Ich ohne Wir: Transformation (eBook)
292 Seiten
Hybrid Verlag
978-3-96741-184-3 (ISBN)
Heike Bicher-Seidel wurde 1969 in Attendorn, einer Kleinstadt im Sauerland, geboren. Die studierte Wirtschaftswissenschaftlerin lebt heute mit ihrer Familie im Saarland und widmet sich ihrer Lieblingssucht, dem Schreiben von Geschichten.
Heike Bicher-Seidel wurde 1969 in Attendorn, einer Kleinstadt im Sauerland, geboren. Die studierte Wirtschaftswissenschaftlerin lebt heute mit ihrer Familie im Saarland und widmet sich ihrer Lieblingssucht, dem Schreiben von Geschichten.
4. Kapitel — Leto
Xori tauchte aus Träumen voller grausamer Bilder und Emotionen auf. Der Schmerz und die verzweifelten Schreie des sterbenden Xori-Wir hallten in ihm nach, fühlten sich real an, als wäre es eben erst passiert. Regungslos lag er zwischen Rali und Rala, um sie nicht zu wecken und so das Gefühl, Teil ihrer Gemeinschaft zu sein, noch eine Weile zu behalten. Es ließ die schrecklichen Träume verblassen. Leider tönte kurz darauf ein Weckruf aus der Kommunikationseinheit des Quartiers und die Casal regten sich. Xori mied den Blick seiner Bettgenossen, zu sehr schämte er sich für die Schwäche, die Nähe der Mörder des Wir gesucht zu haben, und dennoch fehlte ihm der Kontakt, sobald sie aufstanden.
Ihr erster Weg führte zur Nahrungsausgabe. Noch unter dem Eindruck seiner Träume rief Xori mental nach anderen Xori-Ich, die vielleicht ebenso wie er hierher geflohen waren, aber mit jedem Gang, jedem Schiffsdeck sank seine Hoffnung, eine Antwort zu erhalten. Er war allein unter Feinden, die er durch die Erfahrungen des Wir gut genug kannte, um zu wissen, sie würden ihn ohne Zögern töten, wenn sie ihn entlarvten. Um zu überleben, musste er zu einem Andvara werden. Im Kolonisierungsschiff war er von der Energiequelle der Xori — ihrer Sonne — abgeschnitten. Die künstliche Beleuchtung stillte seinen Hunger nicht.
Bisher hatte er seinen Körper nur äußerlich verändert, langfristig reichte das aber nicht. Er formte die inneren Organe der fremden Spezies, um Energie aus deren Nahrung absorbieren zu können. Diese Anpassung erforderte Xoris volle Konzentration, daher schwieg er, bis sie in die überfüllte Messe kamen. An einem Tisch saßen die vier Andvara, mit denen Sie gestern beim Leto-Spiel zusammengewesen waren. Sie nahmen bei ihnen Platz.
Weri leerte seine Flasche mit Nährlösung. »Tut der Kopf noch weh, Rala?«
»Du denkst doch nicht, so ein kleiner Kratzer haut mich um.«
»Wer ist denn euer Gast?« Mosi musterte Xori mit schräggelegtem Kopf.
Rali legte die Hand auf Xoris Schulter. »Das ist Xori, er teilt seit gestern das Quartier mit uns. Xori, das sind Weri und Wera, Mosi und Mosa.«
»Wo ist …«, setzte Mosa an.
»Xori lebt jetzt mit uns, als unser dritter Casal.«
Die Wer und Mos senkten die Blicke. Das Schweigen zwischen Ihnen war Xori unangenehm, weil er wusste, ihr Mitgefühl galt dem Andvara, den sie vor sich sahen, nicht dem Ich, dessen Wir sie ausgelöscht hatten.
Rala trank von seiner Nährlösung. »Hat jemand gehört, wie lange wir bis zum Planet 1524 brauchen werden?«
Erschrocken sah Xori auf. »Wir haben die Umlaufbahn des Planeten verlassen?«
Mosa bleckte bejahend die Schneidezähne. »Gestern schon. Hast du das nicht mitbekommen?«
»Nein«, antwortete Xori, in Gedanken nach Rückkehrmöglichkeiten zu seinem Heimatplaneten suchend. Was, wenn er niemals zurückfand? Wenn er für immer mit diesen Mördern zusammenleben musste? … Oder allein.
»Du hast den Körper von Xora auf 1523 zurückgelassen?« Ralas Hand auf seiner fühlte sich warm an.
Xori bleckte die Schneidezähne, konnte nicht sprechen, der Schock über diese Nachricht saß zu tief. Bei seiner überstürzten Flucht hatte er keine konkreten Pläne gehabt, war aber davon ausgegangen, auf seinen Planeten zurückzukehren, wenn die Andvara die Suche nach Überlebenden Xori einstellten.
