halbtot ist nicht tot genug (eBook)
427 Seiten
neobooks Self-Publishing (Verlag)
978-3-7541-9982-4 (ISBN)
Ortrud Battenberg absolvierte nach erfolgreicher Familienarbeit Studien der Soziologie und Philosophie (Dipl./M.A.). 2002 und 2003 war sie Preisträgerin bei nationalen Studierendenwettbewerben. Seit 2007 ist sie freiberuflich selbstständig. Ab 2016 widmet sie sich der Fiktion. Veröffentlichungen: die Kurzgeschichte 'Für immer' und diverse Miniprosa, das Buch 'Dreizehn Frauen', Biografien im Kundenauftrag sowie der Kriminalroman 'Unverhofft tot' (Mitautorinnen Karin Hübener und Heike Wulf).
Ortrud Battenberg absolvierte nach erfolgreicher Familienarbeit Studien der Soziologie und Philosophie (Dipl./M.A.). 2002 und 2003 war sie Preisträgerin bei nationalen Studierendenwettbewerben. Seit 2007 ist sie freiberuflich selbstständig. Ab 2016 widmet sie sich der Fiktion. Veröffentlichungen: die Kurzgeschichte "Für immer" und diverse Miniprosa, das Buch "Dreizehn Frauen", Biografien im Kundenauftrag sowie der Kriminalroman "Unverhofft tot" (Mitautorinnen Karin Hübener und Heike Wulf).
Kapitel 5
Köln
Felix, Freitag, 17. Mai
Die Woche war locker gelaufen. In den Nächten schlief Felix Bergholz zwar unruhig, aber das war nichts Neues für ihn, ihn plagten öfter Albträume. Beruflich lag er gut in der Terminplanung. Alle aktuellen Aufträge abgehakt, nirgends Störungen, Frau Junkers vom Reisebüro behielt den Monitor und fragte nach der Rechnung. Ein guter Kumpel, ein Immobilienmakler, rief an und wollte einen Kostenvoranschlag, weil Felix seine Anlage auf den neuesten Stand bringen und mit der jüngst eröffneten Filiale in Bonn vernetzen sollte. „Wenn du nicht auf Zack bist, wirst du mir nichts, dir nichts abgehängt“, sagte der Makler. Er musste es wissen, er hatte eins der größten Maklerbüros in Köln. Sie verabredeten sich für die kommende Woche, doch zunächst musste Felix sich erst einmal in die Arbeitsabläufe des Immobilienmarkts einarbeiten.
Montagabend hatte er wieder vorsichtig mit dem Laufen begonnen. Er entschied sich für den Wald am Geißbockheim. Dort lagen die Parkplätze so, dass er sie notfalls schnell erreichen konnte, falls sein Bein wieder Probleme machte. Außerdem konnte man hier gut zwischen kürzeren oder längeren Laufwegen auswählen. Er stellte seinen Wagen am Duffesbach ab, überquerte die Berrenrather und trabte langsam durch die Franz-Kremer-Allee Richtung Geißbockheim. Wenn das Laufen zu sehr schmerzen sollte, würde er dort im Clubhaus des 1. FC Köln eine Pause einlegen, ein Glas trinken und danach langsam wieder zum Auto zurückkehren. Aber er hatte Glück, seine Knochen schienen sich beruhigt zu haben. Am Geißbockheim angekommen, entschloss er sich, noch eine Runde um die Trainingsanlagen zu drehen. Das muss für den Anfang genug sein, dachte er. Das Laufen tat gut, ein Hauch von Holunderblüten lag in der Luft und der frühe Abend war lau. Das frische Grün der Blätter leuchtete in der abendlichen Sonne wie frisch lackiert. Weniger schön war allerdings, dass überall zwischen den Büschen und Bäumen die Überbleibsel der Aufstiegsfeierei herumlagen. Wie in der ganzen Stadt hatten die Fans auch hier am Geißbockheim den Wiederaufstieg des 1. FC Köln in die Erste Bundesliga gefeiert. Ganz Köln war im rut-wieße Fußballfieber: „Nie mehr, nie mehr zweite Liga ... Effzeh, Effzeh, Effzeh ...“ Sicherlich freuten sich die Brauereien über den erhöhten Kölsch-Umsatz.
Seit Felix in Köln wohnte, war auch ihm der Verein ans Herz gewachsen. Es war schwer, sich dem Kölner Fußballzauber zu entziehen, aber er hätte sich auch gar nicht entziehen wollen. Der FC begeisterte, trieb zum Wahnsinn oder löste Jubelstürme aus. Der Verein berührte die Menschen und bot immer einen Anlass, um an der Bahnhaltestelle, am Büdchen oder in der Kneipe schnell ins Gespräch zu kommen. Überhaupt war es leicht, mit den Kölnern ins Gespräch zu kommen. Sie machten gerne den ersten Schritt. Die meisten dieser Bekanntschaften blieben beliebig, doch manche vertieften sich auch. Mit einigen, wie beispielsweise dem Immobilienmakler Kaspar Kämpgen, verband ihn heute ein gutes, wenn auch lockeres freundschaftliches Verhältnis. Sie trafen sich meistens ohne spezielle Verabredung in der gemeinsamen Stammkneipe. Kämpgen frönte der zweiten Kölner Leidenschaft – eigentlich der allüberragenden – dem Karneval. Mit Fußball hatte er weniger am Hut, doch im Karneval war er nicht zu bremsen.
