Das Herzzerreißende der Dinge (eBook)
167 Seiten
Suhrkamp (Verlag)
978-3-518-77108-2 (ISBN)
'Das Buch ist die Fortsetzung einer Biographie, die in dieser Schreibart mit der Reise durch die Nacht (Band 923 der Bibliothek Suhrkamp) begonnen hat; die Fortsetzung einer erbarmungslosen Verzauberung.'
<p>Friederike Mayröcker wurde am 20. Dezember 1924 in Wien geboren und starb am 4. Juni 2021 ebendort. Sie besuchte zunächst die Private Volksschule, ging dann auf die Hauptschule und besuchte schließlich die kaufmännische Wirtschaftsschule. Die Sommermonate verbrachte sie bis zu ihrem 11. Lebensjahr stets in Deinzendorf, welche einen nachhaltigen Eindruck bei ihr hinterließen. Nach der Matura legte sie die Staatsprüfung auf Englisch ab und arbeitete zwischen 1946 bis 1969 als Englischlehrerin an verschiedenen Wiener Hauptschulen. Bereits 1939 begann sie mit ersten literarischen Arbeiten, sieben Jahre später folgten kleinere Veröffentlichungen von Gedichten.<br /> <br /> Im Jahre 1954 lernte sie Ernst Jandl kennen, mit dem sie zunächst eine enge Freundschaft verbindet, später wird sie zu seiner Lebensgefährtin. Nach ersten Gedichtveröffentlichungen in der Wiener Avantgarde-Zeitschrift "Plan" erfolgte 1956 ihre erste Buchveröffentlichung. Seitdem folgten Lyrik und Prosa, Erzählungen und Hörspiele, Kinderbücher und Bühnentexte.</p>
I. Amok in die Blumen
ich kann mich verständigen, ich kann mich nicht verständigen, ich bin einmal da einmal dort, ich bin einmal mit ihm, ich bin einmal ohne ihn, ich gehe mit Goya um, ich gehe mit Dalí um, ich kann mich mit Goya verständigen, ich kann mich mit Dalí verständigen, mit Derrida sofort, undsofort, Leocadia, Gala, je nachdem. Dalís Gala war auch umgekehrt, solange sie am Leben war, jetzt ist sie selber Galas Dalí weil sie ein großes Geheimnis mit hinüber genommen hat, um es zu behüten und zu bemühen bis auch Dalí. Denn erst dann kann es gelüftet werden, das ist einfach zu verstehen, sie würden es dann gemeinsam hüten, sich wechselseitig damit beschenken, er neben ihr kauernd im Gehäuse des Grabkämmerchens und- soweiter.
Das Lesen von Biographien ist nicht immer aufschlußreich, selten reizvoll. Die Lust des Schreibens und die Lust des Gelesenwerdens sind zweierlei und überhaupt nicht deckungsgleich, es handelt sich dabei vielmehr um zwei ganz und gar gegensätzliche und auseinanderstrebende Komplexe, und weil bei ihrer Betrachtung alles zu klaffen beginnt, braucht es uns auch nicht zu wundern, daß wir von einem Schwindel erfaßt werden angesichts solcher Abgründe und Zerklüftungen, aber immer wieder, immer aufs neue wird das eine fürs andere genommen, und ausgegeben. Dem ist nicht so : beide stehen ganz für sich allein, oder haben im Grunde nichts miteinander, sie haben nichts miteinander zu tun, aber je mehr man sie miteinander in Verbindung zu bringen trachtet, desto schlimmeres Unheil wird angerichtet, bei diesen ebenso wie bei jenen : bei den Schreibern ebenso wie bei den Lesern. Wenn ich zum Beispiel die Erfahrungen meines Nachttischchens aufschreibe, wird mir kaum einer folgen wollen, wenn ich vor der Natur male, ist es meine Freiheit und wahrscheinlich niemandes anderen. Und dann will ich auch den Puls freibekommen, den Rist oben und unten, immer ins Freie gestreckt und gesteckt, oben und unten, das ist keine besondere Freiheit nicht wahr.
