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Der Himmel über Sachsen -  Wolfgang Hultsch

Der Himmel über Sachsen (eBook)

Weltkriege, Widerstand, Wiederaufbau
eBook Download: EPUB
2022 | 3. Auflage
264 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-7562-9010-9 (ISBN)
Systemvoraussetzungen
7,99 inkl. MwSt
(CHF 7,80)
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Der Himmel über Sachsen - Weltkriege, Widerstand, Wiederaufbau Als Offizier des militärischen Geheimdienstes beim Oberkommando der Wehrmacht wird Walther Hultsch im Zweiten Weltkrieg auf einen Einsatz geschickt, der ihn quer durch Europa führt. Während dieser Zeit wird der amerikanische Geheimdienst auf ihn aufmerksam, in dessen Unterlagen Walther unter anderem als sehr fähiger Mann bezeichnet wird. 1934 knüpft er mithilfe seiner Verbindungen zum sächsischen Königshaus Kontakte zum Widerstand gegen Hitler. So stand er schließlich in engem Austausch mit denjenigen, die am 20. Juli 1944 das Attentat auf Hitler ausübten. Als Freund des Kronprinzen von Sachsen und Dezernent für Kunst und Kultur half Walther Hultsch im Stillen denjenigen, die unter der nationalsozialistischen Diktatur litten. Wo er nur konnte, setzte er sich für Verfolgte und Geächtete des Regimes ein. Die Biografie basiert auf über 300 Seiten Tagebucheinträgen und Unterlagen von Walther Hultsch. Sie handelt von seinem Wirken beim Widerstand und seinem Leben als Spionage-Abwehr-Spezialist. Einen besonderen Einblick bietet das Buch auch auf sein von Kunst, Musik und Kultur geprägtes Privatleben. Erleben Sie mit Der Himmel über Sachsen die bewegende Geschichte eines stillen Widerständlers, der zwei Weltkriege überlebte.

Wer wäre besser für die Aufarbeitung und Berichterstattung von Walther Hultschs Lebenswerk geeignet, als sein Enkel Wolfgang Hultsch. Aus den über 300 Seiten umfassenden Tagebucheinträgen seines Großvaters aus den Jahren 1943-46 erstellte er ein Exzerpt, brachte das Erlebte in den geschichtlichen Kontext und veröffentlichte die Biografie "Der Himmel über Sachsen". Der Mitte 50-Jährige lebt mit seiner Familie, Pferd und Hund in Niedersachsen. Auf seinem Instagram-Kanal @wolfgang_hultsch sowie seiner Website www.waltherhultsch.de teilt er Hintergundinformationen zum Leben seines Großvaters und zu seiner Biografie.

Zwei Generationen zurück
Mitte bis Ende des 19. Jahrhunderts


Mein Großvater war Grundstücks- und Mühlenbesitzer, geboren 1826 in Steinigtwolmsdorf. Der Ort liegt eingebettet in das malerische Oberlausitzer Bergland und ist heute eine Gemeinde im Landkreis Bautzen, im Südosten des heutigen Freistaates Sachsen.

An jedem Sonnabend besuchte er zu Fuß den Bautzener Getreidemarkt, wo er sein Getreide einkaufte. Dort traf er immer den Mühlenbesitzer Zumpe, mit dem er sehr gut befreundet war. Zumpe war der Vater des 1850 in Oppach geborenen Dirigenten, Komponisten und Wagner-Schülers Hermann Zumpe, von dem ich später noch erzählen werde. Durch ihn kam mein Vater schon in jungen Jahren in Kontakt mit der Musik, die ihn sein Leben lang begleiten sollte.

Aus der Ehe meiner Großeltern gingen eine Tochter und fünf Söhne hervor.

Das Leben in der Familie war durchweg harmonisch. Bei der allgemeinen mangelhaften Beleuchtung bildete der Kienspan die einzige Lichtquelle, befestigt an einem eisernen Ring an der Wand. Im Schein dieser kümmerlichen Funzel las Großvater abends das Bautzener Wochenblatt im Ohrenlehnstuhl, während das übrige Zimmer in Rembrandt’schem Halbdunkel lag. Erst später kamen Öl- und Petroleumleuchten auf. Jeder Tag wurde mit einem Abendgebet beschlossen.

Während seine Brüder Landwirte wurden, sehnte sich unser Vater nach einer höheren Bildung. Er war überglücklich, als er 1867 am Landständischen Seminar in Bautzen aufgenommen wurde und sein künstlerisches Studium aufnehmen konnte. Die kleine Universität wurde als Internat geführt, wo unser Vater sich schnell einlebte.