„Einem geborenen Kölner liegt das im Blut“, erklärte er mit breiter Brust und zeigte sich nachsichtig, dass Felix den Karneval zwar mochte, sich aber dennoch nicht mit Leib und Seele hingab wie er. „Du bist eben ’ne Imi. Aber sei nicht traurig, kann ja nicht jeder in Köln geboren sein.“ Sprach’s und tätschelte ihm liebevoll den Kopf. Nach dem achten oder neunten Reissdorf konnte er schon mal sentimental werden.
’Ne Imi, da hatte Kaspar recht. En imitierte Kölsche, das ja, aber ein akzeptierter. Immerhin durfte er sich mit Wohnsitz in der Stadt sogar Kölner nennen. Da waren die Einheimischen nicht so.
Felix erreichte den Parkplatz. Auch hier lagen jede Menge Bierdosen herum. Die Pfandsammler würden sich freuen. Allerdings mussten sie sich sputen, denn die Teams der Kölner Stadtreinigung waren allenthalben unterwegs.
Ob er sich früher für Fußball interessiert oder gar einen Lieblingsverein gehabt hatte, wusste er nicht. Jetzt hatte er jedenfalls einen. Ein Lächeln huschte über sein Gesicht. Felix hielt es für viel sympathischer, einen Verein zu lieben, der schon sechsmal ab- und wieder aufgestiegen war, als einen, der über das dicke Geld verfügte und jahrelang in Folge Deutscher Meister wurde.
Fans hin oder her, ihren Müll hätten die Trottel trotzdem mitnehmen können ...
Das neue System bei Zahnarzt Prinz lief wie am Schnürchen, und wie sich Mittwoch Nachmittag bei der Schulung der Mitarbeiterinnen herausstellte, waren sowohl die Damen als auch der Chef technikaffin. Dennoch vereinbarten sie für den kommenden Samstag noch einen Nachschulungstermin.
Freitag schlug Felix sich den ganzen Nachmittag mit den Unterlagen herum, die ihm der Immobilienmakler zur »ersten Information« zugemailt hatte. Es war anstrengend, sich in das ungewohnte Sujet einzuarbeiten. Als er bemerkte, dass er sich nicht mehr konzentrieren konnte, schloss er die Dateien. „Schluss für heute“, sagte er zu einer dicken Kohlmeise, die sich auf dem Fensterbrett niedergelassen hatte und hingebungsvoll an einer Mauerfuge pickte. „Nächste Woche ist auch noch Zeit.“ Er gähnte und reckte sich ausgiebig. Die kleine Schreibtischuhr in Form des Kölner Doms, das Geschenk einer Kundin, zeigte 19.00 Uhr. Erst jetzt fiel ihm auf, dass er beträchtlichen Hunger hatte. Bevor er mittags nach Hause gekommen war, hatte er sich schnell ein Käsebrötchen am Kiosk geholt, das war alles gewesen. Inzwischen tat ihm der Magen fast weh. Er machte sich kurz frisch, um schnell mal bei Enrico vorbeizuschauen. Dort bekam man die beste Pizza in der Gegend.
Felix setzte sich an ein Tischchen in der Ecke. Er fühlte sich wohl in diesem Laden, hier duftete es köstlich nach südlichen Kräutern und Gewürzen und im Hintergrund dudelte stets italienische Schlagermusik. Volare, oho, cantare ohohoho, nel blu dipinto di blu ... Wenn er besonders gute Laune hatte, sang der Chef des Hauses lauthals mit. In diesem Lokal kam man sich vor wie aus der Zeit gefallen. Die Pizzeria war so kitschig eingerichtet, dass es krachte. Farbenfrohe Inselchen im blauen Meer zierten die Wände, umschippert von bunten Fischerbooten. Ein schmachtender Sänger mit Strohhut und Gitarre brachte seiner schwarzgelockten Schönen ein Ständchen und ein barfüßiger Zitronenverkäufer bot von seinem fähnchengeschmückten Wagen aus dicke gelbe Zitronen feil. Während man auf seine Pizza wartete, wurde einem bei Enrico nicht langweilig. Wer nicht das Publikum – mitunter ein regelrechtes Panoptikum – beobachtete, konnte mit Muße die Wandmalereien betrachten.