Je grundsätzlicher ich mich vom Publikumsgeschmack absetze, desto abstoßender wirke ich auf die Mehrzahl der Leser, desto verantwortlicher werde ich dafür, daß diese außer sich geraten, aber indem sie außer sich geraten, setzt sich andererseits etwas wie eine widersprüchliche Begierigkeit in ihnen fest, ich meine sie wollen dann weiterverfolgen was es gibt, kurz sie wollen mich verfolgen, sie sind mir auf der Spur, auf den Fersen, was wieder auf mich zurückwirkt. Weil sie schließlich etwas gutheißen, das ihnen überhaupt nicht gefällt und bekommt, es ist wie mit jenen Getränken die einem von Grund auf widerstehen, man gewöhnt sich schließlich daran, ja man flößt sie sich mit einem gewissen Vergnügen ein, vielleicht weil es zum guten Ton gehört. Soweit müßte es also folgerichtigerweise kommen, daß das Publikum wider seinen Willen zugreift und begreift, also ohne es zu wollen : das ist eine alte Geschichte und eine alte Erfahrung, aber wir erleben es immer aufs neue, das Abstoßende ist anziehend und umgekehrt. Ich kann mich freilich ganz unbelastet und friedfertig geben und so tun, als gönnte ich jedem sein eigenstes Lesevergnügen, auf welche Art immer es zustande kommen möge, aber man geht in die Irre dabei, das Ungezügelte ist jederzeit vorzuziehen, ein Gewittersturm so heißt es.
Ich fühlte mich zum Beispiel in ein unbegreifliches Chaos gestürzt und am Ende; Halluzinationen der Ohrmuschel, im Waschbecken verfolgten mich, Repetitionen der Nachtwachen. Die Augen bleichen dann immer gleich aus, halonierter Text, nämlich wie Blumen wenn man sie zwischen dünne Buchseiten zwingt, neben den weißen Blumen in Nizza ein hellgelb glänzender Stern (Mimosen) im Zimmer, oder wie soll ich sagen. Ich habe eine Arglist von Hölle durchschritten, mußte Stunden und Tage in einer Hölle zubringen ohne die geringste Absolution, in einer beschämenden Selbstaufgabe und Seelenverlorenheit, in einer vernichtenden Stumpfheit der Sinne, Mülltonnenmentalität undsoweiter, in einer mich auf schrecklichste Weise umzingelnden Leere, es ist keine Zeit mehr, oder der Anlaß war abgebrannt, die Würfel waren gefallen, aber das Glück lag noch immer auf der Straße, schneerussisch : die Wortkürzel schrieb ich im Traum, ich hatte am frühen Morgen meine Proviantdose gepackt, die ich überall mitführe, um jederzeit vor einem plötzlichen mich bis zur Ohnmacht schwächenden Hungergefühl geschützt zu sein, mein Zimmerchenteiler ist ausgerückt, oder mein vorgestellter. Schluß damit fangen wir an. Jetzt bin ich für mich und allein und meine krausen Gedanken können sich frei entfalten, in Eile irgendwo in meinem Kopf, so kann ich endlich wieder lakonisch sein, ich meine schweigsam am Morgen, so bin ich in Wirklichkeit wortkarg und nicht niemals zu geselliggeschwätzigem Alltagszeug aufgelegt, dein jüngster Brief hilft mir am Leben zu bleiben. Überhaupt höre ich alles mit, was rundum geschieht, und höre es rascheln im rotierenden Vorjahrslaub, oder ich werfe Schatten : oder ich werfe keinen Schatten, sitze hoch oben, Mitternacht Schaumkronen undsoweiter. Die unteren Nachbarn, ihr Gelächter, ihre Gespräche, das hell tönende Durcheinander ihrer Stimmen : ihre Mehrstimmigkeit läßt mich erzittern. Also verfolge ich ihren Lärm, immer der gleiche Tenor an der Spitze, heldenhaft. Ruppige Heiterkeit, Grundstock Familienbasis. Wie früher, als ich mich nachts durch ihre Stimmen gestört fühlte, lasse ich wieder Flaschen sausen oder schwere Gegenstände gegen den Fußboden : ein Geister-, ein Quastenlärm, dann träumt mir jemand gegen die Eingangstür ich meine trommelt. Bei gleichbleibendem Redelärm von unten, ein Türenschlagen, jetzt keine Musik mehr, aber alle zusammenlaufend, fünf- oder mehrköpfig, aufgeregt etwas beredend, oder vielleicht ist ein Unglück geschehen, etwas rammt gegen die Bettstatt, der Fußboden bebt, es wird viel von mir die Rede sein. Davon bin ich aufgewacht, aus dem Schlaf gefahren, so bin ich ausgefahren. Hiesiger Taufklotz im Heim, hiesiger Wohnklotz, gegen Klötze gehauen, und scharf getrennte dann wieder wellenartig vermischte Farben und Düfte, schräg verschobener Blick, und atemverloren. Fluch diesem Durcheinanderschwirren von Stimmen ..
