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Der seltsame Fall des Coriolanus Snow -  Joshua Beck

Der seltsame Fall des Coriolanus Snow (eBook)

(Autor)

eBook Download: EPUB
2022 | 1. Auflage
148 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-7568-2382-6 (ISBN)
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In diesem vierten und letzten Band der Hauptreihe aus meinem Snowfall-Zyklus wende ich mich einer biographischen Betrachtung von Präsident Coriolanus Snow zu. Was war er für ein Mensch? Wie lebte er? Was prägte ihn? Wie wurde er zu dem, was er war? Woher nahm er seinen Antrieb? Das Böse sieht nicht immer so aus, wie wir es uns vorstellen, und zugleich ist etwas Gutes in jedem Menschen.

Der Autor Joshua Beck studierte Panems Geschichte über viele Jahre hinweg. In seiner Abhandlung über den dystopischen Staat lässt er seine Erkenntnisse aus der Psychoanalyse, der politischen Theorie und der Machtanalytik einfließen.

1. Über das Böse, Monster und Despoten


»Die Feinde der Menschheit haben rapid an Macht gewonnen, sie sind dem Endziel der Zerstörung der Erde sehr nahe gekommen, es ist unmöglich, von ihnen abzusehen und sich auf die Betrachtung geistiger Vorbilder allein zurückzuziehen, die uns noch etwas zu bedeuten haben.«

Elias Canetti, Das Gewissen der Worte

»In Zeiten des Umbruchs, wenn das Alte schon fault und das Neue noch hinter dem Horizont liegt, schlägt die Stunde der Monster.«1 Monster sind wie Spiegelbilder, die dem ambivalenten und wandelbaren Wesen des Menschen historisch und kulturell variierende Entwürfe des Seins aufzeigen von dem Lebensbejahenden, das wir das Gute nennen, bis zum Lebensverneinenden, was wir als das Böse verstehen.

Losgelöst von einer entschieden dualistisch geprägten Vorstellung ist das Böse kein Prinzip an sich, vielmehr sinkt es geradezu zu einer Unterfunktion des Guten herab, von diesem lizensiert, um sich selbst zu erneuern. Manchmal ist die Destruktivität die konstruktivste Form der Kreativität, denn erst durch das restlose Zerschlagen der alten Ordnung ergibt sich die Chance auf den Neuaufbau einer besseren Ordnung.

Die alte Ordnung jedoch konsequent hinter sich zu lassen, bedeutet keineswegs, die Dinge an sich zu vernichten. Vielmehr geht es darum, wie eben diese Dinge zu einander stehen oder gestanden haben.

Ist eine Wasserleitung kaputt, so muss das entsprechende Stück des Rohres ausgetauscht werden. Dazu muss möglicherweise eine Wand eingerissen werden, um das Wasserrohr freizulegen. Jedoch gleich eine ganze Stadt in Schutt und Asche zu legen und so dem Erdboden gleichzumachen, ist ein Akt, welcher in seiner Destruktivität derart nicht erforderlich ist. Es gilt also, den Kräften der Destruktivität klug und kanalisiert Wirkung zu verschaffen.

Mit Revolutionen verhält es sich so, dass die primären Haupteffekte unseres Handelns nicht selten nur billigend in Kauf genommen werden; vielmehr interessieren uns die vermeintlichen Nebeneffekte, besonders gewisse von diesen, an denen wir weiter anzuknüpfen vermögen.

Die Motive unseres Handelns sind nicht selten vielfältiger, ja ambivalenter Natur. Es gibt solche, die wir bewusst beabsichtigen; solche, die wir unbewusst verfolgen; und dann gibt es noch solche Motive, die selbst unserem Unterbewussten unbewusst sind, denn sie gehen weit zurück auf die Geschichte unserer Ahnen, welche als unsichtbare Masse weiterhin ein Teil unserer eigenen Massenseele sind.

