Geliebte Brüder (eBook)
1068 Seiten
neobooks Self-Publishing (Verlag)
978-3-7541-9989-3 (ISBN)
Hinter Billy Remie versteckt sich eine scheue Person, Baujahr 1992. Lebt zurückgezogen in einem friedvollen Waldgebiet (das ist Kein Scherz), und bedient eine junge, verrückte Hündin von vorn bis hinten, meidet die Öffentlichkeit, wird nicht auf Sozialenmedien oder Messen zu finden sein, und will einfach nur schreiben um des Schreibens willen.
Hinter Billy Remie versteckt sich eine scheue Person, Baujahr 1992. Lebt zurückgezogen in einem friedvollen Waldgebiet (das ist Kein Scherz), und bedient eine junge, verrückte Hündin von vorn bis hinten, meidet die Öffentlichkeit, wird nicht auf Sozialenmedien oder Messen zu finden sein, und will einfach nur schreiben um des Schreibens willen.
Kapitel 1
Der silberne Mond hing groß und leuchtend am Nachthimmel, schimmerte silbern durch die hohen und dichten Tannen und ließ die dicke Schneedecke leuchten, die das gesamte Gebirge wie einen Teppich bedeckte und alles unter sich begraben hatte.
Zwischen den vom Frost befallenen Stämme der Bäume schlängelte sich die halb verwischte Spur einer Hirschkuh. Vaaks verfolgte sie seit dem frühen Abend, er konnte sie im sachten Wind wittern, der ihm entgegenwehte und seine dunklen Locken aus seinem Gesicht strich. Geduckt und mit Pfeil und Bogen in den Händen folgte er der Hirschkuh in den dichten Wald, immer tiefer, bis selbst das silberne Schimmern des Mondes kaum noch gegen die Dunkelheit ankam.
Lange hatte er sie beobachtet, um sicher zu gehen, dass sie nicht noch ein Kitz zu versorgen hatte. Im Winter rechnete er nicht damit, aber es war nicht unmöglich und er wollte nicht für zwei Tode verantwortlich sein. Doch er musste auch essen.
Sie schien gänzlich allein, hinkte ein wenig mit dem rechten Hinterlauf, er konnte es an den leichten Schleifspuren im Schnee erkennen.
Die Wölfe waren hinter ihr her, ein Rudel hatte von ihr abgelassen, als sie ihn gewittert hatten, doch ein anderes Rudel tauchte im Süden auf dem Berghang auf wie lautlose Naturgeister. Ihre Höhle musste in der Nähe sein. Junge Rüden waren neugierig, sie ließen sich nicht allein durch seine Anwesenheit abschrecken, eher wurden sie davon sogar angelockt.
Vaaks begegnete ihnen am Rande einer winzigen Lichtung. Ihre Augen leuchteten wie von mystischen Wächtern aus dem Dunkel zwischen den Bäumen heraus, als sie ihn begutachteten.
Ihre Geister zerrten an seinem Geist, seine Familiengabe schlug aus, die jungen Rüden waren offen für die Jägerbindung. Doch er durchschnitt sie eisern. Es schmerzte, als ob dicht unter der Haut eine Sehne riss, gefolgt von dem Gefühl tiefer Einsamkeit. Doch daran hatte er sich gewöhnt.
Die jungen Wölfe heulten, als riefen sie nach ihm, als protestierten sie. Es kratzte in seiner Brust, ein Brennen erfasste seine Venen. Er kämpfte dagegen an, doch er war machtlos. Bogen und Pfeil fielen in den Schnee, und als sein Brüllen erklang, übertönte es den Gesang des jungen Rudels, dunkel und kraftvoll, aber ebenso düster und unkontrolliert. Die Wölfe zogen die Schwänze ein und verschwanden anstandslos. Die Hirschkuh fiel den Klauen zum Opfer. Es blieb nur wenig von ihr übrig.
*~*~*
Ich bestehe aus Erinnerung. Das ist jetzt mein Dasein. Ich bin nur noch ein Gedanke nach dem anderen, ein Bild, ein Geruch. Mehr nehme ich nicht wahr. Wenn ich mich konzentriere, kann ich Erinnerungen aufleben lassen, als wäre ich wieder dort, doch meistens bevorzuge ich es, nicht mehr zu sein.
