Deutsch-Polnische Reminiszenzen (eBook)
321 Seiten
tredition (Verlag)
978-3-347-72135-7 (ISBN)
II
„Da Capo“: Polen – und immer wieder Polen (1986- 1989)
Mein erster Besuch in der Volksrepublik Polen sollte in vielfältiger Hinsicht für mich voller Folgen sein:
Zum einen hatte mich das Thema „Deutsch-Polnische Beziehungen“ emotional „gepackt“: Die Begegnungen mit jenen Menschen, die sich mit so großer Leidenschaft für ihr Land, seine Freiheit, für Demokratie und Menschenrechte einsetzten, gegen das kommunistische Regime kämpften – manchmal, wie es schien – gegen jede Vernunft, das ließ einen nicht los! Die Möglichkeit, da vielleicht etwas hilfreich sein zu können, war ebenso herausfordernd wie die Chance, am Dialog beteiligt zu sein mit polnischer Regierung und deren Opposition, auch mit dem Ziel, in die deutschpolnischen Beziehungen, neue Bewegung zu bringen.
Zum anderen war ich schnell zum „Polenexperten“ geworden: nach der ersten Reise folgten bald weitere und zudem „bugsierte“ mich Volker Rühe in seiner Funktion als „zuständiger“ Stellvertretender Fraktionsvorsitzender in den Lenkungsausschuss des „Forum Polen – Bundesrepublik Deutschland“, Ende 1988 wurde mir der Vorsitz der neugegründeten „Deutsch-Polnischen Gesellschaft“ in Bonn angetragen. So kam eines zum anderen, bis hin in meine Wahlkreis-Sprechstunden, wo so mancher Petent mich um Unterstützung bat, um Verwandten die Ausreise aus Polen zu ermöglichen.
Die 1. Delegationsreise der CDU/CSU Fraktion nach Polen
An sich war ja mein erster Besuch in Polen, so nicht geplant gewesen. Mit einer ganzen Delegation sollte ich dort aufkreuzen. Aber die „Trickserei“ der polnischen Seite mit der Visa-Gewährung hatte dies verhindert (siehe vorher).
Überall hatte ich in Polen im Mai unseren Delegationsbesuch angekündigt. Zwar gab es wieder das übliche Gerangel um Protokoll- Fragen – Wer lädt ein? Mit oder ohne Berliner-Abgeordneten? Wer bereitet das Programm vor? Offizieller Teil, inoffizieller Teil? – Die Vorbereitung unserer Delegationsreise nach Polen ging im Übrigen erstaunlich zügig voran. Diesmal ging alles nach der langen Vorgeschichte doch recht reibungslos. Prof. Tomala, Direktor des PISM (Polski Instytut Spraw Miedzynarodowych – Polnisches Institut für Internationale Beziehungen) lud mich als Delegationsleiter zu einem Vortrag ein: somit waren wir eingeladen! Unsere Botschaft machte die einen Termine, die polnische Seite die anderen (offiziellen) und das Programm hatte „Luft“ für nicht so offizielle Aktivitäten. Das mit Peter Kittelmann ein Berliner Bundestagsabgeordneter unserer Delegation angehören sollte? „Alle bekommen ein Visum!“, teilte die polnische Botschaft mit. Und als wir dann am 31. August 1986 in Warschau landeten und in dem berühmten abhörsicheren Raum unserer Botschaft mit dem Botschafter unser Programm besprachen, war dort auch ein Besuch am Grab des ermordeten Priesters Jerzy Popieluszko eingeplant, deklariert als „Besuch der Frühmesse in der Kostka-Kirche“.
„Wir“, das waren übrigens die Bundestagsabgeordneten Kurt Falthauser, Peter Kittelmann, Hans-Peter Repnik, Klaus Rose und ich als Delegationsleiter. Und: wir waren die erste Delegation der Bundestagsfraktion, nach der Wahl von Helmut Kohl zum Bundeskanzler, die Polen besuchte (im Juli 1985 hatte übrigens „privat“ unser Fraktionsvorsitzender Alfred Dregger Polen besucht).
Beim Besuch auf dem Wawel in Krakau, Bild links: (v.l.) Hans- Peter Repnik, der Stadtführer, Klaus Rose, Wolfgang Pailer (unser Dolmetscher), Peter Kittelmann, Karl-Heinz Hornhues
Bild rechts: (v.l.) Klaus Rose, Kurt Faltlhauser, Hans-Peter Repnik, Peter Kittelmann, Wolfgang Pailer
Anders als bei meinem Besuch im Mai war unser erster – damals mein letzter – Gesprächspartner der Vertreter der Polnischen Bischofskonferenz Weihbischof Dabrowski gleich am Ankunftstag (31.08.), einem Sonntag, und am Abend des gleichen Tages hatte Botschaftsrat Hölscher „Vertreter des Kulturlebens“ – alles „Solidarność-Leute“ – für uns zu sich nach Hause eingeladen: Ich traf die ersten Bekannten wieder und die Freude über unseren Besuch war groß, vor allem auch darüber, dass wir erst einmal von Kirche und Opposition uns die Lage in Polen erläutern ließen. Meinen Kollegen ging es wie mir bei meinem ersten Besuch: das Gespräch mit den Repräsentanten der verbotenen Solidarność, ihr leidenschaftliches Eintreten für Freiheit und Demokratie, ihre zum Handeln entschlossene Gegnerschaft zum kommunistischen Regime, dies alles imponierte den Kollegen ungemein. Auch die Perspektiven für ein neues deutsch-polnisches Verhältnis faszinierten. „Die denken sich einfach die DDR zwischen uns weg!“, merkte beinahe konsterniert einer der Kollegen an. Kaum zu glauben, dass wir dies alles mitten in Warschau erlebten.
