Das Geheimnis von Bellcint (eBook)
668 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-7562-4704-2 (ISBN)
Heike Fahrner ist Jahrgang 1970 und ausgebildete Schauspielerin. Das Handwerk des Schreibens erlernte sie in einem Fernstudium zur Autorin.
Kapitel 1
1
Die Zwangspause vom Profisport war ersten Ranges, dachte er heiter spöttisch. Das bisschen Trainingsentzug. Nicht der Rede wert. Einfach nur herumliegen und nachdenken war doch auch schön. Über das Leben und so. Er war gar nicht erpicht aufs Herumspringen. Überhaupt nicht.
Er zerrte die Krücken vom Rücksitz des Cabrios zu sich nach vorn und warf sie aufs Pflaster der Hauseinfahrt. Er glaubte selbst nicht den Mist, den er sich einsprach. Zwei Wochen das Bein hochlegen war nichts Gutes. Zwei Wochen gegen Entzug ankämpfen war nicht erquicklich. Als Aufsteiger im Tennissport zu pausieren, war alles nur nicht gut. Es war auch der Genesung wenig förderlich, drei Stunden lang mit einer Verletzung zu rasen wie verrückt. Nur, um dann auf dem Sofa herumzuliegen. Es war eine Katastrophe! Das Knie glühte. Entsetzenerregend, die Ruhe, die das Haus ausstrahlte. Während der seltenen Gelegenheiten, die er hier in Bellcint verbrachte ließ er es darin normalerweise krachen. Ein paar Freunde, ein paar Mädels und ab ging die Post. Nun kam er sich vor wie ein Tattergreis, dessen größte Herausforderung es war vom Autositz zum Wohnzimmersofa zu gelangen. Verdammt! Gings noch schlimmer? Ruhig Blut, dachte er und ermahnte sich zu mehr Gelassenheit.
Er öffnete die Fahrertür, bückte sich nach den Krücken, lehnte sie außen an den Wagen und stopfte eine der Tuben Sport-Gel in die Tasche der Trainingshort. Unter Schmerzen zwängte er sich an den Unterarmgehhilfen aus dem Wagen, setzte das gesunde Bein auf die erste Stufe und mit der Hand am Geländer stieg er die Stufen hinauf zur Haustür und schloss sie auf.
Von der Kommode im Hausflur zwinkerte ihm der Anrufbeantworter die Zahl eins zu. Ein Mädel scharrte schon mit den Hufen, um ihn zu sehen, dachte er. In heißer Erwartung drückte er auf den Knopf des Geräts.
„Mein geliebter Sohn“, hörte er die männliche Stimme sagen. Er stutzte einen Moment. Seit wann raspelte denn Vater Süßholz, fragte er sich. „Ich bin hier. In der Privatklinik Bellcint, du weißt schon. Es ist so.“ Vater atmete schwer. „Es geht zu Ende. Ich meine, mit mir. Geht es zu Ende. Der beste Zeitpunkt also, wir reden über dein ungewöhnliches Erbe. Du musst es bald antreten, obwohl du keinen blassen Schimmer davon hast. Wie auch. Es geht dabei um ein Geheimnis. Von Eingeweihten ‚Das Geheimnis von Bellcint‘ genannt. Nur so nebenbei bemerkt. Ja. So heißt es. Nun. Am Telefon kann ich davon nicht viel preisgeben. Ist ja ein Geheimnis. Leuchtet ein, was. Gut. Deine Verletzung, habe ich gelesen, soll nicht so schlimm sein. Dann kannst du unverzüglich hierher fahren. Ich erzähle dir das Wichtigste. Ich erwarte dich.“
Das Gerät schwieg abrupt. Er starrte darauf. Die Kehle fühlte sich plötzlich ganz trocken an. Zu Ende, dachte er. Dann schüttelte er sich einmal. Ein inneres Gefühl hielt ihn an, sich durch die Nachricht nicht übermäßig beunruhigen zu lassen. Ruhig Blut, sprach er sich gut zu. Es war denkbar, es hatte mit Vaters nicht enden-wollender Liebesmelancholie für Mutter zu tun. Geheimnis. Er langte sich an den Kopf. Dann lachte er.
Er nahm sich vor, Vater für ein halbes Stündchen einen Krankenbesuch abzustatten, da hörte er eine süße Stimme seinen Spitznamen durch den offenen Spalt der Tür zwitschern. Er drehte sich herum, humpelte auf die Haustür zu und öffnete sie weit. Vonny stand davor.
Die nette Nachbarin hielt einen Kuchen in der Hand. Genau die richtige Sportlernahrung, dachte er und meinte nicht den Kuchen.
„Hallo, Monee“, säuselte sie rotbackig.
Hübsch sah sie aus in der kurzen Jeans und dem knappen Trägertop. Äußerst hübsch. Er vergaß glatt Vaters Nachricht. Ihr Lächeln gefiel ihm. Dann dieser anhimmelnde Blick. Von unten kam er zu ihm hochgeflogen.
„Ich habe“, sagte sie, „von deiner Verletzung im Fernsehen gehört und mir schon gedacht, du kommst nach Hause.“ Sie hielt ihm den Kuchen hin. „Für dich. Ein kleines Trostpflaster.“
Der Kuchen weckte wenig Interesse bei ihm. Lieber betrachtete er sich das braune Haar, das ihr bis zum Gürtel hing. Nett. Wirklich nett. Sie brachte ihn auf eine triebhafte Idee, doch gedanklich schalt er sich sofort dafür. Bestimmt kriegte er nur nicht die Bilder der verderbten Geheimparty der Sportkollegen von letzter Woche aus dem Schädel. Böse von ihm, sie in einen Topf zu werfen mit den Mädels dort. Diese spielten gegen eine hübsche Bezahlung bumsfidel mit beim Spiel Zwei gegen Zwei. Wer ist der Schnellere? Er lachte über die lustigen Kollegen und grundlos lachte Vonny mit. Wie sie ihn anhimmelte, schätzte er die Chance auf eine gewisse Art von „Ausgleichssport“ recht gut ein.
