Dresden: Gift am Altmarkt (eBook)
320 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-7562-4558-1 (ISBN)
Clara-Martha Mai, unterrichtete einst an einer sächsischen Polizeischule. Sie hat großen Respekt vor der Arbeit der Polizisten. clara-martha-mai.de
Dienstag
Julia rubbelt sich mit dem Handtuch die Haare trocken nach der morgendlichen Dusche, als ihr Handy klingelt.
Es ist Alex. „Julia, ich komme heute etwas später. Ich will nicht, dass mich jemand vermisst. Lass dir etwas einfallen!“
Julia hasst solche Aufträge. Sie soll eine Geschichte erfinden, die ihm eine Ausrede verschafft, ohne dass sie weiß, worum es geht.
„Okay, ich sage, du bist überfallen worden und liegst im Straßengraben.“
„Du weißt genau, was ich meine. Stell dich nicht dumm!“ „Ich weiß gar nichts. Wenn du willst, dass ich für dich eine Ausrede erfinde, dann sage mir wenigstens, was los ist.“
„Ich habe die ganze Nacht nicht geschlafen. Ich habe tausend Geräusche gehört, die nicht da waren. Ich fühle mich elend. Ich bin mir inzwischen sicher, dass mir am Sonntag jemand etwas Betäubendes in die Cola gemischt hat. Ich gehe jetzt zum Arzt und lasse das untersuchen. Weder Germer noch Volkmann sollen das wissen. Ich will nach diesem Personalgespräch nicht noch Anlass für Spekulationen geben. Hast du verstanden?“
„Zwei Sachen dazu, Alex: Ich bin kein dummes Kind, das man mit ‚verstanden‘ anbellt und ich finde es gut, dass du dich untersuchen lässt. Und noch etwas: Uwe Lorenz hat gesagt, dass er sich am Sonntag die letzte Cola mit dir geteilt hat. Dort kann das Betäubungsmittel nicht drin gewesen sein. Das musst du anderswo zu dir genommen haben. Lass die Wasserflasche auf deinem Nachttisch überprüfen. Höchstwahrscheinlich waren dort KO-Tropfen drin.“
„Was für eine Wasserflasche? Auf meinem Nachttisch steht keine.“
„Doch. Als ich in deinem Schlafzimmer war, um die Fenster zu schließen, habe ich dein Handy auf der Kommode gesehen und mitgebracht. Zu dem Zeitpunkt stand eine Wasserflasche mit einem Rest Wasser auf deinem Nachttisch. Ganz sicher.“
„Jetzt nicht mehr! Ich habe sie nicht weggeräumt. Ich muss mich untersuchen lassen. Gib mir Rückendeckung. Mehr brauche ich im Moment nicht.“
„Gut. Soll ich dich abholen? Wenn du in diesem Zustand Auto fährst, dann kann das ein neues Problem auslösen.“
„Julia, ich will gar nichts. Ich komme heute ein wenig später. Von mir aus sage, dass ich verschlafen habe. Das stimmt ja auch irgendwie. Also, danke schon mal. Bis gleich.“
Als Julia in die Dienststelle kommt, sieht sie, dass einige Meter vor ihr der Chef von ‚Leib und Leben‘ das Gebäude betritt. Sie verlangsamt ihren Schritt und schaut – nur um Zeit zu gewinnen - im Foyer intensiv auf die Anzeigetafel der Kantine. Heute Mittag gibt es Spargel mit Schinken und Petersilienkartoffeln, dazu wahlweise braune Butter oder Holländische Soße. Frische Erdbeeren als Nachtisch.
Germer geht langsamer als sie die Treppe hinauf und Julia wartet, dass er vor ihr oben ankommt. Vielleicht wird Alex von niemandem vermisst und sie muss gar nicht lügen.
Unbehelligt gelangt sie in ihr Zimmer und schaut als erstes in das polizeiinterne Intranet. Es war eine ruhige Nacht.
Julias Handy klingelt. Germer. Er will sie sprechen, gleich.
„Guten Morgen!“, ruft er ihr schallend entgegen, als sie in sein Vorzimmer eintritt. Sie nickt der Sekretärin, Marion Vogel, zu und geht in Germers Arbeitszimmer.
„Guten Morgen“, sagt sie zu ihrem Chef und am liebsten hätte sie sich auf dem Absatz umgedreht.
„Sie wissen, was ich will?“, sagt er und schließt die Tür.
„Nein“, stammelt Julia und hofft, dass ein Wunder geschieht und sie nicht über Alex sprechen muss.
„Was gibt es Neues bei Ihrem Kollegen?“
„Nichts. Zumindest nichts, von dem ich wüsste.“
„Keine Gespräche über private Probleme, keine Telefonate?“
„Ach so, ja, doch“, sagt Julia und bekommt einen roten Hals. „Alex hat mich heute Morgen angerufen und gesagt, dass er verschlafen hat.“
Germer hat sich vor seinen Computer gesetzt und Julia den Stuhl auf der anderen Seite seines Schreibtisches zugewiesen. „Wann war das? Um welche Uhrzeit?“
„Ich habe nicht auf die Uhr gesehen.“
„Dann schauen Sie bitte jetzt in der Anrufliste Ihres Handys nach.“
Julia schaut nach. „6.55 Uhr.“
„Jetzt ist es gleich neun. Wenn er kurz vor sieben wach war, dann könnte er ohne Probleme um acht hier gewesen sein. Aber er ist nicht da. Was wollte er wirklich?“
„Er fühlt sich nicht wohl. Er wollte zum Arzt gehen.“
„Frau Kranz, nur mal zur Auffrischung: Sie sind Beamtin und dem Dienst an der Staatstreue verpflichtet. Wenn Sie Kenntnis von irgendwelchen Unregelmäßigkeiten haben, dann ist das nicht ihre private Angelegenheit, mit denen sie umgehen können, wie sie wollen. Wenn ich nach Ihrem Kollegen frage, dann habe ich Gründe. Dann will ich von Ihnen jede Auskunft und jede Information, die Sie liefern können.“
Ganz leise und mit gesenktem Kopf widerspricht sie: „Mit einem gewissen Ermessensspielraum.“
„In diesem Fall nicht. Ich will alle Fakten, ohne Interpretation Ihrerseits, sofort.“
„Ja.“ Julia berichtet. Sie fühlt sich elend. Wie kann sie danach Alex noch unter die Augen treten.
