Osterhase, Weihnachtsmann, Zahnfee und Co (eBook)
207 Seiten
Hybrid Verlag
978-3-96741-180-5 (ISBN)
Schon in der Schule hat Marie Loth ihre unglaubliche Fantasie unter Beweis gestellt, Gedichte geschrieben und Theaterstücke inszeniert.
Schon in der Schule hat Marie Loth ihre unglaubliche Fantasie unter Beweis gestellt, Gedichte geschrieben und Theaterstücke inszeniert.
Claus und die Fluglizenz
Monika Grasl
E
inmal im Jahr kam es dazu. Einem unverzichtbaren Ritual gleich stellte sich der Umstand des vermeintlichen Ablebens von Claus ein. Stets am gleichen Tag und, wenn man seine Frau fragte, sogar zur selben Uhrzeit.
Claus Weihnachtsmann, wie er in den privaten Stunden seines spärlichen Alltags hieß, litt fürchterlich. Er wusste, dass er es dieses Mal nicht überleben würde. Den stechenden Schmerz, das immerwährende Pochen und die allgemeine Schwere. All das setzte Claus zu.
»Ich sterbe.« Sein sonst tiefer Bariton glich nun der Stimme eines Kinderelfs. Vermutlich hatte er sich bei einem der kleinen Racker sogar angesteckt.
»Iss deine Suppe«, ertönte es von der anderen Seite des Tisches.
»Was brauche ich eine Suppe, wenn ich gerade sterbe.«
»Wenn du stirbst, musst du wenigstens deine Fluglizenz nicht verlängern lassen.«
Claus Weihnachtsmann stöhnte auf, rieb sich den fülligen Bauch und erhob sich schwerfällig. Noch siebzig Tage bis Weihnachten und er musste fürwahr seine Lizenz verlängern. Darauf freute er sich überhaupt nicht. So umgänglich die Flugaufsichtselfen sich sonst gaben, so penibel pochten sie auf die Einhaltung der Luftraumvorschriften. Man wollte ja nicht das Christkind über den Haufen fliegen.
Bei der Flugübung im vergangenen Jahr verteilte einer der kleinen Elfen sogar Kotztüten. Die Kerlchen verstanden schlichtweg nicht den Sinn eines Rennschlittens. Selbiger musste in einem hohen Tempo über den Himmel sausen. Wozu war das gesamte Tuning des Gefährts ansonsten gut?
»Das wird wieder ein grausiges Foto abgeben auf der Lizenz«, vermeldete der Weihnachtsmann.
»Nicht schlimmer als unser Hochzeitsfoto«, erklärte Claudia Weihnachtsfrau.
Die graumelierte Dame schielte zu dem Bild an der Wand hinüber. Claus trug darauf seinen roten Mantel, die passende Mütze und den schwarzen Gürtel. Aus dem runden Gesicht schien eine dunkelrote Nase hervor, die in Konkurrenz zur Kleidung stand und keineswegs von zu viel Apfelwein rührte. Claudia Weihnachtsfrau fand sich damals, vor fünfzig Jahren, damit ab, dass Claus siebzig Tage vor Weihnachten eine Männergrippe ausbrütete. Mehr war es nicht. Doch es genügte, um die Helferelfen in Aufruhr zu versetzen und den Elfenkindern eine Heidenangst einzujagen. In dieser Zeit neigte Claus dazu, besonders unleidig und zuweilen auch beleidigend zu sein.
»Als ob du auf dem Foto besser aussiehst«, kam es mit einiger Verzögerung zurück.
»Du hattest mir keine Minute zuvor mitten ins Gesicht geniest, Claus!«
»Da muss man trotzdem nicht aussehen, als würde man seinen geliebten Ehemann umbringen wollen.«
Claudia Weihnachtsfrau warf die aktuelle Tageszeitung auf den Tisch, stand auf und räumte den vollen Suppenteller weg. Ihr Schweigen war in dem Moment zu viel für Claus. Er musste hier raus, irgendjemanden nerven und darauf vertrauen, dass seine Weihnachtsfrau später noch da wäre. Nach einem halben Jahrhundert unter ein und demselben Dach, im hohen Norden gelegen, konnte er darauf nur bedingt vertrauen. Es gab Zeiten, da zog Claudia zu ihren Eltern. Für mehrere Wochen und einmal sogar bis ins Neue Jahr hinein.