Voller Mitgefühl ruhte Mosis Blick auf ihm. »Er wird immer bei dir sein, egal wo sein Körper ist.«
Wera rutschte auf seinem Stuhl herum. Die erdrückende Stimmung schien für ihn schwer auszuhalten. »Xori, wie gut bist du in Leto?«
Nichtwissend hob Xori die Hände.
Wera beugte sich über den Tisch zu ihm. »Du hast noch nie Leto gespielt?«
»Nein.« Er hoffte, sie würden aufhören, ihn mit Fragen zu löchern. Zum ersten Mal in seinem Leben wünschte er sich, die Gesellschaft anderer zu verlassen. Er mochte vor allem die Wer nicht, wollte zurück in die Schlafkoje und mit Rala und Rali wieder ein Wir bilden. Vergessen, dass er allein war. Nur ein Ich ohne Lebenssinn.
Er atmete tief durch, dachte mit Abscheu an sein wehleidiges, jammerndes Verhalten. Er musste sich zusammenreißen, einen Weg zurück suchen, überlebende Xori finden und wieder Teil des Wir seiner eigenen Rasse werden. Dieses Ziel durfte er nicht aus den Augen verlieren, auch wenn die Einsamkeit an ihm nagte.
Für den Rest der Mahlzeit ließen sie Xori in Ruhe und er konzentrierte sich darauf, die Nährlösung zum Auffüllen seiner Energiereserven umzuwandeln. Bis er sich an die Abläufe gewöhnte, war das für ihn ein bewusster Prozess, der Aufmerksamkeit erforderte. Zumindest stellte ihn die Energieausbeute zufrieden. Er versuchte, das als kleinen Erfolg zu sehen, aber seine Selbstmotivationsstrategie funktionierte nicht.
Nach der Mahlzeit begleiteten ihn die Ral zur Ausrüstungsausgabe. Auch die mitleidigen Gesichter der beiden Andvara, die ihm zwei Ausrüstungspakete zuschoben und dann eins davon wieder zurücknehmen mussten, förderten seine Stimmung nicht.
Zurück im Quartier verstaute er die Sachen in einem freien Regal unter einer Schlafkoje und betrachtete den Eliminierungsstrahler, den er mit der Ausrüstung erhalten hatte. Er wusste aus den Erinnerungen des Andvara, der im Wir gestorben war, um was es sich handelte und auch, wie man ihn bediente. Er hielt eine effektive Waffe in der Hand, mit der er ein Lebewesen mit einem Knopfdruck in Staub verwandeln konnte. Der Gedanke, die Waffe auf einen Andvara zu richten, übte eine große Anziehung auf ihn aus, aber erstens musste der Strahler auf die DNA der auszulöschenden Spezies programmiert werden und zweitens waren momentan nur Rala und Rali anwesend. Er stellte sich vor, auf sie zu zielen und legte die Waffe beiseite. Diese beiden Andvara könnte er niemals auslöschen, obwohl er wusste, dass sie an der Vernichtung seines Volkes beteiligt gewesen waren. Es war ein Fehler gewesen, ein Wir mit ihnen zu bilden, tadelte er sich selbst, wünschte aber schon einen Moment später, es wieder zu tun.
Die Kommunikationseinheit an der Wand gab ein Knistern von sich. »Die zweite Welle findet sich in einer Stunde im oberen Hangar zu einer Lagebesprechung zur Kolonisierung von Planet 1524 zusammen.«
Rali und Rala wechselten einen begeisterten Blick und Xori wurde übel. Glücklicherweise erwartete niemand von ihm, über die Nachricht, dass eine weitere Spezies ausgelöscht werden sollte, erfreut zu sein.
Auf dem Weg zum oberen Hangar nahmen Rala und Rali Xori in die Mitte. Sie berührten ihn so häufig, dass es kein Zufall sein konnte. Er vermutete, sie spürten seine dunkle Stimmung. Ihre Fürsorge löste ein warmes Wir-Gefühl in ihm aus, das er sich gegenüber seinen Feinden nicht gestatten wollte.
»Dort, auf der Empore, das sind Lori und Lora, die Präfekten der Kolonisierungstruppen dieses Schiffs«, erklärte Rala und wies auf die beiden Andvara, die auf das Meer von Soldaten zu ihren Füßen hinuntersahen.