Utopie? Realitätsferne? Wunschdenken? Oder? Nicht nur an diesem Abend, saßen wir nach unseren Terminen noch bis tief in die Nacht – meist – in meinem Hotelzimmer zusammen, aufgewühlt von den Gesprächen, diskutierend, die Gedanken sortierend, meist aber auch ratlos, weil wir manches nicht zu Ende zu denken wagten. „Sich einfach die DDR zwischen uns weg zu denken!“ – unglaublich! Wichtigster Mann unserer nächtlichen Sitzungen war unser Dolmetscher, Wolfgang Pailer, der sich als profunder Kenner Polens erwies!
„Nachtsitzung“ im Hotelzimmer: der Dolmetscher Wolfgang Pailer erklärt uns Polen
Am Montag, dem 2. Tag unseres Aufenthaltes, begann dann unser „offizielles“ Programm. Es war der 1. September, also der Tag an dem 1939 Nazi-Deutschland Polen überfallen hatte. So begann unser Tag mit Kranzniederlegungen am Ghetto- und am Nike- Denkmal. Früh um 8.30 Uhr stand das an. Irgendwie hatte ich ein komisches Gefühl: Kranzniederlegung! Das war so staatsmännisch! Aber im Auswärtigen Amt (bei den Vorgesprächen) wie erst recht in der Botschaft hielt man diese Geste – vor allem an diesem Tag – für unverzichtbar! Also legten wir nieder! Lieber wären wir mit unseren Gedanken an diesen Orten allein geblieben. Erst gegen 11 Uhr begann das „offizielle Gedenken“ an den 1. September 1939 mit einem militärischen Zeremoniell und Kranzniederlegungen. Da lag da schon unser Kranz und wir alle hätten viel darum gegeben, die Gesichter der Offiziellen zu sehen, ihre Gedanken zu lesen, als sie entdeckten, dass da schon ein Kranz mit schwarz-rot-goldener Schleife lag.
Da wir gestern schon viele Repräsentanten der Solidarność getroffen hatten und wegen der Feiern zum 1. September für uns keine Gespräche für den Vormittag geplant waren, stand erst einmal „Besichtigung des Königsschlosses“ und „Gang durch die Altstadt“ auf dem Programm. Beeindruckend – wie die Polen ihre von den Deutschen völlig verwüstete Altstadt wieder rekonstruiert hatten! Beeindruckend aber auch, wie allenthalben Zeichen des aufmüpfigen Volkes, von Protest und Widerstand zu entdecken waren, kaum eine Kirche – die St. Johannes-Kathedrale eingeschlossen – die nicht irgendwie und irgendwo den berühmten „Solidarność“ Schriftzug zeigte. Bemerkenswert die Steinplatten neben der Außenwand der St. Johannes-Kathedrale: Dort waren die Namen von Konzentrations- und Vernichtungslagern eingemeißelt, auch ein Katyn-Gedenkstein war dabei. Nach offizieller Lesart im kommunistischen Polen waren es ja auch dort die Nazis gewesen, die tausende polnischer Offiziere ermordet hatten. Doch im Volk wusste man um die Wahrheit der Ermordung durch den sowjetischen Geheimdienst. Immer wieder wurden entsprechende Hinweise diesem Gedenkstein beigefügt – und immer wieder lagen frische Blumen an und auf diesem Stein (und wurden wieder beseitigt). Ähnlich war es auch mit dem erst kürzlich errichteten Denkmal, dass an die „Kleinen Aufständischen“ des Warschauer-Aufstandes erinnerte (und eben auch daran, dass die Rote Armee die „Polnische Heimatarmee“ bei ihrem Aufstand gegen die Deutschen im Stich gelassen hatte.)
Erinnerung an die Verbrechen der Nazi-Zeit neben der Warschauer Kathedrale. (Leider „produzierte“ ich mit meiner Mini-Kamera keine besseren Bilder – und das mit dem Katyn- Stein war gar nichts geworden.)
Vor dem Warschauer Schloss steht die Sigismund – Säule. Und dort „sammelten“ wir uns wieder nach einem „individuellen Freigang“. Allenthalben wurden wir – natürlich für jedermann als „Westler“ erkennbar – angegangen. Die einen hatten Souvenirs im Angebot, die meisten aber Zlotys. Ich hatte die Kollegen dringend gebeten, sich nicht auf den ja illegalen Straßentausch einzulassen, zum einen war der Touristen-Kurs im Hotel schon nicht schlecht, zum anderen hätten wir – so mein Hinweis – eh kaum Zeit, Geld auszugeben....
| Erscheint lt. Verlag | 27.8.2022 |
|---|---|
| Illustrationen | Karl-Heinz Hornhues |
| Mitarbeit |
Sonstige Mitarbeit: Franziska Hornhues |
| Verlagsort | Ahrensburg |
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Romane / Erzählungen |
| Geisteswissenschaften ► Religion / Theologie | |
| Schlagworte | Allein • ART • Ausland • Bedeutung • Berlin • Beziehungen • damals • davon • Deutsch • Deutsche Wende • Deutschland • Deutsch-Polnisch • Diplomat • Diplomatie • diplomatisch • Ende • Entwicklung • Erfahrungen • Freiheit • Freude • Geschichte • Hilfe • Historie • Jahre • Jahren • Kirche • Mann • Menschen • Neuen • November • Polen • Politik • Politiker • Polnisch • Recht • Reminiszenzen • Russland • Seite • Sicherheit • Solidarnosc • Tag • Weitere • Wende • Wiedervereinigung • Wissen • Zeit • Ziel • Zukunft |
| ISBN-10 | 3-347-72135-7 / 3347721357 |
| ISBN-13 | 978-3-347-72135-7 / 9783347721357 |
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