Das Volk der Wale (eBook)
140 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-7562-9110-6 (ISBN)
Autor Marc Bäurle, Jahrgang 1966, war schon immer ein Geschichtenerzähler: Weil er als Kind nicht fernsehen durfte, erfand er für die Freunde auf dem Schulhof einen so mitreißenden Spielfilm, dass alle sich ärgerten, den am Vorabend verpasst zu haben. Später, zu Wehrdienstzeiten, brachte er sein erstes Werk "Der Schalk im Sturmgepäck" zu Papier - und blieb seiner Leidenschaft für das Erzählen bis heute treu. Inzwischen Großvater, schrieb und illustrierte er eine Kindergeschichte. Zuletzt veröffentlichte er den Roman "Blindes Vertrauen", erschienen Oktober 2017 beim BoD Verlag. Abseits seines literarischen Schaffens hat Bäurle sich in diversen Berufen erprobt, vom Kabelträger beim Rundfunk über Dekorateur und schöpferischer Entfaltung als Cartoonist und Liedermacher/Musiker bis hin zum YouTuber und Filmemacher. Heute teilt er seine Liebe zum Reisen mit seiner Frau. Diesen Touren entsprang die Inspiration für so manches seiner Werke.
Die Entdeckung
Es war ein Morgen wie an jedem Sommertag in der Arktis. Klirrende Kälte bei minus dreißig Grad Celsius, stahlblauer Himmel und eine Sonne, die nie unterzugehen schien. Ein alter Inuk kniete neben einem Loch im Packeis. Er setzte sorgfältig, in einer Art und Weise wie schon seine Vorfahren dies durchführten, sein Angelzeug zusammen. Die tiefschwarzen Augen schätzten routiniert die Länge der Angelschnur ab, gleich darauf versank der Köder im eisigen Wasser. Ein paar hundert Meter entfernt stapften ein Mann und hinter ihm eine Frau mit Stöcken und Schneebrettern durch die Eiswüste. Mit Rucksäcken, dicken Mänteln und Schneebrillen waren sie genügend ausgerüstet, um so einen Spaziergang zu unternehmen.
»Lucas … Lucas, nicht so schnell! Immer rennst du so, du weißt genau …«, rief Sarah, hielt inne und blieb erschrocken stehen.
»Was ist, bist du festgefroren? Komm schon, Schwesterchen, wir haben heute die Aufgabe, alle Messwerte abzulesen«, sagte Lucas ungeduldig.
»Hast du das nicht gespürt?«, erwiderte sie.
»Was?«, sah er sie fragend an.
»Es kam von dort, unter dem Eis«, antwortete sie ihm und blieb wie angewurzelt stehen.
Währenddessen suchte ein Wesen verzweifelt einen Ausweg in der undurchdringlichen Tiefe des Packeises. Ein Geschöpf in unsäglicher Not umgeben von der in weißes Licht getauchten, unendlichen Flut, darunter die dunkelste Tiefe. Sollte dies das Ende sein? Kostbare Luft, ein stechender Schmerz. Müde, unsagbar müde. Wieder ein Stoß gegen die Eisdecke. Ein letztes Mal abtauchen, ein letzter Versuch.
Lucas hatte das Beben in der Eisdecke ebenfalls bemerkt. Es schien etwas Großes unter dem Eis gefangen zu sein. Sie versuchten, die Richtung auszumachen, den Weg, den es nahm. Dabei entdeckten sie den alten Inuk an dem Eisloch. Es war zu spät, ihn zu warnen.
Ein gewaltiges Knacken im Packeis, sie sahen den Inuk in das eisige Wasser fallen. Ein Rauschen aus der Tiefe, der erstickende Schrei des Inuks. Wie eine Rakete aus ihrer geheimen Basis brach etwas durch das Eis.
»Mein Gott, es ist ein Wal!«, schrie Sarah aufgeregt.
Lucas stammelte entsetzt: »Der Inuk – was ist mit dem Inuk?«
Der Wal schien mit der Hälfte seines Körpers wie ein Berg im Eis zu stehen, bis er, einem gefällten Baumriesen gleich, nach hinten absackte. Er riss ein weites Loch ins Packeis und tauchte ab. Dann sah man nichts mehr, nur gurgelndes Wasser umrandet von zerborstenem Eis. Angstvolle Minuten verstrichen, in denen sie starr das schreckliche Szenario betrachteten. Doch dann geschah das Unerwartete.
»Sieh doch, er taucht wieder auf!«, schrie Sarah und rannte los, stolperte aber über ihre Schneebretter.
