBN-13 978-3-7549-8769-8 / 9783754987698
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