Es ist friedlich, dieses Dasein als Erinnerung. Ich treibe mal hierhin und dorthin. Ich bin nicht allein, ich spüre die anderen, sie waren und sie sind Familie. Die Familie, für die ich mich einst entschied. Aber wir spüren uns jetzt anders, wenn wir uns streifen, uns berühren, dann ist es wie ein verhallendes Lachen, ein Glücksgefühl aus vergangener Zeit. So existieren wir. Wenn wir wollen, erschaffen wir einen Ort aus einer Erinnerung, erinnern uns an unsere Gesichter und Formen und sitzen wie einst zusammen am knackenden Lagerfeuer, wir singen, wir spielen, wir frönen dem Zusammensein.
Meistens bleibe ich für mich, döse und schwelge im Vergangenen. Ich bin nicht wie die anderen, ich habe immer gespürt, dass ein Teil von mir fehlt, eine Erinnerung, ein anderes Leben. Es ist auch hier, irgendwo hinter dem Nebel, es ist ruhelos, manchmal spüre ich seine Verzweiflung – meine Verzweiflung.
Ich erinnere mich an Gesichter, an Gerüche, an Stimmen. Ich weiß, ich habe viele geliebt, ich sehe sie vor mir, ich erinnere mich an ihr Lachen, ihre Berührungen, ihren Geschmack. Viele von ihnen sind hier bei mir, ich spüre sein Echo, seinen Gesang in meiner Nähe, spüre die lebendige Erinnerung der anderen zwei, dem, dem Frieden verwehrt bleibt, dem, der mich verließ für ihn. Doch er kommt, er ruft manchmal, zusammen mit dem, der uns beschützt.
Ich erinnere mich, dass ich sie liebe, doch ein Teil von mir bleibt schwer.
Meistens trifte ich ab und träume von goldenen Haar und eisblauen Augen. Und ich frage mich, wie etwas, das so eine frostige Farbe besitzt, so voller Wärme, voller Liebe und voller Mitgefühl sein kann, dass es mir selbst hier an diesem Ort das Herz zerreißt.
Ja, ich liebte viele, aber ihn besonders. Vielleicht, weil er nicht hier ist, vielleicht suchen ich und die Erinnerung hinter dem Nebel nach ihm. Wir warten, wir harren aus, wir werden erst den wahren Frieden spüren, wenn er wieder bei uns ist.
Ich weiß, warum ich mich schwerer fühle als die anderen, ich weiß, was mich von ihnen fernhält. Er ist es, denn er kann mich nicht loslassen. Ich höre ihn nach mir rufen, seine Liebe an mir zerren. Ich spüre seine Angst, seine Zweifel, ebenso seine Wut. Es zerreißt mich. Ich will ihm vieles sagen, aber er kann es nicht hören.
Ich vermisse ihn, so sehr. Seine Haut schimmert, ich sehe es vor mir, als beugte er sich über mich. Sein Haar ist so weich, es funkelt wie poliertes Gold, seine Augen strahlen, sie sind riesig, tief, wässrig. Ich lebe nicht mehr, aber mein Herz stockt, zieht sich zusammen. Seine Lippen sind voll und weich, ich würde noch zehnmal einen grauenhaften Tod sterben, um seinen Atem davon zu trinken. Nur noch ein einziges Mal.
Es ist ungerecht, dass ich jetzt hier bin und er allein dort. Ich weiß, er hat auch Freude, ich gönne sie ihm so sehr, aber ich habe ihn im Stich gelassen.
Ich weiß nicht, wie viel Zeit vergangen ist, aber ich spüre, dass es nicht genug ist. Nein, wir müssen uns loslassen, für den Moment, er gehört noch nicht hier her.
Ich habe ihn im Stich gelassen, für den Heldentod. Ich starb, wie ich es immer wollte, doch ich erkenne mehr und mehr den Preis, den andere dafür bezahlten.
Es sind noch andere, die mich festhalten, ihre Tränen fallen auf mich. Aber bei ihnen ist es anders, ich liebe sie nicht wie ihn, ich bedaure etwas. Fleisch und Blut binden mich an sie, ich will ihnen die Hand reichen und ihnen aufhelfen. Vergesst den Schmerz, will ich ihnen sagen, euer Leben geht weiter. Ihre Herzen sind nicht wie seines, ihre sind nicht gebrochen, sie heilen, sie vergessen mich langsam. Doch nicht er. Er niemals. Was er auch tut oder sagt, er krallt sich an mir fest. An die Erinnerung an mich. So wie ich mich an ihn.
