Das Haus hinter den Wellen (eBook)
397 Seiten
neobooks Self-Publishing (Verlag)
978-3-7549-8745-2 (ISBN)
Linn Marie Flow wuchs in Deutschland und am Mittelmeer auf. Nach dem Abitur arbeitete sie in der Gastronomie und bei diversen Zeitschriften in München, bevor sie in England Naturwissenschaften studierte. Später lebte sie in England und Portugal, wo sie als Verhaltensbiologin und freie Autorin tätig war und mit ihrem VW-Bus die Atlantikküste entdeckte. Seit einigen Jahren lebt sie mit ihrer Familie und ihrem Hund in Süddeutschland.
Linn Marie Flow wuchs in Deutschland und am Mittelmeer auf. Nach dem Abitur arbeitete sie in der Gastronomie und bei diversen Zeitschriften in München, bevor sie in England Naturwissenschaften studierte. Später lebte sie in England und Portugal, wo sie als Verhaltensbiologin und freie Autorin tätig war und mit ihrem VW-Bus die Atlantikküste entdeckte. Seit einigen Jahren lebt sie mit ihrer Familie und ihrem Hund in Süddeutschland.
TAG 1 - Lissabon
Als sie durch die Flugzeugtür ins Freie trat, schlug ihr die Hitze wie eine Ohrfeige ins Gesicht. Sie fühlte sich, als sei sie mitten in einem Film gelandet, den sie vor langer Zeit in ihrer Kindheit gesehen hatte. Wie eine schwache Erinnerung, fern ihrer Realität, aus einer Zeit, die nichts mehr mit ihrem jetzigen Leben zu tun hatte.
Bei den anderen Reisenden mochten die hohen Temperaturen, die blendende Sonne, die feuchte Luft Glücksgefühle auslösen; das sichere Gefühl, dass sie im langersehnten Urlaub angekommen waren. Doch für Annie fühlte es sich an, als würde die schwüle Hitze sie in eine drückende Umklammerung nehmen, die ihr die Luft zum Atmen nahm. Es war, als entführe die salzige Luft sie auf einen Schlag in längst vergangene Zeiten. Zurück in eine Kindheit, die sie längst vergessen zu haben gehofft hatte.
Seit dem Vorfall hatte sie nie wieder portugiesischen Boden betreten. Und sie war sich auch sicher gewesen, es nie wieder zu tun. Bis gestern.
Annie beschloss, auf das Eintreffen des Busses in der Kühle des Flughafengebäudes zu warten. Die Luft war wärmer als erhofft, dennoch hatte sie das Gefühl, hier wieder atmen zu können. Sie setzte sich auf einen Sessel aus Kunstleder und klappte ihren Laptop auf. Die unbearbeiteten Dateien leuchteten ihr entgegen. Sie hatte sich ausreichend Arbeit für die nächsten Tage mitgenommen. Ihr Leben sollte so weitergehen wie bisher. Daran würden auch zwei, drei Tage in Portugal nichts ändern. Doch die Buchstaben verschwammen vor ihren Augen. Vielleicht sollte sie später weiterarbeiten. Sie ließ ihren Blick durch die Flughafenhalle schweifen. Es herrschte reges Treiben. Braungebrannte, erschöpfte Touristen mit dicken Rucksäcken betraten die Halle, ihr Blick voller Wehmut, dass sie zurück in ihr Leben am Schreibtisch mussten. Pärchen fielen sich in die Arme, bei ihnen spielte das Wetter keine Rolle, sie spürten nur sich. Annie wandte den Blick ab. Vor einem Bildschirm hatte sich eine Menschentraube versammelt. Es lief ein englischsprachiger Nachrichtensender. Gerade wurde eine Nahaufnahme von einem Herrn um die Fünfzig mit einem Gewinnerlächeln ausgestrahlt. Der Name sagte Annie nichts, aber er schien wohl bekannt zu sein. Denn die Zuschauer wirkten interessiert. Als Nächstes folgten einige Aufnahmen von den winkenden Royals. Anscheinend lief gerade eine Promisendung. Gelangweilt wandte sich Annie wieder ab und schaute auf ihr Handydisplay. Sie seufzte, es würde noch eine gute halbe Stunde dauern, bis ihr Bus kam.
Weshalb war sie nur in diesen Flieger gestiegen? Solche spontanen Entscheidungen passten nicht zu ihr. Sie brauchte Ordnung in ihrem Leben. Sie hatte seit Jahren alles im Griff.
