Utopia (eBook)
688 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-7568-6734-9 (ISBN)
Kerstin Imrek hat ihre Leidenschaft fürs Schreiben bereits im Kindesalter entdeckt. Ihre anfänglichen Kurzgeschichten haben sich über die Jahre zu immer komplexeren Roman-Welten entwickelt. Heute schreibt sie am liebsten Dystopien, Fantasy und Urban Fantasy. Die Geschichten von Kerstin Imrek berühren, schockieren und bleiben im Gedächtnis. Authentische Charaktere und Diversität sind ihr ebenso wichtig wie unangenehme Themen aufzugreifen. Bisher erschienene Bücher im Selfpublishing: -UTOPIA - Weiße Sonne (Teil 1) * -UTOPIA - Die Sonnenstadt (Teil 2) * -Ungeschriebene Zukunft - Fünf Geschichten aus UTOPIA * -Die Welt nach dem Morgen - Sechs dystopische Geschichten Kontakt: E-Mail: KerstinImrek@gmail.com Website: www.kerstinimrek-autorin.de Instagram: @kerstinimrek_autorin
-2-
Ein kleines Geheimnis
Sam
»Na, Frau Ärztin? Wie geht’s ihm?«
Jane, die dicht gefolgt von Sam zu Lagerfelds Bürotür hereintrat, sah den mit den anderen am Besprechungstisch sitzenden Bullet an, als hätte er ihr soeben einen besonders romantischen Heiratsantrag gemacht. »Wie?«
»Spreche ich neuerdings eine andere Sprache? Ich will wissen, wie es Ketchup geht. Beziehungsweise wollen es die anderen wissen. Ich frag natürlich nur im Auftrag.«
Ja klar, lästerte Sam in Gedanken.
»Er erholt sich. Es wird aber dauern, bis er verdaut hat, dass er gelähmt ist.«
»So eine Scheiße verdaut man nicht.«
Jane ließ sich energisch auf den Stuhl zu Bullets Linken fallen und schnaubte geladen. »Bist du Psychologe, oder was?«
»Soweit kommt’s noch!«
Sam fühlte sich von Bullets Blick verfolgt, als er gegenüber auf dem Chefsessel Platz nahm. Sein Gesichtsausdruck und die angespannte Haltung verrieten, dass hier gleich eine ziemlich heftige Diskussion stattfinden würde.
Bullet wurde nicht enttäuscht.
»Wie konntest du das nur tun?«, legte Jane ohne Umschweife an Sam gerichtet los.
»Ach, jetzt komm schon! Du tust ja gerade so, als hätte ich ihn in Lebensgefahr gebracht.«
»Dann findest du es also okay, ihm behilflich zu sein, seinen Kummer zu ertränken?«
»Ja, vielleicht? Was Damian jetzt auf keinen Fall gebrauchen kann, ist jemand, der auf Moralapostel macht!«
»Ach, jetzt bin ich die Böse?« Jane funkelte Sam wütend an. »Sei froh, dass ich da bin. Hast du auch nur ansatzweise eine Ahnung, was man bei einer Querschnittslähmung dieser Art alles beachten muss? Welche Hygiene nötig ist, wie man Wundliegen verhindert, Katheter wechselt und vorbeugt, dass die Gelenke nicht versteifen?«
»Nein, aber …«
»Deine einzige Aufgabe ist es, deinem Bruder beizustehen – seelisch, und nicht mit Drogen, die seinen Köper zusätzlich schwächen. Ich weiß noch nicht genau, welchen Schaden der Chip außer der Lähmung noch angerichtet hat. Damian kann mir schließlich nicht mehr sagen, ob ihm etwas wehtut. Ich muss außerdem aufpassen, dass keine Entzündungen auftreten. Du siehst also, die Moralapostel hat ein bisschen mehr zu tun, als andere belehren zu wollen. Wenn dir die Gesundheit deines Bruders am Herzen liegt – und ich weiß, das tut sie – dann musst du mir vertrauen und dich an die Regeln halten, die ich aufstelle. Klar?«
Sam war während Janes Vortrag immer weiter in seinen Sessel gerutscht. »Es tut mir ja auch leid«, räumte er etwas kleinlaut ein. »Ich hab nicht darüber nachgedacht, okay? Er wollte Wein und ich wollte ihm den Wunsch nicht ausschlagen. Jetzt, wo er so … so …«
Sam rang nach passenden Worten, fand sie aber nicht und brach ab. Eine schreckliche Hilflosigkeit wallte so plötzlich in ihm hoch, dass er ein ersticktes Aufschluchzen nicht mehr unterdrücken konnte. Sein Herz zog sich qualvoll zusammen und seine Hände, die auf dem Tisch ruhten, ballten sich zu Fäusten. Jane griff nach ihnen und drückte sie sanft. Als Sam in ihre Augen sah, entdeckte er weder Wut noch irgendeine Art von Vorwurf, sondern einen derart unerträglich tiefen Schmerz, dass er den Blick senken musste.