Er lehnte eine Krücke gegen die Wand und nahm den Kuchen entgegen. „Wie wärs?“, fragte er, doch kaum war dies gesagt, unterbrach ihn das Klingeln des Telefons. Doch nicht Vater, dachte er, der ihm in diesem Moment lästig fiel. „Zu Ende“, fiel ihm wieder ein. Eine innere Stimme sagte ihm, es war vielleicht besser, er ließ die Idee sterben. Wenn auch ungern.
„Es klingelt“, bemerkte sie und hüpfte die Stufen nach unten. „Wenn du was brauchst, komm einfach rüber.“
Er nickte und starrte ihrem wackligen Po hinterher wie einem Leichenwagen, der mit der gestorbenen Idee davonfuhr.
„Dein Telefon“, sagte sie, ihn nochmals erinnernd.
„Ja, richtig“, sagte er. „Das Telefon.“
Weg war sie. Mit dem Gummistopper der Krücke stupste er die Tür zu. Daran aufgestützt humpelte er mit dem Kuchen zur Kommode und stellte ihn neben das Telefon. Er nahm das Gespräch an und humpelte den Hörer am Ohr ins Esszimmer. „Ja?“, fragte er.
„Ich warte.“
Vaters Stimme klang nie und nimmer wie die eines Sterbenskranken. „Wie geht es dir? Weswegen liegst du im Krankenhaus?“
„Wegen Mama.“
Ruhig Blut, dachte er. Er hatte richtig gelegen mit der Vermutung. „Sie ist schon lange tot.“
Vater seufzte. Und er nun auch. Das ewige Lied der Liebesmelancholie strapazierte die Beziehung. Schon Jahre gab es keine mehr. „Wie wärs, ich komme morgen“, schlug er daher vor und ließ die Idee mit Vonny wiederaufleben. „Die Zerrung. Morgen früh trainiere ich. Sonst reiße ich noch die Tapete von der Wand. Gegen Abend könnte ich. Vorher sehe ich mir noch einen tollen Wagen an. Einen ...“
„Stehst du noch immer auf alte Rostlauben?“, fragte Vater. „Ich glaube, dir ist der Ernst der Lage nicht klar. Ich meine, wie auch.“
„Komm schon“, sagte er. „Ich weiß, wie es dir geht. Kein Grund zu solch einer übertriebenen Dramatik. Zu Ende. Du hast mir vielleicht einen Schrecken eingejagt.“
„Du hast Nerven. Wie geht es eigentlich dir? Gäbe es keine Zeitschriften, wüsste ich nichts von meinem Sohn. Man liest ja allerhand über dich. Du bist der ganz große Knüller gerade.“
„Ja. Läuft.“ Er öffnete den Klettverschluss der Orthese und warf sie, gebauchpinselt vom Lob auf den Esstisch. Dann zog er das Sport-Gel aus der Hosentasche, lehnte die Krücke an die Tischkante und schraubte den Tubenverschluss ab. Ja, ohne anzugeben, die Karriere lief prächtig. Er ließ den Deckel auf den Tisch fallen, setzte sich, hielt die Tube über das Knie und drückte zu. Das kühle Gel glitt auf das heiße Gelenk und mit lautem Zischen zog er Luft durch die Zähne. Dann verrieb er den blauen Glibber.
„Hier, zum Beispiel, in dieser Boulevardzeitschrift lese ich gerade: ‚Heiße Party am Hotelstrand‘.“
Er hielt inne.
„‚Mitten unter den Gästen ...‘ Da steht dein Name. Das auf dem Foto, der Typ auf der Dame mit dem nackten Hintern - bist du.“
Die Tube glitt ihm aus der Hand. Es trieb ihm die Röte ins Gesicht. Du Schande, dachte er. Konnte es sein, er steckte bis tief zum Hals in einem Problem? Er glaubte es nicht, wenn er es nicht mit eigenen Augen sah. Die Idee mit Vonny ließ er vorsichtshalber gleich wieder sterben. Irgendeine verfluchte Pottsau hatte womöglich während der Party heimlich Fotos geschossen. Aber das würde doch keiner der Kollegen tun. Geschweige denn sie der Presse geben. Da war kein Foto. Auch die Mädels wurden fürs Stillsein bezahlt. Im Vertrauen, sie waren es, redete er sich heraus: „Du glaubst doch nicht etwa diesen Blättchen.“
„Ich habe doch Augen im Kopf. Man sieht doch, dass du das bist. Da steht fett unser Name.“
„Glaube ich nicht.“ Vater zog ihn auf. Doch von wem hatte er das Foto? „Wirst du mit dem Foto erpresst?“
„Neinnein. Es ist in dieser Zeitschrift zu sehen. Oder hier“, fuhr Vater fort. „Ein Herrenmagazin. Mit meinem Sohn auf der Frontseite. Was bin ich stolz. Immerhin trägst du einen Tennisschläger auf der nackten Schulter. Sag mal? Ist das etwa deine Botschaft?“
Nun war aber genug, dachte...
| Erscheint lt. Verlag | 23.8.2022 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Krimi / Thriller / Horror |
| ISBN-10 | 3-7562-4704-X / 375624704X |
| ISBN-13 | 978-3-7562-4704-2 / 9783756247042 |
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