Aber dann hatte sie den Anruf erhalten. Zunächst hatte sie nicht abheben wollen. Wie immer, wenn sie Maureens oder Petes Stimme auf dem Anrufbeantworter hörte. Es erschien ihr jedes Mal wie ein brutales Eindringen in ihre Privatsphäre. Hatten sie immer noch nicht begriffen, dass sie nun ein eigenes Leben hatte? Fern von dem Chaos, das bei ihnen an der Westalgarve herrschte. Sie hatte gerade auf ihrer grauen Couch im Wohnzimmer gesessen, eine Tasse mit heißem Roiboostee hatte auf dem Glastisch vor sich hin gedampft und darauf gewartet, soweit abzukühlen, um trinkbereit zu sein. Auf ihrem Schoß hatte Annie die Süddeutsche Zeitung ausgebreitet. Diesen Luxus gönnte sie sich gerne nach einem Zehn-Stunden-Tag am Computer. Es war ein kalter Augusttag in München gewesen. Gerade einmal 14°C hatte das Thermometer auf ihrem kleinen Balkon gemessen. Annie hatte das nicht gestört. Im Gegenteil, sie liebte es, sich an solchen Abenden in eine weiche Decke zu kuscheln und zu lesen.
Sie genoss die stillen Minuten, die nur ihr gehörten. Es war so anders als früher. Und genau so hatte sie es sich bewusst ausgesucht.
Als Maureens Stimme auf dem Anrufbeantworter erklungen war, hatte Annie sofort aufstehen wollen, um den Ton abzuschalten. Sie wollte nicht, dass die Erinnerung, wenn auch nur akustisch, Einzug in ihre Wohnung erhielt. Annie hatte sich etwas zu schnell aufgerichtet, dabei war die Wolldecke auf den grauen Resopalboden gerutscht und hatte die Zeitung mit hinuntergezogen. Das knisternde Papier hatte Maureens Stimme übertönt, als Annie auf die kalten Fliesen im Flur getreten war. Erst als sie direkt vor der weißen Kommode gestanden hatte, auf der sich die Telefonanlage befand, hatte sie es wahrgenommen:
Maureens Stimme war kaum hörbar gewesen. Sie war leise und verzweifelt, das hatte Annie über die ganze Entfernung spüren können. Sie klang zum ersten Mal wie damals.
In den vergangenen fünfzehn Jahren hatte Maureen immer versucht, fröhlich und unbeschwert am Telefon zu klingen. Anfangs, als Maureen und Pete noch versucht hatten, sie zur Rückkehr zu bewegen, und auch später bei den jährlichen Anrufen zu Weihnachten und zum Geburtstag. Mehr hatte es an Kontakt nicht mehr gegeben. Annie wollte es so. Das war das Maximum, das sie zulassen konnte. Jeder Schritt mehr, den sie auf sie zugegangen wäre, hätte sie zu sehr in die Vergangenheit zurückgezogen.
Annie hatte nur eine halbe Sekunde gezögert, dann hatte sie zum Telefon gegriffen und auf die grüne Taste gedrückt. Genau in diesem Augenblick hatte Maureen es ausgesprochen. Pete war tot.
Eine Gruppe junger Männer trat in die Flughafenhalle. Sie trugen alle die gleichen orangenfarbenen T-Shirts mit einem obszönen Logo drauf, das Annie nicht ganz einordnen konnte. Ihr war nur klar, dass sie keinen größeren Wert auf die Gesellschaft dieser Herren legte. Hatten sie sich nicht im Flughafen geirrt? Wäre Faro an der Südalgarve nicht das passendere Ziel für einen Party-Urlaub gewesen? Hoffentlich hatten sie einen Grund, hier in Lissabon zu bleiben und stiegen nicht gleich mit ihr in den Bus Richtung Süden. Entsetzt stellte sie fest, dass die deutlich angetrunkenen Männer sich ihren Weg durch die Menge bahnten, mit gezieltem Blick in Richtung Sitzgelegenheiten. Schnell zog sie ihren Rucksack zu sich und sprang auf. Sie hatte lange genug gesessen, und mit etwas Glück war ihr Bus bereits eingetroffen. Sie schulterte ihr Gepäck und lief zur Bushaltestelle. Tatsächlich, obwohl die Abfahrtszeit erst in zwanzig Minuten angesetzt war, stand der Bus schon da. Sie packte ihren Rucksack durch die offene Klappe in den Gepäckraum und machte sich auf die Suche nach einem freien Platz in dem bereits gutbesetzen Bus. Natürlich, es war Hochsaison. Trotzdem atmete sie erleichtert auf, als sich die Türen des klimatisierten Busses schlossen.