Es ist nicht gerecht, dass ich Frieden finde.
Etwas Dunkles breitet sich um uns herum aus und treibt uns zusammen, jemand ruft mich und zerreißt meine Erinnerungen, zerreißt mich. Ich will nicht, nein, ich will bei ihm sein, bei der Erinnerung an ihn, bis wir wahrhaftig wieder zusammen sind. Wir sind eins, unsere Herzen sind es.
Ich bin egoistisch, wenn es um ihn geht.
Nein, ich bin immer egoistisch.
Der Nebel schwindet, ich spüre, wie er löchrig wird wie ein Blattpapier, das über züngelnde Flammen gehalten wird und sich langsam auflöst. Mehr Erinnerungen kommen durch die Lücken in unsere Welt.
Ich spüre den Tritt, als wäre ich wieder manifest, er geht mir durch und durch. Meine Lider klappen auf, ich liege an einem dichtbewachsenen Ufer, ein Bach plätschert an meinen Füßen entlang durch die Senke. Ich kenne diesen Ort, ich liebe Wasser, ich liebe Bäche, Flüsse, Seen. Bäume umringen uns, alles wirkt wilder als ich es kenne und doch weiß ich, dass ich einmal hier war. In einem anderen Leben. Dem ersten Leben, dem allerersten, als ich noch auf einen anderen Namen hörte.
Ich blicke jedoch nicht zum Wasser, ich sehe hinauf in ein Gesicht, das zu mir herabsieht. Es ist mir vertraut, es hat die Züge meines Vaters – meine eigenen Züge. Es sind meine grünen Augen, es ist mein schwarzes, kurzes Haar, mein Grimm um meine dünnen Lippen, doch trotzdem ist etwas anders, älter, fremder. Er ist, was war. Bevor ich geboren wurde, war er. Ein anderes Leben, ein anderer König. Der erste unseres Namens.
»Ich bin du«, sagt er. Er trägt seltsame Kleidung, wild und urzeitlich, halbnackt mit einem Schwert um die Hüfte, das das meine war.
Und ich erwidere: »Und ich bin du.«
Er nickt, er betrachtet mich mit gesundem Argwohn. Wir sind eins und doch gänzlich verschieden, er lebte ein Leben, das mir entrissen wurde, und er kennt das meine nicht. Trotzdem sind wir eins.
»Wir müssen aufstehen«, sagt er, die Hand am Schwert, und schaut sich mit steinerner Miene um.
Ich weiß nicht, wieso, doch ich spüre, dass er recht hat.
Er bietet mir seine Hand und ich weiß, dass ich einschlagen muss. Als er mich hochzieht, sind wir eins und ich spüre ihn in meinem Bewusstsein. Es lässt mich kurz taumeln, als er zu mir wird. Zwei Erinnerungen, zwei Leben – nun vereint.
Wir sind wieder eins.
Dann erkenne ich sie, die Schwärze um mich herum. Nur ein kleiner Kreis am Ufer, der mich verschont hat, leuchtet im friedlichen Schein, doch der Ort wirkt tot und trostlos, am Himmel tobt ein düsterer Sturm, Asche fällt wie Schnee vom Himmel und bedeckt den versengten Boden.
Der plätschernde Bach ist eine dicke, wogende Masse aus Fäule, die sich durch das Land frisst und alles tötet, obwohl es bereits tot war.
»Auch der Tod kann sterben«, sagt Er nun in meinem Kopf.
Mein Herz setzt aus, denn ich spüre sie nicht mehr, die anderen.
Ich bin...
| Erscheint lt. Verlag | 27.9.2022 |
|---|---|
| Reihe/Serie | Chroniken der Bruderschaft (6) | Chroniken der Bruderschaft (6) |
| Verlagsort | Berlin |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Fantasy / Science Fiction ► Science Fiction |
| Schlagworte | Drachen • Fantasy • Highfantasy • Nohva • Romanze |
| ISBN-10 | 3-7541-9989-7 / 3754199897 |
| ISBN-13 | 978-3-7541-9989-3 / 9783754199893 |
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