TodLeben (eBook)
332 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-7568-6342-6 (ISBN)
Konrad hasst Menschen, seinen Job beim Arbeitsmarktservice und ganz besonders die gutgebauten türkischen Männer aus seinem Bezirk. Als er seine Frau mit gleich mehreren von ihnen im Ehebett erwischt, eskaliert die Situation und endet in einem Blutbad, das auch ihn selbst das Leben kostet. In einer bizarren Zwischenwelt steht Konrad plötzlich einem Geistwesen gegenüber, das Hitler zum Verwechseln ähnlich sieht und über sein weiteres Schicksal entscheidet. Zur Strafe schickt es ihn zurück nach Wien, in den Körper der türkischstämmigen Polizistin Senia, die ausgerechnet seinen eigenen Mordfall bearbeiten soll. Gefangen in einem fremden Körper, konfrontiert mit den Menschen, die er verachtete, und mit neuen grausamen Verbrechen, gerät Konrad in einen Strudel aus Lügen, Schuld und Gewalt. Je näher Senia und der Mann in ihr der Wahrheit kommen, desto gefährlicher wird das Spiel aus Identität, Rache und Gerechtigkeit im multikulturellen 16. Wiener Bezirk.
PETER FLORIAN geboren am 9.6.1964, wuchs in Weitra, in Niederösterreich auf. Er erlernte den Beruf des Kochs in Wien, den er bald danach aufgab, um sich seiner wahren Berufung, der Kunst, zu widmen. Von 1990 bis 2010 war er als freischaffender Künstler tätig. Schon während seiner Zeit als Künstler hat er sich neben der Malerei auch schriftstellerisch betätigt und gesellschaftskritische, satirisch pointierte Texte verfasst. Seine Texte, Geschichten und Essays hat er 2010 in dem Buch »DER FRIVOLE BLICK - Dokumentaion einer sexuellen Fantasie« veröffentlicht. Ab 2010 lag sein künstlerisches Hauptaugenmerk auf der Computergrafik und er intensivierte seine schriftstellerische Tätigkeit.
2
Die nächsten Tage waren wie die Tage davor. Der Zustrom arbeitsuchender Menschen jedweder ethnischer Herkunft war unverändert groß. In den letzten Monaten des Jahres stiegen die Arbeitslosenzahlen in Wien und die Berater und Referenten bewältigten den erhöhten Kundenverkehr mit antrainierter, routinierter Gelassenheit.
Der weltweite Finanzmarkt war durch zweifelhafte Spekulationsgeschäfte angesehener Banken ins Trudeln gekommen und stürzte viele kleine, aber auch weltweit agierende Firmen in den Ruin. Ganze Staaten wurden zahlungsunfähig und standen vor dem Offenbarungseid. Die Arbeitslosenquote schnellte in derselben Geschwindigkeit in die Höhe, wie die Aktienkurse nach unten purzelten. Diese Entwicklung spürte auch die Geschäftsstelle in der Koppstraße und natürlich auch Konrad. Freie Arbeitsstellen waren in dieser Zeit Mangelware. Ausgebildete Fachkräfte konnten noch eher hoffen, kurzfristig einen Job zu bekommen. Für unqualifiziertes Personal hingegen war die Arbeitsplatzsituation nahezu aussichtslos. Viele ausländische Hilfsarbeiter stürmten fast täglich das Amt und forderten in ihrer ganzen Naivität und Unkenntnis der prekären Situation mit einer unverfrorenen Selbstverständlichkeit: »Cheffirma kaputt! Du geben mir andere Firma!«
»Scheiß-Computer!«, schimpfte Konrad und sein Zeigefinger vibrierte verzweifelt auf der linken Maustaste in dem Versuch, den Cursor, der wie eingefroren beim letzten Buchstaben seines soeben verfassten Berichts verharrte, wieder in Bewegung zu setzen. Seit der Umstellung auf ein neues Programm, das eigentlich die Arbeit erleichtern sollte, stürzte das Computersystem regelmäßig ab. Konrads Stirn warf tiefe Falten. Die derbe Physiognomie seines Gesichts verstärkte dazu die tiefen Nasenfalten und nach unten gerichteten Mundwinkel. Sein dichter, stets gefärbter dunkelbrauner Haarkranz, der sich wie ein versehentlich hochgerutschter Ohrenschützer aus Fell um seinen haarlosen Oberkopf schmiegte, erinnerte an das ehrwürdige Antlitz eines ehemaligen Landeshauptmanns von Niederösterreich und damit an eine geheimnisvolle St. Pöltner Friseursekte, die alljährlich in einem »schneidigen« Ritual besonders hartnäckigen und unverbesserlichen Plagiatsträgern der Erwin-Pröll-Gedächtnis-Frisur den Kampf angesagt hatte. Konrad, der von den Schergen der Friseursekte bis jetzt unentdeckt geblieben war, war nicht nur ein Gegner äußerlicher Veränderungen, sondern auch der globalen Vernetzung und Probleme wie diese verstärkten diese Abneigung noch mehr.