»Er holt ihn raus, der Wal holt ihn raus!«, schrie Lucas fassungslos, als er sah, wie der Wal unter dem Inuk aufgetaucht war und ihn mit der vorderen Fläche seines Kopfes auf den Rand des Eises schubste. Dort rettete sich der Mann mit letzter Kraft auf die feste Eisdecke. Der Wal tauchte nach einer durch sein Blasloch ausgeatmeten Wasserdampffontäne ab. Er würde es von hier aus bis auf das offene Meer schaffen.
Außer Atem kamen die beiden bei dem Verunglückten an. Auf dem Rücken liegend schaute er zu ihnen auf und sagte:
»Nanuuk haben wohl falschen Köder benutzt.«
Die drei ahnten nicht, dass diese Begegnung ihr Leben verändern würde.
Jetzt bot das Gesetz der Wildnis Eile. Bei den herrschenden hohen Minusgraden war es gefährlich, über einen längeren Zeitraum nasse Kleidung zu tragen. Lucas reagierte blitzschnell, indem er das mitgeführte Zelt auspackte und mit geschickten Handgriffen errichtete, um den Inuk darin vor der Kälte zu schützen.
»Ich hoffe, der Schlafsack reicht, um dich zu wärmen«, sagte Lucas zu ihm. Dieser sah ihn dankbar an, seine Augen zu freundlichen Schlitzen geformt, sein Mund, der nur wenige Zähne beherbergte, lächelte zufrieden. Mit einem sanften Nicken beantwortete er Lucas’ Frage. Von draußen hörte man Sarah am Funkgerät:
»Alpha, Foxtrott, Sierra, eins, null, sieben. Bitte kommen, over«, sprach sie konzentriert in das Mikrophon und wiederholte das Ganze mehrmals, bis sie endlich Antwort bekam. Rauschend, knackend, knisterte es aus dem Äther:
»Hier Alpha, Foxtrott, Sierra, eins, null, sieben. Wir hören. Geben Sie uns Ihre Position, over.«
Sarah war sichtlich erleichtert und gab gleich die Koordinaten durch.
Man hatte ihr alles gründlich beigebracht, bevor sie mit ihrem Bruder und ihrem Vater zum ersten Mal auf die Station reiste. Sie studierte Meeresbiologie. Sie faszinierte die Tierwelt in den Weiten des ewigen Eises und war interessiert, an dieser Expedition teilzunehmen. Ihrem Dickkopf hatte sie es zu verdanken, die männliche Spezies davon überzeugt zu haben, dass zerbrechliche kleine Frauen auf einer arktischen Forschungsstation einen Platz haben.
»Hier Alpha, Foxtrott, Sierra, eins, null, sieben. Wir schicken euch einen Helikopter, over«, unterbrach das Funkgerät die tiefgekühlte Stille.
»Wie geht es ihm?«, fragte Sarah besorgt.
Lucas kroch aus dem Zelt und antwortete:
»Bestens, ich würde nach so einer Tortur weitaus desolater aussehen. Merkwürdig.«
In der Ferne hörte man ein Knattern.
»Sieh nur, da kommt der Helikopter!«, rief sie und deutete auf den näherkommenden schwarzen Punkt am Horizont. Lucas öffnete das Zelt und blieb starr vor Entsetzen.
»Was ist?«, rüttelte Sarah an seiner Jacke. »Was ist mit ihm?«, drängte sie.
»Er – er ist weg«, murmelte Lucas.
»Was heißt, er ist weg? Bist du behämmert?«
Sie schob Lucas zur Seite und sah das Unfassbare.
»Haben wir das alles nur geträumt?«, sah sie ihren Bruder fragend an.
Der Helikopter landete und stob weiße Eiskristalle über ihre Köpfe.
»Wisst ihr überhaupt, was so ein Helikoptereinsatz kostet? Das nur, um die beiden Herrschaften zurückzufliegen. Was habt ihr euch dabei gedacht?«
Der Vater der beiden gestikulierte wild mit den Armen und hochrotem Kopf. Bevor er weiterredete, unterbrach ihn Sarah und sagte mit lauter Stimme:
»Hör doch mal zu!«
Er hielt still, zog die rechte Augenbraue hoch und wartete auf Sarahs Erklärung. Sie schaute erst ihren Bruder, dann wieder ihn an und fing an zu berichten.
Er hörte Sarah zu, rieb sich dabei aber nachdenklich am Kinn.
»Ein Wal, der verschwindet und ein von dem verschwundenen Wal geretteter Inuk, der ebenfalls weg ist. Wo sind da die Fakten? Warum sagt ihr nicht gleich, ihr seid rosa Elefanten nachgelaufen?«, rezitierte er sarkastisch.