Präfekt Lora trat an die Brüstung. »Es freut uns, verkünden zu können, dass die Schadspezies auf Planet 1523 komplett eliminiert wurde und die ersten Pioniere bereits morgen dort ankommen.«
Die Wucht der Gewissheit traf Xori hart. Hoffnung war ein trügerischer Trost. Er schwankte. Rali griff nach seinem Arm, stützte ihn. Der Jubel der Andvara dröhnte in seinen Ohren. Diese Monster hatten das Wir komplett ausgelöscht. Alles, was von seinem Volk und der Millionen Jahre alten Kultur zurückblieb, war ein einziger Xori. Ein verlorenes Ich in der Unendlichkeit des Universums.
Rali redete auf ihn ein, aber er nahm die Bedeutung der Worte nicht wahr. Er fühlte Ralas Hand, die über seinen Rücken strich, doch diesmal fand er keinen Trost in der Berührung.
Auf der Empore übernahm Lori die Ansprache. »Wir werden in sechzig Standardtagen den Planeten 1524 erreichen und zusammen mit den Kolonisierungsschiffen Kinder des Lebens und Heilige Bestimmung die Kolonisierung vorbereiten. Wir sind sicher, dass die erste und zweite Welle der Heiliges Leben wieder zuverlässig und gründlich auf dem Planeten aufräumen werden, um unserem Volk eine sichere Existenz zu ermöglichen. Die Aufklärung hat uns gestern die letzten notwendigen Informationen gesandt, so dass wir mit dem Training beginnen können. Unter den Informationen waren Bilder der dort heimischen Schadspezies, die auf den ersten Blick verstörend auf euch wirken könnten. Wir dürfen auch bei diesem Planeten nicht vergessen, dass der erste Eindruck häufig trügt. Bleibt wachsam, geht keine Risiken ein und tilgt die Schädlinge bis auf das letzte Exemplar von Planet 1524. Wir erwarten kein Zögern, keine Zweifel, keine Nachlässigkeit, auch wenn das Äußere der Schadspezies dem der Andvara ähnlich ist.«
Auf dem großen Monitor über den Präfekten erschienen Bilder der Spezies von 1524 und ein Raunen lief durch die Menge. Der Körperbau der Schädlinge war dem der Andvara so ähnlich, dass man sie bei flüchtiger Betrachtung für Andvara halten konnte. Erst bei näherem Hinsehen zeigten sich Abweichungen. Die Wesen schienen kräftiger, einige hatten behaarte Gesichter, aber der größte Unterschied waren diese merkwürdig kleinen Augen und großen Nasen.
Rala und Rali sahen zum Monitor. Xori spürte ihre Betroffenheit.
Weitere Bilder erschienen, darunter Darstellungen der Kinder der Schadspezies.
Unter den Soldaten kam Unruhe auf. Die Präfekten Lora und Lori wechselten einen dunklen...
| Erscheint lt. Verlag | 5.12.2022 |
|---|---|
| Reihe/Serie | Ich ohne Wir |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Fantasy / Science Fiction ► Science Fiction |
| Schlagworte | Alien • Andvara • Apokalypse • Liebe • Liebesroman • Saarbrücken • Science Fiction • Stadt • Überleben |
| ISBN-10 | 3-96741-184-2 / 3967411842 |
| ISBN-13 | 978-3-96741-184-3 / 9783967411843 |
| Informationen gemäß Produktsicherheitsverordnung (GPSR) | |
| Haben Sie eine Frage zum Produkt? |
Digital Rights Management: ohne DRM
Dieses eBook enthält kein DRM oder Kopierschutz. Eine Weitergabe an Dritte ist jedoch rechtlich nicht zulässig, weil Sie beim Kauf nur die Rechte an der persönlichen Nutzung erwerben.
Dateiformat: EPUB (Electronic Publication)
EPUB ist ein offener Standard für eBooks und eignet sich besonders zur Darstellung von Belletristik und Sachbüchern. Der Fließtext wird dynamisch an die Display- und Schriftgröße angepasst. Auch für mobile Lesegeräte ist EPUB daher gut geeignet.
Systemvoraussetzungen:
PC/Mac: Mit einem PC oder Mac können Sie dieses eBook lesen. Sie benötigen dafür die kostenlose Software Adobe Digital Editions.
eReader: Dieses eBook kann mit (fast) allen eBook-Readern gelesen werden. Mit dem amazon-Kindle ist es aber nicht kompatibel.
Smartphone/Tablet: Egal ob Apple oder Android, dieses eBook können Sie lesen. Sie benötigen dafür eine kostenlose App.
Geräteliste und zusätzliche Hinweise
Buying eBooks from abroad
For tax law reasons we can sell eBooks just within Germany and Switzerland. Regrettably we cannot fulfill eBook-orders from other countries.
aus dem Bereich