Er überlegte kurz, ob er sich verabschieden sollte. Das Klappern aus der Küche sagte ihm, dass er sich besser nicht blicken ließ. Somit griff sich Claus die Packung Taschentücher, verteilte sie auf die Taschen seines Mantels und setzte die rote Mütze auf. Erst dann verließ er die wohlige Wärme seines Hauses.
Draußen empfing ihn beißende Kälte und geschäftiges Treiben. Der kleine Ort namens Santa existierte eigens ihm zu Ehren. Hier saßen die Helferelfen in ihren ökologisch nachhaltigen Holzhäusern vor den neuesten Computern und gingen die aktuellen Trends des Jahres durch.
Letztes Weihnachten hatte sich jedes zweite Kind einen Roboter gewünscht, das Jahr zuvor den neuesten I-Pod und heuer drehte sich alles um Dinosaurier.
Wo ist nur die Zeit der guten alten Teddybären geblieben?, überlegte Claus versonnen.
»Hatschi!«
Sein Nieser hallte über die Köpfe einiger Elfen hinweg. Sie fuhren zu ihm herum, rührten sich keinen Schritt von der Stelle und blinzelten nicht einmal.
»Hatschi!«
Unter Claus’ Füßen bebte es. Unweit der Ortschaft ging bei dem Geräusch eine kleine Lawine ab, welche das Dorf jedoch nicht überrollte. Die Helferelfen arbeiteten bereits seit Jahrzehnten an einem effektiven Lawinenschutz. Meterhohe Holzbarrikaden hielten die Schneemassen von den Werkstätten und Wohnhäusern der Elfen fern.
»Herr Weihnachtsmann … Claus, solltest du nicht … im Bett liegen?« Der zögerliche Tonfall gehörte zu keinem anderen als Fipp. Seines Zeichens galt er als der heimliche Bürgermeister von Santa und zugleich Stellvertreter des Weihnachtsmannes.
Zudem war Fipp neben der Weihnachtsfrau der Einzige, welcher Claus sagen durfte, was er zu tun und zu lassen hatte. Theoretisch jedenfalls. Praktisch hörte Claus nur auf Claudia. Fipp fand selten das Gehör des rundlichen Mannes, der allgemein für seine Gutmütigkeit bekannt war. Wenn er nicht gerade an einem Schnupfen litt.
»Habe ich dich um deine Meinung gebeten, Fipp?«
Claus ging an dem Elf vorbei, versetzte dem vor ihm liegenden Schneehaufen einen Tritt und ließ damit Flocken aufsteigen. Einige Kinderelfen rannten begeistert herum und versuchten, die Schneeflocken zu fangen. Claus verzog die Lippen zu einem Lächeln und ging weiter.
Er musste nach seinen Rentieren sehen. Rudolf nahm sich alljährlich bis zum zehnten Dezember Urlaub. Die übrigen Tiere verbrachten ihre Tage auf der nahen Weide. Von Santa aus ein Fußmarsch von einer halben Stunde. Claus entging dabei keineswegs, dass Fipp ihm folgte. Der rotwangige, grauhaarige Elf hielt merklichen Abstand und verscheuchte alle paar Minuten einen Helferelfen, der sich Claus näherte. Zumeist hielten die kleinen Kerle lange Zettel in der Hand. Vermutlich Produktionslisten und Einkaufsschreiben aus den Werkstätten. Die Wunschzettel kämen naturgemäß erst Anfang Dezember an. Dann würde sich zeigen, ob die Prognosen von Fipp und seinen Leuten zutrafen. Lief alles glatt, würde es keine plötzliche Trendumkehr bei den Spielsachen geben.
Allerdings hatten sie bereits Jahre erlebt, wo statt eines mechanischen und pinkelnden Hündchens plötzlich ein Rennauto gewünscht wurde. Aus einem Hündchen ein Auto zu basteln, dass vermochten sogar die Elfen auf den letzten Drücker nicht. Dementsprechend gab es in dem besagten Jahr viele weinende Gesichter.