Die Geschichte lässt sich nicht planen; sie ergibt sich aus einem Zusammenspiel des Zufälligen und des Unvorhersehbaren, doch kann nicht ausgeschlossen werden, dass es Kräfte gibt, die den Zufall nicht dem »reinen Zufall« zu überlassen gewillt sind. Die Geschichte vom Leben ist eine vom Entstehen und Vergehen. Und in Zeiten, wo das Alte zu modern beginnt, das Neue aber noch hinter den Bergen liegt, schlägt die Stunde der Monster.

Warum erfreut sich das Motiv des Monsters in Medien so großer Aufmerksamkeit? Was ist das Abstoßende an Monstern und Tyrannen, was zugleich faszinierend wirkt?

Schmitz-Emans stellt fest, dass wir schon seit Kindertagen von Monstern umgeben seinen, genauer: von deren Motiven.2 Sie sind auch in der Unterhaltungsindustrie weit verbreitet. Das Monster kann wie das Krümelmonster humoristisch und sympathisch akzentuiert oder aber auch wie ein grausamer Gewaltverbrecher schier unmenschlich gestaltet sein.

Um sich der Frage zu nähern, weshalb gerade dieses Motiv nun also so beliebt ist, stellt Schmitz-Emans fest, dass die lateinische Wortherkunft des Monstrums (von lat. monstrare = zeigen) etwas Zeigendes, ja Warnendes vermittelt. In der Antike hatten Monster den Charakter von Mahnzeichen, wobei sie in der ihnen unverwechselbaren Ambiguität das Wunderbare mit dem Schreckenerregenden verbunden haben.

Schmitz-Emans zufolge habe sich dies bis heute erhalten: Monster der Imagination, die das Seltsame verkörpern, und körperlich identifizierbare Monster, Individuen, die die Grenzen zwischen Mensch und Tier oder Mensch und Maschine verschwimmen lassen.

Das Monster als eine Gestalt, welche ihre ursprüngliche Herkunft negiert. Monster stehen also für Abweichungen, Abweichungen von der Norm oder stellen eine gesellschaftliche Norm in Frage. Idealbilder existieren allein in Vorstellungen, und monströse Gestalten erinnern an ihre Realitätsferne.

Imaginierte und empirische Monster gehen aber auch allerlei Verbindungen ein. Als Beleg für diese These führt Schmitz-Emans antike Reiseberichte oder Erzählungen über exotische Völker wie auch sagenumwobene Wesen an. Hierbei handle es sich um Zwischenwesen, um »Hybride«. Schmitz-Emans erkennt also richtig, dass die Variationen des Monster-Seins sich unterscheiden können, jedoch sein eigentlich prägnantestes Merkmal das Aufheben von Grenzen zwischen diesen ist. Dies ist es, was das Monster als solches kennzeichnet.

Dabei können Monster wunderlich sein und einen Unterhaltungswert darstellen, so etwa der mittelalterliche Hofnarr, aber auch mahnen, etwa vor der Bedrohung für das soziale Leben durch Verbrecher. Psyche und Physis gehen im Hinblick auf die Merkmale des Monsters auch hier Verbindungen ein. Für Michel Foucault wurde das Monster der Körperlichkeit in der Moderne vom monstre morale, dem moralischen Monster abgelöst. Darunter versteht Foucault etwa den Kannibalen oder den Inzestuösen. Zwar verschwinden physische Monster nicht, doch moralischen Monstern wird bei weitem mehr Aufmerksamkeit geschenkt.

Monster sind Spiegelbilder »des Menschen durch den Menschen für den Menschen«. Das Motiv des Monsters unterhält, warnt oder beides zugleich. Der Mensch sucht sich selbst und bedient sich hierbei einer Abgrenzung durch das Monster-Motiv. Diese Abgrenzung scheitert Schmitz-Emans zufolge jedoch, vielmehr erkenne der Mensch im Motiv des Monsters seine eigene Vielgestalt und Wandelbarkeit. Der Mensch ist somit selbst eine zumindest in ihren Grundzügen monsterhafte Gestalt.