»Es fühlt sich überhaupt nicht an, als hätten wir gewonnen.« Seine Stimme war nur noch ein heiseres Krächzen.
»Und doch ist es so. Und wir wären dumm, wenn wir das alles wegwerfen würden. Es geht weiter. Damians – nein, unser Traum wird in Erfüllung gehen. Wir werden eine Welt in Frieden und Harmonie erschaffen.«
»Wieso ist das passiert?«
Jane zog irritiert die Augenbrauen zusammen. »Was meinst du?«
Sam sah sie immer noch nicht an. »Wieso hat der Chip Damian so geschadet?«
»Ich weiß es nicht.«
»Hat Virgil davon gewusst?« Sam riss sich so abrupt von Jane los, dass sie erschrocken zusammenfuhr, und wandte sich dem Mann mit den braunen Locken und der Brille am Ende des langen Besprechungstisches zu. Seine Schwester Cora saß neben ihm, die Lippen zu einem dünnen Strich gepresst. »Hast du gewusst, was der Chip mit ihm anrichtet?« Das Funkeln in Sams Augen riet Virgil, nicht auf die Idee zu kommen, eine Antwort zu liefern, die ihm nicht gefiel.
Virgil stand zögerlich auf, gab Cora mit einem Handzeichen zu verstehen, dass sie ihm nicht folgen sollte, und trat zu Sam. Seine dunklen Augen wirkten oberflächlich ruhig, doch tief in ihnen tobte ein wilder Sturm. »Glaubst du, ich hätte ihm schaden wollen? Dass es Auswirkungen geben könnte, war nicht auszuschließen. Ich habe gehofft, dass der Chip ihn nicht beeinträchtigt. Ich habe mich leider geirrt.«
»Sieht ganz so aus«, knurrte Sam wenig versöhnlich.
»Wie ich Damian kenne, hätte er sich selbst dann einverstanden erklärt, den Chip zu bekommen, wenn er gewusst hätte, was mit ihm passiert.«
Sam stieß ein verächtliches Schnauben aus. »Ach, weil du ihn ja so gut kennst!«
»Ich kenne ihn besser und länger als du«, erinnerte Virgil. »Nur weil du sein Zwillingsbruder bist, heißt das nicht, dass …«
»Jetzt reicht’s aber!« Jane sprang auf und schlug energisch ihre Faust auf den Tisch. »Das hier ist kein Wettbewerb! Und ich glaube Virgil übrigens. Wir stehen alle auf derselben Seite und wollen Frieden. Was passiert ist, ist passiert! Glaubt ihr, ich bin glücklich über Damians Zustand? Aber wir sollten unsere Kräfte dafür einsetzen, dass sein Opfer nicht umsonst war.«
»Amen!« Bonny, die mit einer Besprechung des Rates im Konferenzraum beschäftigt gewesen war, stand in der Tür. Sie hatte der Diskussion wohl schon eine Weile aufmerksam gelauscht. »Damian schläft jetzt übrigens«, ließ sie alle Anwesenden wissen, während sie sich erschöpft neben Sam auf einen Stuhl setzte. »Ich werde nachher nochmal nach ihm sehen.«
»Was ist bei der Besprechung rausgekommen?«, erkundigte sich Chuck.
