Leicht wie Blei (eBook)
300 Seiten
Edition W (Verlag)
978-3-949671-54-8 (ISBN)
Lena Elfrath geboren in Frankfurt am Main, studierte Literatur- und Medienwissenschaft an der Philipps-Universität in Marburg. Heute arbeitet sie als freiberufliche Texterin und Journalistin. 2015 gründete Lena Elfrath zusammen mit zwei Partnerinnen die Agentur UBERMUT, die sich vor allem mit nachhaltiger Entwicklung beschäftigt. Ihr Debütroman "Die Liebe ist ein Schmetterling" erschien 2016. Lena Elfrath lebt in Frankfurt am Main und Berlin.
Tag 1
So viel Blut
Darüber kann man staunen
Warum das nie aufhört
Dabei ist doch klar:
Wo gehobelt wird,
fallen Späne
Als ich die Jugendabteilung der Justizvollzugsanstalt betrete, sagt die uniformierte Frau, ich müsse meine privaten Gegenstände und Klamotten abgeben. Ich hatte ein paar Sachen in die U-Haft mitgenommen, weil der Mann und die Frau, also die beiden Polizisten, die gekommen waren, mich zu holen, darum baten. Also packte ich ein, was meine Hände geradeso aus dem Schrank zu ziehen vermochten. Auf jeden Fall aber eine Zahnbürste. Die Zahnbürste war immer das Erste, zu dem ich griff, wenn ich mich schmutzig fühlte. Nun soll ich aber nicht nur all das abgeben, sondern muss mich auch komplett ausziehen und sogar meine Fußsohlen zeigen. Die Frau reicht mir ein Set aus Unterwäsche, Jeans, T-Shirt und Langarmshirt. Ich erkläre, dass ich auf Privatkleidung verzichte und nur die Anstaltskleidung tragen will, und ziehe die Sachen an. Hosenbeine legen sich um meine Oberschenkel.
»Darf ich das jetzt jeden Tag tragen?«
Freude legt sich um mich herum und ich bin so aufgeregt wie bei meinem einzigen Ausgang an Fasching vor zwei Jahren. Immer musste ich ich sein, das Mädchen, eine Prinzessin, die kleine Frau, außer an diesem einen kurzen Faschingsmontag.
»Naja, Sie müssen das jeden Tag tragen. Oder eben mit dem anderen T-Shirt«, antwortet die Frau einsilbig und zeigt mir noch einmal unbeholfen den Pulli und ein weiteres Shirt. Die Frau kann nicht wissen, dass ich bis zu diesem Tag nie Hosen tragen durfte. Der Mann wollte mich im Kleid oder Rock. Mädchenhafte Erscheinung, einfacher Zugang. Wenn ich es wagen wollte, Hosen anzuziehen, wurde ich früher oder später bestraft.
»Danke, also, ich meine wirklich. Danke. Hierfür«, rufe ich.
»Bitte.«
»Sehe ich aus wie ein Mann?«
Ich übe mich in sehr breitbeinigem Stehen und frage mich, ob sich ein Mann wegen solcher Hosen-Posen so stark fühlt. Wahrscheinlich sitzen Männer aus demselben Grund breitbeinig herum: Weil sie können. Im Gegensatz zu Frauen im Rock mit mehr oder weniger Unterwäsche und im Angesicht mehr oder weniger Betrachter müssen Männer ihre Knie nicht aus Angst zusammenpressen.
»Nein, wirklich nicht«, antwortet die Frau grinsend, ohne mich anzuschauen.
Ich mag Frauen. Ich bekomme einen schweren Sack mit Zeugs in die Hand, Bettwäsche, Socken und so.