»Weil es keine rosa Elefanten gibt!«, antwortete Sarah, deren Ohrläppchen rot glühten. Lucas sah dieses untrügliche Zeichen und wusste, dass die Wut seiner Schwester ihren höchsten Grad erreichte.
»Ich hätte ein bisschen mehr Vertrauen von dir erwartet!«, erwiderte sie und schlug mit der Faust auf den Tisch, sodass der PC-Bildschirm umkippte. Lucas hechtete nach dem Monitor, um ihn zu fangen.
»Ich habe nicht in Naturwissenschaft promoviert, um so einen Schwachsinn zu glauben. Gebt doch endlich zu, dass ihr euch verlaufen habt«, antwortete er, um die Diskussion zu beenden.
Zu den roten Ohrläppchen röteten sich Sarahs Wangen.
»Wir haben uns nicht verlaufen!«, sagte sie verzweifelt. Sie stieß ihren Bruder in die Seite.
»Sag doch was!«, bat sie ihn fassungslos als letzte Möglichkeit, eine Kapitulation abzuwenden.
Er zögerte erst, antwortete aber:
»Ich habe den Wal gesehen und ich habe den Inuk gesehen, so wie ich dich jetzt sehe. Mehr gibt es nicht zu sagen.« Er zuckte mit den Schultern. Sarah schaute ihn verwundert an.
»Danke, du hast mir echt geholfen«, sagte sie sarkastisch zu ihrem Bruder, dann wendete sie sich wieder an ihren Vater:
»Ich werde dir schon beweisen, dass wir recht hatten.«
Wütend verließ sie den Raum. Der Vater rief ihr nach:
»Wir sind nicht hier, um uns gegenseitig etwas zu beweisen, wir haben einen Auftrag!«
Es war eine der kleinen Forschungsstationen im ewigen Eis Grönlands. Die eisigen Polarstürme hatten sie schon tief eingeschneit. Wäre sie nicht auf Stelzen gebaut worden, würde man heute den Eingang und die kleinen Fenster nicht mehr sehen. Hinter einem dieser Fenster saß Sarah und dachte nach.
»Gleich morgen früh geh ich nach Qaanaaq, der Inuitsiedlung, dort werde ich den geheimnisvollen alten Mann schon finden«, sagte sie zu sich, als sie sich schlafen legte.
Sie war müde. Nach diesem anstrengenden Tag schlief sie gleich ein, obgleich sie in den vergangenen Tagen Probleme hatte, bei Tageslicht einzuschlafen. Draußen schien die Mitternachtssonne und in der Tiefe des Polarmeeres zog der Wal seine Bahn.
Irgendetwas hatte sie aus ihrem komatösen Schlaf geweckt.
»Schon zehn Uhr!«,...
| Erscheint lt. Verlag | 12.10.2022 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Krimi / Thriller / Horror |
| ISBN-10 | 3-7562-9110-3 / 3756291103 |
| ISBN-13 | 978-3-7562-9110-6 / 9783756291106 |
| Informationen gemäß Produktsicherheitsverordnung (GPSR) | |
| Haben Sie eine Frage zum Produkt? |
Größe: 473 KB
DRM: Digitales Wasserzeichen
Dieses eBook enthält ein digitales Wasserzeichen und ist damit für Sie personalisiert. Bei einer missbräuchlichen Weitergabe des eBooks an Dritte ist eine Rückverfolgung an die Quelle möglich.
Dateiformat: EPUB (Electronic Publication)
EPUB ist ein offener Standard für eBooks und eignet sich besonders zur Darstellung von Belletristik und Sachbüchern. Der Fließtext wird dynamisch an die Display- und Schriftgröße angepasst. Auch für mobile Lesegeräte ist EPUB daher gut geeignet.
Systemvoraussetzungen:
PC/Mac: Mit einem PC oder Mac können Sie dieses eBook lesen. Sie benötigen dafür die kostenlose Software Adobe Digital Editions.
eReader: Dieses eBook kann mit (fast) allen eBook-Readern gelesen werden. Mit dem amazon-Kindle ist es aber nicht kompatibel.
Smartphone/Tablet: Egal ob Apple oder Android, dieses eBook können Sie lesen. Sie benötigen dafür eine kostenlose App.
Geräteliste und zusätzliche Hinweise
Buying eBooks from abroad
For tax law reasons we can sell eBooks just within Germany and Switzerland. Regrettably we cannot fulfill eBook-orders from other countries.
aus dem Bereich