»Dreck, verdammter!« Konrad schlug verärgert mit der flachen Hand auf die Tastatur seines Computers. An Tagen wie diesen wünschte er sich die gute alte Zeit zurück, in der es mehr Arbeit als Arbeitsuchende gegeben hatte, als ein Computer nur in Form eines Taschenrechners bekannt war und die zu vermittelnden Arbeitslosen ohne Probleme Platz in einer Karteilade fanden. Ja, in den 80er-Jahren, als die alte Ordnung in Europa mit ihren eisernen Vorhängen erfolgreich das Eindringen von unerwünschten Ausländern verhindert hatte und das Leben und Arbeiten als Stellenvermittler noch ein Vergnügen war. Die paar Jugoslawen, die von der Wiener Bevölkerung liebevoll und absolut wertfrei »Tschuschn« genannt wurden, hatte er problemlos verkraften können. Aber seit der EU, den offenen Grenzen und der einheitlichen Währung artete seine Tätigkeit beim Arbeitsamt tatsächlich in Arbeit aus. Und als dann noch der Crash auf den internationalen Finanzmärkten passierte, kam es ihm vor, als würden alle Arbeitslosen von Wien ausschließlich Namen mit den Anfangsbuchstaben T bis Z tragen. Besonders der von türkischen Gastarbeitern besetzte Buchstabe Ü beanspruchte ihn geradezu inflationär. Horden wild gewordener Ümits, Ünals, Ülfets, Ünalps und Üstays besetzten nun schon seit Monaten tagtäglich sein Büro. Obwohl er diesen Job mittlerweile in einer stoischen Gleichgültigkeit erledigte und er sich in den Jahrzehnten als staatlich beauftragter Arbeitsvermittler und Berater von Emotionen und empathischen Gefühlen erfolgreich hatte befreien können, brachten es gerade die ausländischen Arbeitsuchenden fertig, sein abgeklärtes Gemüt auf die unangenehmste Art und Weise aus der antrainierten Lethargie zu holen und seinen Blutdruck in bedenkliche Regionen hochschießen zu lassen. So kam ihm öfter der Gedanke, seine SIG Sauer mit ins Büro zu nehmen, um auf seine Art den ausländischen, vor allem türkischen Arbeitslosenanteil wieder auf den üblichen Prozentsatz zurückzustutzen. Konrad beteuerte immer wieder, dass er absolut nichts gegen Ausländer und Türken habe, solange sie sich im Ausland befänden. Was aber in den letzten Monaten im Amt vorging, war in seinen Augen eine Neuauflage der zweiten Türkenbelagerung von 1683. Wie damals die Horden des Kara Mustafa Pascha, fielen jetzt schnauzbärtige, in billige schwarze Nadelstreifanzüge gekleidete Männer in vorzugsweise kackbraunen, ausgelatschten Schuhen der Größe 45 in die Koppstraße 51 ein, belagerten beharrlich die Räumlichkeiten des Arbeitsamtes und bedrängten ihn täglich, Woche für Woche und Monat für Monat mit: »Bitte, du geben gut Arbeit! Haben Frau, viele Kinder, brauchen Essen!«
Fluchend warf Konrad die Maus auf den Schreibtisch und fuhr ruckartig aus seinem Drehsessel, der mit lauten Krach gegen den Heizkörper knallte. »Blöder Scheißkasten!«, schrie er und blickte auf den Monitor seines Computers, der wie als Antwort auf diese Beleidigung eine Fehlermeldung des Systems anzeigte, seine Aktivität beendete und sich abschaltete.