»Herr Weihnachtsmann, ähm, Claus, da wäre noch die Sache mit der Fluglizenz«, begann Fipp plötzlich.
»Hatschi!«
»Gesundheit.«
»Was ist mit der Lizenz? Die Flugstunde steht doch erst in einer … Hatschi!«
»Also …« Der Elf verstummte.
Claus blieb stehen und drehte sich zu Fipp um. »Was denn?«
»Die Flugaufsichtselfen wollen, dass du heute abhebst.«
Claus Weihnachtsmann glaubte sich verhört zu haben. Er fuhr mit der Hand unter die Mütze und kratzte sich am Ohr. Mehrmals räusperte er sich, ehe die Frage aller Fragen über seine Lippen kam. »Die wollen was?«
»Na, du sollst heute deine Fluglizenz erneuern. Die Flugaufsichtselfen sind überzeugt, dass du jetzt vorsichtiger bist als nächste Woche. Außerdem glauben sie, dass in Wahrheit Rudolf jedes Mal so Gas gibt. Und abgesehen davon verzögert sich die Lieferung der Kotztüten um zwei Monate.«
»Das ist die reinste Vorverurteilung! Haben die sich mal den Himmel angesehen? Alles bewölkt. Wie soll das ohne Rudolf ablaufen? Die anderen Rentiere werden sich weigern zu starten.«
»Du musst ihnen eben gut zureden«, erwiderte Fipp.
»Ein Skandal ist das!« Die Stimme des Weihnachtsmannes hörte sich krächzender an als vor einer Minute. Hinzu kam ein stechender Schmerz im Hals. Unter solchen Bedingungen sollte er fliegen? Man schrieb ja nicht den Heiligen Abend, dass Kinderherzen davon abhingen. Und im Konkurrenzkampf mit dem Christkind konnte er heute auch keine Punkte sammeln.
Fipp öffnete bereits den Mund, um etwas zu sagen, doch Claus unterbrach ihn mit einer abwehrenden Handbewegung. Halbherzige Entschuldigungen wollte er nicht hören. Auf Fipp konnte er sich bis jetzt immer verlassen. Die Flugaufsichtselfen ließen sich von seinem Stellvertreter stets um den Finger wickeln, was die Lizenzerneuerung anbelangte. Diesmal hatte er kläglich versagt und Claus beschloss, ihn das spüren zu lassen.
Es brachte ihn bedauerlicherweise nicht um die Notwendigkeit der Lizenzerneuerung herum. Sollte Claus sich weigern, würden die Elfen in den Werkstätten ihre Arbeit niederlegen. Ebenso würde eine unerträgliche Stille über der Ortschaft Santa liegen. Keine Gesänge und kein Gelächter. Die Helferelfen besaßen eine ungemeine Ausdauer, was Bestrafung anging. Und Claus Weihnachtsmann wusste, dass er sich dann gar nicht zu Hause blicken zu lassen brauchte. Claudia liebte die Gesänge und leitete sogar den Elfenchor.
»Wir werden auf der Startrampe anzutreffen sein«, erklärte Claus. »Die Rentiere, der Schlitten und ich. Ohne Rudolf. Aber wehe, die Flugaufsichtselfen ziehen mir Punkte wegen fehlender Beleuchtung ab. Sag ihnen das, Fipp.«
Der kleine Elf nickte heftig, wandte sich nach rechts und rannte los. Fipp hielt auf einen einsamen, geschwungenen Turm in Form einer Zuckerstange zu. Gestrichen in den Farben weiß und rot stach er in der Schneelandschaft hervor. Es handelte sich um den Sitz der Flugaufsichtselfen. Von hier aus gaben sie Claus an Heilig Abend die Flugroute...
| Erscheint lt. Verlag | 2.12.2022 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Märchen / Sagen |
| Literatur ► Romane / Erzählungen | |
| Schlagworte | Eier • Fantasie • Fantasy • Geschichten • Held • Humor • Kekse • Kindheit • Parodie • Satire • Tradition • Zähne |
| ISBN-10 | 3-96741-180-X / 396741180X |
| ISBN-13 | 978-3-96741-180-5 / 9783967411805 |
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