„Polizeirat Germer, ich bitte darum, das Team mit Kriminalhauptkommissar Alexander List verlassen zu dürfen. Ich kann in diesem Spannungsfeld nicht arbeiten.“
Germer lächelt altväterlich. „Liebe Frau Kranz, die Loyalität zu Alex ehrt Sie. Doch Sie sind Kriminaloberkommissarin und haben schon in manchen menschlichen Abgrund geschaut. Sie wissen ganz genau, dass es weder das Gute, noch das Böse in Reinheit gibt. Es ist immer ein wenig Beimischung aus dem anderen Lager dabei. Es gibt Hinweise, dass Alex vielleicht – wie soll ich sagen – ein wenig wankelmütig geworden sein könnte. Das muss geklärt werden. Er hat nach dem Personalgespräch völlig verstört reagiert. Ich muss mir sicher sein, dass er noch einer von uns ist. Verstehen Sie?“ Germer schaut sie eindringlich an und wartet, bis sie mit einem Nicken ihr Einverständnis zeigt. „Deshalb bitte ich Sie, mich bei dieser unangenehmen Angelegenheit zu unterstützen. Sie wollen doch nicht in den gleichen Zweifel gezogen werden?“
Julias Herz klopft bis zum Hals. „Nein, natürlich nicht.“
Germer lächelt sie siegreich an.
Julia sagt: „Erlauben Sie mir eine Frage? Kommt der Verdacht, auf den Sie gerade angespielt haben, von Staatsanwalt Jens Volkmann?“
Germer nickt ein wenig und schüttelt dann den Kopf. „Auf diese Frage kann ich Ihnen nicht antworten.“
Julia fühlt sich, als hätte sie gerade selbst ein schlimmes Verbrechen verübt. Sie zappelt in der Falle und der Spielraum, den sie jetzt noch hat, ist ein Nicken. Germer benutzt sie gegen ihren nächsten Vorgesetzten. Wenn Alex davon auch nur den Hauch eines Verdachtes hegt, kann sie ihre Sachen nehmen.
Sie holt sich einen Kaffee am Automaten und sieht unausweichlich das Bild ihres Vaters. Während sich der Becher füllt, fragt sie in Gedanken: Papa, was soll ich machen? Ich wollte das alles nicht. Was ist mit Alex los? Papa, ich fühle mich so mies.
Eine Erinnerung steigt in ihr auf. Damals war sie zehn und sie hatte sich mit ihrer einzigen Freundin gestritten, weil diese ein anderes Mädchen zu ihrer Freundin gewählt hatte. Mit ernster Miene sagte Papa damals: „Juli, so etwas wird noch oft geschehen. Das Beste, du nimmst es zur Kenntnis und machst weiter, wie gewohnt. Es wird alles nicht so heiß gegessen, wie es gekocht wird.“
Julia überlegt, wie die Sache damals ausgegangen ist. Ihre Freundin ist Tag und Nacht nur um die Neue herumgesprungen und ist dieser damit ziemlich auf die Nerven gegangen. Nach vier Wochen war es aus zwischen den beiden. Julia konnte nie wieder richtig Vertrauen zu ihrer alten Freundin fassen. Wer weiß, wo sie jetzt ist?
Ihr Handy klingelt. Alex.
„Julia, kannst du mich abholen? Ich will zu Dr. Wagner-Müller. Sie ist die Fachfrau für mein Problem. Ich glaube, dass es keine gute Idee ist, wenn ich selbst fahre. Ich war eben bei meinem Hausarzt. Er hat mir eine Krankschreibung angeboten. Das will ich nicht. Ich will eine Laboruntersuchung und das kann er nicht im nötigen Umfang machen. Bringst du mich in die Gerichtsmedizin?“
„Klar. Bin gleich da.“
Frau Dr. Ramona Wagner-Müller hat mit einem Handgriff alles bereit, um Alex Blut abzunehmen. Nach mehreren gefüllten Röhrchen zieht sie die Kanüle aus der Armbeuge. Sie presst ihm einen Tupfer auf die Einstichstelle und sagt: „Drücken!“
Alex drückt.
„Ich kann hier nicht nach allem suchen, was die Welt an Hässlichem zu bieten hat. Ich brauche einen Hinweis. Erzählen Sie mal, warum Sie denken, dass Sie irgendetwas verabreicht bekommen haben?“
Alex erzählt in allen Einzelheiten, was geschehen ist. Die Ärztin hat in ihrer Bewegung innegehalten und schaut Alex mit Sorge an. „Wie lange hat das angehalten?“
„Das weiß ich...
| Erscheint lt. Verlag | 11.7.2022 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Krimi / Thriller / Horror ► Krimi / Thriller |
| Schlagworte | Detektivgeschichte • Dresden • Dresden Sachsen • Familienleben • Konflikte von Polizisten • Krimi Detektivarbeit Thriller • Kriminaltechnik • Thriller |
| ISBN-10 | 3-7562-4558-6 / 3756245586 |
| ISBN-13 | 978-3-7562-4558-1 / 9783756245581 |
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