»Dass wir unterschiedlicher Meinung sind, wie wir jetzt verfahren sollen.«
»Aber darüber habt ihr euch doch schon vorher Gedanken gemacht, oder?«
Bonny seufzte resigniert. »Ja, aber die Realität sieht dann meistens anders aus. Damians Ausfall war auch nicht geplant.«
»Und jetzt?«
Bonny gönnte sich noch ein paar Sekunden Ruhepause, bevor sie aufstand und zur Tür trat. »Jetzt werde ich in die Stadt gehen und sehen, wie weit Rufus und die anderen gekommen sind.«
»Sonnenstadt«, sagte Sam.
Bonny drehte sich fragend zu ihm um.
»Damian hat ihr einen neuen Namen gegeben.«
»Einfach, aber treffend«, fand Bonny.
Die anderen stimmten ihr zu und so wurde dem ehemaligen Zentrum der Macht von GS ganz offiziell ein würdiger und hoffnungsvoller neuer Name verliehen.
»Meinst du wirklich, dass es vorbei ist? Dass GS zerstört ist?«
Sam lag mit hinter dem Kopf verschränkten Armen neben Nate im Bett und beobachtete eine fette Fliege an der Decke. Wie sie eine kurze Rast einlegte und dann eine sinnlos erscheinende Runde durchs Zimmer drehte, bevor sie zu ihrem Ursprungspunkt zurückkehrte. Die Gaslampe, die auf dem Nachttisch stand, verlieh der ganzen Szene eine groteske Anmut. Sam fühlte sich ein wenig wie diese Fliege. Rastlos, orientierungslos.
Ohne Ziel.
Nate drehte sich auf die Seite und legte seinen Kopf auf Sams Ellbogen. »Gibt es einen Grund, daran zu zweifeln?«
»Nein, eigentlich nicht. Aber es ist noch so unwirklich. Ich habe mein ganzes Leben hier verbracht. Ich kenne keine Welt ohne GS.« Er schenkte Nate ein lasches Lächeln. »Vielleicht hab ich einfach ein bisschen Angst vor dem, was kommt.«
»Wir sind gut vorbereitet«, versicherte ihm Nate. »Wir schaffen es, ohne GS zu leben.«
»Aber es ist schon seltsam, oder? Lagerfeld hat damals quasi die Menschheit aus dem Chaos befreit, indem er GS geschaffen hat. Und jetzt haben wir sie ja irgendwie wieder ins Chaos gestürzt. Ich glaube sogar, dass er so ziemlich genau das gesagt hat, bevor du ihm die Kehle aufgeschlitzt hast.«
Nate hob irritiert seinen Kopf. »Hast du etwa Mitleid mit dem Kerl?«
»Nein, bestimmt nicht. Ich weiß gut genug, was dieses Monster alles getan hat.« Sam richtete sich auf und platzierte seufzend sein Kinn auf den angezogenen Knien. »Aber wenn damals ein anderer hinter GS gestanden hätte. Einer, der nichts Böses im Schilde führte. Dann wäre die Welt schon lange so, wie wir sie haben wollen. Wir müssten nicht wieder in der Steinzeit anfangen und Damian und ich wären zusammen aufgewachsen.«
»Ja, das wäre wohl so«, stellte Nate...
| Erscheint lt. Verlag | 16.11.2022 |
|---|---|
| Reihe/Serie | Utopia | Utopia |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Fantasy / Science Fiction ► Science Fiction |
| Schlagworte | Dark Future • Dystopie • Neue Welt • Postapokalypse • Rebellen • Science Fiction • Strahlung • Utopie |
| ISBN-10 | 3-7568-6734-X / 375686734X |
| ISBN-13 | 978-3-7568-6734-9 / 9783756867349 |
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