Der Traum. Das Tier, die Riesenschildkröte, nein
Gürteltier! : in weißes Linnen gehüllt, wie Säuglingsmontur : Wickelgewand, hat genäßt, mich durchnäßt, ein riesiger dunkler Fleck zeichnet sich auf meinem Kleid ab, Zopfspange eigentlich goldenes Netzdreieck, Haarknotenkörbchen : maulkorbartig den zarten Lippen des Kindes vorgeschnallt, und goldene Duschsachen; und dann Liliputjugend –
so wie meine angeräumte Wohnung über mir zusammenzustürzen droht jedenfalls erbärmlich, so drohen mir die ganzen Lebens- und Weltverhältnisse allmählich die Atemlust und -luft zu rauben, oder ich höre die Feuerbrigade ausrücken, anrücken, hoffentlich nicht bei uns!, schon flammt es im Nebenhaus, die lodernden Fackeln, schlingerndes Pferd, mit zitternden Händen bedecke ich mein Gesicht, meinen Schädel, hilf- und ratlos, o Feuerlicht, Wassererb armen!, auf dem Rücken den kleinen Mantel, aber die übrigen Sachen muß ich zurücklassen.
»Er ist ja nicht du«, schreibst du, aber ich bin langsam wie eine Schnecke geworden, »mein Zwilling, mein Purpur«, schreibst du, aber ich will nur noch ruhen, die lieben Blumen, federnder Vogeltritt, schnürstiefelwippende Vögel in meinem Zimmer, einfach daliegen, schlafen, was mir das angenehmste ist zur Zeit, etwas wie eine Schwalbe sieben Uhr. Früher kam alles wie angeflogen ohne viel Umstände (Sträuben) etc.
Manchmal Versuche, mich zu narkotisieren, es kann ja sein, daß man auf eine Empfehlung, Erfahrung des anderen stößt die einen erschreckt, man wird dann mitgenommen als ob man in einem großen Wasser sei, so schwimmt man mit aber es ist ein schönes Element. Wo die großen Robbentiere sind, denen das Wasser auch das große Element ist, wenn sie den Schiffen folgen, das ist auch mein Ideal, in solchem Kielwasser fahren ausfahren, so bin ich bald ausgefahren .. eine Art Luft nämlich zum Ziehen, zum Fahren, Ziegen-, Zigeunerluft, Ziehbrunnen, Wasser und Feuer, fast muß ich sterben das war mir vorbestimmt, aber ich lehne mich mächtig gegen den Tod auf : wie Leiris, wie Canetti. Ich sehe einen Vogelkopf in der Straße mit blutig gekrauster Kehle, kein Ton mehr!, ich sehe die abgetrennten roten Finger eines Gummihandschuhs in der Straße!, das betende Ohr!, die Fingerspitze von Tirol!, einen böse blickenden Mann mit schwerem Gepäck an den Händen, der mir entgegenkommt, einen Fluch ausstößt und mich, als wäre ich ihm im Weg gestanden, einfach zur Seite räumt, kein Erbarmen!
Einem Geysir gleich sprudelt es fortwährend aus mir heraus. Wenn man die große Straße verläßt und der Blick noch über Berge und Täler gehen kann : nur wenige wissen darum, und man muß...
| Erscheint lt. Verlag | 18.7.2022 |
|---|---|
| Sprache | deutsch |
| Themenwelt | Literatur ► Romane / Erzählungen |
| Schlagworte | 20. Jahrhundert • Bibliothek Suhrkamp 1048 • Biografie • Bremer Literaturpreis 2011 • BS 1048 • BS1048 • Dalí • Friederike Mayröcker • Georg-Büchner-Preis 2001 • Günter-Eich-Preis 2017 • Hörbuch des Jahres 2017 • Johann-Beer-Literaturpreis 2014 • Österreich • Österreichischer Buchpreis 2016 • Prosa • Roman • Tod |
| ISBN-10 | 3-518-77108-6 / 3518771086 |
| ISBN-13 | 978-3-518-77108-2 / 9783518771082 |
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