Die Disziplin war damals strenger als heute. Schlafsäle und Waschräume waren im Winter eiskalt, Urlaub gab es nur sonntags von 12.00 bis 19.00 Uhr. Unser Vater nutzte diesen Zeitraum für einen Besuch in der Heimat. Drei Stunden Fußmarsch musste er für den Weg nach Steinigtwolmsdorf auf sich nehmen. Dort angekommen, konnte er im Elternhaus gerade einmal eine Stunde Rast halten, bevor er, mit Wäsche und Lebensmitteln beladen, wieder forteilen musste, um pünktlich im Internat anzukommen.

Als Seminarist fand er viel Freude am Zeichnen, an Kunstgeschichte und Musik, besonders am Klavier- und Orgelspiel. Sein Lehrer war der Königliche Musikdirektor Karl Eduard Hering. Spielte dieser die Orgel, so kam es schon einmal vor, dass er seinem Schüler „Ablösen!“ zurief und mitten im Choralspiel plötzlich die Hände von den Tasten nahm. Als Orgelpräfekt musste dieser dann schnell in die Tasten greifen. War der Gottesdienst schwächer besucht, so sagte der schwerhörige Hering so laut, dass man es in der ganzen Kirche hören musste: „Spielen Se schneller. Es sind wenig Leute da.“

Nach seiner Zeit in Bautzen besuchte Vater die Königliche Kunstgewerbeschule in Dresden. Später wurde diese zur Kunstgewerbeakademie ausgebaut, welche damals am Antonplatz neben der Markthalle untergebracht war. Als der begeisterte Kunstjünger das Schulgebäude betrat, begegnete er einem würdigen Herrn mit „Vatermörder“ in Biedermeiertracht, die er stets zu tragen pflegte: Professor Dr. August von Eye, bekannt durch sein Werk Leben und Wirken Albrecht Dürers. Prof. von Eye gab unserem Vater Gegenstände aus dem Kunstgewerbemuseum als Modell, die er zeichnen musste. Diese Vorschusslorbeeren nahm er als Schüler dankend an und setzte die Zeichnungen mit großer Freude dank seiner Begabung schnell und gut um, was von Eye mit einem tiefen, kurzen Grunzen honorierte.

Bald lebte sich der junge Kunstschüler in Dresden ein. Bei Kantor Alscher in der Breite Straße fand er eine passende Wohnung. Bei dem Kantor hatten einst zur Weihnachtszeit Tiroler Sänger aus dem Zillertal vor der Tür gestanden und ihn gebeten, am Heiligen Abend in der Kirche singen zu dürfen. Dass er zusagte, erwies sich als Glücksfall, denn sie sangen das bis dahin in Sachsen unbekannte Weihnachtslied ‚Stille Nacht, Heilige Nacht‘, ein Lied, das in den folgenden Jahren aus der Weihnachtszeit nicht mehr wegzudenken war.

Vater, dessen Geldmittel in seiner Dresdner Zeit sehr beschränkt waren, hatte ein Stipendium des Grafen Luckner ergattert, späterer Seeheld im Ersten Weltkrieg. Luckner war Kgl. Sächsischer Kammerherr und für seine Späße bekannt. Als ich ihm später einmal auf einer Reise in einem Hamburger Hotel vorgestellt wurde, zerriss er auf unsere Bitte hin als Demonstration seiner Körperkraft allein mit seinen Händen ein dickes Telefonbuch. Die Umstehenden klatschten begeistert Beifall und der Graf grinste zufrieden.

Vater sollte auf Empfehlung von Geheimrat Graf als Gegenleistung die Jungen einer in Dresden lebenden englischen Familie auf ihren Spaziergängen begleiten. Die Mutter, eine junge schöne Frau, war allein mit ihren zwei adretten Töchtern im Alter von etwa vierzehn bis sechzehn Jahren und den Söhnen von etwa acht bis zehn Jahren. Der Vater war angeblich im Zweikampf gefallen. Sie wohnten in der Strehlener Straße in einer sehr großen Wohnung mit viel Personal. Ein echter englischer Butler in Kniehosen und Schnallenschuhen empfing Besucher mit undurchdringlicher Miene.

Bei einem Besuch des Zoologischen Gartens erfuhr mein Vater, dass der kleine Engländer Algernon Fitz Roy und der andere Charles Herzog von Southampton hieß. Fitz Roy sollte später ein britischer Politiker der Conservative Party und Speaker des Unterhauses werden. Wie überrascht war Vater, als er erfuhr, dass diese hochadelige Familie mit dem englischen Königshaus verwandt war.

