Mit Indianern leben - Delaba Band 2 (eBook)
362 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-7568-7577-1 (ISBN)
Vom Blitz getroffen: Bonepresser und weitere Medizinleute
Im tiefsten Innern ihres Wesens sind Indianer passiv. Sie warten auf Zeichen von außen, von der göttlichen, beseelten Außenwelt, von ihren Spirits. Die Zeichen von außen müssen gedeutet werden und bedürfen einer entsprechenden Reaktion. Dieser Zusammenhang existiert in ihrer Kultur seit uralten Zeiten.
Gibt es ein spektakuläreres Zeichen als einen Blitzeinschlag in unmittelbarer Nähe, vielleicht sogar in den eigenen Körper?
Vor einigen Jahren hatte sich Lauras und Willards ältester Sohn Tino beim Basketballspielen den Arm gebrochen. Er war bei einem Korbleger gefoult worden und aus großer Höhe auf den ausgestreckten Arm gefallen. Elle und Speiche waren abgeknickt. Der Ellenbogenknochen ragte heraus. Den gerichteten, geschienten und bis zur Schulter eingegipsten Arm in einer Schlinge zeigte er mir am Abend. Das war drei Tage vor unserer Heimfahrt. Da Kevin, der zweite Sohn der Familie, zwei Tage vorher wegen eines allgemeinen Unwohlseins mit seinen Eltern an den Fluss zu einer Heilungszeremonie gegangen war, bei der ich nicht teilnehmen durfte, und sich danach wieder pudelwohl fühlte, frotzelte ich mit Tino und seinen Eltern. „Bei psychisch bedingten Unpässlichkeiten sind die indianischen Medizinmänner und Medizinfrauen sicher gut“, argumentierte ich, „aber bei offenkundigen Krankheiten und Verletzungen ist die moderne Medizin in den Krankenhäusern der Weißen doch effektiver.“ Die Familie blieb die Antwort schuldig, lächelte aber hintergründig, wie ich fand.
Im Sommer des darauffolgenden Jahres war ich wieder in Zuni. Tino zeigte mir stolz seinen Arm. Er war komplett geheilt. Nichts war mehr von einer Verletzung zu sehen. Ich lobte die weißen Ärzte im Zuni-Krankenhaus für ihre vorzügliche Arbeit. Wieder grinste die ganze Familie und genoss offensichtlich die Vorfreude auf mein dummes Gesicht, das unmittelbar folgen musste.
Willard erzählte, dass Tino einige Tage nach meiner Abfahrt den juckenden Gipsverband entfernt habe und zu seinem Onkel Joe, einem „Bonepresser“, gegangen sei. Der Onkel habe den Arm auf Zuni-Art geheilt.
Bereitwillig weihte mich die Familie in Einzelheiten ein.
Wer vom Blitz getroffen wird, oder in dessen Nähe ein Blitz eingeschlagen ist, und den Einschlag überlebt hat, hat besondere Heilkräfte verliehen bekommen. Diese sind so stark, dass er Knochenbrüche heilen kann. Wenn er bereit ist, die zahlreichen Verpflichtungen und Entbehrungen eines Medizinmannes oder einer Medizinfrau auf sich zu nehmen, wird er in die Medizingesellschaft der Bonepresser aufgenommen und darf heilen, wenn er die vorausgehende Lehrzeit durchlaufen hat.
Willards jüngster Bruder Joe war 1990 vom Blitz getroffen worden und hatte überlebt. Er war der Bonepresser-Gesellschaft beigetreten.
Der Patient sucht im Bedarfsfall den Bonepresser auf, den Knochenflicker. Während der Behandlung, die immer mit einer religiösen Zeremonie am Zuni River gekoppelt ist, muss der Patient auf ein Stück Holz, einen Piñonscheit, beißen als eine Art Narkosevorsorge oder Schmerzablenkung. Der Heiler reißt sodann die beiden Enden des gebrochenen Knochens ruckartig auseinander und lässt sie wieder zusammenschnellen. Zur Stabilisierung kann anschließend ein leichter Verband mit Piñonholz als Stütze angelegt werden. Das Holz stammt immer von einem Piñonbaum, einer amerikanischen Kiefer, der selbst vom Blitz getroffen wurde. Diese Prozedur hatte Tino auf sich genommen und die Heilung war schnell und nachhaltig erfolgt, wie er mir triumphierend demonstrierte.
Natürlich verrichtet der Bonepresser während der Behandlung spezielle Gebete.3
Arlene und Darlene, Andreas Freundinnen, erzählten uns, dass sie einen Blitzschlag überlebt haben, als sie zusammen mit ihrem jüngeren Bruder Phil vor dem Fernseher saßen und der Blitz in den Apparat einschlug.
Dieses Zeichen wurde so gedeutet, dass in Zukunft häufig Knochenbrüche bei allen Anwesenden zu erwarten sein würden. Durch den Blitzschlag sei eine gewisse Anfälligkeit für Knochenbrüche ausgelöst worden. Um diese zu bekämpfen und zukünftige Brüche zu verhindern, muss eine bestimmte Zeremonie durchgeführt werden. Ein Black Bug, ein großer schwarzer Käfer, von denen es in Zuni viele gibt und die in der Zuni-Religion die letzte Seinsform des Menschen sind, muss gegessen werden.4
Er verleiht den nötigen Schutz. Die drei Kinder schluckten ihn, nachdem er zu Pulver zerrieben, in Wasser aufgelöst und in eine Tortilla verpackt war. Nach der Einnahme dieser Medizin hatten sie keine Probleme mehr mit ihren Knochen.