»Wollen Sie ihre Privatkleidung wirklich nicht mitnehmen? In der Zelle dürfen sie die anziehen. Glauben Sie mir, nach einem Jahr hier drin ist jede kleine Abwechslung willkommen.«
»Auf keinen Fall! Sie können die verbrennen.«
Ich werde in einer Aufnahmestation begrüßt, ein Mann erklärt etwas. Ich tue so, als würde ich zuhören, bekomme Blätter in die Hand, Anträge für Dinge, dann geleitet ein anderer Mann mich zu meiner Zelle. Gang, Stufen, Abbiegen, Gang, Gänge, Treppe hoch, Tür, Türen. Mehrere Schwellen muss ich überqueren. Ein Türsummer kündigt das automatische Öffnen eines jeden Portals an und nach dem Passieren höre ich, wie die jeweilige Tür hinter meinem Rücken zurück ins Schloss fällt. »Bsssss«, »Ticktick« und »Tack« machen die Türen und ich denke: »Das ist es. So schnell kommst du hier nicht mehr raus. Das ist jetzt dein Leben.« TACK! Ich drehe mich nicht um. Nicht ein einziges Mal. Ich verbiete mir, mich umzudrehen. Auch wenn die nächste Pforte jedes Mal ein Stück endgültiger klingt als die vorige. Ich finde das nicht schrecklich. Ich finde das nur neu.
Hinter der letzten Tür zu meiner Zelle höre plötzlich etwas anderes als den Dreiklang, an den ich mich jetzt schon gewöhnt habe. Es klingt wie riesiger Hebel, als würde der Mann auf der anderen Seite der Tür noch einmal etwas machen, um mich noch sicherer wegzuschließen. Schließlich bin ich eine Mörderin.
Da stehe ich mit dem Rücken an der Tür und weil ich beschlossen habe, mich nicht einziges Mal umzudrehen, schaue ich auf ein Mädchen, das da auf einem Stuhl an einem winzigen Tisch sitzt, der an der linken Wand steht und aussieht wie ein Tisch aus meiner Grundschulklasse. Ich schaue mich um und merke, dass überhaupt alles hier aussieht wie Schulmobiliar. Das hellbraune, schmale Pseudoholzregal mit zwei Kolumnen, die beiden Regalbretter an der Wand schräg gegenüber, sogar die beiden windschiefen Hochbetten rechts und links könnten aus den Möbeln meiner diversen Schulen zusammengeschustert sein, wäre da nicht der Schatten, den die Stahlstreben am kleinen Fenster auf so ziemlich alles werfen.
Das blasse Mädchen am Tisch hat längst den Kopf zu mir gedreht. Sein schulterlanges, schwarz gefärbtes und gestuftes Haar ist zu einem dünnen Zopf hinterm Nacken gebunden, Strähnen brechen seitlich aus dem Haargummi aus, was die Haut darunter noch blasser scheinen lässt. Ich bin kurz neidisch. Ich wollte auch immer kürzere und schwarz gefärbte Haare. Ich wollte eigentlich alles lieber als das, was war. Das Mädchen trägt einen dunkelgrauen Jogginganzug mit Kapuzenjacke, private Kleidung. Will sie also anders sein. Über dem Tisch an der Wand hängen ein paar Fotos aus Magazinen und Poster mit Punk-Bands. Die Poster haben einen Knick in der Mitte. Glaube ich zumindest, dass so Punk aussieht. Ich habe all diese Medien, die zeigen, wofür normale Menschen in meinem Alter mit einem normalen Leben sich interessieren, immer gemieden. Es war zu schlimm zu sehen, wie anders die anderen sind. Ein Handy durfte ich sowieso bis zum Schluss nicht haben. Hier im Regal steht ein kleiner Fernseher. Sendungen, ja doch, die hatte ich nie nicht sehen können, die schaute meine Mutter bis zum Wahnsinn… oder was war als erstes da? Links von mir grenzt ein Vorhang eine Zimmerecke ab.
»Das ist das Klo«, sagt das Mädchen.
»Ohne Tür?« Ich steche mit der ausgestreckten Hand durch den Vorhang.
»Sorry, die Präsidenten-Suite war nicht mehr frei.«
»Okay…« Ich zucke mit den Schultern.
Das Mädchen lächelt sehr freundlich, steht auf und hält mir die rechte Hand hin.