Genau an solchen Tagen, an denen man der anstürmenden Masse an Arbeitsuchenden nur mit Tränengas oder ausgehungerten, speziell auf Arbeitslose scharf gemachten Kampfhunden oder eben mit einer gut geölten SIG Sauer hätte Herr werden können, stellte der Computer regelmäßig und anscheinend mit voller Absicht seine Arbeit ein. Konrad war überzeugt, dass moderne Computer ein Eigenleben entwickelten und früher oder später die Kontrolle über die Menschheit übernehmen würden. Die gegenwärtige Abhängigkeit von den mit Mikroprozessoren, Chips und Transistoren gefüllten Blechkästen war in seinen Augen ohnehin schon erschreckend.
Der Kopf eines Kollegen erschien in seinem Büro. »Der Server ist wieder einmal überlastet und zusammengebrochen und so wie es aussieht, wird es ein wenig dauern, bis alles wieder funktioniert.«
Konrad knurrte: »Ich sag’s ja, Scheiß-Computer!« Er blickte aus dem Fenster seines Büros, das in die Beingasse hinausging. Es schneite schon seit zwölf Stunden. Die Einsatzfahrzeuge der Magistratsabteilung 48 hatten die letzten Tage alle Hände voll zu tun gehabt, um Wiens Straßen von den Schneemassen zu befreien. Nicht rechtzeitig in Sicherheit gebrachte geparkte Autos wurden von den zur Seite geschobenen Schneemassen gnadenlos zugedeckt. Der Autoverkehr kam völlig zum Erliegen. Typisch für Wien. »Petra« war schon Tage zuvor angekündigt worden, doch als die gewaltige Schlechtwetterfront schließlich Wien erreichte, kam es trotz aller Warnungen zum Verkehrschaos. Konrad war davon unbeeindruckt, er fuhr schon seit Jahren mit der U-Bahn. Sein Auto hatte er vor zehn Jahren verkauft und besonders an solchen Tagen sah er die Richtigkeit seiner Entscheidung bestätigt.
Er blickte auf die Uhr. Draußen vor der Tür fragte eine laute, polternde Stimme: »Was das heißen, Service ist gestürzt?«
Kollege Lechner, der gleich neben Schinnerl das Büro hatte, erwiderte laut: »Nix Service, Herr Ögeday! Server! Du verstehen?«, und ergänzte in perfektem Türkendeutsch: »Das heißen: Nix mehr gehen heute! Maschine kaputt! Du kommen morgen wieder!«
»Ich warten seit acht Uhr und du sagen jetzt, muss kommen morgen wieder?« Herr Ögeday klang sehr verärgert.
»Was soll ich machen, ist leider so«, entgegnete Lechner, zuckte mit den Achseln und ergänzte: »Ist so wie mit Frau, wenn Maschine kaputt, kannst du auch nix machen Bumstibumsti.«
»Ich nix machen Bumsti mit Frau! Mein Frau gut Frau! Mein Frau türkisch Frau!«, empörte sich der Mann.
»Und woher du haben deine acht Kinder? Hat Heilige Geist gebracht?«, zischte Lechner.
»Ich Moslem!«, erwiderte Herr Ögeday stolz: »Nix eilige Geist!«
»Du gehen jetzt nach Hause zu Frau und Kinder und du kommen morgen wieder«, wimmelte Lechner den Mann ab und ließ ihn vor der Tür stehen. Ein unverständliches Gezeter in türkischer Sprache war die Folge.
Konrad stand am Fenster und beobachtete, wie ein Schneepflug durch die Beingasse fuhr und eine schmale Spur in die Fahrbahn zog. Dem Einsatzfahrzeug folgte ein ebenso langsam dahinschleichendes Auto.
Es klopfte.
Konrad verfolgte das Auto noch, bis es langsam in die nächste Gasse einbog und aus seinem Blickfeld verschwand. Es klopfte wieder....
| Erscheint lt. Verlag | 2.8.2022 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Krimi / Thriller / Horror ► Krimi / Thriller |
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| ISBN-10 | 3-7568-6342-5 / 3756863425 |
| ISBN-13 | 978-3-7568-6342-6 / 9783756863426 |
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