Nie wieder kehre ich nach Portugal zurück, hatte sie sich damals geschworen. Geschweige denn nach Zambujeira do Mar. Und sie hatte sich daran gehalten. All die Jahre. Es war das einzig Richtige. Bis der Anruf kam.
Ihr war, als hätte sich ihr Leben innerhalb von Sekunden auf den Kopf gedreht. Von einem Augenblick zum nächsten hatte sich ihre Wohnung plötzlich so kalt angefühlt, mit ihren kühlen Farben und klaren Linien. Der Druck an der Wand war ihr nicht mehr dezent schön erschienen, sondern nichtssagend und leer. Plötzlich hatte sich nichts mehr richtig angefühlt.
Wütend hatte Annie das Telefon in die Ecke geworfen, so dass das graue Plastikgehäuse zerbrach und der Akku herausfiel. Sie hatte sich gebückt, um die Kunststoffteile wieder zusammenzufügen. Doch es waren zu viele Splitter, die sich bis in die Küche unter die anthrazitfarbenen Schränke verteilt hatten. Annie hatte es nicht geschafft, das Gerät wieder zusammenzusetzen. Als sie den Handstaubsauger aus seiner Verankerung hinter der Küchentür herausziehen wollte, war sie gegen die Kiste mit den Wasserflaschen gestoßen. Krachend waren diese zu Boden gefallen und hatten sich in tausend Scherben auf dem blankgeputzten Boden ergossen. Annie war auf die Knie gefallen und hatte begonnen zu zittern. Ein tiefer Schmerz hatte sie überfallen. Sie hatte nicht einmal gespürt, dass sich die Splitter durch ihre beige Chinohose in ihre Knie bohrten. Ihr war nur eines bewusst gewesen. Sie würde noch einmal zurückkehren. Nur dieses eine Mal. Sie konnte sich nicht erklären warum. Sie wusste nur, dass sie es tun musste.
Jesus lächelte und streckte ihr die Arme entgegen, als sei er über alle irdischen Probleme erhaben. Du hast ja keine Ahnung, dachte Annie. Sie hörte Klickgeräusche, als ihre Mitfahrer ihre Kameras und Handys zückten, um die große steinerne Figur zu fotografieren.
Sie erinnerte sich noch genau, wie sie das erste Mal über den Fluß Tejo auf den steinernen Jesus zugefahren war. Damals saß sie nicht in einem klimatisierten Reisebus, sondern in einem alten, klapprigen VW-Bus. Sie war acht Jahre alt gewesen und völlig verdutzt aufgewacht. Hatte sie so lange geschlafen? Gerade waren sie doch noch in Nordportugal gewesen. Wie kamen sie so plötzlich nach Südamerika? Sie kannte die Figur aus ihrem bunten Weltatlas, in dem neben den großen Städten die wichtigsten Sehenswürdigkeiten dargestellt wurden. Der steinerne Jesus mit Blick auf den Zuckerhut in Rio hatte sie immer fasziniert. Was für eine große Statue! Eines Tages würde sie auch nach Rio de Janeiro fahren. Sie hatte sich den Berg immer wie einen Zuckerkegel vorgestellt, wie die Erwachsenen sie für ihre Feuerzangenbowle benutzten. Sie schaute sich um. Hier war aber gar kein Berg zu sehen, geschweige denn einer, der aussah wie der Zuckerhut. Sie hatte sich an Gitte gewandt, die vorne am Steuer saß und den steinernen Jesus gar nicht zu bemerken schien. „Wie sind wir so plötzlich nach Brasilien gekommen? Und wo ist der Zuckerhut?“ Aufgeregt und verwirrt hatte sie auf ihrer Sitzbank herumgezappelt, dass das bunte Badetuch unter ihr verrutscht war und ihre verschwitzten Beine auf dem...
| Erscheint lt. Verlag | 3.1.2023 |
|---|---|
| Verlagsort | Berlin |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Romane / Erzählungen |
| Schlagworte | Atlantik • Freundschaft • Geheimnisse • Surfen • Wellenreiten |
| ISBN-10 | 3-7549-8745-3 / 3754987453 |
| ISBN-13 | 978-3-7549-8745-2 / 9783754987452 |
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