Vier abgenutzte Resopaltischchen mit den dazu gehörigen Stühlen drängten sich dicht an dicht. Dass die roten Polster hier und da einen Riss hatten, störte niemanden. Alle genossen das Schauspiel, das sich ihnen bot. Keiner bereitete die Pizza so zu wie Enrico! Elegant wirbelte er den Teig auf seinem Handteller, warf ihn hoch und fing ihn mit einer geschickten Drehbewegung wieder auf, bestäubte schwungvoll die Arbeitsfläche mit Mehl und verteilte die Belagzutaten so schnell auf seinem Werk, dass man es kaum verfolgen konnte. Zwischendurch bediente er das Telefon: „Pronto, Da Enrico, was kannisch für disch tun? Quattro Stagioni mit extra viele Käse, ma certo, e senza Tonno? Quindici minuti“. Gleichzeitig schaffte er es, sich mit seinen Kunden im Lokal zu amüsieren: „Schommal Tonno auffe Quattro Stagioni gesehen, äh?“
Als alle Bestellungen im Steinofen vor sich hin brutzelten, flitzte Enrico an Felix’ Tisch und wischte virtuos einmal nass und einmal trocken darüber.
„Wie isse, mein Freund, Leben noch frische?“ Felix lachte. Es war unmöglich, sich nicht von Enrico anstecken zu lassen. Er nahm die entgegengestreckte Speisekarte, warf einen Blick hinein und bestellte, was er immer nahm: Pizza Margherita mit Artischocken und scharfen Peperoni. Nirgends gab es die so dünn und so knusprig wie hier.
Nach einem doppelten Espresso machte er sich schließlich gemütlich auf den Heimweg, nicht ohne noch ein großzügiges Trinkgeld in die venezianische Gondel auf dem Tresen zu stecken.
Felix freute sich schon auf den Abend. Jeden dritten Freitag im Monat begann um 24.00 Uhr ihr Jour fixe. Die späte Uhrzeit war der Tatsache geschuldet, dass Sandy in Portland/Maine lebte und es dort erst 18.00 Uhr war. Bis um fünf ging sie ihrem Beruf nach und war nicht eher zu Hause. Aber da Felix ohnehin ein Nachtmensch war und sowohl Victor als auch Marian erst spät die nötige Muße fanden, war die nachtschlafende Stunde für sie drei kein Problem. Bis es soweit war, setzte Felix sich mit einem Glas Wein vor den Fernseher und switchte durch verschiedene Talkshows. Ihm schien, dass die meisten Eingeladenen von einem Sender zum anderen weitergereicht wurden, damit sie für ihr x-tes Ratgeberbuch die Werbetrommel rühren konnten. Und wenn mal interessante Gäste dabei waren, klammerten die Moderatoren sich an ihre Kärtchen und stellten immergleiche und fantasielose Fragen, anstatt die Leute einfach mal reden zu lassen. Um kurz vor zwölf goss er sich noch ein Glas Wein ein und fuhr den PC hoch.
Es war schön, wieder mit den drei Freunden zu plaudern. Sie hatten sich alle in einem »Spezialisten«-Netzwerk kennengelernt. Als sie...
| Erscheint lt. Verlag | 27.9.2022 |
|---|---|
| Verlagsort | Berlin |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Romane / Erzählungen |
| Schlagworte | Kölnkrimi • Kriminalroman • Psychokrimi |
| ISBN-10 | 3-7541-9982-X / 375419982X |
| ISBN-13 | 978-3-7541-9982-4 / 9783754199824 |
| Informationen gemäß Produktsicherheitsverordnung (GPSR) | |
| Haben Sie eine Frage zum Produkt? |
E-Book Endkundennutzungsbedinungen des Verlages
DRM: Digitales Wasserzeichen
Dieses eBook enthält ein digitales Wasserzeichen und ist damit für Sie personalisiert. Bei einer missbräuchlichen Weitergabe des eBooks an Dritte ist eine Rückverfolgung an die Quelle möglich.
Dateiformat: EPUB (Electronic Publication)
EPUB ist ein offener Standard für eBooks und eignet sich besonders zur Darstellung von Belletristik und Sachbüchern. Der Fließtext wird dynamisch an die Display- und Schriftgröße angepasst. Auch für mobile Lesegeräte ist EPUB daher gut geeignet.
Systemvoraussetzungen:
PC/Mac: Mit einem PC oder Mac können Sie dieses eBook lesen. Sie benötigen dafür die kostenlose Software Adobe Digital Editions.
eReader: Dieses eBook kann mit (fast) allen eBook-Readern gelesen werden. Mit dem amazon-Kindle ist es aber nicht kompatibel.
Smartphone/Tablet: Egal ob Apple oder Android, dieses eBook können Sie lesen. Sie benötigen dafür eine kostenlose App.
Geräteliste und zusätzliche Hinweise
Buying eBooks from abroad
For tax law reasons we can sell eBooks just within Germany and Switzerland. Regrettably we cannot fulfill eBook-orders from other countries.
aus dem Bereich