»Hey. Ich bin Fran, eigentlich Franziska. Nenn mich bloß nie Franzi, ich warn’ dich!« Das Mädchen lacht. »Ich habe mir vorgestellt, was passiert, wenn du ankommst, aber ich hätte nicht gedacht, dass mein erster Satz sein würde: Das ist das Klo.«
»Ich bin Emma. Eigentlich M.«
»Warum M?«
»Ich hab’ dich nicht gefragt, warum du dich Fran nennst.«
»Na, es ist eine Abkürzung.«
»Okay.«
»Okay!«
Wir schauen uns ganz kurz in die Augen mit einem unsichtbaren Lächeln, das Verständnis und Respekt ausdrückt. Woher ich weiß, was unser Lächeln bedeutet? Es fühlt sich so an, aber genau sagen kann ich es nicht.
»Also dann, willkommen backstage!« Fran öffnet die Arme, macht einen kleinen Schritt näher, beugt sich vor und überrumpelt mich mit einer kurzen Umarmung. Oder eher einer halben Umarmung, denn ihre Arme bilden nur einen Halbmond, und die Füße stehen einen Schritt weg von meinen. Versteh’ ich nicht. Ich bemerke, wie ich nicht reagiere, weil ich mit der Irritation beschäftigt bin, als Fran schon wieder von mir ablässt.
»Komm!«
Fran setzt sich wieder auf ihren Platz. Ich setze mich zu ihr auf den zweiten Stuhl am Tisch mit dem Rücken zur Tür, zu der ich mich immer noch nicht umgedreht habe, was ich als gutes Zeichen betrachte. Soweit schlage ich mich hervorragend. Aufgerissene Fingerspitzen und angekaute Nägel liegen kurz auf der Tischplatte, bevor Fran sie wegzieht und in ihrem Schoß verschwinden lässt.
»Du brauchst dich nicht zu schämen«, sage ich.
»Ich weiß nicht, was du meinst.«
»Ist doch voll okay, dass du das machst«, antworte ich und meine es auch so. »Ich habe schon ganz andere Dinge gemacht …«
Solche Finger kenne ich von der Frau, die meine Tante ist. Ihr Mann, also der Onkel, hat sie wohl manchmal, wenn auch selten, geschlagen. Das hatte sie der Mutter einmal erzählt. Die zischte ihrer kleineren Schwester immer wieder zu, sie solle aufhören mit dem Fingernägelkauen. Hör auf jetzt, Finger aus dem Gesicht. Ich glaube, die Frau machte das gerne, weil sie sich dann überlegen fühlte, dieses Sticheln, das hat sie auch mit mir gemacht am Anfang. Später war ich ihr auch dafür zu egal. Da finde ich Fingernägelnagen lange nicht so schlimm.
»Ich finde, du sollst das unbedingt machen!«
»Wovon sprichst du denn?«, fragt Fran.
»Na Fingernägelnagen. Mach das unbedingt und sei stolz drauf, dass du nichts auf das Nagen der anderen gibst!«
»Das meine ich nicht, ich meine, was hast du schon für andere Dinge gemacht?«
»Ach …«
Wir schweigen.
»Aber danke, dass du das sagst«, flüstert sie und lächelt wieder.
»Okay.« Ich schaue mich noch einmal um und jetzt erwischt mein Blick doch die Tür nach draußen. Mist. Ich drehe mich zurück. »Aber Fran, ich will dir gleich sagen, ich will meine Ruhe haben hier drin in diesem Raum. Und noch mehr Ruhe will ich, wenn ich in meinem Raum bin in diesem Raum. Verstehst du?« Fran schüttelt den Kopf. »Ich werde meistens nichts hören und noch weniger sagen wollen. Und Freunde suche ich auch nicht.«
»Okay!«
Fran legt ihre Hände und jetzt auch Unterarme inklusive Ellenbogen zurück auf die Tischplatte, als wollte sie sagen: Mir doch egal, ich mache es trotzdem. Das Bündchen ihres Pullis ist so weit hochgerutscht, dass es eine Tätowierung am Unterarm freilegt. Ein Sechseck, also ein Hexagon, das ein weiteres kleineres Sechseck umschließt, das wiederum ein...
| Erscheint lt. Verlag | 10.10.2022 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur |
| ISBN-10 | 3-949671-54-4 / 3949671544 |
| ISBN-13 | 978-3-949671-54-8 / 9783949671548 |
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