Schmitz-Emans hat versucht eine Definition für das Motiv des Monsters zu finden, seine zugrundeliegendes Aussageabsicht und seine Wirkungsgeschichte zu umreißen. Doch weshalb können sich Monster in Literatur und Medien solch immenser Popularität erfreuen?

Dass dies so ist, zeigen nicht zuletzt Filme und Serien wie Der Herr der Ringe, Game of Thrones oder Harry Potter. Monströsen Gestalten kommt hier die Funktion von Bedrohung und Gefahr zu, sie sollen den Zuschauer ekeln und faszinieren zugleich. Es handelt sich hierbei um imaginative Monster.

ALF hat zum Gegenstand, wie es sein könnte, wenn ein sympathischer, tollpatschiger Außerirdischer bei einer amerikanischen Durchschnittsfamilie eine Weile zur Niederlassung käme. Alf ist hierbei eben humoristisch akzentuiert, seine Gestalt soll unterhalten, den Zuschauer zum Lachen bringen. Auch Puppen, wie die des Bauchredners Sascha Grammel, sollen dies: Sie sind niedlich und symphytisch.

Im Film E.T. hingegen verbindet sich Sympathie aber auch ein gewisses Ekelempfinden. Dieser Ekel besteht hierbei in dem Fremdartigen, dem Ungewohnten. E.T. sieht Alf in keiner Weise ähnlich; es handelt sich bei beiden um imaginative Gestalten.

Wir nehmen heute an, und das mit verhältnismäßig hoher Wahrscheinlichkeit, dass es in unserem Universum auch auf anderen Planeten, nicht nur auf der Erde Leben, also extraterrestrisches Leben gibt, jedoch müssen wir uns trotz unseres in vielerlei Hinsicht enormen Wissens über die Evolution ein-gestehen, dass wir nicht wissen, wie diese Lebensformen aussehen könnten. Vielmehr stellt sich die Frage, ob wir außerirdisches Leben überhaupt als solches erkennen können. Man kann sich so etwa vorstellen, das eine klebrige Schleimschicht auf einem Felsen zäh herabfließt. Diese Lebensformen, welche sich von verklebten Fliegen ernährt und durch einen Luftaustausch atmungsaktiv ist, würden wir als etwas Ekelhaftes verstehen, nicht jedoch als Lebensform.

Monster wie Fabelwesen, also Elfen, Trolle, Einhörner oder Drachen, sind Hybride, wenngleich auch nicht solche wie Spiderman, Superman, X-Man oder Wolverine. Es sind keine Hybride, welche Mensch mit Natur oder Maschine verbinden, sondern solche, die zwar imaginiert sind, zugleich aber auch einer fundierten Erfahrungsgrundlage entspringen: ein Einhorn etwa soll wohl Ähnlichkeiten mit einem Pferd haben, nur muss es noch »irgendwie« ein Horn mit sich tragen. Pegasus kann darüber hinaus auch noch fliegen. Hier wird die Fantasie angeregt.

Man stelle sich vor, ein Mitteleuropäer käme von einer Reise durch Afrika zurück, wo er zum allerersten Mal ein Nashorn sah. Jemand, der diese Reise nicht machen konnte, hat das Nashorn niemals in natura sehen können; seine Vorstellungen basieren also ausschließlich auf einem Reisebericht. Das Ergebnis war Albrecht Dürers Gemälde Rhinocerus.

Albrecht Dürer: Rhinocerus, 15153

Und auch in der Paläontologie kehrt dieses Motiv wieder: Wie sahen sie aus? Wie waren sie,...

Erscheint lt. Verlag 2.9.2022
Sprache deutsch
Themenwelt Literatur Romane / Erzählungen
ISBN-10 3-7568-2382-2 / 3756823822
ISBN-13 978-3-7568-2382-6 / 9783756823826
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