Ihre Mutter weigerte sich nach einem ähnlichen Ereignis sich dieser Prozedur zu unterziehen. Siehe da, sie brach sich sehr bald, und dazu noch mehrere Male, einige Knochen. Nach langen Auseinandersetzungen gelang es den Zwillingen endlich, sie von der Notwendigkeit einer Ersatz-Rettungs-Therapie zu überzeugen. Die Mutter musste ein Bad mit einer bestimmten Kräutermischung als Zusatz nehmen. Das Wasser verfärbte sich heftig und wurde ganz dunkel. Die Badeprozedur musste sooft wiederholt werden, bis das Badewasser ganz klar blieb. Danach hatte sie keinerlei Brüche mehr zu erleiden, bis auf den heutigen Tag.
Chris Edaakie, Leader einer Musikgruppe, Trommler und Silberschmied, Spross einer hoch angesehenen Familie, aus der zahlreiche der berühmten Zuni Olla Maidens kamen, bekräftigte und erweiterte Jahre später unser Wissen zu diesem Thema, wobei kleine Abweichungen durchaus zu erkennen sind.
Wenn man vom Blitz getroffen wird oder der Blitz schlägt in der Nähe ein, trocknet der Körper aus. Deshalb muss die Kraft eines Black Bugs oder Black Beetles in den Körper kommen. Dieser Käfer ist der Flüssigkeitsbringer. Der Käfer kann sich auf die Hinterbeine stellen, sich aufrichten und auf diese Weise Tau aufnehmen. Er muss vom betroffenen Menschen gegessen werden. Erlaubt ist, dass er gemahlen wird oder mit Brot zusammen verzehrt wird. Die Heilungszeremonie muss am Ort des Einschlags geschehen. Ein Regenpriester muss geholt werden und die Heilung vor Ort durchführen. Wer einen Blitzschlag überlebt, hat bestimmte Kräfte und kann in eine Medizin-Bruderschaft aufgenommen werden, wenn er dazu bereit ist.
Es gibt in Zuni zwölf Medizingesellschaften. Manche Frauen haben in diesen Gesellschaften die Aufgabe als „Server“ zu dienen. Es ist eine hohe Auszeichnung für Frauen Helfer der Männer zu sein, z.B. als Köchin. Manche Frauen jedoch sind auch vollgültige Heiler in den Medizingesellschaften.
1991 hatten wir in Deutschland ein ernstes Problem mit einem vermeintlichen Blitzeinschlag. Die Zuni besuchten das Phantasialand in Brühl. Ein Gewitter ging nieder. Janet, die Tochter der Schulsekretärin, glaubte in ihrer Nähe sei der Blitz eingeschlagen. Es roch so trocken, wie sie sagte. Dies teilte sie ihrer Mutter telefonisch mit. Einige Tage später erhielt sie einen von UPS zugestellten Brief mit einem toten Black Bug darin und der Aufforderung, diesen zu essen. Gut eingepackt in einen Hamburger schluckte sie das Tier hinunter. Im Brief hatte ein Regenpriester ihr mitgeteilt, in diesem besonderen Fall sei es nicht notwendig, dass er persönlich anwesend wäre. Es würde genügen, dass der Käfer nur vorschriftsmäßig gegessen würde.
Auch zwei Jahre später erzählte Amanda nach der Rückkehr nach Zuni, in ihrer Nähe sei in Deutschland der Blitz eingeschlagen. Sie bekam einen Black Bug aufs Brot unter die Butter gestrichen und aß ihn. Jetzt waren die Abwehrkräfte und Abwehrsäfte gegen Blitzeinschlag wieder hergestellt.
Black Bugs sind in Zuni also äußerst wichtige und hoch verehrte Tiere. Man findet sie an vielen Stellen auf dem Erdboden. Natürlich muss man darauf achten nicht auf sie zu treten oder sie zu überfahren.
Manche Zuni stellen flache Schüsseln mit Futter für sie auf.
Auch Elda, unsere Freundin von der ersten Stunde an, ist Bonepresser und als solche häufig im Einsatz, ebenso die Großmutter von Angie und Gayle. Elda ist auch zusätzlich Mitglied in der Medizingesellschaft der roten Ameisen. Das Spektrum ihrer Heilkünste reicht weit über das Flicken von gebrochenen Knochen hinaus. Sie arbeitet beispielsweise eng mit den Ärzten im Zuni-Krankenhaus zusammen, wie das einige andere Männer und Frauen auch tun. Elda wendet die traditionelle Medizin mit Heilkräutern und Handmassage an. Auf diese Weise gelang es ihr eine hartnäckige Beinwunde einer ihrer Verwandten zu heilen. Auch einem meiner Touristen vermochte sie bei einem unserer kurzen Aufenthalte eine langwierige Wunde am Bein zu heilen. Darauf war sie jahrelang noch besonders stolz.
Außerhalb des Krankenhauses gibt es keine medizinische Versorgung nach westlichem Standard auf der Reservation in Zuni. Es gibt keine Fachärzte und keine Apotheken. Wie schnell jedoch die spezialisierten Medizinleute bei Bedarf vor Ort sind, erlebten Andrea und ich sehr früh. Wir waren bei Faye und Larry Lonjose zum Abendessen eingeladen, als mitten im Hauptgericht das Telefon schellte. Larry ging an den Apparat im Flur. Nach kurzer Zeit kam er...
| Erscheint lt. Verlag | 13.10.2022 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Biografien / Erfahrungsberichte |
| ISBN-10 | 3-7568-7577-6 / 3756875776 |
| ISBN-13 | 978-3-7568-7577-1 / 9783756875771 |
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