Die gemeinsamen Ausflüge führten sie ins Elbsandsteingebirge und in alle Museen, die Dresden zu bieten hatte. Den Museumsbesuchen schloss sich die Mutter mit ihren zwei Töchtern oft an, zumal Vater die Bilder sachkundig erklären konnte und auf besonders hervorragende Werke hinwies. Mit den Jungen ging er schwimmen und ließ sich sogar tapfer zum Rollschuhlaufen auf der Bahn in „Lüdeckes Wintergarten“ in der Nähe des Großen Gartens überreden. Da er niemals zuvor auf Rollschuhen gestanden hatte, lösten seine ersten Laufversuche große Belustigung bei den Jungen aus. Es waren fröhliche, wilde Kinder: Bei Ausflügen fingen sie Molche, Salamander und Blindschleichen und in der Wohnung hielten sie weiße Mäuse, die infolge ihrer starken Vermehrung schnell zur Plage wurden – sehr zum Leidwesen des vornehmen Butlers.

Mein Großvater, der nachts wegen der Mühle viel wach sein musste, lieh sich jede Woche von einem alten Büchermann ein Buch. Darunter waren vielfach Reisebeschreibungen, die ich auch lesen durfte. Daher mag es wohl auch kommen, dass der Wandertrieb in mir sehr geweckt wurde.

Bei einem Besuch in Dresden lief ich mit meinem Bruder ungefähr fünfundvierzig Kilometer bis Schandau, zurück fuhren wir dann mit dem Dampfschiff. Es war ein herrlicher, heißer Sommertag. Mit meinem gesparten Geld konnte ich meinen Bruder freihalten und großzügig ein Mahl an Bord bestellen.

„Ich bestelle mir eine gefüllte Taube“, tönte ich großspurig.

Mein Bruder entschied sich für einen Schweinebraten. Als das Essen kam, war die Heiterkeit groß. „Dein Täubchen ist nur so groß wie eine Zitrone“, lachte mein Buder, während er gut gelaunt mit Messer und Gabel in seinen Braten stach.

Der Schweinebraten kostete sechzig Pfennige, die Taube zehn Neugroschen. Zu meinem Leidwesen war mein Bruder satt und ich noch hungrig wie zuvor. Entschädigt wurde ich mit einem großen Krug kühlem Wernesgrüner, den wir im Biergarten an großen langen Tischen unter mächtigen Kastanien mit großen Schlucken zügig leerten. Sogar auf der berühmten Hamburg-Amerika-Linie von Hapag-Lloyd wurden die Biere aus Wernesgrün damals serviert.

Wenn mein Vater nicht studierte oder die Kinder unterhielt, erkundete er die Umgebung. Auerbach sollte für ihn zur zweiten Heimat werden. Dort lernte er unsere geliebte Mutter kennen. Ihre Eltern waren allerdings nicht begeistert von der Liaison, denn sie wünschten sich einen Fabrikanten als Schwiegersohn.

Ihre Firma, C. H. Lange, blühte zu dieser Zeit richtig auf. Nach dem Ausland, insbesondere der Schweiz, wurden Geschäftsbeziehungen geknüpft und durch persönliche Reisen vertieft. Die Firma C. H. Lange war eine der führenden Gardinen- und Spitzenwebereien sowie Bleichereien und die einzige ihrer Art, die nach einem Jahrhundert noch der Familie gehörte. Beide Großeltern waren unermüdlich darin tätig: Der Großvater zeichnete die Spitzen- und Stickereimuster selbst. Ein noch vorhandenes Musterbuch zeigt sein zeichnerisches Geschick und seinen feinen Geschmack. Im Göltzschtal hatte er eine Bleicherei und Appreturanstalt mit viel Grundbesitz und in der Nähe des Bahnhofs eine Gardinenfabrik errichtet.

1893 erschien in Die Groß-Industrie des Königreichs Sachsen in Wort und Bild folgende Beschreibung:

„Mit nur 3 Maschinen anfangend, hat genannte Firma heute 33 Maschinen in Falkenstein in Betrieb, nebenbei aber auch noch eine Weberei in Oberitalien, um ihrem...

Erscheint lt. Verlag 19.7.2022
Sprache deutsch
Themenwelt Literatur Biografien / Erfahrungsberichte
ISBN-10 3-7562-9010-7 / 3756290107
ISBN-13 978-3-7562-9010-9 / 9783756290109
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